Gesundheit

Positives Denken ist der falsche Weg, um unsere Träume zu erfüllen

Wir sitzen rum und denken an unsere Wünsche. Das ist reine Zeitverschwendung, sagt die Psychologin Gabriele Oettingen. Und zeigt uns stattdessen, wie wir uns am besten selbst motivieren.

07.10.15, 07:35 07.10.15, 08:49

Alexandra Fitz

Geben Sie es zu, auch Sie träumen hin und wieder schlanker, schlauer oder wohlhabender zu sein. Stellen sich vor, ein schickes Kleid oder einen eleganten Anzug zu tragen, ohne sich ständig Sorgen um ihre Fettpölsterchen machen zu müssen. Wie Sie in Gesprächen mit Freunden und Bekannten mit allerlei Wissen auftrumpfen oder fantasieren, wie Sie auf einer Jacht übers Mittelmeer schippern.

Jeder von uns hat Träume und Ziele. Grosse Lebenswünsche und kleine Alltagsziele. Und wir lieben es, sie uns richtig schön auszumalen und uns in ihnen zu verlieren. Wenn wir uns zurücklehnen, auf Standby schalten und uns alles bildhaft vorstellen, schieben wir den Alltag und die möglichen einhergehenden Probleme ganz weit weg. Mit den Hürden wollen wir uns gar nicht beschäftigen. Sie sind zu negativ. In unserer Gesellschaft gilt der allgemeine Konsens: Wenn wir uns nur oft genug ausmalen, dass unsere tiefsten Wünsche wahr werden, dann hilft uns das dabei, sie tatsächlich wahr werden zu lassen. Und wenn wir vor einem Problem stehen, raten wir uns gegenseitig: Positiv denken! Sei optimistisch!

Positiv denken? Blödsinn

Unsinn. Zeitvergeudung. Selbstbetrug. So sieht Gabriele Oettingen die gängige «Denk-positiv-Manie». «Träumer sind in den seltensten Fällen diejenigen, die wirklich handeln werden, um ihre Wünsche zu erfüllen», sagt die Verhaltenspsychologin, die an den Unis New York und Hamburg forscht und lehrt. In ihrem neuen Buch «Die Psychologie des Gelingens» rechnet sie mit den ewigen Optimisten ab und erklärt, warum positives Denken nicht das Allheilmittel ist.

Gabriele Oettingen
bild via youtube

Sie muss es wissen. Schliesslich hat sie etliche Jahre in den USA gelebt, dem Land der Optimisten. Laut Oettingen wird uns der Optimismus ständig und überall vorgelebt. Unsere Gesellschaft lässt kaum negative Gedanken zu. Wir wurden erzogen, negative Gedanken für uns zu behalten, damit wir andere Leute damit nicht belasten.

Luftballone sind ja auch nicht immer positiv!
Bild: KEYSTONE

Oettingen geht sogar noch einen Schritt weiter: Die «Ich-erreiche-alles-wenn-ich-es-mir-nur-lange-genug-wünsche»-Einstellung schade mehr als sie nütze. In ihrer zwanzigjährigen Forschungsarbeit zum Thema Selbstmotivation hat die Professorin nachgewiesen, dass positive Fantasien vor allem eines tun: Unsere Energie rauben.

In zahlreichen Studien – etwa mit übergewichtigen Frauen, die abnehmen wollen oder mit Studenten, die vor einer wichtigen Prüfung stehen – kam sie immer auf dasselbe Ergebnis: Positive Fantasien hindern Menschen daran, ihre Ziele zu erreichen. Sie hemmen ihre Motivation und ihr Handeln. Auf diese Weise würden sie sich vorgaukeln, ihr Wunsch sei bereits erfüllt. Vor lauter in den Träumen schwelgen, vergisst man, etwas für das Ziel zu tun.

Hindernisse helfen am besten

Bei den Übergewichtigen: Die Frauen mit positiven Erfolgsfantasien (vorgestellt wie schlank und attraktiv sie sein werden) haben deutlich weniger abgenommen. Die naiven Träumerinnen hatten weniger Energie, sich zielführend zu verhalten. Bei den Studenten: Je positiver die Studenten sich ihre Noten ausmalten, desto schlechter waren die tatsächlichen Ergebnisse und desto weniger hatten sie sich angestrengt, um gute Noten zu bekommen.

Um dem Buchtitel «Gelingen» gerecht zu werden, zeigt sie natürlich nicht bloss auf, was wir falsch machen, sondern erklärt, wie man sich Wünsche erfüllen und wie aus unseren Träumen Wirklichkeit werden kann. Hindernisse, von denen wir immer dachten, sie beeinflussen uns negativ und bremsen uns aus, helfen am besten.

Hilfreicher Plan für Ziele

Das Erfolgsgeheimnis: Wir machen uns klar, welche Hindernisse wir auf unserem Weg zum Ziel überwinden müssen, und gewinnen daraus die Energie, unsere Träume durch aktives Handeln zu verwirklichen. Oettingen nennt ihr Konzept «mentales Kontrastieren» – dabei soll der Mensch seine Träume sofort mit der Realität konfrontieren. Offensiv auch an Hürden denken und sie nicht einfach verdrängen. Ein weiterer Effekt: Mit dem «Vor-Augen-Führen» realisieren wir vielleicht schneller als im Tagtraum, dass die Ziele zu hochgesteckt sind und wir sie nicht erreichen können.

Mit diesen Erkenntnissen hat Oettingen einen neuen Ansatz kreiert. WOOP für Wish, Outcome, Obstacle, Plan. Auf Deutsch: Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan soll uns helfen, unsere Ziele und Wünsche zu erreichen. Ein einfaches Werkzeug, das die Menschen verwenden können, um jeden erdenklichen Wunsch zu erarbeiten. Egal, ob im Beruf, der Schule, dem Studium oder in der Erziehung.

Am Ende erinnert Oettingen, die mit den gängigen Vorstellungen der Selbstmotivation aufräumt, den Leser noch einmal daran, niemals zu vergessen, die zwei wesentlichen Fragen zu stellen:

(aargauerzeitung.ch)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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7
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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wnuss 08.10.2015 05:29
    Highlight Wird man allem gerecht, wenn man mit positiven Hindernissen arbeitet? ;-)

    Dass heutzutage das Negative kaum mehr einen natürlichen Platz hat, dem stimme ich allerdings zu, leider. Irgendwie wird uns Vergessen/Verdrängen eingehämmert und wer sich nicht daran hält wird angesehen als sei er/sie Ausserirdisch. Das ist lächerlich.
    Der Tod (als das Negative), gehört ebenso zu unserem Dasein wie das Leben (als das Positive). Oder hat sich da was geändert und ich habe es nicht mitbekommen? :)
    4 0 Melden
  • #Tonilöffeltsaus 07.10.2015 13:39
    Highlight Nicht mehr positiv denken? Das ist aber dicke Post. Ein neuer Plan muss her. Also am besten erst mal in Ruhe auf die Couch sitzen und ein Toni löffeln. #Tonilöffeltsaus
    6 2 Melden
  • Der Artikelleser 07.10.2015 11:16
    Highlight Nicht schon wieder so ein Buch, die nerven mich langsam.

    Das sehe ich anders. Wie willst du je ein Ziel erreichen, wenn du schon von Anfang an denkst, dass es nicht geht? Dann denkst du ja positiv, wenn du es vor Augen hälst. Du musst dir das Ziel immer wieder vor Augen setzen und es fühlen, wie es wäre, wenn man es hat und dann bewegt man sich automatisch drauf zu, weil man damit in Resonanz ist. Natürlich muss man auch handeln und sich nicht nur das Ziel vorstellen. Nur so kommt man voran im Leben. Immer etwas wagen.
    8 3 Melden
  • Gelöschter Benutzer 07.10.2015 10:51
    Highlight 2
    Wirklich hilfreiche Vorstellungen zeigen den Weg, nicht das Ziel. Und das funktioniert, weil das Gehirn kaum einen Unterschied macht zwischen echt und vorgestellt. Allerdings nur, wenn man kleine Schritte macht und wenn man es sich oft und intensiv genug vorstellt. Z.B. wenn man im Geiste mit allen Sinnen einen leckeren Salat isst. Oder man joggt durch den Wald und spürt richtig die Leichtigkeit des Laufs und die frische Luft in den Lungen. Wenn man das richtig macht, bekommt man in absehbarer Zeit soviel Lust darauf, dass man es unbedingt machen muss.
    Der Weg ist das Ziel !
    8 2 Melden
  • Gelöschter Benutzer 07.10.2015 10:50
    Highlight 1
    Als gäb's nicht schon unzählige ähnliche Bücher. Der angeblich neue Ansatz ist auch nicht neu. Und sie ist noch nicht mal auf dem Laufenden. In einem Punkt jedoch liegt sie richtig. Wunschvorstellungen davon, wie man es gerne hätte, sind eher hinderlich als hilfreich. Sie sollte aber aus Forschungen anderer auch wissen, dass die Vorstellungskraft eben doch ein mächtiges Werkzeug ist. Vor allem für solche, die Kraft, Mut oder Motivation verloren haben. Allerdings stellt man sich dann nicht das Ziel vor, sondern den Weg dahin.
    9 0 Melden
  • Linus Luchs 07.10.2015 08:33
    Highlight "Ein einfaches Werkzeug, das die Menschen verwenden können, um jeden erdenklichen Wunsch zu erarbeiten. Egal, ob im Beruf, der Schule, dem Studium oder in der Erziehung."
    Falls das tatsächlich so im Buch von Gabriele Oettingen steht (was ich bezweifle), ist auch ihr Rezept für die Katz'. Denn niemand kann jeden erdenklichen Wunsch erarbeiten. Wer 1 Meter 65 gross ist, wird kein erfolgreicher Hochspringer. Wir sollten uns schon zuerst bemühen, unsere Stärken und Schwächen absolut ehrlich festzustellen, um dann einschätzen zu können, ob die Erfüllung eines Wunsches realistisch ist.
    30 0 Melden
  • JoJodeli 07.10.2015 08:10
    Highlight Da fehlen am Schluss doch die zwei wesentlichen Fragen, die wir uns stellen sollen.... :D
    37 0 Melden

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