Gesellschaft & Politik

Leere Strassen, verzweifelte Verkäufer, Messerattacken: Reportage aus der Geisterstadt Jerusalem

Israel und vor allem Jerusalem werden seit einer Serie von Messerattacken von Touristen gemieden. Statt voller Läden und Kassen herrscht eine gespenstische Ruhe, die Spannungen sind spürbar. Ein Besuch in der heiligen Stadt kurz vor Weihnachten. 

26.12.15, 08:59 28.12.15, 09:04

Yasin führt seine Gruppe von einer leeren Gasse in die nächste. Wobei Gruppe übertrieben ist. Zwei Männer laufen an diesem Tag, kurz vor den Festtagen, hinter ihm her. Normalerweise ist das die Zeit, an der Horden von Touristen die Altstadt von Jerusalem bevölkern. 

Viele Läden in Jerusalems Altstadt haben nicht geöffnet.
bild: watson 

Routiniert gibt Yasin im eindrücklichen Gassengewirr des geschichtsträchtigen Ortes Erklärungen ab. Euphorisch wirkt er dabei nicht, auch wenn er das zu verbergen versucht. «Es tut mir leid, dass so viele Geschäfte geschlossen sind», sagt er. Sonst sei hier alles voller Leben. Davon kann jetzt keine Rede sein. Ein paar wenige Männer hocken vor ihren Souvenirläden, versuchen die einzelnen Touristen, die sich hierher verirrt haben, in ihr Lokal zu locken. Besonders motiviert sind sie alle nicht. Statt Besucher patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten. 

Vor dem Eingang zur Klagemauer bleibt Yasin stehen. «Legen Sie Ihre Rucksäcke und Fotoapparate auf das Laufband und gehen sie durch die Sicherheitskontrolle, ich bleibe hier», sagt er zu seiner Zweiergruppe. «Bleibt bitte nicht länger als 15 Minuten.» Gläubige Juden beten, fünf Touristen fotografieren sie dabei und stehen etwas unsicher vor der gewaltigen Mauer. Ein jüngerer Mann aus Salt Lake City meint: «Ein spezieller Ort und irgendwie schön, dass es fast keine Touristen hat.» Weil er den Grund für die fast schon gespenstische Ruhe kenne, könne er die Atmosphäre jedoch nicht richtig geniessen.

Wer zur Klagemauer will, muss durch einen Sicherheitscheck.
bild: watson 

Yasin bringt seine zwei Kunden vom jüdischen ins muslimische Viertel. «An dieser Stelle ist vor wenigen Tagen ein Mann niedergestochen worden,» sagt er und spricht den Grund für Stimmung an, die dieses Jahr in Jerusalem so anders ist als sonst. 

Seit Anfang Oktober ist es in Jerusalem sowie anderen Teilen Israels zu einer Messerattacken-Serie von Palästinensern gegen Israelis gekommen. Beide Seiten beklagen zahlreiche Tote. Der jüngste Vorfall ereignete sich heute. Dabei wurde ein Palästinenser beim Allenby-Platz im Zentrum Jerusalems von der Polizei erschossen, nachdem er sie mit einem Messer angegriffen hatte.

Auslöser für die Serie sind Spannungen rund um den Tempelberg, der in Jerusalems Altstadt liegt. Eigentlich dürfen nur Muslime auf dem Berg beten, der aber auch Juden heilig ist. Die Palästinenser befürchten, dass Israel immer mehr Juden eine Sondergenehmigung für Besuche auf dem Areal erteilt und damit die Kontrolle der Muslime über die drittheiligste Stätte im Islam aushebelt. Israel bestreitet dies.

Fruchtsaft-Verkäufer Amir verkauft derzeit fast nichts.
bild: watson 

Die Attacken und die Berichte darüber haben den Tourismus praktisch lahmgelegt. «Schauen Sie sich um,» sagt der palästinensische Fruchtsaft-Verkäufer Amir zu Yasins Gruppe und zeigt in sein Lokal. «Um diese Jahreszeit sollte es voll sein, jetzt sitzt eine einzige Frau darin, das ist eine Katastrophe.» Er wisse nicht, wie das weitergehen, wie er die Miete bezahlen soll. 

An jeder Ecke sind Polizisten postiert.
bild: watson 

Unverändertes Bild im christlichen Viertel: Gassen ohne Menschen, Stände voller Waren, die keine Abnehmer finden. Einzig in der Grabeskirche durchbricht eine grössere Gruppe afrikanischer Touristen die Stille. 

Verkäufer bei der Grabeskirche schlagen die Zeit tot.
bild: watson 

Yasin verabschiedet sich und erinnert sein Grüppchen daran, pünktlich um 11.30 Uhr bereitzustehen für den zweiten Teil des Programms, einen Ausflug ins Westjordanland, ins palästinensische Autonomiegebiet. 

Taxifahrer Ruben ist Jude und bringt die Gruppe zum vereinbarten Treffpunkt. Sofort ist der unendliche Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern das Thema. An eine Lösung glaubt er nicht, schon gar nicht an eine rasche. Die jetzige Situation mit den Messerattacken schade allen, vor allem denen, die vom Tourismus lebten. «Dabei habt ihr, haben die Besucher, nichts zu befürchten – die wollen uns töten, an euch haben die kein Interesse», sagt Ruben. 

«The Wall» beim Kontrollposten Kalandija.
bild: watson 

Mohammed wartet bereits und begrüsst seine Gäste. Ruben winkt kurz, dann gibt er Gas und zieht an seiner Zigarette. «Ich werde Sie nach Palästina bringen, zuerst nach Ramallah, danach schauen wir weiter,» meint Mohammed als erstes. Er redet wenig, fährt konzentriert. Mohammed ist Palästinenser, hat aber eine israelische Identitätskarte. Diese erlaubt es ihm, sich in Israel aufzuhalten, dort zu arbeiten; abstimmen darf er nicht. Er macht hin und wieder Touren ins Westjordanland, daneben ist er Taxichauffeur. Rechts beginnt die Mauer, die Israel und das Westjordanland trennt. «Das ist übrigens ‹The Wall›», sagt Mohammed trocken. Beim Checkpoint Kalandija stauen sich Lastwagen und Autos. Hier kommt es momentan fast täglich zu Scharmützeln, noch ist alles ruhig. 

Der berühmt-berüchtigte Checkpoint Kalandija.
bild: watson 

Im Hintergrund sind die Häuser von Ramallah zu sehen.
bild: watson 

Die Gegend wird ärmlicher, die Strassen werden schlechter. Eine Tankstelle, eine Frau, die entlang der Mauer geht, Abfall. Problemlos passiert Mohammeds Auto die Grenze, niemand muss den Pass zeigen. Eine gerade Strasse führt in die Stadt Ramallah, der Verkehr bewegt sich nur langsam. «Die planen etwas», murmelt Mohammed plötzlich. «Das gefällt mir nicht.» Es ist Schulschluss. Eine Gruppe Jugendlicher, darunter Kinder, bewegt sich Richtung Kontrollposten Kalandija. Sie setzen erste Reifen in Brand, ein etwa Sechsjähriger nimmt seine Steinschleuder aus der Jackentasche. «Hier stimmt etwas nicht, sagt Mohammed, alle Läden sind geschlossen, immer mehr Menschen gruppieren sich.» Zu den Jugendlichen gesellen sich jetzt auch Männer, ziehen ihre Schals hoch, erste Steine fliegen, eine Rauchsäule der brennenden Pneus verdunkelt den Himmel. «Wir sind hier nicht mehr sicher», meint Mohammed und wendet den Wagen. 

Gehört beinahe zum Alltag in Ramallah: Kinder und Jugendliche, die in Strassenschlachten verwickelt sind.
bild: watson

Übers Radio erfahren wir, dass die Aktion ein Racheakt der Palästinenser für die Tötung zweier Jugendlicher durch israelische Soldaten ist. Seit Anfang Oktober befolgen zahlreiche Palästinenser einen Aufruf zur Mobilisierung gegen die israelischen Sicherheitskräfte. Laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP starben seither 122 Palästinenser, 19 Israeli, ein US-Amerikaner sowie ein Eritreer. 

Mohammed fährt links am Checkpoint Kalandija vorbei, nicht zurück nach Israel, bleibt im Westjordanland. Kurzer Stopp, Lagebesprechung: Er empfiehlt einen Besuch Jerichos, Ramallah sei heute zu gefährlich. Alle stimmen zu. Jericho ist die tiefstgelegene Stadt der Welt – auf 250 Meter unter dem Meeresspiegel.  Die Fahrt dahin führt durch karges Land, bewohnt von Beduinen. In Jericho ist es ruhig, Mohammed gibt der Gruppe einen kleinen Einblick in das Stadtleben. Ein rascher Rundgang, eine Pause in einer Teestube, in der die Einheimischen Shisha rauchen, Datteln kaufen beim Früchte- und Gemüsehändler. 

Männer beim Karten spielen in einem Café in Jericho.
bild: watson 

Zügig lenkt er seinen Wagen zurück nach Jerusalem und stoppt ihn auf dem Ölberg. Der Blick auf Jerusalems Altstadt ist imposant. Es wird gut sichtbar, wie nahe der Felsendom mit der goldenen Kuppel, die Grabeskirche und die Klagemauer beisammen liegen. Von hier oben scheint alles friedlich. 

Die Altstadt von Jerusalem vom Ölberg aus.
bild: watson 

Archäologen entdecken legendäre Festung in Jerusalem

Du hast watson gern?
Sag das doch deinen Freunden!
Mit Whatsapp empfehlen

Hol dir die App!

Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
21
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
21Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Schuhmeister Flaig 27.12.2015 00:03
    Highlight Israel hat sich mit der Besetzung der Palästinensergebiete definitiv ins eigene Fleisch geschnitten.
    3 4 Melden
  • Pana 26.12.2015 20:29
    Highlight Klasse Artikel. Diese Reise ist definitiv auf meiner Bucket List.
    6 0 Melden
  • Stratosurfer 26.12.2015 19:16
    Highlight Sehr eindrücklich. Ich machte 1998 ein Austauschsemester in Israel und lebte 4 Monate in Jerusalem. Ich habe genau diese Orte und den Rest des Westjordanlandes mehrmals besucht. Damals war die Mehrheit der Palästinenser und Israelis voller Hoffnung. Leider ist davon nur ein Scherbenhaufen übrig geblieben. Religiöser Übereifer, Stolz und Ignoranz auf beiden Seiten verhindern einen Frieden. Sehr deprimierend, denn die Mehrheit der stark indoktrinierten Bevölkerung wäre wohl zu einem Kompromiss bereit.
    13 2 Melden
  • Zaytoun 26.12.2015 18:13
    Highlight Kalandija Checkpoint nachts ist so wie man sich die Hölle vorstellt. Das grosse Terminal (nicht der "Touri-checkpoint") zeigt die hässliche Fratze der israelischen Besatzung. Was ich dort alles erlebt habe, werde ich nie mehr vergessen.
    8 9 Melden
    • Felix Burch 27.12.2015 12:04
      Highlight Was spielt sich dort in der Nacht ab?
      6 1 Melden
    • Zaytoun 27.12.2015 15:03
      Highlight Viele Checkpoints werden künstlich verlangsamt oder kurzzeitig geschlossen. Damit wird der Durchgang zeitlich unberechenbar und soll die Menschen davon abhalten zu reisen. Viele Menschen treffen bereits um 3 Uhr morgens ein, damit sie rechtzeitig bei der Arbeit, in der Schule oder im Krankenhaus sind. Die Folge sind häufig Massenpaniken, Kinder und Gebrechliche werden erdrückt. Währenddem die Soldaten entweder schlafen oder miteinander in den Booths rumalbern (oder Soldatinnen die sich die Nägel machen) Draussen liegen gestandene Männer heulend am Boden.
      2 3 Melden
  • Volande 26.12.2015 17:43
    Highlight Verdammt schöne Bilder! Mässi für die Stimmungsrundschau.
    6 0 Melden
  • axantas 26.12.2015 16:30
    Highlight Ich war im September in Jerusalem. Ich bin nicht religiös - hat mich fasziniert die Stadt.

    Mein Mitleid hält sich grad in Grenzen. Da ist jetzt keine Naturkatastrophe über die Stadt hereingebrochen, oder sie ist abgebrannt. Die Menschen dort haben es selber in der Hand, ob sie aus dem ganz speziellen Ort etwas Positives machen oder lieber weiter mit allen möglichen Waffen gegenseitig übereinander herfallen wollen. Es könnte schon Sonntag anders sein - so einfach wäre es.
    8 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.12.2015 12:55
    Highlight toller beitrag!
    16 1 Melden
  • Bijouxly 26.12.2015 11:12
    Highlight Gefällt mir sehr, dieser Artikel! Zeigt, dass fanatische Religion jenen schadet, die friedlich ihren Glauben leben.
    23 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 26.12.2015 11:52
      Highlight diejenigen welche friedlich ihren Glauben leben, sind die sogenannten "Papierlichristen", "Papierlijuden", "Papierlimoslems".
      harmonisches zusammenleben der religionen ist ein säkulares konzept, kein religiöses.
      25 5 Melden
  • G.Oreb 26.12.2015 10:44
    Highlight Danke Felix, ein absolut fantastischer Artikel, ich war richtig gefesselt und konnte nicht aufstehen bevor ich ihn gelesen habe.
    23 2 Melden
    • Felix Burch 26.12.2015 17:30
      Highlight Ich danke Euch. Das freut mich sehr.
      9 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 26.12.2015 10:33
    Highlight "Ohne Religion würden die menschen gegenseitig über sich herfallen, da sie nichts mehr moralisch hindern würde", höre ich doch immer mal wieder von Religiösen, wenn es darum geht, wie wichtig doch Religion als moralische Leitplanke ist.

    Jerusalem ist voll von Religion. Man inhaliert sie förmlich, vor allem in der Altstadt. Es gibt keine Ecke und keine Gasse an der die Religion nicht öffentlich gelebt wird. Dann müsste dieser Ort doch, der obigen Logik folgend, der friedlichste Ort der Welt sein, nicht wahr?

    Irgendetwas geht da nicht auf.
    41 7 Melden
    • ch2mesro 26.12.2015 11:27
      Highlight

      Reza Azlan: Der Islam fördert weder Gewalt noch Frieden. Der Islam ist einfach eine Religion. Wie jede andere Religion der Welt, hängt sie davon ab, was man daraus macht. Wenn Sie eine gewalttätige Person sind, dann wird Ihr Islam, Ihr Christentum, Ihr Judentum, Ihr Hinduismus gewalttätig sein. In Myanmar gibt es marodierende Banden von buddhistischen Mönchen, die Frauen und Kinder abschlachten. Fördert der Buddhismus deswegen die Gewalt? Natürlich nicht. Menschen sind gewalttätig oder friedfertig. Und das hängt von ihrer Politik ab, von ihrem sozialen Umfeld und ihrem Selbstbild.
      27 7 Melden
    • Zuagroasta 26.12.2015 11:29
      Highlight "Religion als moralische Leitplanke."
      Diese Beschreibung ist dir wirklich gelungen.
      Chapeau D00A. ;-)

      Aber mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt,
      dass wir Menschen uns auch ohne Religion die Köpfe einschlagen würden. Da wird sich schon irgendein Zwist finden. Sad but true.
      18 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 26.12.2015 11:48
      Highlight at zuagroasta: ja, einen Grund um sichgegenseitig die Birne einzuschlagen findet sich immer. das bestreite ich nicht.

      Aber wenn Religion noch nicht mal einen moralischen Wert hat, wozu ist sie dann gut?

      Hoffnung? das geht auch mit Kasinos und Lotterie - und da ist die Chance auf einen tatsächlichen Gewinn grösser behaupte ich.
      12 2 Melden
    • Zuagroasta 26.12.2015 12:14
      Highlight D00A, früher hatte die Religion bestimmt einen moralischen Wert, nur die Zeiten haben sie geändert und wir uns weiterentwickelt, während die Religionen im gewissen Sinne auf der Stelle stehengelieben sind bzw. sich nur sehr langsam weiterentwickeln.
      Ob Religion sozusagen "outdated" ist, kann ich als Atheist
      schwer beantworten.
      Ich habe aber das Gefühl, dass viele Menschen wenn sie mit Entwicklungen nicht klarkommen, etwas Bekanntes suchen an dem sie sich festhalten können.
      Ob Religion da das Richtige ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

      11 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 26.12.2015 13:11
      Highlight demfall entscheide ich mich für eywa
      4 2 Melden
  • Tepesch 26.12.2015 10:21
    Highlight Toller Artikel
    18 2 Melden
  • revilo 26.12.2015 09:56
    Highlight Gelungener Artikel!
    22 2 Melden

Für Lesben gilt die Männerregel – nun wollen auch sie eine Witwenrente

Lesbische Frauen, die in einer eingetragenen Partnerschaften leben, haben beim Tod ihrer Partnerin kein Anrecht auf eine WitwENrente, höchstens auf eine WitwERrente. Unfair, findet die Lesbenorganisation Schweiz. 

Ein schwules Paar, das gemeinsam ein Kind aufzieht – noch immer weckt dieses Bild in einigen Köpfen Ängste. Zu Unrecht, findet die Schwulenorganisation Pink Cross, die sich in ihrem neuesten Postionspapier dafür einsetzt, dass auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen.

Schweizer Homosexuelle kämpfen für ihre Gleichberechtigung, denn auf vielen Ebenen harzt es noch immer – nicht nur bei der Adoption. Auch beim Todesfall werden Homosexuelle diskriminiert, wie ein Fallbeispiel …

Artikel lesen