Gesundheit

Henri, Viertklässler mit Down-Syndrom. screenshot: youtube/ARD Mittagsmagazin

Schüler mit Down-Syndrom: Was wurde aus Henri, der nicht aufs Gymnasium durfte?

Henri sollte trotz Down-Syndrom ein Gymnasium besuchen, doch Schulleitung, Lehrer und andere Eltern im süddeutschen Baden-Württemberg wollten das nicht. Die Familie ging an die Öffentlichkeit. Was ist seither passiert, welche Schule besucht Henri heute?

10.05.15, 22:03 11.05.15, 09:31

Lena Greiner / spiegel online

Ein Artikel von

WAS WURDE AUS ...? Die Recherche-Serie 

Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet – dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie. Alle bisherigen Beiträge der Serie findest du hier.

Vor fast genau einem Jahr, am 18. Mai 2014, sass Kirsten Ehrhardt bei Günther Jauch und versuchte zu begründen, warum sie möchte, dass ihr Sohn Henri ein Gymnasium besucht – obwohl er wohl keinen Schulabschluss, geschweige denn das Abitur packen wird.

Henri hat das Down-Syndrom, deshalb lernt er anders, langsamer und manches gar nicht. Doch seine Eltern wollen, dass er trotzdem bei allem dabei sein kann, dass er nicht in einer Parallelwelt gross wird. So sieht es auch die UNO-Konvention für Behindertenrechte vor, die seit 2009 in Deutschland gilt: Kein Kind soll wegen einer Behinderung von einer Regelschule ausgeschlossen werden.

Nach der Grundschule sollte Henri also aufs Gymnasium wechseln, mit seinen Freunden, darunter auch zwei Kinder mit körperlichen Behinderungen. Doch das Gymnasium in seinem Heimatort Walldorf bei Heidelberg lehnte Henri ab, ebenso wie die örtliche Realschule. «So gut wie alle Kinder aus Walldorf besuchen eine dieser beiden Schulen», sagt Ehrhardt. Die Schulleitungen, Lehrer und einige Eltern konnten sich den Unterricht mit einem geistig behinderten Schüler aber nicht vorstellen. Henri könne doch auf eine Sonder- oder Hauptschule gehen, hiess es.

Henris Eltern wurden wütend: «Keiner will sein eigenes Kind auf eine solche Schule schicken», sagt Ehrhardt. Sie wollten deshalb «keine andere Lösung», schreibt die ehemalige Journalistin in ihrem Buch «Henri – Ein kleiner Junge verändert die Welt», das am 11. Mai 2015 erscheint. Ein Freund der Familie startete eine Petition, knapp 30'000 Menschen unterzeichneten. Zwei Gegenpetitionen folgten, viele Medienberichte, eine bundesweite Debatte: Wollen wir Inklusion, und wenn ja, wie viel?

Ab September darf Henri auf eine Realschule gehen

Heute gibt es keine Homestorys mehr, keine Journalisten- oder Fototermine mit Henri, stattdessen bitten die Eltern für das Gespräch in ein Café in Heidelberger Bahnhofsnähe, Henris Vater, Norbert Hirt, arbeitet hier um die Ecke als Ingenieur. Milchkaffee für Kirsten Ehrhardt, ein grüner Tee für Norbert Hirt. Henri, 12, ist gerade auf Klassenreise, drei Tage im Landschulheim. Die Eltern haben noch nichts von ihm gehört. «Das heisst, dass alles gut ist, oder?», sagt Ehrhardt und lacht.

Henri hat nach der grossen Aufregung im vergangenen Jahr die vierte Klasse noch einmal wiederholt. Der Abschied von seinen alten Freunden sei schade gewesen, sagen die Eltern, Henri sei aber gut aufgenommen worden in der neuen Klasse. Und seit ein paar Wochen steht fest: Die Theodor-Heuss-Realschule, die ihn erst nicht wollte, nimmt ihn doch. Nach den Sommerferien wird Henri dort zur Schule gehen.

Dass es nun doch geklappt hat, liegt auch an einer Gesetzesänderung: Zum kommenden Schuljahr soll in Baden-Württemberg die Sonderschulpflicht abgeschafft werden. Dann können die Eltern entscheiden, ob ihr Kind eine Regel- oder eine Sonderschule besuchen soll.

Wie seine Mitschüler wird Henri ab September mit dem Bus zur Schule fahren, ein persönlicher Schulbegleiter wird ständig bei ihm sein, und neben der Lehrkraft wird ein Sonderpädagoge die erste Inklusionsklasse in Walldorf unterrichten. «Henri freut sich und ist total glücklich», sagt Ehrhardt. Schon beim Kennenlern-Nachmittag hätten ihn viele gegrüsst. «Henri ist bekannt hier im Ort», sagt die Mutter, «und andere Kinder wollen sich mit ihm verabreden, nicht aus Mitleid, sondern weil sie ihn mögen, ihn witzig und cool finden.»

Eltern werden im Ort nicht mehr gegrüsst

Dass es nun doch geklappt hat, liegt aber auch an Henris Eltern. Ehrhardt ist eine Frau, für die es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur die falsche Kleidung. Ihren Job als Radiomoderatorin hat sie aufgegeben, seit zwei Jahren ist sie nun Projektleiterin eines Vereins, der in Baden-Württemberg für Inklusion kämpft. «Wenn Sie ein Kind mit Behinderung haben und immer darauf warten, bis Sie irgendwo ausdrücklich willkommen geheissen werden, können Sie gleich zu Hause bleiben», sagt sie. Und wer nicht wolle, der müsse sein nicht-behindertes Kind ja nicht für eine Inklusionsklasse anmelden.

Ehrhardt und Hirt sind freundliche Menschen, sie haben sich im vergangenen Jahr aber nicht nur Freunde gemacht. Einige Leute im Ort grüssen die Familie nicht mehr oder tuscheln im Supermarkt, erzählt Hirt. Doch: «Es war nötig, zu kämpfen. Das heutige Ergebnis hätten wir sonst nicht erreicht.» Sicherlich wäre es manchmal einfacher, Henri auf eine Sonderschule zu schicken – auch für die Familie, sagt Hirt. Dann würde er morgens abgeholt und nachmittags zurückgebracht werden.

Doch, so der Vater: «Henri braucht später einen Beruf.» Und dafür soll er lesen, schreiben und rechnen lernen, so gut es geht, nicht nur bügeln oder wie man Obst schnippelt. «Wir werden irgendwann nicht mehr da sein», sagt Hirt. «Und dann muss er mit seinem Leben klarkommen. Das lernt er nicht abgeschirmt von der Aussenwelt.»

«Ich Brezel», «Du doof»

Henri wird sich vielleicht auch weiterhin zuerst Schuhe und Strümpfe ausziehen, wenn er in das Klassenzimmer kommt. Er wird bestimmt manchmal nicht mitmachen wollen. Vielleicht nicht einmal den Raum betreten oder verlassen. Er wird, wenn er eine richtige Antwort ankreuzen soll, alle ankreuzen. Und hin und wieder das Verb im Satz vergessen: «Ich Brezel» für «Ich möchte eine Brezel», «Du doof» für «Du bist doof».

«Aber», sagt seine Mutter, «mit allen anderen Kindern zur Schule zu gehen ist Henris Recht, keine Gnade.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Nordurljos 11.05.2015 15:47
    Highlight Bei uns in der Schule hatten wir immer eine relativ lernschwache Schülerin. Sie litt darunter dass sie uns immer "aufhielt" in der Schule. Wir versuchten zwar sie zu integrieren, aber es kratzt schon sehr an der (Lern)moral wenn man trotz allem Effort immer die "Schlechteste" ist...
    2 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.05.2015 11:08
    Highlight Die schulischen Leistungen eines Kindes werden nun mal in drei Fähigkeitsstufen eingeteilt. Das Gymnasium für die mit sehr hohen schulischen Leistungen, die Realschule für die durchschnittlichen und die Hauptschule für die mit eher schwachen Leistungen. Dazu gibt es noch Sonderschulen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Die Aussage, dass niemand sein Kind auf eine "solche Schule" schicken will, ist unverschämt. Tausende von nicht behinderten Kinder, die eine grössere Leistung wie Henri erbringen, müssen eine Hauptschule besuchen. Zum Glück gibt es bei uns Einrichtungen für Behinderte.
    20 2 Melden
    • Michèle Seiler 11.05.2015 12:05
      Highlight Ich habe kein behindertes Kind, aber vielleicht kann man sich mal auf entsprechenden Seiten informieren ... Ich kann mir vorstellen, dass solche Kinder im Umgang mit "normalen" Kindern mit Dingen in Berührung kommen (und daraus lernen können), die sie sonst nie kennengelernt hätten.

      Und viele von ihnen sind ja nicht durch und durch anders, würden sich vielleicht über die gleichen Dinge freuen wie "normale" Kinder, ein besseres Gefühl im Hinblick auf sich selbst entwickeln usw.
      5 3 Melden
    • Michèle Seiler 11.05.2015 12:16
      Highlight Entschuldige, ich wollte eigentlich auf den Kommentar von _saem_ antworten ...
      2 2 Melden
  • So en Ueli 11.05.2015 10:05
    Highlight Darf ich dazu eine Frage stellen? Was bringt es diesem Junge wenn er eine "normale" Klasse besucht, wenn er sie aufgrund seiner Behinderung so oder so nicht bestehen kann?
    14 4 Melden
    • Michèle Seiler 11.05.2015 11:04
      Highlight Denk mal drüber nach ... Es gibt in einer Schule sehr viel mehr, was man lernen kann als das, was am Ende benotet wird.
      6 8 Melden
    • So en Ueli 11.05.2015 11:11
      Highlight Das was man in einer normalen Schule für sein Leben lernen könnte, kann er doch auch in einer Sonderschule lernen. Oder können Menschen mit einem Down Syndrom einiges mehr erlernen als ich annehme? Bzw. Was kann ein Mensch mit solch einer Beeinträchtigung in einer "normalen" Schule mehr erlernen als in einer Sonderschule?
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    • Gelöschter Benutzer 11.05.2015 12:57
      Highlight Es ist ja nicht so, dass man in einer Sonderschule 5 Jahre lang Papierflieger bastelt und Malbücher ausmalt. Den Kindern wird durchaus schulischer Stoff vermittelt. Der Unterschied liegt darin, dass die Lehrpersonen für den Umgang mit behinderten und lernschwachen Kindern ausgebildet sind und die Umgebung den Bedürfnissen der Kinder angepasst ist. Die Gebäude sind z.B. rollstuhlgängig. Man kann von normalen Lehrpersonen auch nicht erwarten, dass sie mit Behinderten umgehen können. Mit der Forderung schaden die Eltern ihrem Sohn. Sie würden besser akzeptieren, dass er nun mal behindert ist.
      12 2 Melden
    • Michèle Seiler 11.05.2015 13:07
      Highlight "Man kann von normalen Lehrpersonen auch nicht erwarten, dass sie mit Behinderten umgehen können."

      Nun, aber das ließe sich verändern.

      Auch ohne ein behindertes Kind zu haben, weiß ich, dass Ausgrenzung (sofern jemand dazu in der Lage ist, sie als solche zu erfassen) sehr schmerzhaft ist und das Leid einer Behinderung in nicht unwesentlichem Maß verstärken kann.

      Aber um das zu verändern, ist auch der Wille der "Normalen" nötig. Und wenn man sich anschaut, wie viele schon damit überfordert sind, dass jemand aus einem anderen Land kommt ... Na ja.
      4 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 11.05.2015 08:53
    Highlight Die Ablehnung erwischt nicht nur Behinderte, sondern Kranke allgemein. Selbst Magersüchtige, Übergewichtige oder Leute, die sonstwie anders sind, sind betroffen.
    Das ist tierisches Erbe. Ein archaischer Instinkt lässt automatisch alles meiden, was von der Norm abweicht. Es könnte ansteckend sein oder den eigenen sozialen Standard gefährden.
    Im Wort "automatisch" steckt denn auch der Knackpunkt. Um Instinkte auszusetzen, braucht es immer eine bewusste Entscheidung. In dem Fall die Entscheidung mit Anderen nicht anders umzugehen als mit Nichtanderen. Die Entscheidung: Tier oder Mensch zu sein!
    11 4 Melden
    • Commodore 11.05.2015 11:53
      Highlight Das ist halb richtig. In Henris Fall ist das 'Opfer' schlicht nicht geeignet für eine Funktion und würde den Fortschritt von allen aufhalten.
      Sie und ich dürfen auch nicht an der Olympiade teilnehmen, nicht aufgrund von Ausgrenzung, sondern weil wir viel zu schlecht dafür sind.
      Archaische Instinkte existieren aus einem guten Grund und sichern uns regelmäßig das Leben.
      11 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 11.05.2015 16:53
      Highlight Würden wir noch vor ca. 10'000 Jahren leben, gäbe ich dir bezüglich Instinkte Recht. Aber in unserer modernen sogenannten Zivilisation stimmt das nicht mehr. Hier würde der Instinkt von dir beispielsweise verlangen davon zu rennen oder drauf einzuschlagen, wenn dich das Telefonklingeln erschreckt.
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    • Commodore 12.05.2015 13:56
      Highlight Nun, wenn ich mich erschrecke dann reagiere ich mit der Ausschüttung von Hormonen und bin Kampf- oder Fluchtbereit. Sobald ich das Telefon erkenne beruhige ich mich, werde ich angefallen, schlage ich zurück.
      Wenn vor Ihnen etwas explodiert, zucken sie zusammen und schliessen die Augen. Das tut jeder Mensch und jedes Tier. Ich persönlich möchte diese Reaktionen nicht missen. Sie etwa?
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