Gesellschaft & Politik

Michail Chodorkowski in Berlin während seiner ersten Pressekonferenz nach der Freilassung. Bild: AP

Videobotschaft Michail Chodorkowskis

Wie die Petersburger Behörden die Videoansprache eines Regimekritikers zu verhindern versuchten

Michail Chodorkowski macht politische Propaganda-Arbeit via Videolink. Die Petersburger Polizei versuchte, das zu verhindern – mit Bombendrohung, Stromausfall, Polizeiaufmarsch.

13.12.14, 10:57 13.12.14, 14:29

robert ruoff / infosperber

Es herrschte ordentlich Aufregung am letzten Sonntag im Hotel Holiday Inn in St. Petersburg, wenn man der «Moscow Times» glauben darf. Sicher ist das nicht, denn das Blatt arbeitet mit der US-amerikanischen «International Herald Tribune» zusammen, die jetzt «International New York Times» heisst und bekanntlich wie das ganze Unternehmen der US-Regierung nahe steht. Aber die Petersburger Geschichte ist wohl doch mehr als eine Anekdote aus dem amerikanischen Propaganda-Arsenal. 

Es scheint, so die «Moscow Times», dass die Behörden von St. Petersburg – Wladimir Putins Geburtsstadt – keinen rechten Gefallen daran fanden, dass eine Ansprache von Michail Chodorkowski in das feine Hotel übertragen werden sollte, schreibt Ivan Nechepurenko in dem Blatt. Chodorkowski ist bekanntlich ein scharfer Kritiker von Wladimir Putin und mehr noch: Er arbeitet systematisch an Putins Ablösung als Staatspräsident. 

Chodorkowski, der bekanntlich mit seiner Familie in der Schweiz lebt, hat das vor einigen Tagen wieder in einem Gespräch mit den «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens SRF öffentlich erklärt. Am gleichen Tag, an dem das Schweizer Gespräch ausgestrahlt wurde (die «Sternstunden» werden einige Tage vor der Ausstrahlung aufgezeichnet), hielt der frühere Oligarch und heutige Oppositionelle seine Ansprache via Videolink nach St. Petersburg.  

Schon während der technischen Vorbereitungen im amerikanischen Hotel in der russischen Zarenstadt kamen mehrere Polizisten in den Konferenzraum, um nach Drogen zu suchen, allerdings ohne fündig zu werden. Später meldeten sie eine Bombendrohung und forderten die Teilnehmer der Konferenz auf, den Saal zu verlassen. Da aber die Polizisten auf Nachfrage erklärten, sie würden den Saal nicht räumen, entschlossen sich Chodorkowskis Anhänger, trotz der angeblichen Gefahr im Hotel zu bleiben. 

«Unser Ziel ist, zu zeigen, dass es eine Alternative gibt zum gegenwärtigen Regime», erklärte Chodorkowski, der wegen angeblicher Steuervergehen zehn Jahre in russischen Gefängnissen verbrachte und kurz vor den Olympischen Spielen in Sotschi freigelassen worden war. «Russland steckt bereits in einer Krise, und das Regime wird wegen dieser Krise zweifellos fallen. Das Ergebnis muss ein demokratisches Russland sein.» 

Stromausfall im Hotel

Die Botschaft bekam den Applaus der Anhänger des neuen russischen Oppositionsführers, der sich mittlerweile bereit erklärt, auf einem friedlichen Weg zu demokratischen Wahlen eine Führungsrolle zu spielen. Die Botschaft kam durch, obwohl pünktlich zu Beginn der Veranstaltung im ganzen Holiday Inn der Strom ausfiel. Denn die Organisatoren hatten offenbar mit einem solchen Zwischenfall gerechnet und selber Batterien mitgebracht. 

Die Ladung reichte aus für eine Ansprache mit anschliessender Diskussion, bei der sich laut «Moscow Times» bei den anwesenden Oppositionellen Einigkeit über das Ziel, aber deutliche Meinungsunterschiede über die Chancen einer friedlichen Revolution zeigten. 

Die Konferenz dauerte rund anderthalb Stunden und ging zu Ende, als die Batterien leer waren. Leidtragende waren lediglich, so der Bericht, einige Touristengruppen, die während des mutmasslich staatlich verordneten Stromausfalls nicht einchecken konnten. 

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors:  Keine

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    Alle Leser-Kommentare
  • Angelo C. 13.12.2014 12:40
    Highlight Für mich, wie für viele Andere, ist Chodorkowski schlicht ein russischer Steuerbetrüger und verurteilter Veruntreuer. Ein Oligarch, der sich in seiner Vermessenheit damals mit Putin anlegen wollte - das Resultat ist bekannt. Dass Russland heute von einem Typ, der drei Jahre vor Strafende begnadigt wurde und dabei in Russland lauthals versprochen hat, sich künftig als Krimineller aus der Politik rauszuhalten, wenig erfreut ist, wenn sich Ch. erneut aufwieglerisch gegen einen Staatspräsidenten, dessen Bevölkerung nachweislich zu 84% hinter ihm steht, ist absolut nachvollziehbar. Eine Schande ist m.E. auch, dass die Uni Zürich dem Mann Gelegenheit geboten hat, sich vor Stidenten politisch zu äussern.
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    • dr_b 13.12.2014 13:29
      Highlight Das zeigt doch genau wie deokratisch es in Russland zu und her geht, wenn der Staat die freie Meinungsäusserung eines freien Mannes unterbinden möchte.
      Da kann ich die "nachweislich zu 84%" nicht wirklich ernst nehmen.
      Und es ist eine Sache von etwas wenig erfreut zu sein und eine andere etwas zu zensieren.

      Eine Schande ist eher, dass Leute wie Sie sich von der russischen Propaganda blenden lassen, denn das Urteil gegen Ch. war mehr als umstritten.
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    • goschi 13.12.2014 13:31
      Highlight Ist das so?
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    • Angelo C. 13.12.2014 16:38
      Highlight b_a : Lesen bildet - Chodorkowski wurde in einem öffentlich zugänglichen Prozess rechtsgültig verurteilt, dass er - während er sich Yukos im Anschluss an den Niedergang der Sowjetunion unter den Nagel riss und dabei X-Milliarden scheffelte - auch "etwas Steuern" an den russischen Staat hätte abführen müssen, vor Allem aber keine Einnahmen aus dem Firmenpool hätte unrechtmässig abzweigen sollen. Da er das nicht getan hat, liess man ihn erst gewähren, als er aber dumm genug war, sich überdies mit Putin anzulegen, wurden all seine Privat- und Firmenunterlagen verglichen und er selbst (mutmasslich zurecht) vor Gericht gestellt. Mag ja sein, dass Sie eine andere Wertvorstellung über Steuerpflichten haben, aber dass man deswegen auch gleich noch die "Meinungsfreiheit" beschwört, liest sich doch etwas gar schweizerisch ;-))!
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    • goschi 13.12.2014 23:10
      Highlight Angelo, Sie glauben wirklich, dass der damalige Prozess nicht politisch gesteuert und beeinflusst war?

      Dann glauben Sie wohl auch, dass das Krim-Referendum demokratisch und juristisch rechtens war.
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