Gesundheit

Schweizer Eltern sind im Zusammenhang mit Ritalin vorsichtiger geworden.  Bild: KEYSTONE

Ritalin: Wer soll die Pille schlucken?

17.03.15, 06:52 17.03.15, 08:22

anna wanner

Ein Artikel der

Ritalin kann hyperaktiven Kindern helfen, sich besser zu konzentrieren. Das wirkt sich wiederum positiv auf schulische Leistungen aus. Lehrer und Eltern sind also zufrieden. Doch schwelt seit Jahren ein Streit darüber, ob es auch dem Kind besser geht, wenn es täglich Tabletten schlucken muss. Neben moralischen stellen sich gesellschaftliche Fragen: Darf ein Kind überhaupt noch aufmüpfig sein oder muss es mit Medikamenten vollgepumpt und ruhig gestellt werden? Dient es in der Konsequenz der Entlastung der Lehrer und Eltern oder geht es dem Kind dank des Arzneimittels merklich besser?

Die Lehrmeinungen gehen auseinander. Und je nach Gremium, das dazu befragt wird, fällt die Antwort unterschiedlich aus. Der Bundesrat erkennt zwar eine «zunehmende Tendenz, alltäglichen Befindlichkeitsstörungen oder psychosozial problematisch erscheinenden Verhaltensweisen einen Krankheitsstatus zuzuschreiben», wie er in einem Bericht über leistungssteigernde Medikamente festhält. Dennoch ist er der Ansicht, die Behandlung mit Ritalin verlaufe in der Schweiz «adäquat».

Konsum bei Kinder zu hoch

Der UNO-Kinderrechtsausschuss sieht die Situation weniger entspannt. Er rüffelte die Schweiz erst letzten Monat wegen ihrer laxen Abgabepraxis von Ritalin an Kinder. Gemäss Angaben des Bundesrats leiden in der Schweiz drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen am Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS. Jedem vierten betroffenen Kind wird Ritalin oder ein vergleichbares Medikament verabreicht. Die Schweiz orientiert sich dabei an EU-Richtlinien, die ADHS-Störungen bereits bei Sechsjährigen zur Behandlung empfehlen. Allerdings mit Vorbehalten. So soll der Arzt, der Ritalin verabreicht, auf Verhaltensstörungen spezialisiert sein. Ausserdem soll das Medikament nur als Teil einer umfassenderen Therapie verwendet werden.

Es fliessen grosse Beträge 

7,6 Millionen Franken gaben die Schweizer 2014 für Ritalin und Medikamente mit demselben Wirkstoff (Methylphenidat) aus. 2013 war der Betrag etwa vergleichbar. In den Jahren zuvor lag er aber darunter. 

Freilich sieht die Praxis etwas anders aus. Deshalb sieht auch eine Mehrheit des Nationalrats Handlungsbedarf. Die grosse Kammer überwies eine Motion, welche die Kriterien für die Abgabe für alle Ärzte in Stein meisseln und verschärfen soll. Heute entscheidet der Ständerat darüber.

Ritalin von Eltern hinterfragt

Allerdings scheint die Stimmung zu kippen. Sollte sich die kleine Kammer gegen eine Verschärfung bei der Ritalin-Abgabe aussprechen, bedeutete das auch für Kritiker keinen Weltuntergang. Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr sagt, dass die breite Diskussion in der Öffentlichkeit bereits Früchte trage: «Die Eltern sind vorsichtiger und kundiger geworden.» Ausserdem wisse sie auch um die positive Wirkung des Medikaments: «Es gibt Kinder, denen Ritalin hilft. So kann dank der Therapie grosses Leid vermieden werden.» Oftmals gebe es aber auch Alternativen zu Ritalin, die manche Ärzte zu wenig in Betracht ziehen. «Das Medikament wird verabreicht, bloss um den Erwartungen der Eltern zu genügen.» Insgesamt zieht sie eine durchzogene Bilanz: Sie sei zwar beunruhigt, dass die Zahl der Ritalin-Patienten in der Schweiz nach wie vor hoch sei. «Doch immerhin scheint sie zu stagnieren.»

Novartis: 17 Prozent weniger Umsatz

Die Stagnation widerspiegelt sich nicht bloss in den Schätzungen des Bundesrates. Der Umsatz, den der Hersteller Novartis mit dem Medikament und einem vergleichbaren Präparat gemacht hat, ist 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozent gesunken. 2013 erzielte Novartis mit Ritalin und Focalin noch 594 Millionen US-Dollar Umsatz, 2014 waren es noch 492 Millionen. Das heisst allerdings nicht, dass der Konsum gesamthaft zurückging. Der Verkauf von Ritalin-Generika funktioniert weiterhin. Laut Krankenkassenverband Santé suisse stagnieren die Ausgaben für den Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat zwar bei 7,6 Millionen Franken. Sie sind aber nicht zurückgegangen.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • M@ Di11on (亚光狄龙) 17.03.2015 13:01
    Highlight Leider wird über dieses für sehr viele Betroffene sehr hilfreiche Medikament von vielen Leuten, welche weder qualifiziert noch betroffen sind völliger Quatsch geschrieben.

    Zu den Unqualifizierten gehören auch viele Psychotherapeuten und Psychiater, welche von guter Diagnostik keine Ahnung haben.

    Stimulanzien sind bei richtiger Diagnose und guter Kontrolle sehr viel wert und können für die Betroffenen sehr viel erleichtern.
    4 2 Melden
  • Go-away 17.03.2015 11:56
    Highlight Diverse Selbstversuche mit diversen Präparaten haben mir recht klar aufgezeit, dass Ritalin für mich nicht in die Hände von Kindern gehören. Jedenfalls wird in der Schweiz in den meisten Fällen Ritalin viel zu voreilig abgegeben. Für mich ist Ritalin, verglichen mit anderen Suchtmitteln klar eine Droge.
    7 1 Melden
  • YOLOzärn 17.03.2015 10:38
    Highlight Man wird nicht ruhig gestellt. Ich war immer noch sehr hyperaktiv ;) jedoch konnte ich ruhiger und schneller meine Hausaufgaben erledigen. Ich bin ausserdem auch nicht zu einer Psychopathin mutiert! ;)
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  • Der Tom 17.03.2015 08:20
    Highlight Scheinbar hilft es ja den meisten die es nehmen. Negative Auswirkungen konnten seit ca 1945 bis heute nicht bewiesen werden. Viel süsses essen, zu wenig Bewegung, neben einer Hauptstrasse wohnen oder mit Kettenraucher Eltern zusammenleben sind nur ein paar wenige Beispiele von echten Problemen. Aber die sind halt komplizierter als eine neue Vorschrift für ein Medikament.
    11 8 Melden
    • Gelöschter Benutzer 17.03.2015 09:13
      Highlight Kokain und Heroin hilft den meisten auch.
      Folgender Link hilft sich mehr Klarheit zu verschaffen.

      http://www.seite3.ch/Ritalin+Die+gefaehrlichste+Droge+der+Welt/438255/detail.html

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    • AdiB 17.03.2015 09:39
      Highlight ich denke eher das ein kind, kind sein darf. es muss springen sich im treck winden und schreien. das imunsystem stärken durch spielen in der natur. seinen körper auf die zukünftige bflastung trainieren.
      und nicht mit tabletten ruhig gestellt werden.
      heute wollen alle nur noch ruhige kinder die in der ecke sitzen. ich bin eher dafür das man in den schulen längere pausen einführt oder öfters den unterricht in die natur versetzt.
      ein kind sollte noch ein kind sein dürfen!
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    • Jovan 17.03.2015 09:56
      Highlight Sie sind sicher ein Fan von dem hier:
      http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article130759384/Elektroschocks-fuer-Schwule-Mann-verklagt-Klinik.html

      Ritalin ist wie Koks, danke.
      2 3 Melden
    • Der Tom 17.03.2015 10:39
      Highlight Ein Kind dem Ritalin hilft wird nicht ruhiger sein als andere Kinder die besser in unser krankes System passen. Aber es passt halt eben dann rein und je nach Ausprägung ist Ritalin schlucken wohl das kleiner Übel. Die meisten Eltern müssen ihre Kinder in die reguläre Schule schicken und da müssen sie rein passen sonst geht es nicht. Ah und es gibt auch die sogenannten Tagträumer... denen hilft es auch... die werden dann aktiver.
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    • saukaibli 17.03.2015 12:57
      Highlight "Viel süsses essen, zu wenig Bewegung", genau das sind häufige Ursachen für Hyperaktivität.
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