Banken
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Vollgeld vs. Bitcoins

Wie die Schweiz auf einen Schlag all ihre Schulden tilgen könnte – und was der Haken an der Sache ist

Unser Finanzsystem hat zu viele Risiken. Vollgeld und Bitcoins wollen diesen Mangel beheben – und gehen dabei völlig unterschiedliche Wege. 

Was haben Bitcoins und Vollgeld gemeinsam? Beide haben eine Abneigung gegen Geld, das aus der Luft geschaffen wird, das sogenannte Fiat-Money (fiat lateinisch: es werde). Die Fans der Cyberwährung setzen auf virtuelles Gold, das wie das gelbe Metall beschränkt vorkommt und nicht kopiert werden kann. Die Anhänger des Vollgeldes hingegen wählen einen anderen Weg: Sie wollen das Giralgeld abschaffen, Geld, das die Banken mittels Krediten selber kreieren. Das Privileg, Geld zu drucken, soll gänzlich der Nationalbank überlassen werden, es soll somit nur noch «Vollgeld» im Umlauf sein.

Das Vollgeld ist eine alte Idee. Der bedeutende Finanzökonom Irving Fisher hat 1936 den sogenannten «Chicago Plan» entwickelt, der auf Vollgeld basierte. Er konnte selbst Präsident Franklin Roosevelt dafür gewinnen. Dieser scheiterte jedoch am erbitterten Widerstand der Banken. 

Bitcoins created by enthusiast Mike Caldwell are seen in a photo illustration at his office in Sandy, Utah, in this September 17, 2013 file photo. Mt. Gox, once the world's biggest bitcoin exchange, looked to have essentially disappeared on February 25, 2014, with its website down, its founder unaccounted for and a Tokyo office empty bar a handful of protesters saying they had lost money investing in the virtual currency.  REUTERS/Jim Urquhart/Files  (UNITED STATES - Tags: BUSINESS SOCIETY) -

Bild: Reuters

Vollgeld erhält prominente Unterstützung

Die aktuelle Krise der Weltwirtschaft weist viele Parallelen zur Grossen Depression auf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Vollgeld-Idee zu neuem Leben erwacht. In der Schweiz sammelt der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) Unterschriften für eine Volksinitiative für eine Vollgeldreform. 

Die Vollgeld-Initiative hat teils prominente Anhänger, darunter die beiden emeritierten HSG-Professoren Philippe Mastronardi und Peter Ulrich. Selbst beim Internationalen Währungsfonds (IWF) kann man sich für die Idee begeistern. Die beiden IWF-Ökonomen Jaromir Benes und Michael Kumhof kamen kürzlich in einer Studie zu erstaunlichen Resultaten: Würde das Finanzsystem auf Vollgeld umgestellt, so die Folgerung, dann hätte dies weniger heftige Ausschläge der Konjunktur zur Folge. Ebenso würden die Schulden deutlich reduziert, und es würde ein erheblicher wirtschaftlicher Wohlstand geschaffen werden. 

Wie die Banken Geld aus der Luft schaffen

Was für eine Theorie steht hinter dem Vollgeld? Das bestehende Geldsystem basiert auf dem Prinzip der fraktionalen Reserven. Will heissen: Banken sammeln Spargelder ein und verleihen sie als Kredit wieder aus. Sie müssen aber nur einen Teil dieser Spargelder – eine Fraktion – als Sicherheit bei der Zentralbank hinterlegen. Wenn eine Bank 100 Franken Spargelder einnimmt, sind diese vielleicht mit bloss 10 Franken effektiv abgesichert. Ihre Kredite sind daher grösstenteils aus der Luft geschaffen. Das Geld entsteht in dem Moment, in dem die Bank den Kredit erteilt und verschwindet wieder, sobald der Kredit zurückbezahlt wird. 

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Die Gelddrucker von der Fed: Alan Greenspan und Ben Bernanke. Bild: tumblr/whoismymum

Gemäss der Theorie des Vollgeldes kann im System der fraktionalen Reserve die Kreditmenge fast beliebig ausgeweitet werden. «Die Verrechnung über Girokonten erlaubt es den Banken, ihren Kunden Kredite auszustellen, die weit höher liegen als die vorhandenen Zahlungsreserven», sagt Professor Joseph Huber, Berliner Finanzprofessor und Vordenker der modernen Vollgeld-Bewegung.

Zuviel Geld macht das System krisenanfällig

Solange diese Bankkredite auch bedient werden, bleibt alles im grünen Bereich. Das kann sich aber schnell ändern. Weil sie mit Giralgeld problemlos Kredite schaffen können, werden die Banken leichtsinnig und verleihen Geld auch an dubiose Schuldner. Das können, wie im Fall der amerikanischen Subprime-Krise, private Haushalte sein. Das können aber auch, wie im Fall der Eurokrise, Staaten sein. Das Resultat ist in beiden Fälle das gleiche: Die Blase platzt, die Vermögenswerte sausen in den Keller, die Zinsen werden nicht mehr bedient, die Reserven der Banken erweisen sich als ungenügend. Um einen Kollaps des gesamten Systems zu verhindern, muss der Staat die Banken mit riesigen Beträgen unterstützen und gerät so selbst in die Schuldenfalle. 

Auch in der Schweiz hat die Geldmenge weit mehr zugenommen als die reale Wirtschaft gewachsen ist. Zwischen 1992 und 2008 ist die Geldmenge um 121 Prozent gestiegen, das Bruttoinlandsprodukt ist hingegen nominal bloss um 37 Prozent gewachsen. «Die Geldmengen überschiessen», sagt daher Joseph Huber. «Es ist so viel Buchgeld im Umlauf, dass die Zentralbank kaum mehr eine Rolle spielt. Deshalb hat die Krisenanfälligkeit des Systems massiv zugenommen.»

Bei der Zentralbank geraten sich Goldkäfer und Vollgeld-Anhänger in die Haare

Mit Vollgeld kann dieser Teufelskreis verhindert werden. Die Geschäftsbanken dürfen nur noch Spargelder ausleihen, die sie eingesammelt haben. Sie dürfen kein eigenes Giralgeld mehr schaffen. Dieses Privileg hat einzig die Notenbank. «Wenn die Notenbanken die Geldschöpfung kontrollieren, kann man den Wirtschaftsprozess nachhaltig stabilisieren», sagt der Ökonom und ehemalige Rektor der Universität St. Gallen, Hans Christoph Binswanger. «In einem solchen System kann die Zentralbank Inflation und Deflation verhindern, ebenso wie die spekulative Aufblähung der Geldmenge.»

Die Anhänger des Goldstandards – ob richtiges Gold oder Bitcoins – sehen in der Aufblähung der Geldmenge die grösste Gefahr für die Wirtschaft. Die beiden Lager schlagen aber radikal unterschiedliche Wege ein. Die «Goldkäfer» wollen die Notenbanken abschaffen und ein auf Gold gestütztes Privatgeld einführen. «Das würde bald zu einem Monopol von wenigen Banken führen», winkt Huber ab. «Diese hätten dann ein unglaubliches Privileg. Es würden geradezu neofeudalistische Verhältnisse entstehen.» Huber plädiert deshalb für das Gegenteil: Die Zentralbank soll nicht abgeschafft, sondern gestärkt werden. «Nur dann haben alle Geldinstitute die gleichen Spielregeln im freien Wettbewerb.»  

Wie die Schweiz auf einen Schlag alle Schulden tilgen könnte

Für die Anhänger der Vollgeld-Theorie ist das Recht, Geld schaffen zu können, ein riesiges Privileg, das nicht zu rechtfertigen ist. Wer Geld prägt, kann die Seigniorage kassieren. Darunter versteht man die Differenz zwischen dem Warenwert des Geldes und seinem Tauschwert. Das schenkt ein. Eine Hunderternote beispielsweise hat einen Warenwert von etwa 15 Rappen. 

Wenn nur noch die Zentralbank Geld schaffen könnte, dann würde die öffentliche Hand gewaltig profitieren. Allein bei der Einführung des Vollgeldes würden dem Staat etwa 600 Milliarden Franken zufliessen. Die Staatsschulden von aktuell rund 210 Milliarden Franken könnten damit gleich mehrfach beglichen werden. Auch danach würde der Staat viel Geld einnehmen. Für jedes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 1 Prozent erhielte er 7 Milliarden Franken Seigniorage. 

Banken sind keine Falschmünzer

Diese Sicht der Dinge ist allerdings umstritten. Der emeritierte Ökonomieprofessor und Finanzspezialist Jörg Baumberger und der ehemalige Chefökonom von Economiesuisse, Rudolf Walser, haben im Auftrag der Denkfabrik Avenir Suisse ebenfalls eine Studie über die Vollgeld-Theorie verfasst. Darin kommen sie zu ernüchternden Schlüssen. Die in Aussicht gestellten Milliarden der Zentralbank seien eine Illusion, stellt Baumberger klar, denn «Banken sind keine Falschmünzer.» 

Baumberger meint damit Folgendes: Es ist zwar richtig, dass im bestehenden fraktionalen Reservesystem die Banken mit dem Giralgeld Fiat-Money schaffen können, aber keineswegs beliebig. Sie müssen darüber genau Buch führen und jederzeit in der Lage sein, ihren Gläubigern Banknoten der Zentralbank zur Verfügung zu stellen. «Von einem ungerechtfertigten Privileg der Banken kann daher keine Rede sein», sagt er. 

Dass die Banken es mit der Geldschöpfung übertrieben haben, bestreitet auch Baumberger nicht. «Das lässt sich jedoch mit einer massvollen Erhöhung des Eigenkapitals korrigieren», sagt er. 

Ausser Spesen nichts gewesen?

Eine Vollgeld-Reform ist daher gemäss der Studie von Avenir Suisse ein gigantischer und unnötiger Umbau der Finanzarchitektur. Rudolf Walser weist zudem daraufhin, dass es heute schon Geldinstitute gibt, die den Vollgeld-Banken sehr nahe kommen. Er denkt dabei an alternative Banken, aber auch an die Postfinance. «Eine Abstimmung, die erneut unsere Wirtschaftsordnung grundsätzlich in Frage stellt, ist daher das Letzte, das wir derzeit brauchen», sagt Walser.  



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    Alle Leser-Kommentare
  • cb 04.06.2014 12:18
    Highlight Highlight Guter Artikel, nur leider fehlt mir der Verweis, wer oder was Avenir Suisse ist. Solche Verweise würden die Qualität der journalistischen Arbeit massiv erhöhen.

    Das würde dann auch die Aussagen dieses sogenannten Think Tanks (frei & populistisch übersetzt: Gedankenpanzer) relativieren. Für jene, die es nicht wissen: Avenir Suisse vertritt u.A. die Interessen der Firmen UBS, CS, Groupement des Banquiers Privés Genevois, Zurich Financial Services.....
  • papparazzi 26.03.2014 20:20
    Highlight Highlight Also ich sammle einfach wieder Goldvreneli und investiere in längerfristige Sachwerte, wie z.B. Grund und Boden und die Eigenernährung. ut (dp)
  • Schneider Alex 26.03.2014 07:26
    Highlight Highlight Vollgeld-Initiative: Unterschriftensammlung ab Frühjahr 2014!

    Nur 10 Prozent der umlaufenden Geldmenge sind Münzen oder Noten der Nationalbank. 90 Prozent der Geldmenge sind kein Nationalbankgeld, sondern Giralgeld der Geschäftsbanken. Ein Kredit wird von Banken nicht aus Spargeldern von anderen Bankkunden weitervermittelt, sondern per Gutschrift praktisch selbst aus dem Nichts geschöpft. Finanzinstitute sind Geldschöpfungsmultiplikatoren. Limitiert wird diese Kreditgeldschöpfung durch Mindestreserven und durch Eigenkapitalvorschriften. Diese Begrenzungen sind aber wenig wirksam und können umgangen werden. Deswegen kommt es immer wieder zu Blasenbildungen. Das führt zwar nicht immer zu Inflation, aber treibt die Spekulation an – zurzeit insbesondere auf dem Immobilienmarkt.
    Die Vollgeldreformer Huber, Binswanger und der Schweizer Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) fordern in ihrer Initiative, dass es statt Buchgeld der Geschäftsbanken nur Vollgeld – das ist Zentralbankgeld – gibt. Nur die Notenbank soll Geld schöpfen dürfen und nicht die Geschäftsbanken. Mit einer Vollgeldreform wäre das Geld auf dem Bankkonto in vollem Umfang von der Notenbank gedeckt. Die Sparguthaben wären in einer Bankenkrise deshalb nicht gefährdet. Vor allem aber würde aus dem per Kreditschuld geschöpften Giralgeld gedecktes Geld. Die Geschäftsbanken vergäben Kredite nur mit vorhandenem Vollgeld, das sie sich von Sparern oder auf dem Finanzmarkt besorgen.
    Mit einer Vollgeldreform erlangt die Nationalbank wieder die Kontrolle über die gesamte Geldmenge und kann damit Blasenbildungen, Inflation und überbordendes Wachstum direkt verhindern.
  • damiana 26.03.2014 06:52
    Highlight Highlight wenn es nicht so ernst wäre, würde ich über avenir suisse gerne lachen. der letzte satz im artikel zeigt an, dass das was das vollgeld will dringend nötig ist. sie können nicht brauchen, was ihren besinnungslosen rausch unterbricht. spannend zu verfolgen, dass anscheinend nicht sein darf, was nicht auffliegen darf. in unserer zeit erwirtschaftet virtuell kursierendes geld reale gewinne. ich freu mich drauf, dass es langsam durchsickert zu jedem einzelnen menschen, das wissen und dann auch die wirkung dieses geldes.
  • Raphael Bühlmann 25.03.2014 22:39
    Highlight Highlight Interessanter Artikel, schade jedoch, dass die Schuldgeldproblematik sowie die aufgrund des Zinses zwangsläufige Inflation nicht erwähnt wird.
  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 25.03.2014 19:37
    Highlight Highlight Also was hat das mit Bitcoin zu tun? Zu sagen es sei eine alternative zu Gold ist harmlos ausgedrueckt: falsch. Bitte nicht einfach Buzzwords in Headline schmeissen :-)
    • Simon F. 25.03.2014 19:52
      Highlight Highlight Beide Ideen, Vollgeld und Bitcoin verhindern dass sich die Geldmenge unkontrolliert vermehrt. Auch wenn es eben zwei total verschiedene Ansätze sind. Bei Bitcoin wird die Geldmenge durch Mathe und Rechenleistung beschränkt, es gibt nur soviele Bitcoins wie "errechnet" wurden. Beim Vollgeld gibts nur soviele Schweizer Franken wie die Nationalbank eben bestimmt. Momentan ist das Wachstum der Geldmenge praktisch unkontrollierbar, mit allen positiven und negativen Auswirkungen.
    • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 25.03.2014 23:41
      Highlight Highlight Ja, Simon, das ist mir schon klar. Aber nur weil etwas eine maximale Menge hat, eignet es sich nicht automatisch als Alternative zu Gold und welcher von den erwaehnten Finanzexperten, IWF oder Nationalbanken zieht Bitcoins in Erwaegung? Das ist meine Kritik: Bitcoin wird ohne fachliche Legitimation in der Artikel gemixed.
    • Dani Müller 26.03.2014 18:27
      Highlight Highlight Die Vollgeld Initiative hat das Potential den Investmentbanken die Spekulation mit selber erzeugtem elektronischen Giralgeld zu unterbinden.

      Es ist klar dass Avenir Suisse als vertreter der Grosskonzerne, sich gegen die Vollgeld Initiative stellt. Eine Chance für alle Sparkassen und Regionalbanken.

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