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epa05004565 A photograph dated 20 October 2015 and made available on 31 October 2015 showing Russian airline Metrojet Airbus A321 with a tail number of EI-ETJ on an airstrip of Moscow's Domodedovo international airport, outside Moscow, Russia. A Russian plane which went missing in Egypt on 31 October 2015 with 224 aboard has crashed in the Sinai, the Egyptian Civil Aviation Ministry confirmed. The ministry said in a statement that the debris from the plane had been found near the al-Arish airport, in the Sinai Peninsula. The plane was on a flight to St Petersburg, in Russia, reported the Itar-Tass news agency.  EPA/TATIANA BELYAKOVA

A321-Airbus der Russischen Airline Kolavia.
Bild: TATIANA BELYAKOVA/EPA/KEYSTONE

Airbus-Absturz über Ägypten: Russland trauert, Russland spekuliert

Über dem Sinai ist ein russischer Urlaubsflieger mit 224 Menschen an Bord abgestürzt. Die betroffene Fluggesellschaft Kogalymavia flog früher auch für TUI. Die Absturzursache gibt Rätsel auf.

31.10.15, 14:42

Benjamin Bidder, Moskau



Ein Artikel von

Als der Flug 7K9268 am Morgen von den Radaren verschwindet, 23 Minuten nach dem Start im ägyptischen Badeort Scharm al-Scheich, beginnen für Russland nervenaufreibende Stunden voller Wechsel zwischen Schock, Hoffen und Verzweifeln.

Absturzstelle im Sinai.
bild: screenshot/google maps

Die ersten Meldungen über das Schicksal des Airbus A321 der russischen Gesellschaft Kogalymavia mit 224 Menschen an Bord sind so widersprüchlich, dass viele auf eine Falschmeldung hoffen. Beim Radiosender Echo Moskaus etwa, wo die Moderatorin ausspricht, was viele in diesen Stunden denken: Hoffentlich werde der Jet doch einfach an seinem Ziel eintreffen: in Sankt Petersburg, erwartet 12.20 Uhr Ortszeit. So steht es noch auf der Online-Anzeigetafel des Flughafens, als die ersten Psychologen dort bereits eintreffen.

Um 8.17 Uhr eilen die Nachrichtenagenturen, Flug 7K9268 sei über der Sinai-Halbinsel vom Radar verschwunden. Kurz darauf meldet sich aber ein Vertreter der ägyptischen Flugsicherheit zu Wort: Nein, der Airbus habe den ägyptischen Luftraum doch sicher verlassen.

So geht es weiter: Das Flugzeug sei «sicher», meldet die Nachrichtenagentur Reuters, wieder unter Berufung auf einen ägyptischen Beamten. Der wiederum will es von der russischen Airline erfahren haben: Ihre Piloten hätten Kontakt mit türkischen Fluglotsen aufgenommen, sie durchquerten nun türkischen Luftraum.

Die Eilmeldungen gehen weiter, und bald spricht gar nichts mehr dafür, dass der Airbus oder seine Passagiere in Sicherheit sind. Ägyptens Ministerpräsident bestätigt den Absturz, alle Passagiere seien tot, zumindest mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

Ägyptische Behörden sehen keine Hinweise für einen Anschlag

Es beginnen Spekulationen über die Ursache des Unglücks: Auf Twitter befürchten viele Russen instinktiv einen Terroranschlag, vielleicht gedacht als Vergeltung islamistischer Terroristen für Russlands Luftangriffe in Syrien. Flug 7K9268 war über der Sinai-Halbinsel unterwegs. Im Norden und im Zentrum des Sinai ist die militante Organisation Ansar Beit al-Makdis aktiv. Diese hatte Ende des Vorjahrs dem Anführer der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) die Treue geschworen.

epa04594930 Egyptians and members if the Egyptian security services inspect the damage caused by one of the attacks which took place evening 29 January in al-Arish, northern Sinai, Egypt, 30 January 2015. According to reports at least 30 members of the Egyptian security services were killed and up to 50 people wounded in four seperate, coordinated attacks in northern Sinai, with responsibility being claimed by the group formerly known as Ansar Beit al-Maqdis but following a pledge of allegiance to the organisation which calls itself the Islamic State (IS) now goes by Sinai Province, the attack prompting the Egyptian President to cut short his visit to Ethiopia to return to Egypt.  EPA/ALAA ELKAMHAWI / ALMASRY ALYOUM

Terroranschlag der Terrorgruppe Ansar Beit al-Makdis im nördlichen Sinai im Januar. 
Bild: EPA/ALMASRY ALYOUM

Die ägyptischen Behörden sehen aber keine Hinweise für einen Anschlag. Sie teilen mit, der Pilot habe bereits kurz nach dem Start technische Probleme gemeldet. Er soll um Erlaubnis für eine Notlandung auf dem nächstgelegenen Flughafen gebeten haben. Im Internet machen Informationen über die Flughöhe des Jets die Runde: Demnach sackte der Airbus kurz vor dem Absturz plötzlich 1700 Meter in die Tiefe.

Kogalymavia-Flug bei Flightradar

Russische Nachrichtenagenturen wiederum zitierten einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Flughafens Scharm al-Scheich. Die Besatzung des Kogalymavia-Fliegers sei ihm bekannt. Sie habe sich in der vergangenen Woche mehrfach an die Techniker des Airports gewandt, «weil das Triebwerk nicht ansprang».

Der Jet war nur eins von sieben Flugzeugen der kleinen Fluggesellschaft Kogalymavia, die bis 2014 auch im Auftrag des deutschen Touristik-Konzerns TUI flog. Sie hat vor wenigen Jahren den Linienbetrieb eingestellt und fliegt mit ihren fünf Airbus-Flugzeugen ausschliesslich Charterflüge unter der Marke Metrojet. Der nun betroffene Airbus A321 hatte in den vergangenen Tagen zahlreiche Flüge nach Scharm al-Scheich absolviert, aus unterschiedlichen russischen Städten.

Rettungstrupps haben mit der Bergung der Toten begonnen

In den vergangenen Jahren war es in Russland immer wieder zu schweren Flugzeugunglücken gekommen. Besonders häufig sind dabei Kleinstlinien betroffen. 2011 stürzte eine Chartermaschine der Firma Jak-Service nach dem Start in Jaroslawl ab, dabei kam fast komplette Team des Eishockey-Erstligisten Lokomotiv Jaroslawl ums Leben. 2012 fing eine Tupolew auf dem Moskauer Vnukovo-Airport Feuer. Betrieben wurde sie von Red Wings, einer Airline mit gerade einmal zehn Flugzeugen. Im November 2013 zerschellte ein Jet von Tatarstan Airlines bei der Landung in Kasan.

Relatives of the victims of a crashed Russian airliner with 217 passengers and seven crew aboard, help each other as they gathering at Pulkovo airport in St.Petersburg, Russia, Saturday, Oct. 31, 2015. Russia's civil air agency is expected to have a news conference shortly to talk about the Russian Metrojet passenger plane that Egyptian authorities say has crashed in Egypt's Sinai peninsula. (AP Photo/Dmitry Lovetsky)

Trauer bei den Angehörigen: 224 Passagiere waren an Bord des abgestürzten Airbus.
Bild: Dmitry Lovetsky/AP/KEYSTONE

Viele der Zwerg-Airlines sparen an der Wartung und fliegen mit älteren Maschinen. Laut russischen Medien soll der Airbus von Kogalymavia 18 Jahre alt gewesen sein. Beim Krisenmanagement machte die Fluggesellschaft keine gute Figur. Noch mittags gegen 12 Uhr Ortszeit machten Firmenvertreter den Angehörigen falsche Hoffnungen. Einen Absturz könnten sie derzeit nicht bestätigen, diktierten sie russischen Reportern.

Neue Hoffnung schürten auch Meldungen, Retter hätten an der Absturzstelle Stimmen von Verletzten gehört. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters seien sie von Trümmern eingesperrt.

Bestätigt hat sich das allerdings – wie so viele Hoffnungsschimmer an diesem Tag – bislang nicht. Im Gegenteil: Die Russische Botschaft in Ägypten hat bestätigt, dass es keine Überlebenden gibt. Ägyptische Rettungstrupps haben inzwischen mit der Bergung der Toten begonnen, darunter sind auch die Leichen von mindestens 17 Kindern.

Präsident Wladimir Putin hat für Sonntag Staatstrauer in Russland angeordnet und den Angehörigen sein Beileid ausgedrückt.

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