Gesellschaft & Politik

Die Förderung an Entwicklungsstand des Kindes anpassen: Kritik an Sondermassnahmen in der Schule. Bild: KEYSTONE

Umstrittene Fördermassnahmen

Kinderarzt ortet «Therapiewahn» an Zürcher Schulen

Stützunterricht, Psychomotorik oder Lerntherapien: Jedes dritte Kind in Zürich erhält im Laufe seiner Schulzeit eine oder mehrere Fördermassnahmen. Das sei zuviel, kritisiert der Kinderarzt Oskar Jenni.

10.11.14, 05:04 10.11.14, 08:11

«Es kann nicht sein, dass so viele Kinder nicht den Normerwartungen entsprechen», sagte Jenni in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» vom Montag. Unbestritten seien die Spezialmassnahmen für jene fünf bis zehn Prozent der Schüler, die unter Entwicklungsstörungen leiden würden, hält Jenni fest.

Nicht die Therapien, sondern das System hinter den restlichen Massnahmen stelle er infrage. «Fällt ein Kind auf, entscheiden Fach- und Lehrpersonen sowie Eltern im Gespräch über eine Massnahme. Und danach sind alle froh, weil gehandelt wird.» Das berge ein hohes Risiko von Fehleinschätzungen.

«Kinder brauchen aber für ihre Entwicklung und den Lernerfolg möglichst wenige, aber konstante Bezugspersonen.»

Kinderarzt Oskar Jenni

Hintergrund dieser Entwicklung sei die steigende Heterogenität in den Klassen, mit denen die Lehrpersonen konfrontiert würden. «Kinder brauchen aber für ihre Entwicklung und den Lernerfolg möglichst wenige, aber konstante Bezugspersonen.» Nicht weniger Lehrer im Klassenzimmer sei die Lösung, sondern weniger Spezialisten, fordert Jenni. «Therapien und spezifische Förderung sollten denjenigen Kindern vorbehalten sein, die diese wirklich brauchen.» 

«Grundlegende Reform der Lehrerausbildung»

Es brauche grundlegende Reformen in der Ausbildung der Lehrer. Diese sollen sich als «Entwicklungsspezialisten und Lernbegleiter der Kinder verstehen und sich nicht nur um Didaktik, Methodik und Fachwissen kümmern.»

Weil Kinder sehr unterschiedlich seien, komme es zu einer Variabilität, die sich erschwerend auf den Unterricht auswirke. Daran müsse sich das Schulsystem anpassen. Doch der Mechanismus in der Bildung sei genau umgekehrt. «Man propagiert zwar den individuellen Unterricht, setzt aber gleichzeitig kollektive Lernziele, Lehrpläne und Leistungsstandards fest. Das ist ein krasser Widerspruch. Als Folge davon gibt es eine zunehmende Pathologisierung der Kinder.» (kad)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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    Alle Leser-Kommentare
  • flubi 10.11.2014 07:49
    Highlight In einer Weltstadt wie Zürich ist es schick, dass man sich therapieren lässt
    1 0 Melden
  • sewi 10.11.2014 07:07
    Highlight Als meine jetzt zwölfjährige Tochter in der ersten Klasse war, musste sie zur Psychomotorik-Therapie. Per Zufall sei noch ein Platz frei. Die Psychomotoriktante, die auf eigene Rechnung arbeitet, ist eine Kollegin der Klassenlehrerin. Hätte ich den Therapiebesuch abgelehnt, wäre ein Formular zu unterschreiben gewesen, wonach ich die notwendige Unterstützung für das Kind abgelehnt habe....
    2 0 Melden

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