Gesellschaft & Politik

Blick auf das Roumieh-Gefängnis in Beirut: Rund 150 Menschen sind hier wegen islamistischen Terrors inhaftiert. Bild: Bilal Hussein/AP/KEYSTONE

Interviewreihe mit Dschihadisten

Die Horrorgeschichten der Dschihadisten: Zu Besuch im Terroristenknast

Im Libanon haben zwei Schwestern jahrelang Dschihadisten in einem berüchtigten Knast interviewt. Den Forscherinnen gelangen dabei tiefe Einblicke in die Welt der Radikalen – etwa wie deren Cyber-Krieg aus dem Gefängnis weiterläuft. 

01.12.14, 14:16 01.12.14, 14:35

raniah salloum / spiegel online

Ein Artikel von

Das Gefängnis von Beirut ist berüchtigt. Als «Zeitbombe» oder «Terroristenhort» wird es oft in den libanesischen Medien bezeichnet. Auf einer Etage befinden sich ausschliesslich Gefangene, die wegen islamistischen Terrors verurteilt wurden – rund 150 Menschen. Für die zwei libanesischen Schwestern Nancy und Maya Yamout ist es der perfekte Ort. 

Die beiden Sozialarbeiterinnen haben ihr Projekt vor drei Jahren begonnen. Sie bekamen mit, wie Bekannte sich plötzlich erzkonservativen islamistischen Gruppen zuwandten und alten Freunden den Rücken kehrten. Warum radikalisiert sich ein Mensch? 

«Wir wollten Profile von Terroristen erstellen», erzählen die beiden Spiegel Online. Sie bekamen die Erlaubnis, im Roumieh-Gefängnis Interviews zu führen. 20 verurteilte Terroristen willigten ein, darunter ein Mitglied des sogenannten Islamischen Staats und der Nusra-Front, der syrischen Qaida

Zwei Jahre lang gingen die beiden Schwestern im Roumieh-Gefängnis ein und aus. Sie sprachen stundenlang mit den Häftlingen, die ihnen sogar Familiengeschichten anvertrauten. Der promovierte US-Psychologe Raymond H. Hamden, der selbst mit Terroristen arbeitet, unterstützte die beiden Libanesinnen als Mentor. 

«Nur oberflächliche Kenntnisse des Islam»

«Wir haben 20 völlig verschiedene Geschichten, aber es gibt ein paar Dinge, die bei allen gleich sind», sagt die 35-jährige Nancy Yamout über das Ergebnis ihrer Forschung. «Wir sind ihnen mit Respekt begegnet und haben sie als Menschen behandelt. Das waren viele nicht gewohnt», sagt sie. Während der Gespräche trugen die Schwestern Kopftücher und verzichteten auf Make-up oder Parfüm, um die Radikalen nicht zu irritieren. 

Auffällig war: Keiner der Radikalislamisten kannte sich mit Religion aus. «Sie haben alle nur sehr oberflächliche Kenntnisse des Islam», erzählt Maya Yamout. Die Terroristen hätten bei selbsternannten Predigern gelernt, nicht studierten Islam-Gelehrten. «Sie haben sich herausgepickt, was sie glauben wollten», sagt die 27-jährige Maya Yamout. 

Grosse Ähnlichkeit gab es bei den Kindheitsgeschichten. Keiner der 20 Terroristen kam aus einem normalen Elternhaus. Ihre Väter prügelten, demütigten und instrumentalisierten sie. 

Der Vater eines Terroristen drückte Zigaretten auf seinem Sohn aus. Die kreisrunden Narben auf dem Arm des Häftlings zeugen immer noch davon. Ein anderer Vater war Kämpfer im libanesischen Bürgerkrieg. Für seine Kinder war er nicht da. Die mussten schon als Achtjährige mithelfen – Waffen reinigen und Leichenteile einsammeln. 

«Sie haben sich alle andere Vaterfiguren gesucht», sagt Nancy Yamout. «Wenn man sie fragt, wer ihr Vorbild ist, sagen sie: Osama bin Laden, Abu Bakr al Baghdadi, der IS-Anführer, oder der muslimische Prophet Mohammed.» In Terrorgruppen fanden die verstörten Jugendlichen und jungen Männer ein neues Zuhause. 

Die Schwestern Nancy und Maya Yamout: Interviews im berüchtigten Roumieh-Gefängnis. Bild: Maya Yamout

Im Internet sammeln die Dschihadisten «anfällige Seelen» ein

Die beiden Schwestern haben vor kurzem einen Verein gegründet, mit dem sie Dschihad-faszinierten Teenagern andere Wege aufzeigen wollen. Ihr Ziel sind sowohl Libanesen als auch syrische Flüchtlingskinder. Mit ihrer Forschung wollen sie sich als nächstes auf Online-Propaganda konzentrieren

«Einer der Terroristen erzählte, dass sie viel im Internet rekrutieren. Er sprach von ‹anfälligen Seelen›, die sie dort einfach einsammeln könnten», sagt Maya Yamout. Selbst im Gefängnis hätten die Verurteilten weiter Cyber-Dschihadismus betrieben. 

Obwohl es eigentlich verboten ist, hätten alle Häftlinge Handys. Die hochrangigeren Islamisten verfügten sogar über Laptops, berichten die Schwestern. «Sie sind clever und sehr gut organisiert. Wenn die Gefängniswärter kommen, verschwinden alle Geräte rechtzeitig an einem geheimen Ort», erzählen die beiden. Die Gefangenen hätten sich sogar heimlich Router und Internetzugang organisiert. Sie waren grösstenteils sich selbst überlassen, berichten die Schwestern. 

Einer der 20 Verurteilten, den die beiden regelmässig trafen, ist inzwischen auf freiem Fuss. Er blieb mit den Schwestern nach seiner Freilassung in Kontakt. Sie trafen seine Familie und halfen ihm, einen Job zu finden. «Er ist wieder erfolgreich ins normale Leben integriert», sagen sie. Solche Fälle machen ihnen Hoffnung. «Auch wenn jemand ein Terrorist ist – wir sollten niemanden für den Rest seines Lebens aufgeben», sagt Nancy Yamout.

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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 02.12.2014 17:49
    Highlight Die Weltpresse sitzt vor Kobane und berichtet aus einem Kilometer Entfernung über die wütenden Attacken von Leuten, die man nur als Abschaum der Menschheit bezeichnen kann.
    Das ist Realityshow in der Extremform. Man stelle sich vor, dies wäre im Kessel von Srebrenica geschehen. Die Weltpresse, die Welt, also auch die Europäer, hätten live das Schlachten dort beobachtet.
    Live-Kämpfe, Live-Mord, Live-Köpfen, Live-Kreuzigen. Man nimmt es zur Kenntnis und stumpft ab. Man vergisst dabei aber, dass sich die Welt nicht nur dort verändert, wo dies geschieht. Sie verändert sich auch in unseren Köpfen.
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  • ⚡ ⚡ ⚡☢❗andre ☢ ⚡⚡ 01.12.2014 18:28
    Highlight Moment mal.....das toent fuer mich ein bisschen zu sehr nach Image-Aktion und wirkt gar nicht authentisch. Wie wurde den das wissen ueber den Islam geprueft? Von wo kommt die Motivation anderglaeubige zu eliminieren? Und wo kann man die Interviews selber nachlesen?
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