Hongkong

Strassenschild im Geschäftsviertel von Hongkong: Links geht es offiziell zu Regierungsbüros – den Protestlern zufolge aber damit zwangsweise auch zu den Büros der Triaden, der Mafia. Denn die soll mit der Regierung im Bunde sein.  Screenshot: Instagram

Triaden bei Demokratie-Demo

Mafia-Schläger mischen Hongkong-Protest auf 

Die berüchtigten Triaden kontrollieren Hongkongs Unterwelt. Nun haben ihre Schläger Pro-Demokratie-Demonstranten angegriffen. Handelt die Mafia im Auftrag Pekings? Der Verdacht liegt nahe. 

05.10.14, 18:43

Ulrike Putz, hongkong / Spiegel Online

Ein Artikel von

An einer von Demonstranten besetzten Kreuzung im Viertel Admiralty in Hongkong steht ein gelbes Strassenschild. «Central Government Offices» steht neben dem nach links zeigenden Pfeil. Am Samstag haben Protestler das Schild mit einem selbstgemalten Zusatz versehen. «Central Government and Triad Offices» steht da nun – angeblich befinden sich hier also die Büros der Regierung ebenso wie die der Triaden, der chinesischen Mafia. 

Wie die Schild-Verzierer sind viele der für freie Wahlen demonstrierenden Hongkonger überzeugt, dass die Stadtregierung mit den örtlichen Unterwelt-Banden gemeinsame Sache macht. Die pro-chinesische Regierung bediene sich der Mafia-Schläger, um Demonstranten anzugreifen und einzuschüchtern, sagen Aktivisten und Oppositionelle.

«Die Regierung hat organisierte, orchestrierte Gewalt und sogar Triaden-Gangs benutzt, um die Bürger zu vertreiben.»

James To Kun-sun

«Die Regierung hat organisierte, orchestrierte Gewalt und sogar Triaden-Gangs benutzt, um die Bürger zu vertreiben», sagte James To Kun-sun, Abgeordneter der oppositionellen Demokratischen Partei und stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrats im Stadtparlament. Stadtratsmitglied Albert Ho erklärte, die Polizei lasse den Triaden «eine Menge durchgehen». Die Machthaber liessen die China-Mafia die Drecksarbeit machen, überliessen es deren Handlangern, die besetzten Plätze und Strassen zu räumen, so Ho, ein bekannter Anwalt und Bürgerrechtler.

Hong Kongs Sicherheitschef Lai Tung-kwok wies diese Vorwürfe während einer Pressekonferenz am Samstag weit von sich. «Diese Anschuldigungen sind erfunden und gehen entschieden zu weit», rief der sichtlich wütende Lai. 

Mafia-Bodyguards für Politiker 

Verwaltungschef Leung Chun-ying auf einem Schild der Demonstranten. Bild: Watson/Roman Rey

Am Freitag hatte es in dem von Banden dominierten Viertel Mong Kok gewalttätige Übergriffe auf die Teilnehmer eines friedlichen Sit-Ins gegeben. Die Polizei griff dabei nach Angaben von Augenzeugen erst sehr spät ein und tat nur wenig, um die Demonstranten vor den Angreifern zu schützen. Schliesslich wurden 19 Krawallmacher festgenommen. Bei acht von ihnen handelte es sich laut Polizei um Mitglieder der Triaden.

Ob die Bandenmitglieder aus eigenem Antrieb auf die Demonstranten losgingen, oder aber von ihren Organisationen dazu abgestellt wurden, lässt sich nicht überprüfen. Selbst wenn die Männer im Auftrag unterwegs waren, wird nie nachzuweisen sein, ob die Triaden im Dienst oder mit der Duldung der China-treuen Regierung Leung Chun-yings agierten oder ihre Anweisungen gar direkt aus dem fernen Peking bezogen.

Dass die chinesische Regierung sich der Hongkonger Triaden bei Bedarf bedient, haben Offizielle in der Vergangenheit jedoch vereinzelt zugegeben. In einem selten offenen Statement sagte der damalige chinesische Minister für Öffentliche Sicherheit, Tao Siju, im Jahr 1993, so lange die Triaden patriotisch seien und sich für Hongkongs Wohlstand und Stabilität engagierten, könnten sie ein nützliches Werkzeug der chinesischen Politik in Hongkong sein. China habe die Triaden bereits mehrfach in Anspruch genommen, zum Beispiel ihre Mitglieder engagiert, um einen chinesischen Politiker bei einer Auslandsreise zu beschützen, so Tao. 

«Ein Fluch für die Zivilgesellschaft Hongkongs»

Bereits in der Vergangenheit soll sich Peking der Hongkonger Mafia bei Bedarf bedient haben. Die Triaden wurden im 17. Jahrhundert auf dem chinesischen Festland von Shaolin-Mönchen gegründet - ursprünglich waren sie Geheimgesellschaften (im Bild Gangmitglieder aus Guangzhou bei einem Prozess).  Bild: Getty Images

Steve Vickers, ehemaliger Chef der Abteilung für verdeckte Ermittlungen im kriminellen Milieu der Hongkonger Polizei, meldete sich am Samstag mit einem Gastbeitrag in der «South China Morning Post» zu Wort. Darin schrieb Vickers, dass es ein offenes Geheimnis sei, dass sowohl Peking als auch pro-demokratische Kräfte in Hong Kong die Triaden für ihre Zwecke benutzt hätten. «Der Einfluss der Triaden ist immer noch ein Fluch für die Zivilgesellschaft Hongkongs.»

Die Triaden entstanden bereits im 17. Jahrhundert auf dem chinesischen Festland. Die ursprünglich von Shaolin-Mönchen gegründeten Geheimgesellschaften verstanden sich als patriotische Widerstandsbewegung gegen die damals herrschende Qing-Dynastie, die mit Hilfe der Triaden 1911 schliesslich gestürzt wurden. Im Lauf der Zeit mutierten die ursprünglich politisch motivierten Gruppen zu kriminellen Banden.

Als die Kommunisten in China 1949 die Macht übernahmen, wichen die meisten der in Clans organisierten Mitglieder in die damalige britische Kolonie Hongkong aus. Dort kontrollieren sie bis heute den Drogenhandel, Menschenhandel, Schmuggel, das Glücksspiel, die Prostitution und Geschäfte mit Zinswucher.

Ältere Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 100'000 Hongkonger im Laufe ihres Lebens im Dienste der China-Mafia standen. Mitglieder sind zumeist an grossflächigen Tätowierungen zu erkennen, an denen auch abzulesen ist, welchem Clan die Männer angehören. Auch international sind die Triaden aktiv, sie haben ihre Basen dabei in den China-Towns von Einwandererländern wie den USA und Australien. Auch in Deutschland sollen Ableger der Clans tätig sein. 

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