Hongkong

Zu ihr gehört auch Familie Chan: Vater Physiklehrer, Mutter Universitätsdozentin, drei Kinder – und ein philippinisches Hausmädchen. Um sie zu schützen, wurden ihre Namen verändert.  Bild: Spiegel Online/Ulrike putz

Protest in Hongkong

«Wir lieben China, aber nicht die Partei»

Er ist Lehrer, sie unterrichtet an der Uni: Mit ihren drei Kindern leben die Chans auf 81 Quadratmetern in einem Hongkonger Hochhaus. Sie sind glücklich – wenn da nicht die Angst vor dem Regime in Peking wäre. 

04.10.14, 12:39 04.10.14, 13:23

Ulrike Putz, Hongkong

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Es hat Jonas Chan* eine gute Stunde gekostet, von dem Protestcamp in der Hongkonger Innenstadt nach Hause zu gelangen. Zwei Mal hat er sich beim Umsteigen mit Tausenden anderer Pendler durch unterirdische Einkaufspassagen geschoben. Jetzt hat die MTR, die Hongkonger Metro, ihn in Sha Tin ausgespuckt. Ein kurzer Sprint durch noch ein Einkaufszentrum, dann sitzt der 19-jährige Chemiestudent im Bus. Es folgen zehn Minuten Fahrt durch das, was in Hongkong als besserer Vorort gilt: Batterien von Vierziggeschossern stehen entlang des Shin-Mun-Flusses. Von einem grünen Hügel grüsst das Kloster der 10'000 Buddhas. 

An einem grün verglasten Apartmentturm steigt Jonas aus: Hier leben die Chans, wie die wie allermeisten Hongkonger auf engem Raum. 81 Quadratmeter für sechs Menschen. Als ihr drittes Kind geboren wurde, haben Vater Matthew und Mutter Monica die Waschmaschine aus der Abstellkammer geräumt und aus dem Kabuff ein weiteres Schlafzimmer gemacht, in dem heute Jonas haust. Dessen 11-jährige Schwester teilt sich ein winziges Zimmer mit dem philippinischen Hausmädchen. Trotzdem halten die Chans sich für privilegiert: «Die meisten Wohnungen in Hongkong haben eine Deckenhöhe von 2,45 Metern. Wir haben 2,75 Meter», sagt Vater Chan stolz. 

Die Chans klagen nicht. Sie wissen, dass sie es als Angehörige der oberen Mittelschicht besser haben, als viele in Hongkong. Das Wohnzimmer ist vollgestopft mit Büchern, Brettspielen, Familienfotos. Die Chans sind eine fröhliche Familie, weit gereist, zufrieden mit ihrem Leben

Angst vor dem Regime in Peking

In den Wohnsilos von Sha Tin lebt Hongkongs Mittelschicht.  Bild: Spiegel Online/Ulrike Putz

Dennoch demonstrieren sie. Nicht nur Sohn Jonas hat in der vergangenen Woche viel Zeit bei den Protesten für mehr Demokratie verbracht. Auch Mutter Monica fuhr immer wieder in die Innenstadt. Der Vater zog zwei Mal nachts los, um die Jugendlichen bei ihren Sit-ins zu unterstützen. Der Grund dafür ist eine tief sitzende Angst vor dem Regime in Peking, die die Generation der Eltern Chan geprägt hat. 

Matthew Chan ist Physiklehrer an einem Gymnasium, seine Frau bildet an einer Universität Grundschullehrer aus. «Wir fahren oft aufs Festland, wir haben Familie und Verwandte dort», sagt Matthew Chan. Man kenne die Verhältnisse drüben, und eins sei ganz klar: «So wie dort darf es bei uns nie werden.» Die Chans sind sehr christlich, sehen die Gängelung ihrer Glaubensbrüder auf dem Festland mit Sorge. Hongkonger hingegen genössen fast die gleichen Freiheiten wie im Westen – und um die zu wahren, gingen sie nun auf die Strasse. 

Die Chans machen sich keine Illusionen darüber, wer wirklich in Hongkong das Sagen hat. «Jede Entscheidung für Hongkong wird in Peking getroffen», sagt Matthew. Seine Hoffnung sei, dass Hongkongs Bedeutung als internationaler Finanzplatz den Protestlern als Schutzschild dienen könnte: «Die können hier nicht einfach das Internet abschalten. Wenn sie das einmal machen, wandern die grossen Banken sofort ab. Das kann sich Peking nicht leisten.»

«Ein Land, zwei Systeme», das ist die Maxime, mit der Hongkong seit der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China 1997 lebt. Doch 2047 läuft die Schonfrist ab. Dann verstreicht die 50-Jahres-Frist, innerhalb der Peking den Hongkongern die Aufrechterhaltung «ihres Lebensstils und des kapitalistische Systems» garantiert. Ihrer Kinder wegen sorgen sich die Chans, was danach kommen wird. Wird dann auch in Hongkong die Ein-Kind-Politik eingeführt? Was wird aus der Religionsfreiheit? 

«Unsere Muttersprache Kantonesisch wird verdrängt»

Auch seine Eltern Matthew und Monica Chan unterstützen die Proteste. Es geht ihnen um Freiheit. Bild: Spiegel Online/Ulrike Putz

Schon jetzt verdränge die Kultur des Festlands Schritt für Schritt das, was Hongkong ausmache, sagen die Chans. «Überall hört man jetzt Mandarin, unsere Muttersprache Kantonesisch wird verdrängt», sagt Monica. 150 Festlandchinesen pro Tag dürften sich in Hongkong ansiedeln, ausgewählt würden die Immigranten aber von China, nicht Hongkong: «Die unterwandern uns langsam, aber sicher.»

Der Zuzug der Festlandschinesen treibe die Mieten in die Höhe. Ihre Wohnung haben die Chans vor 16 Jahren gekauft – zum Glück. Wenn sie für ihre Bleibe Miete zahlen müssten, läge die bei 2000 Euro im Monat – das wären gut zwei Drittel ihrer Einkünfte. 

«Wir lieben China, aber nicht die Partei», sagt Vater Chan. Seine Hoffnung ist, dass das starre System in China sich irgendwann ändern muss: «In der Geschichte Chinas haben sich so viele Dynastien abgewechselt, die Geschichte lehrt doch, das nichts ewig währt.» Zwei Systeme in einem Land, das sei tatsächlich nicht auf Dauer aufrechtzuerhalten, sagt er. «Aber warum nähert sich China nicht Hongkong an? Es ist doch ganz offensichtlich, dass wir das bessere Leben führen.»

*Alle Namen von der Redaktion geändert. 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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