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epa02240003 (FILE) A file picture dated in 1985 shows former Panamanian General Manuel Antonio Noriega. A court in the French capital Paris sentenced former
Panamanian dictator Manuel Noriega on 07 July 2010 to seven years in prison
for money laundering. Noriega was found guilty of hiding in French bank accounts some 3 million dollars made during the 1980s from the sale of cocaine connected to the infamous Medelin cartel of Colombia. Noriega and his wife eventually used part of the money to purchase real estate in Paris. In 1999, a French court had convicted him of the charges in absentia and sentenced him to 10 years in prison. The public
prosecutor had demanded the same sentence in the latest trial. Noriega, who is in his 70s, was extradited from the United States to France in late April. At the time, he demanded to be treated as a prisoner of war and returned to Panama to stand trial there on the
charges.  EPA/STF B/W ONLY

Manuel Antonio Noriega: Das «Ananasgesicht» entwickelte sich zum grössten aussenpolitischen Problem der USA. Bild: EPA

US-Operation gegen Diktator Noriega

Oktober 1988: Noriega, Diktator Panamas, prahlt: «Ich habe Bush an den Eiern» – ein Jahr später wird er von der US-Armee weggeputscht

1989 marschierten die USA in Panama ein und stürzten Diktator Noriega. Offiziell, um US-Bürger zu beschützen. Tatsächlich entledigte sich die Supermacht ihres grössten aussenpolitischen Problems – das sie selbst geschaffen hatte. 

20.12.14, 18:06 21.12.14, 18:01

johanna lutteroth / spiegel online

Ein Artikel von

Die vier Amerikaner wollten an diesem Abend im Dezember 1989 eigentlich nur noch ein Bier trinken gehen und waren bester Dinge – bis sie an einen Kontrollposten der panamaischen Armee kamen. Argwöhnisch betrachteten die Wachsoldaten die ausgehfreudigen US-Offiziere in Zivil und forderten sie dann barsch auf, das Auto zu verlassen. Als sie sich weigerten, entsicherte einer der panamaischen Soldaten seine Maschinenpistole. In Panik gab der Fahrer Gas und versuchte zu entkommen. Der Wachsoldat eröffnete sofort das Feuer und verletzte alle vier US-Offiziere. Einer von ihnen, Robert Paz, erlag seinen Wunden wenig später im Krankenhaus. 

Fünf Tage später, am 20. Dezember 1989, entmachteten die USA den selbsternannten Regierungschef und Quasi-Diktator von Panama, Manuel Noriega, der sich wenige Tage zuvor den Titel «Oberster Führer der nationalen Befreiung» gegeben hatte, mit einem militärischen Paukenschlag. Innerhalb weniger Stunden hatten die US-Streitkräfte 27'000 Mann mobilisiert, die zentralen Flughäfen und Häfen eingenommen und das Hauptquartier der panamaischen Streitkräfte im Stadtviertel El Chorillo dem Erdboden gleichgemacht. 

Der Tod von Robert Paz war nicht Ursache, aber Anlass für die Invasion der Amerikaner. «Das war genug», begründete US-Präsident George Bush seine Entscheidung am nächsten Morgen. Zwei Jahre habe Washington erfolglos versucht, die Panama-Krise mit dem unberechenbaren Diktator Noriega auf diplomatischem Weg zu lösen. Ohne Erfolg. Es gehe darum, das Leben der 35'000 US-Bürger in Panama zu schützen, die Unversehrtheit der Panamakanal-Verträge zu wahren und den demokratischen Prozess wiederherzustellen.

Um an der Rechtmässigkeit der Invasion keinen Zweifel zu lassen, erhielt die Operation den Namen «Just Cause» – «gerechte Sache». Dass die USA das Dilemma in Panama und den Aufstieg Noriegas zum Caudillo – direkt übersetzt: «autoritärer Führer» – mit zu verantworten hatte, verschwieg Bush allerdings. 

Dezember 1989: Innerhalb weniger Stunden hatten die US-Streitkräfte 27'000 Mann mobilisiert und die zentralen Flughäfen und Häfen des Landes eingenommen. Bild: AP NY

Doppeltes Spiel

Über Jahrzehnte war Noriega der engste Verbündete der USA gewesen im Kampf gegen den Drogenhandel und in ihrem verdeckten Krieg gegen die Sandinisten in Nicaragua – eine sozialistische Guerilla-Gruppe, die sich 1979 an die Macht geputscht hatte. US-Geheimdienste und -Drogenfahnder standen seit Mitte der Siebzigerjahre in enger Verbindung zu Noriega, damals Chef des panamaischen militärischen Geheimdienstes. Er beschaffte ihnen Informationen, an die sonst nicht heranzukommen war. Dafür zeigten sich die Geheimdienste erkenntlich. Sie bildeten ihn in unterschiedlichen US-Einrichtungen zum Spion aus und zahlten ihm Jahr für Jahr ein stattliches sechsstelliges Salär.  

Noriega war der immer dienstbare Geist und lullte damit seine amerikanischen Unterstützer ein. Die wollten nicht sehen, was spätestens offensichtlich war, seitdem Noriega 1983 zum Kommandeur der Nationalgarde und de facto zum Machthaber in Panama aufgestiegen war: Noriega spielte ein doppeltes Spiel. Er begann Fidel Castro US-Geheimdokumente zuzuspielen, baute Panama zur grössten Geldwaschanlage und zum grössten Drogenumschlagplatz der Welt aus und ergaunerte sich so ein Vermögen, das er auf Konten in den USA und der Schweiz bunkerte. Nach Gutdünken setzte er Präsidenten ein und wieder ab und entledigte sich politischer Feinde durch brutalen Mord – wie im Falle des Oppositionspolitikers Hugo Spadafora, der 1985 verstümmelt aufgefunden wurde. 

Obwohl CIA, NSA, Pentagon und Weisses Haus von seinen Aktivitäten wussten, protegierten sie Noriega. Denn das «Ananasgesicht» («Cara de Piña»), wie Noriega aufgrund seines pockennarbigen Teints mit einem gängigen lateinamerikanischen Schimpfwort benannt wurde, wusste, wie er die USA an der Angel behielt. Seine amerikanischen Freunde durften sämtliche Militäreinrichtungen in Panama nutzen und sich frei bewegen, um den Panamakanal zu kontrollieren, dessen Gebühren Washington weiterhin kassierte. Die NSA überwachte von den US-Basen in Panama aus ganz Lateinamerika und die CIA nutzte sie als Drehscheibe für den Austausch von Agenten in Mittelamerika. Darüber hinaus präsentierte Noriega den US-Behörden regelmässig Drogendealer, die ihm lästig geworden waren, auf dem Silbertablett – und baute unter der schützenden Hand der USA seine eigenen Drogengeschäfte aus. 

Wie unentbehrlich er war, demonstrierte Noriega den US-Geheimdiensten zuletzt im März 1985. Damals initiierte er in Nicaraguas Hauptstadt Managua eine Reihe von Bombenanschlägen, die die Schlagkraft der «Contras» – der von den USA gesponserten Opposition – demonstrieren und die sandinistische Regierung einschüchtern sollte. Die Noriega-Freunde in den USA übersahen einen wesentlichen Punkt, den Staatsanwalt Richard Gregorie, der Noriega 1992 den Prozess machte, so treffend formulierte: «Niemand konnte Noriega kaufen. Man konnte ihn nur mieten.» 

April 1990: Von den USA unterstützte Contra-Rebellen in Nicaragua. Bild: AP NY

Problemfall der US-Aussenpolitik

Die «Sumpfratte», wie US-Journalisten Noriega abfällig nannten, fühlte sich offenbar sicher. Er schien zu glauben, sein Spiel mit den Amerikanern endlos treiben zu können. Schliesslich kannte er viele Geheimnisse aus Amerikas verdecktem Krieg in Nicaragua, die niemals öffentlich werden durften. 1988 tönte er anlässlich der Feier zum fünfjährigen Jubiläum seiner Machtübernahme, er habe «Bush an den Eiern», weil er ihm über seinen Mittelsmann Carlos Duque den Wahlkampf finanziert hatte. Noriega war vom dienstbaren Geist zum echten Problemfall der US-Aussenpolitik geworden und rangierte schliesslich auf der Liste der Staatsfeinde gleichauf mit Gaddafi – noch vor Saddam Hussein und Kim Il Sung. 

Am 20. Dezember 1989 ging es daher längst nicht mehr darum, das Unrechtsregime Noriegas zu beseitigen, wie öffentlich behauptet wurde, sondern den lästig gewordenen Superagenten Noriega loszuwerden. Den Mann, dem über zweieinhalb Jahre sämtliche Wirtschaftssanktionen, eingefrorenen Bankkonten, Putschversuche der Opposition und selbst 1988 eine Anklage wegen Drogenhandels und Geldwäsche in den USA nichts anhaben konnten. «Er pfiff auf die grossen USA», wie es der Spiegel im Dezember 1989 formulierte. 

Im Oktober 1989 liess Bush eine grosse Chance ungenutzt. Die Urracá-Brigade putschte gegen Noriega, scheiterte aber auf den letzten Metern an dem Noriega-treuen «Batallion der Würde», das den Diktator rausboxen konnte, weil Bush die in Panama stationierten US-Soldaten nicht ausrücken liess. Hardliner beschimpften ihn daraufhin als Feigling. Wenig später schwor Bush, er werde Noriega «nicht erlauben, die USA und den Rest der Welt als Narren hinzustellen». 

Hunderte Tote für die «gerechte Sache»

Am 20. Dezember um 0.46 Uhr startete die Operation «Just Cause», die grösste Luftlandeaktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Über Nacht legten die US-Truppen etliche strategische Ziele in Schutt und Asche. Rund 15'000 Menschen verloren dabei ihr Zuhause, mehrere Hundert Zivilisten kamen ums Leben. 

International löste der Einmarsch der US-Truppen einen Aufschrei der Empörung aus. Die Organisation Amerikanischer Staaten forderte die Uno am 22. Dezember auf, die USA zum Abzug zu zwingen. Doch Frankreich, Grossbritannien und die USA legten ihr Veto ein und verwiesen auf das Recht, die 35'000 US-Bürger in Panama zu verteidigen. 

Nach vier Tagen hatten die US-Streitkräfte Panama unter Kontrolle. Nur Noriega war ihnen noch nicht ins Netz gegangen. Er hatte in der Botschaft des Vatikans in Panama-Stadt Zuflucht gefunden. Wirklich willkommen war er hier nicht. Der Nuntius gewährte ihm zwar Unterschlupf, versorgte ihn aber nur mit dem Nötigsten. Die US-Soldaten beschallten die Botschaft rund um die Uhr mit ohrenbetäubender Rockmusik, und auch der Nuntius schien Wege zu suchen, den uneingeladenen Gast loszuwerden – er liess Noriega die Klimaanlage abstellen und verweigerte ihm den TV- und Alkoholkonsum. Nach zehn Tagen stellte sich der Diktator freiwillig.  

Januar 1989: US-Soldaten beobachten die Botschaft des Vatikans, in die Manuel Noriega nach der US-Invasion flüchtete. Bild: AP NY

1992 verurteilte das US-Bundesgericht in Miami Noriega auf Basis der Anklage von 1988 zu 40 Jahren Haft wegen Drogenhandels und Geldwäsche. Es folgten weitere Urteile: Eines in Panama wegen des Mordes an Spadafora. Ein anderes in Frankreich wegen Geldwäsche. Beide brachten ihm in Summe weitere 30 Jahre Haft ein. 2010 lieferten die USA Noriega an Frankreich aus, ein Jahr später übergab ihn Paris schliesslich an Panama, wo er seitdem im Gefängnis «El Renacer» einsitzt.

Tyrants and Dictators – Manuel Noriega (Dokumentarfilm) 

youtube/military learning



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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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    Alle Leser-Kommentare
  • wes 21.12.2014 11:49
    Highlight Einmal mehr, der wahre verbrecherische Schurkenstatt ist die USA.
    1 2 Melden

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