Gesundheit

Vorgeburtliche Selektion in Indien:

«Ich hätte meine Töchter auch gern abgetrieben»

Symbolbild: Shutterstock

Weil die Mitgift arme Familien in den Ruin treiben kann, werden in Indien jährlich Hunderttausende weibliche Föten abgetrieben. Ein Besuch bei einer schwangeren Mutter, die drei Töchter hat und nichts mehr fürchtet als die vierte. 

14.04.14, 12:42 14.04.14, 13:11

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Aus Bahrana berichtet Ulrike Putz

Wenn Sonia ihr Kind auf die Welt bringt, wird es vermutlich wie aus Eimern schütten. Es wird Juli sein, die Zeit, in der der Monsun über den Norden Indiens hinwegzieht. Die Felder, auf der Sonias Mann als Tagelöhner arbeitet, werden unter Wasser stehen, ihre Hütte kaum Schutz vor dem Regen bieten. Sonia wird ihr viertes Kind in eine tropfende, sattgrüne Welt gebären. Doch sollte es wieder ein Mädchen sein, so wird Sonias Verzweiflung bodenlos sein. Drei Töchter hat sie bereits. Noch eine wäre eine Katastrophe. 

Sonias Schwiegermutter, die ihr die Schuld am Geschlecht ihrer Kinder gibt, hat angekündigt, ihr das Leben zur Hölle machen, sollte sie wieder ein Mädchen zur Welt bringen. Dabei ist es, neben der Natur, vor allem ihre Armut, die Sonia zur Mutter lauter Mädchen und somit zur Rarität in ihrem Dorf hat werden lassen. 

Die fehlenden Mädchen von Bahrana 

Ihre wohlhabenderen Nachbarinnen haben kaum Töchter. Sie konnten es sich leisten, einen Arzt zu bestechen, damit dieser während der Schwangerschaft illegalerweise per Ultraschall das Geschlecht des Fötus ermittelt. Schwangerschaften mit Mädchen wurden abgebrochen. Sonia sagt: «Ich hätte meine Töchter auch gern abgetrieben».

Sonia lebt im indischen Bundesstaat Haryana, im Dörfchen Bahrana. Eingeschossige Ziegelbauten lehnen sich in dessen schattige Gassen, die gerade breit genug sind für die schwarzen Büffel, die den Bauern Milch und Käse sowie Kuhfladen für ihre Herdfeuer liefern. 

Nur 70 Kilometer westlich von Neu Delhi gelegen, hat es das 8000-Seelen-Kaff durch die letzte Volkszählung im Jahr 2012 in Indien zu trauriger Berühmtheit gebracht. Nirgendwo in dem Bevölkerungsgiganten mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist das Geschlechterverhältnis zwischen Männern und Frauen so aus dem Gleichgewicht geraten wie in dem zwischen Senf- und Weizenfeldern gelegenen Dorf. Bei den Kindern unter sechs Jahren haben die Volkszähler ein Geschlechterquotienten von 378 Mädchen auf 1000 Jungen ermittelt. 

Von Natur aus müssten hier wie anderswo ziemlich genau gleich viele weibliche wie männliche Babys geboren werden. 

Die fehlenden Mädchen von Bahrana wurden entweder abgetrieben oder nicht gezeugt, weil ihre Eltern nach dem ersten Sohn kein weiteres Kind mehr wagten: Es könnte ja ein Mädchen sein. Wieder andere Mädchen werden zwar geboren, aber nicht alt. Doch wie über die Abtreibungen will kaum jemand im Dorf über die bewusste und häufig tödliche Vernachlässigung von weiblichen Säuglingen reden. 

Symbolbild: Shutterstock

«Die Leute hier sind einfach rückwärtsgewandt »

«Die Götter meinen es gut mit uns, deshalb werden hier so viele Jungen geboren», behauptet Grossbauer Manosch Ahlawat, der einem lokalen Wohltätigkeitsverein vorsitzt. Überhaupt sei das Ergebnis der Volkszählung falsch, die Befrager hätten sich geirrt. In Wahrheit gebe es sehr wohl genug Mädchen in der Region. «Stimmt nicht», sagt Santos Debi, die in einem Nachbardorf eine Mädchenschule leitet. Sie kenne Fälle, bei denen Mütter vier Mal hintereinander abgetrieben hätten, weil sie kein Mädchen haben wollten. «Die Leute hier sind einfach erzkonservativ und rückwärtsgewandt. Sie wagen es nicht, die Traditionen zu brechen, sondern töten lieber ihre Töchter.»

Die Tradition sieht vor, dass die Eltern des Bräutigams von den Eltern der Braut ruinöse Mitgiften bekommen. Die Hochzeit ihrer Töchter wird Sonia und ihren Mann um alles bringen, was sie besitzen. Nicht nur das: Nach der Heirat werden ihre Töchter für die Familie des Mannes auf den Feldern schuften, statt Sonia und ihrem Mann dabei zu helfen, das Familieneinkommen zu verdienen. 

Wie gross das Ausmass der vorgeburtlichen Selektion in Indien ist, lässt sich anhand der Daten der Volkszählung recht exakt berechnen. Allein im Bundestaat Haryana, der in der Statistik am schlechtesten abschneidet, werden etwa 37'000 weibliche Föten jährlich abgetrieben. Alarmiert von diesen Zahlen hat die örtliche Regierung diesem Fötizid genannten Verbrechen den Kampf angesagt. Jedes Ultraschallgerät in Haryana, mit dem man die verbotene Geschlechtsbestimmung vornehmen könnte, wird seitdem genauestens überwacht. 

Es sind die hohen Mitgiften, die Familien dazu treiben, keine Töchter zu bekommen. Wenn die 23-jährige Bauerstochter Nisha (r.) demnächst heiratet, wird ihr Vater umgerechnet 1000 Euro für ihre Aussteuer zahlen müssen – das sind seine gesamten Ersparnisse. Nishas Grossmutter ärgert sich darüber: Früher waren die Leute nicht so gierig. Symbolbild: Shutterstock

«Die Überwachung der Ultraschall-Geräte ist Aktionismus» 

Rakesch Garg ist einer der Ärzte, dessen Ultraschall-Gerät per SMS an das Gesundheitsamt in der Kreisstadt Jhajjar meldet, wenn es in Betrieb ist. Der Mediziner hält die Massnahme für Quatsch: «Die Überwachung ist Aktionismus und wird die Abtreibungen nicht stoppen», sagt Garg, der mit seiner Frau eine Praxis für Gynäkologie und Orthopädie betreibt. Die Operationen zum Schwangerschaftsabbruch würden nicht von niedergelassenen Ärzten vorgenommen, sondern von Quacksalbern, die sich auf das Geschäft mit der Verzweiflung der werdenden Mütter spezialisiert hätten. «Deren Geräte sind natürlich nicht registriert», sagt Garg. 

Moderne Ultraschallgeräte sind heute nur noch so gross wie Smartphones. Solche Modelle werden im grossen Stil aus China nach Indien geschmuggelt. 42 solcher Apparate hat die Polizei in Haryana allein im Februar beschlagnahmt, drei Abtreibungsärzte wurden verhaftet. «Der Flut von billigen Geräten wird man nicht Herr werden», sagt Garg, der sich Sorgen wegen den langfristigen sozialen Folgen des Mädchenmangels in Indien macht. «In einigen Jahren wird der Mangel an Bräuten richtig spürbar werden». Schon jetzt sei der Verkauf von Bräuten von ärmeren in reichere Regionen Indiens ein ernstes Problem. 

Kampf gegen die Abtreibung weiblicher Föten

Video: YouTube/AfpDe

Garg hat einen Vorschlag, wie man der Abtreibung der weiblichen Föten beikommen kann. «Anstatt die Geschlechtsbestimmung von Föten zu verbieten, muss man sie in ganz Indien obligatorisch machen», sagt er. Die meisten Schwangeren seien über das nationale Gesundheitssystem registriert. Wenn sie Rechenschaft darüber ablegen müssten, was aus ihren im Uterus heranreifenden Töchtern geworden ist, könnte das die Schwangerschaftsabbrüche stoppen. «Letztlich wird aber nur ein Umdenken und ein Bruch mit der Tradition Abhilfe schaffen», sagt Garg. 

Für Sonia wird das Umdenken zu spät kommen. Als Mutter dreier Töchter ist sie stigmatisiert. Retten kann sie nur noch die Geburt eines Jungen. Für den Fall, dass ihr das Glück hold ist, plant sie schon die Dankeszeremonie. Zehn Tage nach der Geburt würde sie dann einen Festumzug durchs Dorf anführen, der am Brunnen enden soll. Statt bitterer Tränen will sie dann einen Tropfen Muttermilch in den Brunnen fallen lassen. 

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