Gesundheit
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Stress durch Lärm

Stille ist Luxus 

Bild: Shutterstock

Fast jeder Zweite fühlt sich von Lärm belästigt: Wenn es von der Strasse brummt und Flugzeuge dröhnen, leiden Herz, Kreislauf und Gehirn. Doch in einigen Regionen Deutschlands ist Besserung in Sicht. 

Ein Artikel von

Spiegel Online

Einen Moment absoluter Stille haben etliche Menschen seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. Anders als die Abgase wird der Lärm des Verkehrs vielfach nicht als gefährlich angesehen – obwohl er der Gesundheit ebenfalls massiv schaden kann. «Auch wenn das so mancher meint: An Lärm kann man sich nicht gewöhnen», betont Stefan Kääb, Leitender Oberarzt an der Medizinischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Bei Erwachsenen werde vor allem das Herz-Kreislauf-System, bei Kindern die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinflusst. 

Zwar seien sowohl Autos als auch Flugzeuge in den vergangenen Jahren leiser geworden, sagt Rainer Guski, Umweltpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum. «Das Aufkommen aber ist deutlich gewachsen.» Das subjektive Empfinden von Menschen, dass ihre Umgebung lauter geworden sei, gehe oft auf dieses Mehr an Fahr- oder Flugzeugen zurück. «Es gibt weniger Pausen zwischen den Spitzen», so Guski. 

Eine Umfrage des Umweltbundesamtes (UBA) ergab 2012, dass sich gut die Hälfte der Bevölkerung im Wohnumfeld vom Lärm des Strassenverkehrs gestört oder belästigt fühlt. Beim Schienenverkehr war es fast jeder Dritte, beim Fluglärm etwas mehr als ein Fünftel. Rund fünf Millionen Arbeitnehmer in Deutschland sind dem Helmholtz Zentrum München zufolge am Arbeitsplatz gehörgefährdendem Lärm ausgesetzt. Zunehmend mehr Hörschäden gibt es zudem bei Jugendlichen, Hauptursache ist hier das laute Hören von Musik und anderer Freizeitlärm. 

Lärm setzt gefährliche Kaskade in Gang 

Schon weit unter einem Schalldruckpegel von 85 Dezibel kann Lärm krank machen – selbst dann, wenn er gar nicht als störend wahrgenommen wird. «Lärm ist ein unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen», sagt der Kardiologe Kääb. Der Krach löst Stressreaktionen aus, Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden verstärkt gebildet, was wiederum den Blutdruck steigen lässt, die Herzfrequenz beschleunigt und die Blutgerinnung aktiviert. Schätzungen zufolge sind allein etwa 4000 Herzinfarkte jährlich in Deutschland auf Strassenverkehrslärm zurückzuführen. 

Die gefährliche Kaskade werde auch dann in Gang gesetzt, wenn der Betroffene den Lärm gar nicht bewusst wahrnehme oder nicht als störend empfinde – etwa im Schlaf, sagt Kääb. Je länger ein Mensch in zu lauter Umgebung lebe, desto grösser werde sein Risiko für gesundheitliche Probleme. Viele Betroffene und auch Mediziner hätten Lärm als mögliche Krankheitsursache noch nicht präsent. 

«Ein Arzt sollte auch fragen: Wo leben Sie, wie stark sind Sie Lärm ausgesetzt?» 

Bei Kindern wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Auswirkungen von Dauerlärm auf die Hirnfunktion gezeigt. Eine Studie mit neun bis zehn Jahre alten Kindern aus europäischen Ländern wies darauf hin, dass sich deren Lernfähigkeit und Gedächtnisfunktion verschlechtern, wenn die Schulen in einem mit Fluglärm belasteten Gebiet liegen.

«Bei lauter Umgebung bekommen Kinder nicht nur weniger mit, sie behalten auch weniger»

Information des Helmholtz Zentrums München 

Bild: Shutterstock

Öfter mal aufs Rad steigen 

In der sogenannten Norah-Studie untersucht Guskis Team derzeit die Auswirkungen des Lärms von Flug-, Schienen- und Strassenverkehr auf die Gesundheit und Lebensqualität der Anwohner. Fluglärm werde bei vergleichbarem Schallpegel immer als störender wahrgenommen, sagt er. Der gemittelte Dauerschallpegel sei oft keine geeignete Messgrösse – vor allem für Schlafforscher. «Es kommt nachts auf die einzelnen Lärmereignisse an», sagt Guski. 

Zumindest in einigen Regionen gebe es inzwischen eine Tendenz zu weniger Lärm, sagt Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik (ALD). In Berlin zum Beispiel sei die Zahl hochbelasteter Menschen, die nachts mehr als 55 Dezibel Strassenlärm ausgesetzt seien, von 296'000 im Jahr 2007 auf etwa 40'000 im Jahr 2012 gesunken. Ähnlich sei die Entwicklung in Hamburg und München sowie an einigen Flughäfen wie dem in Frankfurt am Main, wo nach dem Bau einer vierten Bahn ein partielles Nachtflugverbot erlassen wurde. 

Beim Lärm sind viele Menschen sowohl Opfer als auch Täter. «Wir sind alle Mitverursacher», betont der ALD-Vorsitzende.

«Wenn wir selbst für kurze Wege das Auto nehmen. Oder im Herbst dreimal wöchentlich zum Laubbläser greifen.»

Ein positiver Trend sei daher, dass immer mehr Menschen aufs Rad umstiegen. 

Wie Gesundheitsschädlich ist Lärm? Fragen an einen Experten

_ Was ist eigentlich Lärm? 
_ Warum reagieren wir gestresst auf Geräusche? 
_ Kann man sich an Lärm gewöhnen? 
Ein Lärmwirkungsforscher gibt die Antworten.

(hei/dpa)



Abonniere unseren Newsletter

0
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
0Alle Kommentare anzeigen

Jetzt gibt's in Schottland Gratis-Tampons – als erstes Land der Welt

Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen. Jede fünfte Frau kann sich in Schottland während der Menstruation kaum Binden oder Tampons leisten – und das in einem der reichsten Länder Europas.

Nun gibt die Regierung Gegensteuer. Mit Beginn des neuen Schuljahres wird Schottland das erste Land der Welt, das gratis Tampons und Binden für seine 395'000 Schülerinnen und Studentinnen herausgibt. 

Die Regierung lässt sich die Hygieneartikel rund sechs Millionen Franken kosten. «In einem …

Artikel lesen
Link to Article