Gesellschaft & Politik

Der Richter zu Ricky Jackson: «Das Leben ist voller kleiner Siege, das hier ist ein grosser.» Bild: AP

Das unglaubliche Ende eines Justizskandals

«Ich bin einfach froh, Menschen zu sehen»

Als Kind hatte Eddie gelogen und damit drei schwarze Männer in den USA ins Gefängnis gebracht. Jetzt, 39 Jahre später, sind die Männer frei und der Junge von damals ist ein Wrack.

22.11.14, 22:48 23.11.14, 10:39

Frauke Lüpke-Narberhaus / spiegel online

Ein Artikel von

Als die Richter Ricky Jackson wegen Mordes zum Tode verurteilten, gab es keine Beweise: Die Tatwaffe tauchte nie auf, der Fluchtwagen auch nicht, ein Beweismittel verschwand. Es gab nur die Aussage eines zwölfjährigen Jungen. Er hatte gelogen und damit vier Leben zerstört: sein eigenes, das zweier Brüder und das von Ricky Jackson.

Diese Woche, 39 Jahre später, verliess Ricky Jackson als freier Mann das Gericht, gefilmt, befragt und beobachtet von Dutzenden Journalisten. Auch die Brüder sind inzwischen frei, sie sollten die Tat gemeinsam begangen haben.

Jackson sagt über den Jungen Eddie: «Ich hasse ihn nicht.» Er sei noch ein Kind gewesen, von der Polizei manipuliert und benutzt, um sie ins Gefängnis zu bringen. 

Was damals passierte, hat der Reporter Kyle Swenson im Sommer 2011 für das alternative Magazin The Cleveland Scene recherchiert. Ohne ihn sässe Jackson wohl immer noch im Gefängnis.

Am Nachmittag des 19. Mai 1975 traf Jackson, damals 18 Jahre alt, zwei Freunde, schreibt Reporter Swenson, die Brüder Ronnie und Wiley Bridgeman, sie waren Nachbarn in Cleveland, kannten sich seit Jahren, galten in der Nachbarschaft als brave Jungs, die sich um ihre Mutter kümmern. Sie schlenderten durch die Strasse, blauer Himmel, heisse Sonne, als ihnen jemand sagte, es habe einen Raubüberfall gegeben. Ein weisser Mann sei gestorben. 

Die Brüder gingen hin

Zur Tatzeit sass der zwölfjährige Junge Eddie mit Klassenkameraden im Bus auf dem Weg nach Hause, das sagten Zeugen damals vor Gericht. Der Junge behauptete etwas anderes: Erst sagte er, als er aus dem Bus gestiegen sei, habe er Jackson und die Brüder in einem grünen Auto vom Tatort davonfahren sehen. Dann sagte er, er habe auch die Tat gesehen. 

Die beiden Brüder Bridgeman sassen ebenfalls unschuldig im Gefängnis. Einer der beiden kam schon vor einigen Jahren frei. Bild: AP

Als die Polizei ihm sieben Verdächtigte präsentierte, darunter Jackson und die Brüder, erkannte er erst niemanden, dann ging er kurz aus dem Raum und zeigte danach auf Jackson und die Brüder. Selbst seiner Familie sei das komisch vorgekommen, schreibt der Reporter.

Das Gericht verurteilte die drei Männer trotzdem, alle drei waren schwarz und bislang nicht vorbestraft.

Er habe diesen Artikel gelesen, sagte Jacksons Anwalt Brian Howe später «ABC News», danach habe er den Fall übernommen. Howe arbeitet beim Ohio Innocence Project, das die Recherchearbeit koordinierte. Jahre habe es gedauert, sagte der Anwalt, den Fall zu entwirren. Geholfen hat ihnen dabei vor allem Eddie, der Junge von damals. Inzwischen ist er 52 Jahre alt, ein Mann, der seit 39 Jahren unter der Lüge leidet.

Dabei habe er damals, sagt Eddie, nur der Polizei helfen wollen

Nach dem Raubüberfall im Jahre 1975 hörte Eddie, dass jemand die Namen von Ricky Jackson und den Brüdern nannte, schreibt The Cleveland Scene. Eddie war mit dem Ladenbesitzer befreundet, er ging zur Polizei, nannte die Namen und behauptete, er habe die Schiesserei gesehen. 

Als er sie dann bei der Gegenüberstellung sah, aber nicht erkannte, führte ein Polizist ihn ins Hinterzimmer. Er habe ihn angeschrien, erinnert Eddie sich, ihn einen Lügner genannt, mit der Hand auf den Tisch geschlagen und dann gesagt, er sei zwar zu jung, um ins Gefängnis zu kommen, aber seine Eltern, die würde er festnehmen. «Das hat mir Angst gemacht.» Später habe die Polizei ihn mit weiteren Informationen versorgt, ihm beispielsweise von dem grünen Auto erzählt, das davonfuhr. So steht es in einer eidesstattlichen Erklärung, die Eddie in diesem Frühjahr abgab, berichtet das Magazin.

All das wiederholte er in dieser Woche noch einmal vor Gericht. Immer wieder sei er während seiner Aussage zusammengebrochen, sagte der Vorsitzende Richter ABC News, er habe von seiner Angst erzählt, die ihn seitdem begleitet, Angst ins Gefängnis zu müssen, wenn er die Wahrheit sagt. 

Die Brüder und Jackson waren damals nicht zur Tatzeit am Tatort, das hatte der Journalist Kyle Swenson für das Magazin «The Cleveland Scene» vor drei Jahren recherchiert und aufgeschrieben. Bild: AP

«Er war ein Wrack», sagte der Richter

Jackson sagte den zahlreichen Reportern, es brauche sehr viel Mut, das zu tun, was Eddie jetzt getan habe. «Sie haben versucht ihn zu brechen, sie haben versucht, ihn zu verwirren», sagte Jackson über die Verhandlung. «Aber letztlich hat er immer wieder das gleiche gesagt: Sie haben es nicht getan. Ich habe gelogen.» 

«Was werden Sie jetzt tun?», fragen die Journalisten Jackson vor Gericht. 

«Du sitzt so lange im Gefängnis, denkst an diesen Tag, und wenn er da ist, weisst du nicht, was du tun sollst. Du tust einfach irgendwas.» 

«Wie aufgeregt sind Sie, die Brüder zu sehen?» 

Jackson, entschuldigt sich, hält sich die Hand vors Gesicht, «wir haben viel zusammen durchgemacht». 

«Ich bin einfach froh, Menschen zu sehen.»

«Was werden Sie essen?» 

«Hauptsache kein Gefängnisessen.» Jackson lacht. 

«Sie haben im Gerichtssaal einige Menschen angelächelt. Wer war das?» 

«Freunde, Familie und einfach Menschen. Ich bin einfach froh, Menschen zu sehen.» 

Jackson trägt einen grauen Pullover mit grauen Rauten, sein Bart ist grau, die Haare kurz, die Brille randlos. Er lacht viel, herzlich, erleichtert, ungläubig. Als er vor die Tür tritt, klicken die Kameras, Menschen klatschen, er hält sich die Hand vor die Augen, dann vor den Mund, seine Augen sind glasig. Er atmet tief aus und geht.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Maya Eldorado 23.11.2014 17:36
    Highlight Das Erstaunlichste an der Geschichte ist Jackson selber.
    Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er im Gefängnis, lange Zeit sogar als Todeskandidat.
    Er hat keinen Hass auf Eddie, der ihm das alles eingebrockt hatte, nicht mal Groll. Das soll ihm mal jemand nachmachen! Das ist eine übermenschliche Gabe, ein Geschenk des Himmels.
    Keine Spur von Verbitterung, einfach dankbar darüber, wieder frei anderen Menschen begegnen zu können.
    2 0 Melden
  • Yelina 23.11.2014 07:38
    Highlight Eines der besten Argumente gegen die Todesstrafe... Wie viele Unschuldige wurden wohl bereits hingerichtet?!
    13 0 Melden

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