Gesellschaft & Politik
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Wilhelm Tell und Helvetia sammeln Unterschriften fuer die Vollgeld-Initiative, nach einer Medienkonferenz ueber die Lancierung der Vollgeld-Initiative, am Dienstag, 3. Juni 2014, auf dem Bundesplatz in Bern. Nach Willen des Vereins Monetaere Modernisierung soll kuenftig nur noch die Nationalbank dazu berechtigt sein, elektronisches Geld zu erzeugen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Parteien und Komitees sammeln heute vor allem auf der Strasse Unterschriften für Volksinitiativen. Bild: KEYSTONE

Update der direkten Demokratie

7 Rechtsexperten, die morgen an unseren Volksrechten rumschrauben wollen

Braucht die direkte Demokratie ein Update? Der Ständerat findet, dass man darüber zumindest diskutieren soll. Morgen wird er mit sieben Rechtsexperten über Reformvorschläge diskutieren.

Ist die Unterschriftenzahl von 100'000, die man für eine Volksinitiative benötigt, noch zeitgemäss? Oder muss man rigoroser gefährliche Initiativen für ungültig erklären? Kurz gesagt: Braucht die direkte Demokratie ein Update? Diese Fragen will morgen eine Expertengruppe zusammen mit Vertretern des Ständerates diskutieren.

Wie das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» und die «Basler Zeitung» schreiben, soll vor allem darüber diskutiert werden, wann eine Initiative für ungültig erklärt werden soll. Heute wird eine Volksinitiative für ungültig erklärt, wenn sie die Einheit der Materie oder der Form verletzt, oder gegen zwingende Bestimmungen des Völkerrechts verstösst. Diese Definition führte bei früheren Initiativen zu intensiven Debatten – im Zweifelsfall entschieden die Parlamentarier meist für die Initiative. «Da wir schon gesündigt haben, sündigen wir weiter», sagte so zum Beispiel CVP-Fraktionspräsident Filippo Lombardi in der «Bilanz».

Reformvorschläge 

In der Vergangenheit wurden schon mehrfach Reformen im Initiativrecht diskutiert. Diese Vorschläge werden immer wieder thematisiert: So schlug 1992 der Alt-SVP-Nationalrat Hanspeter Seiler eine Erhöhung bzw. eine periodische Anpassung der Unterschriftenzahl vor. CSP-Nationalrat forderte, dass eine gewisse Anzahl von Parlamentariern die Initiative unterstützen müssen. Die frühere Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz forderte, dass Parteien mit Fraktionsstärke vom Initiativrecht ausgeschlossen werden sollten. Alt-CVP-Nationalrat Ulrich Blatter forderte 1993, dass Bürger Initiativen nur noch auf Amtstellen unterschreiben können.

quelle: Bilanz/pma

Die Staatspolitische Kommission des Ständerates will morgen unter Leitung der grünliberalen Ständerätin Verena Diener darüber diskutieren. watson stellt die sieben Rechtsexperten vor, die nach Information verschiedener Ständeräte morgen mit dabei sein werden.

Klar ist jedoch, dass am Schluss das Volk das letzte Wort haben wird. 

Wolf Linder

Wolf Linder, von der Uni Bern, rechts, anlaesslich eines Streitgespraechs des Bildungsinstituts der Gewerkschaften, am Dienstag, 28. Mai 2002 in Bern.  (KEYSTONE/Edi Engeler)

Bild: KEYSTONE

Wolf Linder ist emeritierter Professor für Politikwissenschaften an der Universität Bern. In einem Interview mit «Der Bund» bezeichnete Linder die Einwanderung als das «grösste aktuelle Problem». Er begründet die aktuelle hohe Zahl an Initiativen mit dem «grossen Protestpotential». Parteien würden sich zudem mit Initiativen inszenieren. 

Position zum Initiativrecht: Im gleichen Interview sagte Linder dazu: «(…) Ich halte es für falsch, jetzt mit Erschwernissen dafür sorgen zu wollen, dass weniger Initiativen eingereicht werden.» Er sei deshalb gegen die Erhöhung der Unterschriftenzahl

Astrid Epiney

Bild

bild: rts

Astrid Epiney ist Rechtswissenschaftlerin an der Universität Freiburg. In einem Interview mit dem «Beobachter» sagte Epiney, eine Initiative müsse sich in die Verfassung fügen. «Dass damit gewisse Abstriche verbunden sind, gehört zum Mechanismus jeder Gesetzgebung.» Sie ist die einzige Frau im Rechtsexperten-Gremium.

Position zum Initiativrecht: Gegenüber srf.ch sagte sie, Parteien und Stimmbürger müssten die «Verantwortung tragen, dass das Initiativrecht nicht missbraucht» werde. Andernfalls müsste man andere Massnahmen ergreifen – etwa die Einführung strengerer Regeln für die Zulässigkeit von Initiativen oder «möglicherweise ein Verfassungsgericht».

Hansjörg Seiler

Portrait des Bundesrichters Hansjoerg Seiler am Schweizerischen Bundesgericht in Luzern, am 3. Mai 2007. Seiler wurde am 16. Maerz 2005 zum Bundesrichter gewaehlt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bild: KEYSTONE

Hansjörg Seiler vertritt die SVP am Bundesgericht. Er leitet zudem die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft. In einem Interview mit der «Berner Zeitung» äusserte er sich kritisch zur «grösser werdenden Macht» der Justiz: «Grund- und Menschenrechte sind vage umschrieben. Das gibt den Gerichten viel mehr Kompetenz, im Einzelfall zu konkretisieren.»

Position zum Initiativrecht: Im Interview mit der NZZ äusserte sich Seiler zur Frage, wie man vorgehen soll, wenn es Probleme bei der Umsetzung von Volksinitiativen gäbe. Er empfahl, dass man in Initiativen eine «Vorrangklausel» einbauen sollte, damit in der Rechtssprechung klar wird, ob ein neuer Verfassungsartikel mehr Gewicht hat als andere.

Andreas Kley

Andreas Kley Marita Fuchs, UZH

bild: Marita Fuchs, UZH

Andreas Kley ist Lehrstuhlinhaber für Staats- und Rechtsphilosophie an der Universität Zürich. Kley sprach sich dafür aus, dass man die Ecopop-Initiative für gültig erklärte. Zum Tessiner Burkaverbot, dass vom Volk beschlossen wurde, sagte er im «Bund»: «Ein generelles Burkaverbot ist unverhältnissmässig und somit unzulässig.»

Position zum Initiativrecht: 2012 äusserte sich Kley im «Schweizer Monat» kritisch gegenüber den vom Bund geplanten Warnhinweisen auf Unterschriftenbögen für Volksinitiativen. Dies sei «starker Tobak für Stimmbürger». Dies habe den Charakter einer Bevormundung und sei einer Demokratie unwürdig. 



Giorgio Malinverni

Giorgio Malinverni swissinfo.ch

bild: swissinfo.ch

Giorgio Malinverni ist emeritierter Rechtsprofessor und Ehrendoktor an der Universität in Genf und ehemaliger Richter am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Gegenüber swissinfo.ch sagte Malinverni, die Anti-Minarett-Initiative bereite ihm Kopfzerbrechen. In einem früheren Interview mit dem St.Galler Tagblatt sagte er, dass das Volk nicht immer Recht habe, sondern auch Entscheide fällen kann, die gegen Grundrechte verstossen.

Position zum Initiativrecht: Im Interview mit dem «St.Galler Tagblatt» äusserte sich Malinverni zum Verhältnis zwischen Völkerrecht und Landesrecht. Er sprach sich dafür aus, dass Richter Klarheit schaffen sollten, wenn es «Sackgassen» nach Volksabstimmungen gibt.

Vincent Martenet

Vincent Martenet, Praesident von der Wettbewerbskommission WEKO, spricht ueber die Senkung der Interchange Fees der Kreditkarten von MasterCard und Visa, am Montag, 15. Dezember 2014, in Bern. Mit der Regelung werde der Einkaufsstandort Schweiz gestaerkt, schreibt der VEZ in seiner Reaktion. Positiv sei zudem, dass das faktische Verbot von Verrechnungsgebuehren auf Debitkarten bestehen bleibe. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Bild: KEYSTONE

Vincent Martenet ist Präsident der Wettbewerbskommission (WEKO) des Bundes und Professor für Verfassungsrecht an der Universität Lausanne. 

Position zum Initiativrecht: Laut der «Basler Zeitung» vom Mittwoch, spricht sich Martenet dafür aus, dass das Parlament eine Initiative auf Gesetzesstufe zurückstufen kann. 

Martin Schubarth

Portrait des Schweizer Bundesrichters Martin Schubarth, SP, aufgenommen 1995. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Bild: KEYSTONE

Martin Schubarth war bis 2004 für die SP am Bundesgericht. Sein Rücktritt erfolgte nach der «Spuck-Affäre», bei der er Medienberichten zufolge den NZZ-Bundesgerichts-Korrespondenten Markus Felber bespucken wollte, aber einen Gerichtsschreiber traf. Schubarth kritisierte jüngst mehrfach das Verhältnis zwischen Völkerrecht und Landesrecht. 

Position zum Initiativrecht: Im Interview mit dem «Blick» sagte Schubarth, dass sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte «in einigen Bereichen zu sehr» in die nationale Gesetzgebung einmische. Dies heble die Demokratie aus. Er sprach sich jedoch gegen die von der SVP vorgeschlagene «Landesrecht vor Völkerrecht»-Initiative aus.

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    Alle Leser-Kommentare
  • MediaEye 22.01.2015 10:24
    Highlight Highlight Glaubt bloss diesen sogenannten +Experten+ und Folchsverrätern kein Wort und lasst eine Einschränkung der Voksdemokratie nicht zu!

    Und schafft endlich ein Bundesverfassungsgericht !!!!
  • Jol Bear 21.01.2015 19:10
    Highlight Highlight Eine Erhöhung der Unterschriftenzahl ist angesichts der angewachsenen Einwohnerzahl sicher zu diskutieren. Kritischer ist mit dem Vorwurf des "Missbrauchs" des Initiativrechts umzugehen. Dieser Vorwurf ist sehr subjektiv und wird dann schnell einmal erhoben, wenn jemandem der Inhalt und das Ziel einer Initiative nicht passt. Es ist nie zu vergessen, dass die Rechtsetzung in der direkten Demokratie von der Bevölkerung aktiv mitgestaltet werden kann und muss. Der Sinn dieses Systems liegt ja gerade darin, dass nicht zu viel Macht bei Parlament und Regierung liegt und die Leute sich nicht auf die Wahl von Abgeordneten beschränken müssen, wie in der indirekten Demokratie. Volksinitiativen stellen ausserdem sicher, dass keine "abgehobene"Politikerklasse entsteht und die Möglichkeit für Korrekturen besteht, welche von einer Mehrheit beschlossen wird.

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