Gesellschaft & Politik
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FILE - In this Dec. 27, 2012 file photo, Cori Sorensen, a fourth grade teacher from Highland Elementary School in Highland, Utah, receives firearms training with a .357 magnum from personal defense instructor Jim McCarthy during concealed weapons training for 200 Utah teachers, in West Valley City, Utah. Legislators alarmed by the prospect of armed teachers in classrooms are proposing a counter-measure: The teachers would have to disclose they're packing to parents, who could have their children reassigned to another class. Gun lobbyists say the promised legislation runs counter to common sense because privacy is a cornerstone of having a permit to conceal a weapon. Utah allows teachers to pack guns in classrooms, and more teachers are applying for the permit. (AP Photo/Rick Bowmer, File)

Eine Grundschul-Lehrerin in Utah wird an der Waffe ausgebildet – ein Trend, der sorgenvoll beobachtet wird Bild: AP

Lehrer in den USA

Mit der Waffe im Schulzimmer

Täglich sterben in den USA 86 Menschen durch Schüsse. Aufgerüstet wird weiter: Immer mehr Lehrer stehen mit Pistole vor der Klasse.

17.09.14, 16:13 17.09.14, 18:36

jürg müller-muralt / Infosperber

Es ist ruhig geworden um eine Revision der Waffengesetzgebung in den USA. Noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres sah es anders aus: Nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut vom Dezember 2012 war der Druck der Öffentlichkeit gross, die laschen Waffengesetze etwas zu verschärfen. Beim grössten Massaker an einer amerikanischen Schule kamen 27 Menschen ums Leben, darunter 20 Kinder.

US-Präsident Barack Obama setzte sich persönlich für einen restriktiveren Umgang mit Schusswaffen ein, und er wusste eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hinter sich. Doch mittlerweile sind praktisch alle angekündigten Massnahmen im Sand verlaufen, die landesweite Verschärfung der Gesetze ist gescheitert. Es ist der mächtigen Waffenlobby (NRA) mit massiven Werbekampagnen gelungen, das Ruder herumzureissen.  

epa03510165 A supporter of gun control stands with signs that read; 'Gun Control Save Our Children' (L), 'We Love You Mr. President, Please Put Gun Control on the Agenda' (R) and 'Stand Up To NRA' (back), outside the White House in Washington DC, USA, 15 December 2012.  Reports state on 14 December 2012 that a gun man unleashed a hail of gunfire that killed 20 children and six adults at a school in Newtown, a quiet, affluent suburb of 27,500 people about 100 kilometres north-east of New York City. He then killed himself inside Sandy Hook Elementary School, having previously killed his mother.  EPA/MICHAEL REYNOLDS

Nach dem Massaker an einer Schule in Newtown 2012 schien eine Revision der Waffengesetzgebung nur eine Frage der Zeit Bild: EPA

Erschreckende Zahlen

Das Problem ist dadurch allerdings nicht verschwunden. Die vom früheren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ins Leben gerufene Initiative «Everytown for Gun Safety» (EfGS) publiziert erschreckende Zahlen: Seit dem Massaker von Newtown hat es mindestens 74 weitere Schiessereien an Schulen gegeben. Jährlich werden mehr als 31 000 Menschen in den USA durch eine Schusswaffe getötet, das sind durchschnittlich 86 jeden Tag. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch Schüsse zu sterben, ist gemäss EfGS-Homepage etwa 20 Mal höher als in anderen entwickelten Ländern.

Während des achtjährigen Irak-Kriegs fielen rund 3500 US-Soldaten; im gleichen Zeitraum wurden gemäss Zahlen der amerikanischen Bundespolizei FBI 3113 Menschen allein in Philadelphia getötet. In Chicago waren es zwischen 2002 und 2012 rund 5000 Menschen, das sind fast dreimal mehr als die Getöteten auf amerikanischer Seite während der gleichen Zeitspanne in Afghanistan

Immerhin hat sich seit dem Massaker von Newtown zumindest in einzelnen US-Bundesstaaten etwas bewegt. Die Bilanz ist allerdings nicht sehr ermutigend, wie eine Zusammenstellung in der deutschen Tageszeitung «Die Welt» zeigt. Zwar setzten 21 Staaten, darunter New York und Colorado, zumindest teilweise schärfere Waffengesetze um. Doch zehn Bundesstaaten haben seit dem Amoklauf von Newtown ihre Gesetze eher noch gelockert als verschärft.

FILE - In this May 29, 2014, file photo, Kory Watkins, front, coordinator for Open Carry Tarrant County, carries his Romanian AK 47 over his shoulder as he and his wife Janie, rear, along with others, gather for a demonstration in Haltom City, Texas. Companies, customers and others critical of Texas gun rights advocates who have brought military-style assault rifles into businesses as part of demonstrations supporting

NRA-Sympathisanten in Texas – die rumänische AK 47 lässig umgehängt   Bild: AP

Schussbereit im Klassenzimmer

Gleichzeitig zeichnet sich eine besonders beunruhigende Entwicklung ab: Immer mehr Bundesstaaten erlauben Lehrerinnen und Lehrern, eine Waffe bei sich zu tragen. Als jüngstes Beispiel nennt die «Welt» Missouri. Dort wurde vor wenigen Tagen «mit der Zweidrittelmehrheit der Republikaner im Senat ein Gesetz verabschiedet, das Lehrern an Schulen das verdeckte Tragen einer Waffe auch während des Unterrichts generell erlaubt.» Schülerinnen, Schüler und Eltern wissen dabei nicht, welche Erzieherinnen und Erzieher bewaffnet und schussbereit im Klassenzimmer stehen.

Dass es dabei auch zu Unfällen kommen kann, ist unvermeidlich: In Utah, wo ein ähnliches Gesetz gilt, hat sich dieser Tage eine wehrhafte Grundschullehrerin kurz vor Unterrichtsbeginn in der Toilette versehentlich ins eigene Bein geschossen; sie liegt mit ernsthaften Verletzungen im Spital. 

Das stört die Waffenlobby (NRA) nicht, im Gegenteil, sie will weiter aufrüsten: Ein NRA-Vertreter hat jüngst in einer Videobotschaft auf Youtube nicht nur die durchgehende Bewaffnung der Lehrer, sondern auch der Schüler gefordert. Das Motto: «Everyone Gets a Gun», jeder kriegt eine Waffe.

«Everyone gets a gun»: Videobotschaft der Waffenlobbyisten NRA youtube/nranews

Schlimmer als bei Kriegsveteranen

Von weiteren «Kollateralschäden» der alltäglichen amerikanischen Waffenpräsenz weiss die unabhängige US-Informationsplattform «Pro Publica» zu berichten: Tausende von Amerikanerinnen und Amerikanern leiden als Folge der anhaltenden Gewalt in Amerikas Innenstädten unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD): Albträume, Depressionen, ständige Angstgefühle.

Wissenschaftler untersuchten Tausende von Personen, die in Städten wie Detroit und Baltimore mit irgendeiner Form von Gewalt in Kontakt gekommen seien. Rund 30 Prozent der Untersuchten zeigten Symptome von PTSD, «eine Rate die ebenso hoch, wenn nicht höher ist als jene von Kriegsveteranen aus Vietnam, Irak und Afghanistan.» Zwar seien die meisten von ihnen nicht selbst akut gewalttätig, doch zeigten viele ein erhöhtes Risiko zu Aggressivität und Gewaltbereitschaft, vor allem zu häuslicher Gewalt.  

Die Forscher machen darauf aufmerksam, die Vernachlässigung ziviler Formen von PTSD als ernstzunehmendes und wachsendes Gesundheitsproblem gefährde zunehmend die öffentliche Sicherheit. Ärzte und Spitäler kümmerten sich meist lediglich um die körperlichen Verletzungen, nicht jedoch um die psychischen. Im Gegensatz zu den militärischen Gewaltopfern gebe es kein Kriegsveteranenministerium, das sich um die Behandlung der Patienten kümmere.

«Jemand muss aufstehen und klar und deutlich sagen: Wir haben in den USA wegen der anhaltenden Schusswaffengewalt sehr viele schwer traumatisierte Leute.»

Arthur Evans, Gesundheitsdepartement Philadephia

Immerhin, so schreibt «Pro Publica», wachse das Bewusstsein von Gesundheitspolitikern, Medizinern, Lehrkräften und Polizei, dass es sich um ein grosses Problem der öffentlichen Gesundheit handle und Gegenmassnahmen notwendig seien.

Einer, der sich grosse Verdienste um die Lösung dieser Fragen erworben hat, ist Arthur C. Evans vom Gesundheitsdepartement von Philadelphia. Er appelliert an die Öffentlichkeit: «Jemand muss aufstehen und klar und deutlich sagen: Wir haben in den USA wegen der anhaltenden Schusswaffengewalt sehr viele schwer traumatisierte Leute. Und es betrifft eben nicht nur jene, die selbst angeschossen, sondern auch jene, die Zeugen dieser Gewalt werden».



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