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Augenzeugen des Terrors von Paris: «Er kommt zu mir, er richtet die Waffe auf meinen Kopf»

130 Menschen starben, einige Terroristen sind noch auf der Flucht, Paris trauert – doch was geschah genau am Abend der Anschlagserie? Überlebende schildern, was sie erlebt haben. Versuch einer Rekonstruktion.

21.11.15, 19:17 22.11.15, 10:20

David Böcking, Peter Maxwill



Ein Artikel von

Eine gewaltige Anschlagsserie erschüttert Paris

Mehr als eine Woche ist seit den Anschlägen in Paris vergangen – und viele Fragen sind geblieben. Noch immer sind mutmassliche Hintermänner auf der Flucht, sieben Verdächtige musste die französische Polizei am Samstag aus der Haft entlassen. Über den Ablauf der Attentate werden hingegen immer mehr Details bekannt, auch dank neuer Berichte von Überlebenden. Anhand ihrer Erzählungen lässt sich der Ablauf der Anschläge in Teilen rekonstruieren.

Die Terrornacht von Paris: Was geschah wann und wo?

Stade de France, gegen 21 Uhr

Bley Bilal Mokono kommt mit einem Freund zu spät zum Fussballspiel zwischen Frankreich und Deutschland. Gegenüber vom Stade de France geht er zur Toilette – und trifft dort einen schweissgebadeten Bärtigen.

80'000 Zuschauer sind an diesem Abend im Stade de France, auf der Tribüne sitzen auch Frankreichs Staatschef François Hollande und der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier. Um kurz vor 21 Uhr weisen Ticketkontrolleure laut der Sportzeitung «L'Équipe» zwei der drei Attentäter zweimal ab, weil sie keine Eintrittskarten haben.

Als der Schiedsrichter um 21 Uhr das Spiel anpfeift, sind die Strassen vor dem Stadion nahezu leer. Da kommt Bley Bilal Mokono mit seinem 13-jährigen Sohn und einem Freund angelaufen, sie sind zu spät. Der Freund will sich bei einem der Restaurants gegenüber von Eingang D noch schnell ein Sandwich holen.

Mokono sucht im Lokal die Toilette auf. «Dort habe ich einen bärtigen Typen gesehen. Ihm lief der Schweiss übers Gesicht. Er hielt sich am Waschbecken mit beiden Händen fest», sagt er später dem französischen Fernsehsender BFMTV. Als Mokono wieder von der Toilette kommt, ist der Bärtige verschwunden. Draussen vor dem Restaurant fällt Monoko ein zweiter Mann auf: «Er ging vor dem Stadion hin und her und beobachtete die Lage.»

Der zweite Mann trägt einen Rucksack. «Er hat mich bemerkt», sagt Monoko. «Er wich meinem Blick aus.» Dann entfernt sich der Unbekannte. Doch plötzlich «knallte es», um etwa 21.20 Uhr, nur wenige Meter von Monoko entfernt. Der erste Attentäter ist nicht mehr am Leben, kann aber sonst niemanden töten. Wenig später sprengt sich vor Ausgang H der zweite Attentäter in die Luft, um kurz vor 22 Uhr reisst eine dritte Explosion vor einer McDonald's-Filiale einen Passanten mit in den Tod.

Bley Bilal Mokono überlebt – doch er kann seitdem auf seinem linken Ohr nicht nicht mehr hören.

Café La Casa Nostra, 21.32 Uhr

epa05027783 A heart and the word 'courage' written on a windowpane next to bulletholes at the restaurant 'Casa Nostra' near Rue de la Fontaine au Roi in Paris, France, 16 November 2015. More than 130 people have been killed in a series of attacks in Paris on 13 November, according to French officials. Eight assailants were killed, seven when they detonated their explosive belts, and one when he was shot by officers, police said. French President Francois Hollande says that the attacks in Paris were an 'act of war' carried out by the Islamic State extremist group.  EPA/MARIUS BECKER

Pizzeria La Casa Nostra: «Er richtet die Waffe auf meinen Kopf».
Bild: EPA/DPA

Zu den ersten Zielen der Anschlagsserie gehört die Pizzeria La Casa Nostra, in der an diesem Abend auch Sophia Bejali and Barbara Serpentini sitzen. Die beiden haben unglaubliches Glück.

Um 21.25 Uhr schiessen die Terroristen in der Rue Alibert auf die Gäste im Restaurant Le Petit Cambodge und in der Bar Le Carillon, 15 Menschen sterben. Sieben Minuten später fallen Schüsse vor dem Café Bonne Bière in der Rue Faubourg-du-Temple und vor der nahgelegenen Pizzeria La Casa Nostra. Dort trinken Sophia Bejali and Barbara Serpentini gerade Aprikosensaft und Chardonnay.

«Ich erinnere mich nur noch daran, wie dieses schwarze Auto genau vor uns stehen blieb», sagt Bejali Tage später der britischen «Daily Mail», dann wird es laut. «Nach eine paar Sekunden wurde mir klar, dass es keine Böller waren, sondern Schüsse», sagt die 40-Jährige. «Ich hab Barabara unter den Tisch gezogen.»

«Wir dachten beide, sie hätten uns nicht gesehen», sagt die 18-jährige Serpentini, als sie Tage später die Bilder der Überwachungskamera vom Moment des Anschlags sieht. «Ich habe nicht begriffen, dass wir so kurz davor waren, getötet zu werden.» Dann sehen die beiden, wie einer der Angreifer mit einer Kalaschnikow auf sie zukommt. «Er kommt direkt zu mir, er richtet die Waffe auf meinen Kopf, alles passiert so schnell», sagt Bejali. Doch es fallen keine Schüsse, die Waffe hat Ladehemmungen.

«Plötzlich hörten die Geräusche auf und ich rief Barabara zu: ‹Lass uns fort, renn!›», sagt Bejali. «Hätte ich gewusst, wie nah er uns war, wäre ich in diesem Moment nicht losgelaufen.» Die beiden entkommen und überleben die Attacke, der fünf andere zum Opfer fallen.

Brasserie Comptoir Voltaire, 21.40 Uhr

People stop to look at flowers, candles and messages left in tribute to victims in front of the Comptoir Voltaire cafe, one of the sites of the deadly attacks in Paris, France, November 21, 2015. REUTERS/Charles Platiau

Brasserie Comptoir Voltaire: «Da waren Drähte, einer weiss, einer schwarz, einer rot und einer orange».
Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Einer der Anschläge richtet sich gegen die Brasserie Comptoir Voltaire. Ein herbeigeeilter Krankenpfleger will einem vermeintlichen Opfer Erste Hilfe leisten: ausgerechnet dem Attentäter Brahim Abdeslam.

David arbeitet als Krankenpfleger in einem Pariser Hospital. Als in der Brasserie Comptoir Voltaire ein Sprengsatz detoniert, reagiert der 46-Jährige professionell – und leistet anderen Gästen Erste Hilfe; erst einer Frau, dann einem jungen Mann, der blutend auf einem Tisch liegt. Doch dann stösst er unter den Schwerverletzten auf den Attentäter Brahim Abdeslam. So berichtet es David, der seinen Nachnamen nicht nennen will, eine Woche später der Nachrichtenagentur Reuters.

Unter umgestürzten Stühlen und Tischen findet der Pfleger einen Mann, der bewusstlos ist, jedoch keine schweren Verletzungen zu haben scheint. David beginnt mit einer Herz-Lungen-Massage.

Doch der Helfer kommt schnell von seinem Vorhaben ab, als er das T-Shirt des Mannes aufreisst. «Da waren Drähte, einer weiss, einer schwarz, einer rot und einer orange», sagt er. «Da wusste ich, dass er ein Selbstmordattentäter war.»

Bei dem Anschlag im Comptoir Voltaire kommt nur Brahim Abdeslam ums Leben. Polizisten hätten ihm später gesagt, dass die Bombe nicht vollständig explodiert sei, sagt David. Einer der Täter soll Brahims Bruder Saleh Abdeslam sein, der jedoch flüchten kann.

Konzerthaus Bataclan, 22.15 Uhr

People look through the screened-off facade of the Bataclan Cafe adjoining the concert hall, one of the sites of the deadly attacks in Paris, November 21, 2015. REUTERS/Charles Platiau

Konzerthaus Bataclan: «Wir gehen über Leichen, wir rutschen aus im Blut».
Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Denis Safran gehört zu den ersten Polizisten, die ins Bataclan vorrücken. In dem Klub versteckt sich Vincent Thobel in einer Zwischendecke. Hinter der Konzerthalle filmt Daniel Psenny das Geschehen, eilt zu Hilfe – und wird selbst von einer Kugel getroffen.

Das Konzert der Eagles of Death Metal hatte noch nicht begonnen, als laut einem Augenzeugenbericht um 19.35 Uhr ein schwarzer Polo mit belgischem Kennzeichen 300 Meter entfernt vom Bataclan parkte. In dem Wagen tippten die späteren Attentäter in ihre Smartphones und warten – zwei Stunden lang. Dann stürmten sie mit Kalaschnikows in den Konzertsaal, in dem 1500 Menschen feiern.

Vincent Thobel steht an der Bar, als die ersten Schüsse fallen. «Seit zwei Minuten hallt der Lärm der Kugeln zwischen den Mauern», schreibt der Journalist später für das Magazin «Neon», «wir wissen, dass die Typen hoch kommen werden.» Mit einer kleinen Gruppe verschanzt er sich in einer Toilette, sie brechen den Zwischenboden darüber auf, zwängen sich in die winzige Kammer. «Wir haben keine Angst, aber wir wissen, dass sie kommen, wir sind wie Tiere in einer Falle», schreibt Thobel.

Plötzlich stehen die Terroristen im Raum direkt unter der der Gruppe, Schüsse fallen. «Sie feuern auf die Zwischendecke», schreibt Thobel. «Menschen in Panik denken, sie hätten Kugeln abbekommen. Andere haben es wirklich. Wir sind am Ende dieses Lochs, um darauf zu warten, dass eine weitere Bombe unter uns hochgeht oder die Kugeln unsere Haut durchlöchern, nachdem sie durch die Zwischendecke gegangen sind. Zum Glück hat sie eine Isolierschicht. Zum Glück.»

35 Minuten nach Beginn des Terrorangriffs stürmt die Polizei den Saal, zu den Einsatzkräften gehört auch Denis Safran. «Ich habe so etwas nie zuvor gesehen», sagt der Chefmediziner der Spezialeinheit BRI später der Nachrichtenagentur AFP. «Ein Meer aus Menschen, Dantes Inferno, überall Blut, wir gehen über Leichen, wir rutschen aus im Blut», sagt Safran. «Als wir eintrafen, hörten wir keinen einzigen Schuss. Wir fragten uns, ob die Terroristen durch den Hinterausgang verschwunden sind.»

«Das war ein rasender Schmerz, das Blut sprudelte»

Zur selben Zeit filmt Daniel Psenny hinter dem Bataclan, wie Gäste panisch aus dem Konzerthaus rennen. «Erst dachte ich, es ist eine Rauferei nach einem Konzert», sagt der Journalist später zu «Le Monde». «Aber als ich die Schüsse wahrnahm, dachte ich, da schiesst jemand im Saal. Vielleicht fliehen die Leute ja in Panik.» Nach zehn Minuten eilt Psenny, der gegenüber der Notausgänge des Klubs wohnt, auf die Strasse. «Rechts von unserem Haus lag ein Mann. Mit einer anderen Person habe ich ihn ins Haus geholt», sagt er.

Als Psenny die Tür gerade schliessen will, wird er selbst von einer Kugel getroffen – in die Schulter. «Das war ein rasender Schmerz, das Blut sprudelte.» Nachbarn halfen ihm: Sie stoppten die Blutung mit einem um den Arm gewickelten Hemd und brachten Psenny zusammen mit dem anderen Verletzten in eine Wohnung im vierten Stock.

Im Bataclan sichert die Eliteeinheit Raid den Eingang, die erste Einsatzgruppe rückt weiter vor. «Jedes Mal, wenn wir eine Tür öffneten, fanden wir Geiseln. Wir mussten sichergehen, dass es wirklich Geiseln sind und sie keine Waffen hatten», sagt Polizeiarzt Safran über den Einsatz. Die Besucher des Rockkonzerts hätten sich überall versteckt, «in abgehängten Decken, unter Sofas».

Rasch rücken die Polizisten in die oberen Stockwerke vor, wo sie auf die Attentäter stossen. Um 23.15 Uhr «waren wir vor einer Tür, hinter der ein Terrorist schrie. Sie waren zu zweit mit einem Sprengstoffgürtel, den sie zu zünden drohten», berichtet Safran. «Sie wollten, dass wir zurückweichen, drohten Geiseln zu enthaupten, sprachen von Syrien.» Um 0.18 Uhr entscheidet sich die Polizei zum Zugriff. Die Terroristen eröffnen das Feuer, die Geiseln werfen sich auf den Boden.

«Wir bildeten eine menschliche Raupe, um die Geiseln hinter uns zu bringen», sagt der Sanitäter. «Und dann waren keine Geiseln mehr zwischen ihnen und uns, der zweite Zugriffsbefehl wurde erteilt.» Ein Polizist wird durch einen Querschläger verletzt. «Eine Stufe, der Schutzschild fiel, wir sahen einen Schatten, wir schossen, wir sahen den Schatten fallen, er explodierte», sagt Safran. «Wir wussten nicht wie, aber das Ergebnis war, dass die beiden Dschihadisten explodierten.»

Mit Material von Reuters und AFP

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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