Gesellschaft & Politik

Angezählter Meinungsforscher

SRF-Chefredaktor nimmt Claude Longchamp in Schutz

27.04.14, 05:50 27.04.14, 09:49
Portrait von Claude Longchamp, Leiter des Forschungsinstituts gfs.bern, aufgenommen am 22. Januar 2010 in Bern. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

In der Kritik: Politologe Claude Longchamp. Bild: KEYSTONE

Der neue Chefredaktor des Schweizer Fernsehens SRF, Tristan Brenn, verteidigt den kritisierten Politologen Claude Longchamp. Er spricht ihm für Umfragen und Abstimmungsanalysen das Vertrauen aus. Dennoch soll es im kommenden Wahljahr weniger Umfragen als 2011 geben. 

«Es werden 2015 weniger als sechs Umfragen sein», sagte Brenn im Interview mit dem «SonntagsBlick». 2011 hatte Longchamps Institut gfs.Bern sechs Umfragen durchgeführt ­­– und zudem eine im Jahr 2010. Er könne die Kritik der Parteien «ein Stück weit nachvollziehen», dass bei zu vielen Umfragen die Debatte über Inhalte leiden könnte, sagte Brenn. 

Mit den Vox-Analysen, die jüngst wegen zu tiefer Angaben über die Stimmbeteiligung von Jungen in die Kritik geraten sind, habe SRF nichts zu tun und diese Kritik wolle er auch nicht beurteilen, sagte Brenn weiter. 

«Was Umfragen und Abstimmungsanalysen angeht, vertraue ich Claude Longchamp zu hundert Prozent.» Longchamp mache einen hervorragenden Job und sei am Bildschirm «Gold wert». Berner Politologen seien bei einer Auswertung überdies zum Schluss gekommen, dass die Umfragen - Wahlbarometer genannt - im internationalen Vergleich sehr gut seien. 

Tristan Brenn gibt Claude Longchamp Rückendeckung. Bild: SRF

Studie angekündigt

Longchamp selbst ging in der Sonntagspresse in die Offensive. Er wolle noch in diesem Jahr eine «Spezialstudie» zur Stimmbeteiligung der Jungen beginnen, sagte er der «Zentralschweiz am Sonntag». Er wünscht sich, dass die Diskussionen sich stärker um die unbestritten tiefe Stimmbeteiligung der Jungen drehen würde als um die genaue Zahl der Beteiligung. 

In der Studie solle es darum gehen, warum Junge abstimmen gehen oder nicht. «Was steckt dahinter, dass sie der Urne fernbleiben?» Eine Hypothese unter mehreren könnte seiner Ansicht nach sein, dass sich Junge zunehmend «einflusslos» fühlen. «Unsere Gesellschaft altert immer mehr, was auch bedeutet, dass die junge Generation immer mehr zur Minderheit wird.» 

Longchamp äussert erneut Bedauern

In der «SonntagsZeitung» bedauerte Longchamp erneut den Fehler um die Stimmbeteiligung, die er mit 17 Prozent angab, welche aber höher liegen könnte. Dass ein Fehler passiert sei, tue ihm «unendlich leid», sagte er. Er habe an der Kritik der vergangenen zwei Wochen stark gelitten - unter anderem, weil er sich stets für eine differenzierte Betrachtung eingesetzt habe. 

Keine Verantwortung will er aber für weitere heikle Aussagen übernehmen, die aufgrund von kleinen Gruppen von Befragten – etwa zum Stimmverhalten der FDP- oder CVP-Anhänger – zustande kamen. Dabei ist die statistische Unschärfe beträchtlich. «Ich habe die Daten nur erhoben, nicht interpretiert», sagte er. Dafür waren bei der Februar-Abstimmung die Politologen der Universität Genf zuständig. 

Am morgigen Montag kommen die für die Vox-Analysen zuständigen Partner zusammen, um methodische Fragen zu besprechen. Dabei werde die Berechnung der Stimmbeteiligung der Jungen thematisiert, sagte Longchamp. «Überdies bin ich der Meinung, dass wir mögliche Unschärfen noch deutlicher und verständlicher kommunizieren müssen.» (rey/sda) 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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    Alle Leser-Kommentare
  • ilex minor 27.04.2014 08:41
    Highlight Was mich mehr ärgert als seine gelegentlichen Fehlprognosen, sind seine Nachbetrachtungen. Kaum sind die ersten Hochrechnungen im Studio, beginnt Longchamp mit seinen Analysen. Das ist einfach nicht seriös. Mit Vorliebe bewirtschaftet er seine Grabenteorien. Stadt-Land, Deutschschweiz-Westschweiz, Jung gegen Alt, und Frauen gegen Männer. Manchmal sind es auch Rechtfertigungsversuche für die sich abzeichnende Fehlprognose. Eine Bloggerin hat vorgeschlagen, die Umfragen und die Analysen von verschiedenen Instituten machen zu lassen, dem kann ich nur zustimmen.
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  • Schneider Alex 27.04.2014 06:16
    Highlight Longchamp und seine fehlerhafte Umfragemethode

    Jeder Umfrage-Profi weiss, dass bei emotional aufgeladenen politischen Fragestellungen die Leute bei Befragungen nicht ihre wahren Absichten preisgeben. Dies sollte bei der Darstellung der Ergebnisse über Fehlerspielräume zum Ausdruck kommen. Die Leute sagen nicht immer die Wahrheit, ob sie abstimmen gehen oder nicht und schon gar nicht immer, wie sie abstimmen werden. Sie haben zum Beispiel Angst, als Fremdenfeinde dazustehen.

    Longchamp geht nie auf diesen Effekt ein und behauptet bei seinen Fehlprognosen immer, die Abstimmungskampagne habe die Meinung der Leute in den letzten Abstimmungswochen und -tagen verändert. Das sind Ausreden. Er würde sich besser damit auseinandersetzen, wie er bei den Umfragen zu den wahren Absichten der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger kommt. Vielleicht sollte er einige Tiefeninterviews führen, um den Fehlerspielraum abschätzen zu können.
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