Gesundheit
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Befruchtete Eizellen werden für eine eventuelle spätere Verwendung in flüssigen Stickstoff eingelegt. Bild: KEYSTONE

Per «Social Freezing» kann man den Kinderwunsch erstmal auf Eis legen – doch wie erfolgreich ist die Methode tatsächlich?

Eizellen einfrieren und später Kinder bekommen – auch in Deutschland und der Schweiz interessieren sich immer mehr Frauen für Social Freezing. Die Methode bietet jedoch keine «Babyversicherung», warnen Experten.

02.08.15, 21:14 03.08.15, 09:35


Ein Artikel von

«Ich will einfach Druck rausnehmen und Zeit gewinnen», sagt Joanna H. Die 35-Jährige ist Single und liebt ihren Job in der Hotelbranche. Aber sie will auch ein Kind, irgendwann in den nächsten Jahren. Seit anderthalb Jahren denkt sie deshalb über Social Freezing nach – und sieht darin wie viele andere Frauen mit grundsätzlichem Babywunsch vor allem eines: eine Option für einen Problemfall, der hoffentlich nicht eintritt.

Lange Zeit war das Verfahren, Eizellen einzufrieren, um sie später auftauen und im Labor befruchten zu lassen, vor allem Krebspatientinnen vor einer schädigenden Therapie vorbehalten. Doch als im Herbst die US-Unternehmen Apple und Facebook ankündigten, ihren Mitarbeiterinnen als Teil eines grösseren Versorgungspaketes das Egg Freezing zu sponsern, bekam die Möglichkeit auch hierzulande Aufmerksamkeit.

Hierzulande reagierten die Frauen mit einer Mischung aus Faszination und Empörung. Vor allem junge Frauen diskutierten lebhaft und kontrovers. Verschafft diese neue Option, eine Schwangerschaft ein paar Jahre aufzuschieben, tatsächlich Freiheit? Oder macht sie doch wieder Druck?

Keine «Babyversicherung»

«Die Zahl der Interessentinnen ist gestiegen. Aber längst nicht jede Frau, die nachfragt, lässt den Eingriff tatsächlich machen», berichtet Sebastian Ellinghaus. Er betreibt ein Infoportal, das mehrere Kinderwunschzentren in Deutschland nutzen. Ellinghaus schätzt, dass es hier nicht mehr als 1000 Anfragen pro Jahr gibt – und noch deutlich weniger Frauen den Schritt schliesslich wagen. Das deckt sich mit der Einschätzung von Reproduktionsmedizinern, die von etwa 500 Konservierungen im vergangenen Jahr ausgehen. Belastbare Zahlen dazu fehlen.

Der Reproduktionsmediziner Sören von Otte bietet Frauen das Verfahren seit Anfang 2014 an, er arbeitet am Universitätsklinikum in Kiel. Der Arzt steht hinter der Methode – aber warnt zugleich vor ihrer Einschätzung oder gar Bewertung als «Babyversicherung». «Es ist allenfalls eine chancensteigernde Massnahme», sagt er.

Zwar überleben beim modernen Vitrifikationsverfahren, bei dem die Eizellen besonders schnell und damit schonend eingefroren werden, 85 Prozent der Zellen. Trotzdem bringt eine 35- bis 40-jährige Frau mit unerfülltem Kinderwunsch später nur in 20 bis 30 Prozent der Fälle ein lebendes Kind zur Welt, wenn ihr einmal Eizellen entnommen wurden. Zwar dürfte die Quote bei sehr gesunden Frauen höher ausfallen – aber eine Garantie auf Elternschaft gibt es nicht.

Viele Frauen kommen zu spät

Das betont auch Heribert Kentenich, der das Berliner Fertility-Center leitet. Seit zwei Jahren gehört Social Freezing dort zum Angebot. «Es ist wichtig, die Frauen genau aufzuklären, vor allem, wenn sie planen, ohne festen Partner und mit Samenspende die Sache anzugehen.» Neben dem psychosozialen Beratungsbedarf gebe es beim Social Freezing auch medizinische Einschränkungen: Viele Frauen kommen spät.

«Drei Viertel der Interessentinnen sind Akademikerinnen zwischen 35 und 39 Jahren», sagt Kentenich. Die hormonelle Stimulation der Eierstöcke aber, die notwendig ist, um die erforderlichen 10 bis 15 Eizellen zu «ernten», fällt mit Mitte 30 deutlich schwerer als mit 25. «Wir brauchen deshalb frühere Aufklärung über das Verfahren», sagt von Otte. Er hält auch ungewöhnliche Methoden für sinnvoll, um das Freezing publik zu machen.

In den USA etwa gibt es Social-Freezing-Partys, wo das Procedere bei einem Glas Prosecco vorgestellt wird. Die grosse Chance wird dabei zum guten Geschäft. Mindestens 3500 Franken plus Lagerkosten sind für die vertagte Babyoption fällig, die Krankenkasse bezahlt nichts. Im Alter von 25 Jahren dürfte das für viele Frauen nicht leicht zu stemmen sein.

Auch die 35-jährige Joanna H. hat nicht im stillen Kämmerlein über Für und Wider gegrübelt, sondern das Thema mit ihren Freundinnen diskutiert. «Wir haben uns im Freundinnenkreis entschlossen, das jetzt gemeinsam anzugehen. Aber ich würde einer Tochter später sagen, dass sie früher darüber nachdenken soll.» (Andrea Barthélémy, dpa)

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

2
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • dracului 04.08.2015 17:39
    Highlight Den Fünfer, das Weggli, das Wechselgeld und die Bäckersfrau. Im Leben muss man sich auch mal für einen Weg entscheiden und diesen mit Überzeugung gehen!
    1 0 Melden
  • Angelo Hediger 04.08.2015 08:01
    Highlight Ab nem gewissen Alter sollte man einfach keine Kinder mehr haben.
    4 0 Melden

Zu wenig Plätze: Psychisch kranke Kinder müssen in Erwachsenenklinik

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden an psychischen Erkrankungen. Stationäre Therapieplätze gibt es für sie aber nicht genug. Deshalb müssen manche der kleinen Patienten in die Erwachsenenklinik. 

Die 14-jährige Marie* sitzt still am Tisch eines Gemeinschaftsraums einer Psychiatrie im Raum Zürich. Auf dem Sofa liest eine Frau Mitte vierzig Zeitung, ein Mann mit schütterem Haar trinkt Kaffee. «Als ich das Mädchen so sitzen sah, ging ich auf es zu, um es aufzuheitern, um ihm Gesellschaft zu leisten», erinnert sich die ehemalige Patientin Jasmin*. «Ich hatte Mitleid mit ihr. Was tat sie hier? Ein Mädchen in diesem Alter gehört in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie, nicht in eine …

Artikel lesen