Gesundheit
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«Ich habe mich sozusagen verloren» – so lauteten die Worte der ersten bekannten Alzheimer-Patientin.
Bild: shutterstock

«Ich habe mich sozusagen verloren»: Wie Alois Alzheimer entdeckte

Seine Patientin rang um Wörter, erkannte ihren Mann nicht mehr: Alois Alzheimer, der vor 100 Jahren starb, erklärte das Vergessen als Erster mit Veränderungen im Gehirn. Trotzdem lässt sich die Krankheit bis heute nicht heilen.

15.12.15, 10:55 15.12.15, 11:25

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«Wie heissen Sie?» – «Auguste.» – «Familienname?» – «Auguste.» – «Wie heisst Ihr Mann?» – «Ich glaube Auguste.» Dieser Dialog schreibt Medizingeschichte. Als die verwirrte und orientierungslose Auguste Deter 1901 von ihrem Mann in die Anstalt gebracht wird, ist sie erst 51 Jahre alt. Ihr Gedächtnisverlust gibt den Ärzten Rätsel auf – und fasziniert den Psychiater Alois Alzheimer.

Er dokumentiert Gespräche und Beobachtungen mit der Patientin, untersucht nach ihrem Tod ihr Hirn unter dem Mikroskop – und entdeckt einen massiven Zellschwund und ungewöhnliche Ablagerungen. Alzheimer ist überzeugt, dass diese Veränderungen mit dem Gedächtnisschwund der Patientin zu tun haben. Zu seinem 100. Todestag erinnern Mediziner an seine Entdeckung.

Alois Alzheimer – der Entdecker der gleichnamigen Krankheit.

Bis heute können Medikamente den Verlauf der Krankheit nur verlangsamen. Heilen lässt sie sich nicht – obwohl weltweit daran geforscht und irrsinnige Geldsummen ausgegeben werden, wie Christian Haass vom Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen sagt.

Kollegen bewerten Beobachtungen als Kuriosität

Alois Alzheimer stammt aus dem unterfränkischen Marktbreit. Der Sohn eines Notars studiert Medizin in Berlin, Tübingen und Würzburg. Als Assistenzarzt der Frankfurter «Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische» trifft er Auguste. Selbst als er in München das Hirnanatomische Laboratorium an der Psychiatrischen Klinik leitet, verfolgt er weiterhin ihren Krankheitsverlauf. Nach ihrem Tod am 8. April 1906 lässt er sich ihr Gehirn schicken.

Als Alzheimer ein halbes Jahr nach dem Tod von Auguste bei der 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte erstmals über das Krankheitsbild und einen «eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde» berichtet, werten seine Kollegen das als Kuriosität. Gedächtnisverlust bei Jüngeren war selten. Und warum Grossmutter und Grossvater so vergesslich waren, hinterfragte damals niemand. Seitdem hat sich viel verändert.

Auguste, berühmte Alzheimer-Patientin, wenige Monate nach ihrer Einweisung in die «Anstalt für Irre und Epileptische» in Frankfurt (Februar 1902).
Bild: AP

Heute gilt Demenz als Volkskrankheit, allein in Deutschland leiden rund 1,5 Millionen Menschen an dem krankhaften Gedächtnisverlust, zwei Drittel an der häufigsten Form Alzheimer. Sport, geistige Beweglichkeit und Neugier können die Krankheit hinauszögern. Eine Garantie aber gibt es nie. Auch die Gene sind dafür verantwortlich, dass der eine erkrankt und der andere gesund bleibt.

Alles beginnt mit Eiweissfragmenten

Das Vergessen beginnt mit der Ablagerung von Eiweissfragmenten, sogenannten Amyloid-Peptiden. Die Gehirnzellen schaffen es nicht, diese Plaques wieder loszuwerden. Die Folgen sind verheerend: Die Eiweissfragmente stören die Kommunikation zwischen den Hirnzellen, die dadurch ihre Funktion verlieren und absterben. Betroffene ringen um Worte, können Telefon und Bankautomat nicht mehr bedienen, erkennen Familie und Freunde nicht mehr. Angehörige finden oft Sammlungen von Zetteln, Notizen auf Schnipseln, die die Gedächtnislücken überbrücken sollen – sie zeugen von Verzweiflung.

«Das Gehirn ist möglicherweise schon krank, Jahrzehnte bevor die Leute klinisch manifest werden», sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie des Uniklinikums München, Peter Falkai. Auch die Gesellschaft sei hier gefragt, sagt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. «Wenn zum Beispiel jemand immer mit einem Hunderteuroschein bezahlt, weil er nicht mit Geld umgehen kann, oder jeden Tag zur Bank geht, um Geld abzuheben, könnte man mal fragen, ob das seine Richtigkeit hat.»

Das Vergessen bringt Angst, Scham, Misstrauen – und seelisches Leid. «Ich habe mich sozusagen verloren», klagte Auguste in Gesprächen mit Alois Alzheimer. Ihre Krankheit wurde nach seinem Tod nach ihm benannt. Er starb mit 51 Jahren an den Folgen einer schweren Infektion – jünger als seine Patientin. (Sabine Dobel, dpa)

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Brikne, 20.7.2017
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