Gesellschaft & Politik
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Ein lange Mundtoter darf endlich sprechen: Hansueli Gürber stellt sich den kritischen Fragen von Dokumentarfilmer Simon Christen. bild: screenshot/srf

Hätten wir das doch früher gewusst!

Neuer Carlos-Dokfilm räumt mit Kuschel-Justiz-Vorurteilen auf

Der «Fall Carlos» bewegte die Schweiz: Ein Jugendstraftäter mit Sondersetting, der monatliche Kosten von mehreren 10'000 Franken verursacht. Ein neuer Dokumentarfilm erklärt, warum Fälle wie Carlos in der Schweiz so behandelt werden.

02.10.14, 21:10 06.10.14, 16:56

Carlos bäuchlings in Jeans auf seinem Bett, Carlos' glänzende Muskeln im Gym, Carlos auf Boxsäcke eindreschend: Wer sich auf neue Bilder von Carlos gefreut hat, wurde vom heutigen Dokumentarfilm auf SRF 1 enttäuscht. Er selber wollte nichts damit zu tun haben. 

Aber um Carlos ging es eben nur am Rande im quasi zweiten Teil zum schweizweit bekannten Jugendstraftäter. Angefangen hatte die Geschichte um Carlos im letzten Sommer mit einem SRF-«Reporter»-Film von Hanspeter Bäni. Das Sondersetting für den 17-jährigen Straftäter, das fast 30'000 Franken kostete, wurde damals zum Sinnbild für die Schweizer «Kuscheljustiz» und damit zum Medien-Skandal des Jahres schlechthin.

Was ist recht und was ist gerecht? 

Der neue Film titelt: «Zwischen Recht und Gerechtigkeit», und er liefert das Wissen nach, das die Schweiz schon vor dem «Fall Carlos» gebraucht hätte: Wie geht die Schweiz mit ihren jugendlichen Straftätern um? Was ist recht und was ist gerecht? Wollen wir auffällige Jugendliche bestrafen oder erziehen? Diesen Fragen gehen die Regisseure Hanspeter Bäni und Simon Christen nun nach – und das gelingt. 

Der neue Film verkommt nicht zur grossen Entschuldigung von Bäni, dessen erste Reportage über Carlos den leitenden Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber den Job kostete und Carlos zurück ins Gefängsnis brachte. Er fungiert auch nicht als blosses Verteidigungsstück Gürbers. Der inzwischen pensionierte Jugendanwalt darf sich allerdings endlich erklären – wahrscheinlich gerechtfertigt für einen Mann, dem damals trotz grosser Kritik an seiner Arbeit der Mund verboten wurde. 

Der langjährige Jugendanwalt Hansueli Gürber ist inzwischen pensioniert.  bild: screenshot/srf

Sollen Täter sühnen oder besser werden? 

Der Einstieg des Dokfilms gehört Carlos Opfer Ahmed Y. und führt mitten in die Thematik: Sollen Täter im Strafvollzug für ihre Taten büssen – wie Opfer Ahmed Y. es wünschte – oder sollen die Massnahmen zukünftige Taten verhindern? Die Schweiz wählt den zweiten Weg – und das erfolgreich. 

Anhand eines Vergleichs mit dem amerikanischen Drill-Modell zeigen Bäni und Christen die Erfolgsquoten des Schweizer Modells auf: 0,6 Morde pro 100'000 Einwohner in der Schweiz stehen 4,7 in den USA gegenüber. Um 50 Prozent wird die Rückfallquote dank Erziehung, Therapie und Möglichkeit zur Ausbildung gesenkt. Sogar Russland orientiert sich bei seiner Jugendstrafrecht-Reform am Schweizer Erfolgsmodell.

Das wissenschaftliche Gewissen des «Dok»-Films stellt Marcel Niggli, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie dar: «Ein stabiler Bestand von empirischen Erkenntnissen zeigt, dass weder die Strafart noch die Schärfe der Strafe massgeblich auf die Rückfallquote Einfluss haben», sagt er. Und gibt damit Hansueli Gürber Recht: «Natürlich ist das ein grosser Aufwand für den Täter, aber auch für die Gesellschaft, wenn er danach nicht wieder zum Täter wird», sagt er. Solche Fälle gebe es aber ganz wenige und deswegen eine «radikale Umkehr zu machen», fände Gürber schade.

Professor Marcel Niggli erklärt das Schweizer Jugendstrafrecht.  bild: screenshot/srf

Fälle wie Carlos

Dazwischen flechten die Autoren die Geschichten von Gianni C., Gianluca B. und Igor G. – Geschichten von Jungs, die ständig draufhauten und sich schon immer quer stellten, Jungs wie Carlos. Zwei von ihnen haben es geschafft: Gianni und Gianluca gehen mit Lehre und Selbstverantwortung aus dem Jugendheim. 

Einer wie Carlos: Igor G. ist einer der wenigen Einzelfälle, für die Speziallösungen die letzten Lösungen sind.  bild: screenshot/srf

Das dritte Fallbeispiel, Igor G., kostet den Steuerzahler ebenfalls 25'000 Franken monatlich und stellt sich, nachdem seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat, wieder quer. Für ihn muss die Jugendanwaltschaft eine neue Lösung suchen. Eine Lösung, die vielleicht wie bei Carlos bis zu 30'000 Franken pro Monat kosten könnte, ein Sondersetting, bei dem sich Laien wiederum an die Stirn greifen dürften. Aber möglicherweise ist es Igor G.s' letzte Chance. Es ist eine Chance für Härtefälle wie ihn, dank der diese vielleicht irgendwann ein eigenständiges und gewaltfreies Leben führen werden.

Zurück bleibt der Eindruck, der Film wolle uns sagen: «Hätten wir das alles doch schon vor Carlos gewusst!»



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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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24
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    Alle Leser-Kommentare
  • nidlexii 05.10.2014 18:14
    Highlight Ein willkommener Beitrag wider die Empörungsbewirtschaftung. Gespannt, wie üppig diese Nachholkampagne nun ausfallen wird.
    2 3 Melden
  • Severin Bischof 05.10.2014 13:20
    Highlight Hmm, was wohl schlussendlich günstiger für die Gesellschaft ist? Ein paar Jahre Sondersetting und Resozialisierung (danach: Steuerzahler) oder eine lebenslange Karrierre als Schwerverbrecher (lebt steuerfrei)?
    10 0 Melden
  • katungo 03.10.2014 14:56
    Highlight Ich hätte auch gerne eine Chance. Bin leider Schweizer, 53, und nicht kriminell...... keine Chance....
    18 9 Melden
    • Severin Bischof 05.10.2014 13:22
      Highlight Sei doch froh, wenns dir gut geht. :) Wenn nicht, bist auch du versichert, kriegst Sozialhilfe, IV-Rente etc...
      11 2 Melden
  • Joshzi 03.10.2014 10:19
    Highlight Wenn der Täter bis 25 Jahre begleitet wird, klar hat man dann ein "erfolgreiches" Jugendstrafrecht. Bei weiteren Vergehen werden die Täter dann meistens nach den Erwachsenenstrafrecht verurteilt und Fallen somit aus der Statistik. Überhaupt sind die Kriterien für diese Statistik alles andere als nachvollziehbar und auch in diesem Beitrag nicht erläutert.
    Viele inhaltslose Begriffe sollen dem Leser, ich habe den DOK Beitrag nicht gesehen, ein System rechtfertigen, welches die "Resozialisierung" des Täters über die Strafe stellt. Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Meiner Ansicht nach ist der wichtigste Aspekt der Ausgleich und damit die Strafe. Erst dann sollte die Resozialisierung anstehehn.
    10 14 Melden
  • CG aus G :-) 03.10.2014 10:11
    Highlight Wie wärs, wenn nur diejenigen für die Kosten aufkommen, die dieses Sondersetting unterstützen?

    Die finanzielle Last würde dann von weniger Schultern getragen. Auf diesem Weg würden dann die Befürworter vielleicht auch einmal darüber nachdenken ob das Sondersetting nicht doch etwas gar teuer ist.
    9 19 Melden
    • Angelika 03.10.2014 12:37
      Highlight Gefängnis kostet auch, nicht viiiiel weniger. Ausserdem vielleicht zusätzlich Menschenleben, wenn so ein Gewalttäter nicht therapiert wird... Zahlen Sie dann diese?
      18 7 Melden
    • CG aus G :-) 03.10.2014 13:20
      Highlight Therapie, Therapie und nochmals Therapie. Im Gefängnis passiert genau das Gleiche.

      Das Hauptproblem ist unser Kuschelstrafvollzug. Anstelle von disziplinarischen Massnahmen die den Straffälligen auf die Spur bringen, wird nur immer weiter therapiert.

      Therapie ist ja eigentlich nichts anderes als Gehirnwäsche.
      Leider wird in unserem Strafvollzug für die Gehirnwäsche schon beim Waschgang Weichspühler benutzt.

      Irgendwann wird die Wäsche auch mit Weichspühler sauber, es dauert leider einfach Ewig und einen Tag. Ganz zu schweigen von den horrenden Weichspühlerkosten.

      Vergleich verstanden?
      6 14 Melden
    • Michèle Seiler 06.10.2014 16:39
      Highlight CG, wie weit reichen Ihr Wissen und Ihre Erfahrung zu dieser Thematik?

      Und das oben genannte Argument scheint mir typisch für Leute für Sie. Leute, die davon ausgehen, dass andere nur deshalb sozial denken, weil es ihnen an Erfahrung mit dem, worüber sie reden, fehlt - oder sie sich nur sozial geben (unabhängig davon, wie beschränkt die eigenen Erfahrungen und das eigene Wissen sind).

      (Zum gefühlt tausendsten Mal): Es gibt verschiedene Arten, um mit einer Situation umzugehen.

      Und anderen vorzuwerfen, genauso wie man selbst zu sein, weil man den Gedanken an die eigene Unzulänglichkeit nicht erträgt, ist besonders konstruktiv noch besonders anständig. Und egal, was andere tun, Sie selbst tragen die Verantwortung für sich.
      9 1 Melden
  • Andreas72 03.10.2014 09:33
    Highlight Ein einziges Rechtfertiggsfilmchen der Sozialindustrie, die nach Carlos, Hagenbuch und dem Jahresegelturn eines Schwererziehbaren um Ansehen und Existenz bangen genügt, um in einem linken Medium vermeindlich alles wieder in den grünen Bereich zu rücken. Dabei wurde gleichen Tags bekannt, dass Carlos sein Trainingscamp lautstark terrorisiert und auf Facebook Morddrohungen ausstösst, ihn die Zürcher Polizei wieder im Visier hat. Hört also auf mit euren Lobeshymnen auf überteuerte Luxusmassnahmen ohne viel Effizienz und beginnt endlich real zu denken.
    9 18 Melden
    • CG aus G :-) 03.10.2014 13:41
      Highlight Danke Andreas72.
      4 11 Melden
  • oskar 03.10.2014 00:25
    Highlight danke für den guten artikel
    16 4 Melden
  • M_gelli 02.10.2014 21:59
    Highlight Naja, wir wussten es schon zuvor oder spätestens während sich unsere Medien über den Fall hermachten, nur waren unsere lieben Zeitungen und Fernsehkanäle zu versessen darauf möglichst viel Profit zu machen, sodass man ganz 'vergass' das jemand Schaden nehmen könnte.
    43 5 Melden

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