Gesellschaft & Politik

Die Kunst, professionell zu töten: Todeskammer im San Quentin State Prison in Kalifornien. Bild: AP

Todesstrafe in den USA

Die Illusion des sanften Tötens

Ein umstrittenes Gift, willkürliche Entscheidungen, Aufschübe in letzter Sekunde: Noch nie war der Irrsinn des amerikanischen Todesstrafen-Regimes so offensichtlich.

29.01.15, 20:26

Markus Feldenkirchen / spiegel online

Ein Artikel von

Charles Warner hat sich gleich zweimal von seiner Familie verabschiedet, er hat auch zweimal seine letzte Mahlzeit gegessen. Das erste Mal am 29. April 2014, das zweite Mal am 15. Januar 2015.

Am 29. April war seine Hinrichtung für 20 Uhr angesetzt. Zwei Stunden vorher, um 18 Uhr, sollte sein Zellennachbar Clayton Lockett in der Todeskammer von Oklahoma sterben. Doch bei dessen Hinrichtung lief schief, was schieflaufen konnte. Erst nach 43 Minuten wurde er für tot erklärt. Es war die wohl grausamste Hinrichtung, seit Verurteilte in den USA durch die Giftspritze getötet werden.

Die Exekution von Charles Warner wurde daraufhin abgesagt. Dann war sie im November geplant, auch dieser Termin wurde kurzfristig aufgehoben. Oklahoma hatte in der Zwischenzeit zwar 100'000 Dollar in die Renovierung der Todeskammer investiert, brauchte aber noch etwas Zeit, um seinem offenkundig unfähigen Personal beizubringen, wie man Menschen professioneller tötet.

Hoffen bis zum Schluss

Das Personal ist nicht das einzige Problem: Bis vor Kurzem hatten die meisten Staaten bei Hinrichtungen starke Narkosemittel als erstes Präparat verabreicht. Sie sollen den Häftling vollständig bewusstlos machen, ehe die tödlichen Gifte gespritzt werden. Höllische Qualen sollen so vermieden werden. Seit die Hersteller der Narkosemittel die Verwendung bei Exekutionen verboten haben, suchen die Behörden krampfhaft nach Alternativen. Und setzen derweil Midazolam ein.

Narkosemittel Midazolam: Für normale Operationen nicht zugelasse, für Todeskandidaten gut genug. Bild: /AP/KEYSTONE

Midazolam wurde für Locketts und weitere Hinrichtungen verwendet, bei denen die Häftlinge lange bei Bewusstsein blieben und sichtlich litten. Es bestehen ernste Zweifel, ob Midazolam seinen Zweck erfüllt – die US-Gesundheitsbehörde hat es nicht einmal für normale Operationen zugelassen.

Charles Warner reichte mit drei weiteren Todeskandidaten eine Klage gegen die Verwendung von Midazolam ein. Als er am 15. Januar aufwachte, hoffte er erneut, seiner für 18 Uhr geplanten Hinrichtung zu entgehen: dann nämlich, wenn der Supreme Court die Klage angenommen und die Hinrichtung bis zu einem Urteil ausgesetzt hätte.

Warner ass erneut um 12 Uhr mittags seine letzte Mahlzeit, am Nachmittag verabschiedete er sich ein zweites Mal von seiner Familie. Doch als die Zeit gekommen war, geschah zunächst nichts. Warner erfuhr, dass die obersten Richter in Washington noch über einen Aufschub berieten. Wieder Hoffen, zehn Minuten, zwanzig. Schliesslich wurde Warner doch abgeholt und hingerichtet.

Charles Warner: Zuerst Nervenfolter, dann Vollstreckung der Todesstrafe. Bild: HANDOUT/REUTERS

Weiterer Kläger soll hingerichtet werden

Das Oberste Gericht hatte den Antrag abgelehnt, mit fünf zu vier Richterstimmen. Die fünf Richter, die gegen ihn stimmten, wurden von den Republikanern nominiert, die vier anderen von den Demokraten.

Was Charles Warner gleich mehrfach erleben musste, ist psychische Folter. Und sie ist keine Ausnahme: Oft entscheiden die Gerichte buchstäblich in letzter Minute, ob sie einen Aufschub gewähren. Neben der Tötung an sich wäre allein diese Nervenfolter eine grobe Menschenrechtsverletzung.

Noch absurder wurde Warners Fall, als der Supreme Court eine Woche nach der Hinrichtung erklärte, man nehme die Klage von Warner und den drei weiteren Todeskandidaten an und wolle im Mai ein Urteil fällen, ob die Verwendung von Midazolam verfassungsgemäss ist.

Todeskandidat Richard Glossip: Aufschub in letzter Minute.   Bild: AP/Oklahoma Department of Corrections

Und es wird noch absurder. Einer der verbliebenen drei Kläger sollte am Donnerstagabend in Oklahoma hingerichtet werden: Richard Glossip, bei dem sogar vieles dafür spricht, dass er unschuldig ist. Nach der Ankündigung des Supreme Courts, im Mai eine Grundsatzentscheidung fällen zu wollen, forderte am Montag sogar Oklahomas Oberstaatsanwalt, Glossips Hinrichtung bis dahin aufzuschieben. Doch der Supreme Court liess Glossip, der eigentlich schon im November sterben sollte, erneut bis zum Vorabend seiner Hinrichtung im Unklaren, eher er am Mittwoch einen weiteren Aufschub gewährte.

Verstörendes Tauziehen um Leben und Tod

Dieses Tauziehen um Leben und Tod ist verstörend, es ist eine Farce, die eines demokratischen Rechtsstaats nicht würdig ist. Das alles findet schliesslich nicht in Saudi-Arabien, sondern in der Führungsmacht der westlichen Welt statt. Dort verbringen Beamte mit Hochschulabschluss allen Ernstes ihre Tage damit, dafür zu kämpfen, dass ihr Staat seine Bürger auch künftig mit untauglichen Präparaten vom Leben in den Tod befördern darf.

Dass die Giftspritze das Töten sanft gestaltet, hat sich als grosse Illusion erwiesen. Menschen das Leben zu nehmen, ist immer ein Akt von Gewalt, grausam und brutal. Ein Staat sollte sich niemals auf das Niveau derer begeben, die er für ihre Taten bestrafen will.

Doch wann immer sich Grausamkeiten, Fehler und Absurditäten häufen, kündigt sich zugleich ein Ende an. Es werden noch weitere Menschen in den USA hingerichtet werden. Aber früher oder später werden die Amerikaner den Irrsinn dieses Systems nicht mehr ausblenden können. Wer es gut meint mit diesem Land, muss diese Hoffnung haben. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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    Alle Leser-Kommentare
  • flv 30.01.2015 00:31
    Highlight dass ein täter einer gewissen tat die todesstrafe verdient, kann ich persönlich irgendwie nachvollziehen (charlie hebdo attentat etc.), aber das problem ist immer die rechtslage. sobald man die todesstrafe als höchststrafe im recht verankert, hat man ein riesengrosses problem: was passiert mit den falsch verurteilten? davon gibt es leider immer welche. und das ist in keiner weise entschuldbar! die öffentlichkeit sucht immer sündenböcke. wenn die dann zur todesstrafe verurteilt würden... gute nacht... dann will ich nicht mehr hier leben!
    1 1 Melden
  • Statler 29.01.2015 23:39
    Highlight Schon seltsam, dass alle US-Präsidenten, die sich fast pausenlos auf Gott beziehen, dessen siebtes Gebot anscheinend einfach «vergessen» haben. Welchen Teil von «Du sollst nicht töten» haben die nicht verstanden? Und vor allem: warum fällt das keinem auf? Oder gibt's bei dem Gebot eine Fussnote, die nur die Amis kennen?
    3 0 Melden
  • Matthias Studer 29.01.2015 23:01
    Highlight Bei dem Rechts.- und Justizsystem wie es die USA betreibt, MUSS die Todesstrafe abgeschafft werden. Man kann seine Unschuld deutlich weniger gut beweisen, wie eben die Gegnerschaft beweisen muss, dass man es getan hat. Falsche Beschuldigungen, Beweisführungen, usw. Dies ist der grosse Unterschied zu unserem System, auch wenn viele Leute hier meinen, man muss seine Unschuld beweisen. Gerade in der letzten Zeit hat es immer wieder Fälle gegeben, die dank modernster Technik die Unschuld bewiesen werden konnte.
    3 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 29.01.2015 22:44
    Highlight Eine Justiz die auf dem Prinzip Rache aufbaut ist des Rechtsstaates unwürdig.
    15 2 Melden
  • pistenbully28 29.01.2015 21:34
    Highlight Die persönliche Meinung eines Journalisten darf nicht in einen Artikel miteinbezogen werden. Spannendes Thema doch leider nicht objektiv genug geschrieben.
    9 14 Melden
    • Luca Andrea 30.01.2015 03:10
      Highlight Bei der Betrachtung eines gesellschaftlichen oder politischen Problems, so wie hier, finde ich eine persönliche Meinung durchaus angebracht.
      4 0 Melden
  • Jimmy :D 29.01.2015 20:45
    Highlight Die Todesstrafe hat meine Meinung nach nichts mit Demokratie sondern viel mehr mit Mittelalter zu tun.
    Amerika soll diesen Schwachsinn endlich abschaffen !
    23 3 Melden
  • zombie1969 29.01.2015 20:37
    Highlight Die Todesstrafe ist nach einem rechtsstaatlichen Verfahren hinnehmbar,wenn man von der Tat und dem Leiden der Opfer ausgeht.
    Man tötet, wenn es sein muss, in Notwehr. Also geht es bei der Diskussion nicht ums Lebennehmen,wozu nur angeblich niemand berechtigt sei, sondern um die Frage: Darf der Staat im Auftrag des Gesetzgebers töten?Er darf mich in den Krieg schicken dürfte hier als Antwort dazu reichen.
    Aber darf er prozessual töten? Darauf lautet die Antwort: Nein oder Ja. Und egal, zu welcher Antwort man neigt, ein besserer Mensch wird man deswegen nicht, auch wenn man tief betroffen ist.
    12 7 Melden

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