Gesellschaft & Politik

ETH-Professor zum Vox-Debakel

«Meinungsforscher arbeiten leider intransparent» 

ETH-Professor Andreas Diekmann erklärt, warum politische Umfragen oft weit an der Realität vorbeischiessen.

15.04.14, 03:12 15.04.14, 11:13
Andreas Diekmann

*Andreas Diekmann (62) ist seit 2003 Professor für Soziologie an der ETH Zürich und Verfasser eines Standardwerkes über die Methoden der empirischen Sozialforschung.

Lorenz honegger, aargauer zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Herr Diekmann*, bis jetzt galten die Vox-Analysen nach Abstimmungen und Wahlen immer als zuverlässig. Doch wahrscheinlich sind die per Telefoninterviews ermittelten Zahlen zur Stimmbeteiligung der jungen Generation viel zu tief. Überrascht? 

Andreas Diekmann: Keineswegs. Abweichungen gibt es immer. In diesem Fall dürfte die Diskrepanz aber extrem gross sein. 

Wo vermuten Sie das Problem? 
Zuerst einmal: Die Meinungsforschungsinstitute, GfS Bern ist da keine Ausnahme, arbeiten leider ausserordentlich intransparent. Das kritisierte ich schon nach dem Debakel bei den Umfragen zur Minarett initiative 2009. Das Institut veröffentlicht zwar eine Tabelle mit den verwendeten Methoden. Aber es beschreibt nicht im Detail, wie es seine Umfragen durchführt und nachbearbeitet. Gerade bei der Stichprobenziehung des jungen Alterssegmentes passieren Fehler. 18- bis 29-Jährige sind viel unterwegs und oft nur per Handy erreichbar. Auch ihre Teilnahmebereitschaft kann geringer sein als die der älteren Generation. 

GfS Bern hat immerhin 200 junge Stimmberechtigte befragt. 
Das ist eine relativ geringe Zahl. Entsprechend gross sind die Zufallsschwankungen, selbst wenn es keine systematischen Fehler gibt, was ich in diesem Fall aber bezweifle. Das Hauptproblem liegt neben der Stichprobe wahrscheinlich bei der Nachbearbeitung der Umfrageergebnisse. 

Konkret? 
Je nach Parteiaffinität der angegebenen Teilnahme an früheren Urnengängen und weiteren Merkmalen fliessen die Antworten der Befragten stärker oder schwächer ins Endergebnis ein. Man bezeichnet dies im Fachjargon als Gewichtungsverfahren. Wie genau in den Vox-Analysen und anderen Umfragen gewichtet wird, weiss ausserhalb der Hexenküchen der Institute niemand. ​

Warum ist das ein Problem? 
Heutzutage müssen auf jedem Joghurtbecher die Inhaltsstoffe stehen. Nicht so bei Meinungsumfragen. Als Konsequenz kann man die Fehler von aussen nicht identifizieren. Man kann nur mutmassen. 

Aus welchen Gründen hält ein Meinungsforschungsinstitut wie GfS Bern die Methoden unter Verschluss? 
Jedes Institut hat eigene Formeln, die es aus Konkurrenzgründen für sich behalten will. Man lässt sich nur ungern in die Karten schauen. Man will auch nicht nach aussen dringen lassen, wie gering der Anteil der Personen ist, die effektiv erreichbar und bereit sind, an den Umfragen teilzunehmen. 

Was würden Sie jetzt an der Stelle von GfS Bern tun? 
Ich würde zuerst einmal für Transparenz sorgen. Jeder soll die Zahlen in den Vox-Analysen nachrechnen können. Dann würde ich einen Stab mit geeigneten Personen einsetzen, die sich die Sache anschauen können. GfS Bern hat einen Beirat mit sehr kompetenten Mitgliedern. 

Ganz allgemein: Ist es heute, im Zeitalter von Internet und Mobiltelefonen, schwieriger geworden, verlässliche Umfragen durchzuführen? 
In den Achtziger- und Neunzigerjahren war die Dichte der Festnetzanschlüsse noch extrem hoch und es bestand eine Registrationspflicht. Die Verbreitung neuer Technologien macht die Sache bestimmt nicht weniger kompliziert. Die Verlässlichkeit der Ergebnisse hängt zudem stark von der Qualität der Umfragemethodik ab. Es gibt ein ganzes Bündel von Massnahmen, um diese zu erhöhen. Nur kosten diese eben auch. 

Kann man die Ergebnisse der Demoskopen noch ernst nehmen? 
Meinungsumfragen können stark danebenliegen. Ein Schuss Skepsis schadet sicher nie. 

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • daenu 15.04.2014 08:56
    Highlight Ohne Medien wären diese politischen Meinungsumfragen ziemlich gar nichts wert und würden grösstenteils niemanden interessieren. Erst die Medien verhelfen den Meinungsforschern zum Glück und manchmal auch zum Unglück :-)
    0 1 Melden
  • klugundweise 15.04.2014 07:47
    Highlight Ab sofort: vor Abstimmungen keine Meinungsumfragen mehr publizieren! Sie sind einerseits ungenau, unzuverlässig und manipulierbar und beeinflussen andererseits das Wahlverhalten.
    0 1 Melden
    • Mark_Balsiger 15.04.2014 11:26
      Highlight Ein wichtiger Effekt von Meinungsumfragen: Sie wirken als Reminder für Leute, die noch abstimmen möchten. Fielen sie weg, würde vermutlich auch die Stimmbeteiligung sinken.
      1 1 Melden
    • klugundweise 16.04.2014 10:25
      Highlight Ein Weckruf per SMS aufs Handy ist billiger!
      0 0 Melden
  • mojo 15.04.2014 07:45
    Highlight Je mehr Medienpräsenz diese Meinungsumfragen erhalten, desto falscher sind die Zahlen nach der Abstimmung. Fehlt nur noch, dass und Herr Longchamps vorwirft, dass wir deswegen extra anders herum abstimmen. Soviel Geld für soviel Schwachsinn, kann nur von einer staatlich (teil?-)finanzierten Organisation verschleudert werden.
    0 1 Melden
  • Roland Rutz 15.04.2014 07:23
    Highlight Ach so, aus 200 Umfrageteilnehmer mach 2 Mio. Stimmberechtigte? Und die Umfragen sind wahrscheinlich auch grösstenteils in den Städten erfolgt.
    Ein grosses Fragezeichen sehe ich vor meinen Augen: wer finanziert diese Meinungsforscher? Denke mal, grösstenteils der Steuerzahler. Das heisst, wir bezahlen viel Geld für ein Produkt, das wir weder gekauft haben, noch uns in irgendwelcher Art und Weise weiterbringt. Dazu werden wir mit falschen, hochgerechneten Zahlen versorgt, das System der Hochrechnung uns vorenthalten, und somit brandschwarz angelogen!!!
    Streicht denen die Steuergelder. Wetten, müssten sie selber das Geld besorgen, würden ganz andere Zahlen entstehen!
    3 0 Melden
  • sleepalot 15.04.2014 06:40
    Highlight was? es gibt noch meinungsumfragen per telefon? :-)
    geht mit der zeit! ich erhalte ca. jede woche per mail eine anfrage für umfragen. je nach umfang gibts dann 1-2 EUR. und z.b. beim zugfahren kann ich dass dann wunderbar und in aller ruhe ausfüllen.
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