Frankreich
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Bild: Gilbert Gress

Interview mit einer Fussball-Legende

So haben Sie Gilbert Gress noch nie gesehen: 1961 als Rekrut im Algerienkrieg

Herr Gress, heute wollen wir ausnahmsweise nicht über Fussball sprechen, sondern über ihren Militärdienst im Algerienkrieg.
Gilbert Gress: Einverstanden, aber ich muss Ihnen sagen, dass es in Frankreich völlig normal ist, dass Leute in meinem Alter damals in Algerien waren. 

Der Algerienkrieg (1954-1967)

Der Algerienkrieg war ein Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich. Auf der einen Seite standen das französische Militär und algerische Loyalisten, auf der anderen die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN. Trotz grosser Überlegenheit Frankreichs mündete der Konflikt 1962 in die Unabhängigkeit Algeriens.

Das mag sein. Aber in der Schweiz kennen wir Sie ausschliesslich als erfolgreichen Fussballer, Trainer und TV-Experten. Erzählen Sie.
Ich war zweimal für fünf Monate in Algerien, das erste Mal 1961. Da hatte ich schon meinen ersten Profivertrag mit Strassburg. Ich weiss es noch, als ob es gestern gewesen wäre: Ich rückte am Donnerstagmorgen ins Sportler-Bataillon Joinville in Paris ein. Normalerweise bekam man von Freitagabend bis Montagmorgen einen Sport-Dispens. Also sagte ich zu meiner Freundin und späteren Frau: «Mach dir keine Sorgen, Freitagabend bin ich wieder zuhause.» Doch am Samstag fand ich mich im Zug nach Marseille wieder. Da erst dämmerte mir, was mir bevorstand. 

Marseille war der Abgangshafen für Algerien.
Ja, am Sonntag legten wir in Algier an und ich begann meine Rekrutenschule in einem Kriegsgebiet. Die ersten zwei Monate waren wir zur Ausbildung auf einem grossen Bauernhof, rund 40 Kilometer südlich von Algier. Danach ging es in die Wüste nach Beni Chaoua, wo etwa 20 Soldaten stationiert waren. Nachts patroullierten wir, ab 22 Uhr herrschte Ausgangssperre. Wir hatten den Befehl, ohne Vorwarnung zu schiessen. 

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Rekrut Gress in Algerien (1961) Bild: Gilbert Gress

Haben Sie jemals geschossen?
Nein, aber fast. Eines Nachts stand ich Wache mit meinem Maschinengewehr. Vor unserem Lager verlief eine Strasse, daneben hatten wir Stacheldraht ausgelegt. So gegen zwei Uhr hörte ich einen ohrenbetäubenden Krach. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Ich schrie nach dem Unterleutnant, Robert Budzynski, der wie ich Profi-Fussballer war. «Bud! Bud!» Er kam angerannt, zusammen mit dem Feldwebel, beide splitterfasernackt. Da standen wir drei, ich mit dem Maschinengewehr, Budzynski mit einer Lampe, der Feldwebel mit gar nichts. 

«Da standen wir drei, ich mit dem Maschinengewehr, Budzynski mit einer Lampe, der Feldwebel mit gar nichts.»

Gilbert Gress

Was passierte dann?
Mir kam es vor wie zwei Stunden, tatsächlich waren es eher zwei Minuten, bis Budzynski mit der Lampe nachschauen ging: Zwei Esel hatten sich in dem Stacheldraht verfangen und schleiften ihn am Boden nach. Und das machte einen Höllenkrach! Ein anderes Mal, als ich nachts Wache stand, schlug eine Zeitung im Wind gegen die Mauer. Ich sage Ihnen: Zu Beginn meiner Profikarriere wurde bei mir ein Herzfehler diagnostiziert, was sich später als falsch erwies. Hätte ich wirklich einen gehabt – in jenen Momenten wäre ich vor Angst an einem Herzinfarkt gestorben! 

Waren Sie immer in der Wüste oder auch in der Stadt?
Manchmal hiess es, in einem Haus hält sich ein wichtiger Mann der FLN (Front de Libération Nationale, bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung Algeriens, Anm. d. Red.) auf. Dann wurden wir abkommandiert und mussten ein Quartier in Algier absperren. 

Französische Soldaten der Rue Lafayette in Algier (1962) Bild: AP



Dann haben Sie nie einen Rebellen der FLN zu Gesicht bekommen?
Doch, aber unter ganz anderen Umständen. Bevor ich Fussballprofi wurde, machte ich meine Lehre bei der Transportfirma Heppner in Strassburg. In der Rechnungsabteilung waren wir zu dritt: Gilbert, Roger und Mohammed. 

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Rekrut Gress vor einem einem Armee-Jeep (1961) Bild: Gilbert Gress

Mohammed war Algerier?
So ist es. Ein sehr diskreter, sehr netter Mann. Ich war damals 16, manchmal gab mir meine Mutter Kuchen mit, den wir uns zu dritt teilten. Dann eines Morgens erschien statt Mohammed ein Polizeiinspektor und durchsuchte unser Büro. Als wir fragten, was los ist, antwortete er: «Mohammed ist ein Mitglied der FLN.» 

Haben Sie ihn wiedergesehen?
1992 als Trainer von Strassburg erhielt ich nach einem Spiel gegen Paris St. Germain einen Brief – von Mohammed. Eigentlich freute ich mich sehr, ich hätte ihn gerne wiedergesehen, doch am Schluss schrieb er: «Mein Sohn ist arbeitslos, hättest du nicht eine Stelle für ihn bei Strassburg?» Das hat mich enttäuscht. Ich antwortete ihm nicht. 

«Wir standen immer noch Wache in Algier – aber ohne Munition!»

Gilbert Gress

Der 5. Juli 1962, als Frankreich nach einem Referendum Algerien in die Unabhängigkeit entliess, fiel mit ihrem zweiten Einsatz dort zusammen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Sehr schwierig. Wir standen immer noch Wache in Algier – aber ohne Munition! Und wir hatten nicht nur den FLN gegen uns, sondern auch die Organisation de l’Armée Secrète (OAS) … 

… die abtrünnigen französischen Offiziere, die Algerien und Frankreich mit Terror überzogen, um die Unabhängigkeit zu sabotieren …
… und die waren noch schlimmer als der FLN! Auch was die in Paris angerichtet haben! Ich erinnere mich an eine Episode, als ich in Joinville in Paris war. Wir lasen in der Zeitung von einem unschuldigen Mädchen, das bei einem Bombenanschlag der OAS ums Leben gekommen war. Wir waren alle erschüttert – ausser die Algerienfranzosen, die sogenannten Pieds-noirs. Denen war das Mädchen egal und sie applaudierten der OAS sogar! 

Französischer Soldat vor einem OAS-Graffiti («Algerien [bleibt] französisch») Bild: AP

Wie erklärten Sie sich, dass die Pied-noirs den Terror guthiessen?
Frustration. 1958 hatte Präsident De Gaulle in Algier noch verkündet: «Ich habe euch verstanden!» Und die Pied-Noirs glaubten, er meinte damit, dass Algerien französisch bleibt. Wenig später wurde klar, dass die Unabhängigkeit nicht mehr aufzuhalten war. Die pro-französischen Kräfte hatten nichts mehr zu verlieren. 

General de Gaulle 1958 in Algier: «Ich habe euch verstanden!» Video: Youtube/prof2bleze

Was war Ihre Haltung damals?
Mir war klar, dass die Algerier die Unabhängigkeit wollen. Was ich bedaure und De Gaulle nie verzeihen werde, ist der Verrat an den Harkis…

… den Tausenden Algeriern, die auf der Seite Frankreichs kämpften und nach der Unabhängigkeit brutalen Vergeltungsmorden zum Opfer fielen …
… und von denen auch einige mit mir in der Wüste Dienst leisteten. Das war manchmal schon ein mulmiges Gefühl, wenn ich schlief und sie draussen Wache standen. Man wusste ja nie.

Sie haben ein schlechtes Gewissen, dass sie den Harkis misstrauten, obwohl diese immer loyal gegenüber Frankreich waren?
Ja, aber das lag an mir. Die Harkis waren echte Franzosen, mehr Franzose als ich sogar! Sie waren immer korrekt und es ist nie etwas passiert. 

Waren Sie jemals wieder in Algerien?
Nein. Aber vor ein paar Jahren wurde ich angefragt, ob ich die algerische Nationalmannschaft trainieren würde. Ich traf mich in Paris mit dem Präsident des algerischen Fussballverbands. Er fragte mich, ob ich das Land kenne. Ich sagte Ja. «Wann waren Sie dort?», fragte er. «1961, Ferme Saint-Charles», antwortete ich. Es ist nichts daraus geworden, wobei ich nicht glaube, dass es an meinem Militärdienst lag.  

Denken Sie manchmal an ihre Dienstzeit zurück?
Nicht oft. Ich war ja nicht freiwillig dort, musste zum Glück nie schiessen und blieb unversehrt. Aber ich habe in diesem Krieg einen Schulkameraden und einen Arbeitskollegen verloren. Der eine fiel drei Wochen vor der Heimfahrt. Der andere hatte seinen obligatorischen Dienst bereits geleistet, wurde aber noch einmal einberufen. 

«Ich habe in diesem Krieg einen Schulkameraden und einen Arbeitskollegen verloren.»

Gilbert Gress

Gibt es auch schöne Erinnerungen?
Unser Kommandant organisierte jeweils am Sonntagmorgen ein Fussballspiel gegen algerische Mannschaften. Im Anschluss gab es Lammspiesse zum Mittagessen. Wenn ich für Wache eingetragen war, versuchte ich immer, mit einem Kameraden abzutauschen. Statt die zwei Stunden am Morgen machte ich dann vier Stunden Nachtwache. Aber das war es wert. 

Nana Mouskouri «Roses Blanches de Corfou» Video: Youtube/bellecourse

Ich nehme an, Ihre Seite gewann immer.
Ja, schon. Jetzt wo Sie mich fragen: Im vergangenen Oktober musste ich an Algerien denken: Ich war zu Gast bei der SRF-Sendung «Gipfelstürmer – die schillerndsten Wahlschweizer». Dort kam eine Einblendung der Sängerin Nana Mouskouri. Ihr Lied «Roses Blanches de Corfou» hörte ich damals auf dem Schiff von Marseille nach Algier, kurz nach dem Ablegen, als jemand das Radio anstellte. Das ist mir geblieben. 

1966 musste Gress beim VfB schon wieder Haare lassen Video: Youtube/ZwWdF

Eine Sache muss ich Sie noch fragen: Ich hätte Sie auf den Bildern aus jener Zeit fast nicht erkannt, weil die charakteristische Frisur fehlt.
Ich vermute, wir Profisportler wurden besonders kurz geschoren, weil wir für privilegiert gehalten wurden. Dabei waren wir das gar nicht, oder besser gesagt, nicht mehr: Zu Beginn des Algerienkriegs verbrachten Sportler ihre gesamte Dienstzeit in Joinville in Paris. Nach Reklamationen aus der Bevölkerung im Stil von «Warum muss mein Sohn nach Algerien und die können zuhause bleiben?» war damit Schluss. 

Stationen einer Karriere

Seine Dienstzeit im Algerienkrieg ist auch Thema in Gilbert Gress' Biografie «Mein Leben für den Fussball», die am 20. April 2014 im Giger Verlag erscheint.

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Bild: Verlag Giger

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