Gesellschaft & Politik

Es wird eng

In den Schweizer Gefängnissen hat es erstmals mehr Insassen als Plätze

Die Gefängnisse sind voll, sogar übervoll. 2013 waren in der Schweiz 7072 Erwachsene inhaftiert. Platz hätte es für 7048 Gefangene. Dafür sitzen immer weniger Jugendliche hinter Gittern.

27.01.14, 11:13 27.01.14, 14:51

In der Schweiz waren letztes Jahr so viele Menschen inhaftiert wie nie zuvor, wie das Bundesamt für Statistik (BfS) für den Stichtag vom 4. September 2013 ermittelte. 

Übervolle Schweizer Gefängnisse

Grafik: watson/BfS

Romandie und Tessin

Besonders angespannt war die Lage in den Gefängnissen der lateinischen Schweiz. Dort weist das BfS einen Belegungsgrad von 115,5 Prozent aus. Konkret bedeutet dies, dass in der Romandie und im Tessin für die insgesamt 2662 Gefangenen 357 Plätze fehlten. Seit Jahren wegen Platzmangels in den Schlagzeilen ist dabei das Gefängnis Champ-Dollon in Genf. 

Der Anteil der Frauen blieb konstant; bei den Minderjährigen war sogar ein Rückgang zu verzeichnen. Hingegen ist der Anteil der erwachsenen Männer gestiegen. Auch der Ausländeranteil (erst seit 2004 erfasst) erreichte 2013 ein Allzeithoch: Drei von vier Insassen haben keinen Schweizer Pass.

Mehr Urteile

Ein Grund für die Überbelegung ist, dass mehr Menschen zu Freiheitsstrafen verurteilt werden, auch wenn seit Einführung der neuen Strafprozessordnung im Jahr 2007 die Hauptsanktion eine Geldstrafe ist. 

Seit 1999 habe die Zahl der Verurteilten um 35 Prozent zugenommen, schreibt das Bundesamt für Statistik in seiner Mitteilung. Im vergangenen Jahr habe die Zahl mit 3667 Insassen im Straf- und Massnahmenvollzug einen neuen Rekord erreicht.

Deutschschweiz

In der Nord- und Innerschweiz sind die Gefängnisse ebenfalls voll: Dort kamen auf 2377 Insassen 2381 Betten, vier waren noch frei. Entspannter erscheint die Lage in der Ostschweiz: Dort wären noch Plätze frei in den Gefängnissen und Justizvollzugsanstalten, welche «nur» zu 86,1 Prozent belegt sind. 

51 Prozent der Insassen waren gemäss der Statistik verurteilte Personen im Straf- und Massnahmenvollzug. 30 Prozent der Inhaftierten befanden sich in der Untersuchungshaft.

Auch hinsichtlich Todesfälle gab es zuletzt einen Negativ-Rekord: 2012 starben in Schweizer Gefängnissen 29 Personen, mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. In der Regel handelt es sich bei der Hälfte der Todesfälle um Suizide.

Todesfälle auf Allzeithoch

Grafik: watson/BfS

Und dann noch eine erfreuliche Statistik: Die Zahl der Ausbrüche ist 2013 im Vergleich zum Vorjahr von 33 auf 24 gesunken.

Weniger Minderjährige in Haft

Ebenfalls erfreulich ist die Entwicklung bei den Jugendlichen: Die Zahl der inhaftierten Minderjährigen hat seit 2011 um rund einen Viertel abgenommen. Gemäss BfS waren 575 Minderjährige nach Jugendstrafrecht in geeigneten Einrichtungen oder in Haft – neun Prozent weniger als im Vorjahr. 

Grund sei, dass die Gerichte bei Jugendlichen weniger Freiheitsstrafen verhängen würden, sagte Blaise Péquignot, Sekretär des Strafvollzugskonkordats der sieben lateinischen Kantone, der Nachrichtenagentur sda. Freiheitsstrafen gälten nur noch als allerletztes Mittel bei Jugendlichen.

Auch bei dieser Altersgruppe gilt übrigens, dass der Anteil des weiblichen Geschlechts weit unter jenem des männlichen liegt: Maximal elf Prozent der inhaftierten Jugendlichen waren in den letzten vier Jahren weiblich. 

Rückgang bei den Jugendlichen

Grafik: watson/BfS

Grafik: watson/BfS

Im Gegensatz zu den erwachsenen Häftlingen sind bei den Minderjährigen die Personen mit Schweizer Nationalität klar in der Überzahl: 

Mehr Schweizer als Ausländer

Grafik: watson/BfS

Nur ein kleiner Teil der Personen im Jugendsanktionsvollzug befindet sich im eigentlichen Freiheitsentzug. Die überwiegende Mehrheit ist im Rahmen von Schutzmassnahmen bzw. vorsorglichen Schutzmassnahmen in Erziehungseinrichtungen platziert: 

Grafik: watson/BfS

In den Schweizer Justizvollzugsanstalten und Gefängnissen sassen gemäss BfS auch 141 Verwahrte ein. Seit Inkrafttreten des revidierten Strafgesetzbuches im Jahr 2007 gab es gemäss dem Bundesamt durchschnittlich vier Verurteilungen mit einer Verwahrung. (kri/dhr/sda)

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • _Michael 27.01.2014 13:44
    Highlight Die Grafiken (inkl. Animationen) sind perfekt inszeniert und praktisch selbstredend. Super gemacht! Klar ist, dass diese überfüllten Gefängnisse ein Problem sind, welches gelöst werden muss. Ob dieses mit Abkommen mit anderen Staaten oder vielleicht auch mit der Privatisierung der Gefängnisse gelöst werden soll, schwer zu sagen.
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    • Thomas 27.01.2014 15:28
      Highlight Selbstredend, das verstehe ich nicht. Mir fehlen die Erklärungen (ausgenommen der erwähnte Paradigmenwechsel in Bezug auf minderjährige Delinquenten)...
      0 0 Melden
  • Thomas 27.01.2014 12:01
    Highlight Wo bleibt der Kontext? Z.B. Relativierung der Zahlen --> Fünf Häftlinge pro 100'000 Einwohner mehr als im Jahre 1999 im Vergleich zu einem Bevölkerungsanstieg um (2000-2012) 835'005 Personen.
    3 0 Melden
    • Oberon 27.01.2014 18:45
      Highlight Jo das hat mir auch gefehlt und diese Zahlen entschärfen die ganze Thematik um einiges.
      Eine Info die sicher auch viele interessieren könnte, wäre die Anzahl von Schweizer Bürgern die in ausländischen Gefängnissen stecken. Leider stehen zu wenig gesicherte Daten zu Verfügung, aber es sind wenige (unter 400).
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  • zombie1969 27.01.2014 11:56
    Highlight Ein Grund mehr, mit entsprechenden Abkommen andere Staaten dazu zu verpflichten, ihre Staatsangehörigen zur Verbüßung der Strafe zurückzunehmen. Es besteht nach wie vor kein Grund, dass die CH für ausländische Straftäter jedes Jahr mit Milliardenbeträgen aufzukommen hat. Dieses eingesparte Geld ist bei bedürftigen einheimischen Familien besser angelegt.
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    • Oberon 27.01.2014 18:53
      Highlight Hm, du machst da einen kleinen denk Fehler. Sobald ein Erdenbewohner in der Schweiz von einem Gericht verurteilt wird, dann ist es im sinne der Schweiz diese Täter auch entsprechend einzusperren. Was bei uns verboten ist muss noch lange nicht in einem anderen Land so sein.

      Wir sollten eher endlich unsere Luxustempel, auch Gefängnis genannt, abreissen und wieder vernünftig an das Thema heran gehen.
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    • Roberto Binswanger 27.01.2014 19:29
      Highlight Der hohe Anteil der ausländischen Strafgefangenen zeigt doch klar auf, wo das Problem liegt. Der humane Strafvollzug wirkt sich eher anziehend denn abschreckend auf die Ausländer aus. Und Wieder-Integration in die Gesellschaft -oberstes Ziel des Strafvollzugs- funktioniert eben gerade bei den Ausländern nicht.
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