Gesellschaft & Politik

Kurt Imhof, in einer Aufnahme von 2005. Bild: KEYSTONE

Nach Krebsleiden

Medienkritiker Kurt Imhof stirbt im Alter von 59 Jahren

01.03.15, 17:59 02.03.15, 10:43

Der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof ist am Sonntagmorgen 59-jährig in Zürich gestorben. Er erlag im Zürcher Unispital einem Krebsleiden. Er galt als Kämpfer für die Qualität der Medien und streitbarer Zeitgenosse.

Im Oktober noch präsentierte er das fünfte Jahrbuch «Qualität der Medien», das er ins Leben gerufen hatte, und kam zum Schluss, dass die Qualität der Schweizer Medien weiter erodiert. Als Wurzel des Übels nannte er, dass die niedrige Qualität belohnt werde und warnte davor, dass die informierte Demokratie auf dem Spiel stehe.

«Wir verlieren nicht nur einen kritischen und hervorragenden Forscher und Wissenschaftler, sondern auch einen Freund, der manchen von uns mehr als ein halbes Leben lang begleitet und gefördert hat», sagte Mark Eisenegger, Co-Institutsleiter des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich, der Nachrichtenagentur sda.

Keine Angst vor schwierigen Themen

Sein Tod sei ein Verlust für die Wissenschaft, aber auch für die Gesellschaft. Denn Imhof habe sich nicht gescheut, «schwierige Themen zu erforschen und mit unangenehmen Befunden mutig an die Öffentlichkeit zu gehen, damit die Gesellschaft beispielsweise erfährt, dass die Qualität der Medien zurück geht». Dieses Ideal, das Kurt Imhof verkörpert habe, werde das fög weiterführen.

Dass jedoch die Meldung über den Tod von Kurt Imhof so schnell publik geworden sei, noch bevor alle Angehörigen hätten informiert werden können, sei bestürzend, sagte Eisenegger. Auch dies bestärke das fög, die Forschung zur Qualität der Medien mit vollem Elan weiterzuführen.

Medien als roter Faden im Lebenslauf

Imhof machte zunächst eine Lehre als Hochbauzeichner und holte die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nach. Er studierte Geschichte, Soziologie und Philosophie an der Universität Zürich, erforschte für sein Lizenziat «Soziale Krisen und die Kreation von neuen Entwicklungsmustern» und doktorierte acht Jahre nach Studienbeginn mit einer Dissertation zur «Diskontinuität der Moderne».

Seinen Professorenposten erarbeitete er sich von der Pike auf: Er durchlief Assistenzzeiten, war Dozent und Lehrbeauftragter, Nationalfondsprojektleiter und vieles mehr. Seit 2000 hatte Imhof den Lehrstuhl für Publizistikwissenschaften und Soziologie an der Universität Zürich inne und leitete bis 2012 das fög.

Die Medien und ihre Entwicklung, ihr Wandel, ziehen sich wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf. Als Person, die die öffentliche Debatte nicht scheute, eckte er an – erntete aber auch Lob. Entsprechend waren am Sonntagabend die Reaktionen auf Twitter.

Medienschaffende und Kollegen ehren ihn

Stimmen aus der Medienszene sind überzeugt, dass die Schweiz einen Wächter über den Qualitätsjournalismus verloren hat. Er habe nicht nur den Medien den Spiegel «stets pointiert, streitlustig und kompetent» vorgehalten.

«War nicht oft einig mit Kurt Imhof – doch seine bewundernswert starrköpfige Mission für gute Medien wird hoffentlich einst nachhaltig sein», twitterte etwa Philipp Landmark, Chefredaktor des «St.Galler Tagblatt».

Philipp Landmark, Chefredaktor «St. Galler Tagblatt»

Aus der «Blick»-Redaktion schrieb Blattmacher Thomas Ley: «Ich lernte Kurt Imhof einst kennen als Professor, der grossartige Vorlesungen hielt. Und jetzt werd ich sogar seine Medienschelte vermissen.»

Thomas Ley, «Blick»-Blattmacher

Auch von Studentinnen und Studenten wird der Tod Imhofs bedauert. Er sei einer der am wenigsten abgehobenen und «gmögigsten» Dozenten gewesen, der neue Standards bei Studien zur Medienqualität gesetzt habe. Aber auch: «Kurt Imhof – kein Professor hat mich je so kunstvoll beleidigt in meinem Studium wie er, aber von wenigen wurde ich mehr motiviert.»

Medienstar der Professorenschar

Das ehemalige Wochenmagazin «Facts» nannte ihn im Porträt zu seinem 50. Geburtstag «Medienstar der Professorenschar», der stets mit einer «poppigen Instantbotschaft» zur Stelle sei, während seine «Akademikerkollegen Tage brauchten, um einen Satz zu drechseln». Ob am Fernsehen, im Radio oder in Printmedien – Imhof war prägnant.

«Mit Kurt Imhof verliert die Soziologie und Medienwissenschaft eine engagierte Persönlichkeit, die neugierig das gesellschaftliche Geschehen ergründete und offen kommentierte, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen», sagte sein Kollege Ueli Mäder vom Soziologischen Institut der Universität Basel auf Anfrage. In seinen letzten Mails habe Imhof noch energisch und eindrücklich betont, wie er gegen den Krebs ankämpfen wolle. 

David Sieber, Chefredaktor «Die Südostschweiz»

Christof Moser, Politik-Reporter «Schweiz am Sonntag»

Rene Roediger, Journalist «Tagblatt»

Conradin Knabenhans, Redaktor «Zürichsee-Zeitung»

Marc Brupbacher, Leiter Newsdesk «Tages-Anzeiger»

(rar/sda) 

Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Angelo C. 01.03.2015 22:42
    Highlight Einer der wenigen Wissenschaftler aus seinem Grundfach, der Soziologie, den ich stets ernstgenommen und geschätzt habe. Ich kann sogar sagen, dass meine Ansichten oft mit den seinigen kompatibel waren.
    Ich hoffe auch, dass sich WATSON mit den Teilaspekten seiner hier geäusserten Medienkritik auseinandersetzt...
    Abschliessend ist man wohl auch etwas verwundert über dieses ebenso plötzliche wie frühe Ende. Seine Krankheit schien nicht allgemein bekannt, jedenfalls habe ich nie etwas darüber erfahren. Auch auffällig leidend sah er auch nicht aus. Doch wie auch auch immer: Die Schweiz verliert in ihm einen fähigen und sympathischen Zeitgenossen.
    1 0 Melden
  • Zeit_Genosse 01.03.2015 20:24
    Highlight Man twittert über ihn in der 3. Person, spricht ihn aber mit @kurtimhof direkt noch nach seinem Tod auf seinem Twitter-Account an. Ich hätte jetzt #kurtimhof gemacht. Ich mochte ihn.
    8 0 Melden
  • Jaing 01.03.2015 18:29
    Highlight Eine streitbare Persönlichkeit, mit teils extremer Meinung, der aber durchaus auch stets berechtigte Medienkritik geübt hat. Möge er in Frieden ruhen.
    9 0 Melden
  • Lowend 01.03.2015 18:10
    Highlight Ein echter Verlust für die Schweiz! Ein wacher Geist legte sich zur Ruhe. Mein Beileid den Freunden und Angehörigen des viel zu früh verstorbenen Kurt Imhof. Ruhe in Frieden!
    14 1 Melden

Diese 6 Grafiken zeigen, in welchem Kanton du für die Autoprüfung am meisten zahlst

Wer im Kanton Basel-Stadt die praktische Autoprüfung absolviert, muss tief in die Tasche greifen: 180 Franken verrechnet der Kanton. Im Wallis zahlt man die Hälfte. Die folgenden 6 Grafiken zeigen die enormen preislichen Unterschiede zwischen den Kantonen. 

Wer im Kanton Basel-Land seine Autoprüfung absolviert, hat Pech: Kein anderer Kanton verrechnet für Lern- und Führerausweis sowie theoretische und praktische Autoprüfung soviel wie das Basler Strassenverkehrsamt. Anders im Kanton Fribourg. Hier sind die Preise wesentlich erschwinglicher. So wirbt auch das Strassenverkehrsamt mit dem Slogan: «Unsere Tarife gehören zu den günstigsten». 

Während die verschiedenen Stationen zum Erwerb des Führerausweises vom Bund vorgegeben sind, liegt die …

Artikel lesen