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Ein junger arabischer Aktivist warnte vor den Mördern von Paris – und niemand erhörte ihn

Ein junger Journalist belauscht in der IS-Hochburg Rakka ein Gespräch über acht Attentäter, die in Paris zuschlagen sollen. Der Aktivist macht das Vorhaben auf Twitter öffentlich – doch fatalerweise nimmt niemand seine Warnung ernst. Nun steht fest: Tim Ramadans Informationen hätten den Massenmord verhindern können.



Tim Ramadan ist seines Lebens nicht mehr sicher. Der IS alias Daesh hat ein Kopfgeld auf den jungen Mann ausgesetzt. 50'000 Dollar ist den Terroristen sein Kopf wert, denn Tim macht publik, wie grausam die Islamisten mit den Muslimen in Syrien umgehen. Und Tim hat auch veröffentlicht, dass sie Anschläge in Paris planen – doch keiner hat seine Warnung ernst genommen. 

Ramadan ist Mitglied eines Netzwerks von Aktivisten, die regelmässig aus der IS-Hochburg Rakka berichten. Weil westliche Journalisten den Ort schon lange aufgegeben haben, sind es nur noch die Macher der Website «Raqqa is Silently Slaughtered» (RSS), die vom Elend der Zivilbevölkerung berichten. «Der IS hasst uns mehr als jede Bombe, die vom Himmel fällt», sagt Tim, «denn unsere Opposition kommt von innen.»

Das Netzwerk, das im April 2014 ins Leben gerufen wurde, muss wie ein Geheimdienst arbeiten: Die Aktivisten kennen einander nicht unter ihrem richtigen Namen, sondern kommunizieren wenn dann nur über Mittelsmänner in der Türkei miteinander. So kann keiner den anderen gefährden, falls er den Häschern des IS in die Hände fällt – jenen Terroristen, die Ramadan am 11. Februar zufällig belauscht.

Tim sitzt damals in einem Internetcafé in der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens. In den 90ern wurde hier Öl entdeckt, das später direkt in die Kriegskasse des IS geflossen ist, bis Frankreich nach den Anschlägen im November mit einem Luftangriff die Quellen versiegen lässt. Auch darüber berichten die zivilen Undercover-Reporter von RSS.

Ramadan sitzt also im besagten Internet-Café, als zwei IS-Kämpfer hereinkommen und sich neben ihn setzen. Es sind keine Europäer, doch der eine nennt sich «der belgische Abu Ibrahim». Der spricht Tim auf Englisch an, um zu prüfen, ob das Duo ungestört reden kann. Ramadan tut, als verstünde er nichts. Abu Ibrahim antwortet mit einem fremden Akzent auf Arabisch so etwas wie «Schon gut, kein Problem» – und erzählt seinem Begleiter dann auf Englisch von den neuesten Terror-Plänen.

«Abu Ibrahim sagte, dass er im Irak war und der Prinz ihm erzählt hat, dass eine grosse Operation in Frankreich vorbereitet wird», wird Tim Ramadan später in einem Bericht von «Sound and Picture», einer syrischen Oppositions-Website, rekapitulieren. «Zwei [Attentäter] sollen diesen Monat gehen, und im Mai folgen zwei weitere. Sie werden sich mit vier Franzosen treffen, um einen Angriff auf Frankreich vorzubereiten, dem ähnliche Attacken in anderen europäischen Städten folgen werden.»

Als Abu Ibrahim nach der Ausbildung der Leute befragt wird, antwortet er: «Es ist ein taffes Training nach hohem Standard im Wüstencamp Abu Kamal östlich Deir ez-Zor.» Dieses wird im September bei einem Luftangriff der Amerikaner zerstört werden, doch dann wird es bereits zu spät sein.

IS-Hauptstadt Rakka

Ramadan ist durch das Gespräch natürlich alarmiert. «Viele Unschuldige waren in Gefahr, und ich konnte sie nicht beschützen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte – also beschloss ich, die Menschen via Social Media vor dem Verbrechen zu warnen.» Tim Ramadan wartet einige Tage, um sicherzugehen, dass Abu Ibrahim nicht mehr in der Stadt ist. Dann schickt er einen Tweet, der den Ereignissen vom 13. November vorausgreift.

Seine Warnung verhallt jedoch ungehört. Doch während der Westen auf beiden Ohren taub ist, stellt der IS seine Lauscher auf. Einen Tag vor den Anschlägen in Paris – es ist der 12. November 2015 – veröffentlicht «Public Radio International» ein Interview mit Tim Ramadan. Dort schildert dieser seine Situation.

«Es war wirklich schwer für uns, in Syrien zu arbeiten, denn es gibt Kameras und Spione», verdeutlicht er in dem Gespräch. «Sie kleiden sich wie Zivilisten und gehen in Internet-Cafés oder auf die Strasse, und wenn jemand etwas Falsches tut, sagen sie es ihren Sicherheitsleuten, die die Person aufgreifen und entweder exekutieren oder ihnen Informationen entreissen.» 

Auf ihn sei ein erstes Kopfgeld von 10'000 Dollar wegen Geheimnisverrats ausgesetzt worden, sagte er in dem Interview. Beim Freitagsgebet würden die Menschen darüber informiert. Nach acht Monaten in Rakka und Umgebung flieht er nach Gaziantep, doch auch hier erhält er Morddrohungen via Social Media. «Sie haben sogar hier in der Türkei Fotos unserer RSS-Mitglieder in den Strassen aufgehängt.» Sein Tweet gerät jedoch in Vergessenheit. Vorerst.

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RSS-Aktivist Ibrahim Abdel Kader wurde am 30. Oktober in der Türkei von IS-Mördern enthauptet. Die Terroristen hatten sich zu der Tat bekannt. Es ist die erste gezielte Tötung im Ausland durch die Extremisten.

Die Luft für ihn wird dünner: Das Kopfgeld auf Tim Ramadan wird im Herbst auf 50'000 Dollar erhöht – und am 30. Oktober wird ein befreundeter Aktivist im Exil ermordet. Abdel Kader wird geköpft in der Stadt Sanliurfa entdeckt. Er wurde nur 20 Jahre alt. «Wir dachten, die Türkei wäre sicherer als Rakka. Dieses Gefühl haben wir verloren», sagt Ramadan am 12. November.

Dann folgt der 13. November: In Paris sterben Dutzende und Hunderte werden verletzt – so wie Tim es in seinem Tweet im Februar vorausgesagt hat. «Mir tut es so leid, was geschehen ist. Ich hatte gehofft, meine Worte würden in Frankreich Gehör finden, um Vorkehrungen zu treffen, die die Unschuldigen beschützen», twittert er am Tag nach den Anschlägen.

Schon vor den Anschlägen und Tims Warnung wurde bekannt, dass die Organisation «Raqqa is Silently Slaughtered» mit ihren rund zwei Dutzend Undercover-Reportern von dem «Committee to Protect Journalists» für ihren Einsatz für die Pressefreiheit ausgezeichnet wird.

Keiner der Journalisten aus Syrien oder der Türkei wird zur Preisverleihung in die USA fliegen. Keiner von ihnen hat einen Pass. Tim Ramadan und seinesgleichen werden auch weiterhin ihr Leben aufs Spiel setzen.

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26Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • 7immi 20.11.2015 10:06
    Highlight Highlight "Hätte, Wenn und Aber, alles nur Gelaber."
    Es gibt immer jemanden, der irgendwas voraussagt. Und es gibt im Nachhinein immer Leute, die alles besser gemacht hätten und würden und täten. Schlussendlich bin ich erleichtert, dass nicht mehr passiert ist. Die Rettungskräfte haben alles gegeben und das Krisenmanagement war auch top.
  • EvilBetty 19.11.2015 23:54
    Highlight Highlight Solche Tweets gibts wahrscheinlich tausende pro Tag...
  • Schuhmeister Flaig 19.11.2015 21:01
    Highlight Highlight Es hat doch immer irgendjemand gewarnt, zum Glück selten zurecht.
  • Toerpe Zwerg 19.11.2015 20:48
    Highlight Highlight "The west must wake up and realize the need to wipe out isis ... " und wir diskutieren ueber Chancengleichheit.
    • per scientam 19.11.2015 23:25
      Highlight Highlight Ich kann dir da nur Beipflichten.

      Wir schauen einfach weg. Anstelle, dass wir zu unseren "Werten" stehen würden schauen wir einfach weg.

      Wenn es ums Auto geht, den sprachlichen Ausdruck von Geschlechterzugehörigkeit oder ein paar Bäume (z.B. Stuttgart 21) dann sind die "überzeugten" Gutmenschen immer zur Stelle und machen allen Beteiligten das Leben schwer.
      Jetzt, wo es "Überzeugte" Leute wirklich bräuchte, die menschlichen Werte gegen Gewalttätige Gruppierungen verteidigen würden, ist keiner da...

      Islamismus ist Faschismus. Aus Deutschland verschwand dieser auch nicht von alleine...
    • Knut Atteslander 20.11.2015 08:10
      Highlight Highlight Das ist genau die ideologische Verbohrtheit die man beim IS findet...
      Was habt ihr eigentlich das Gefühl mir diktieren zu können, wo ich meine Prioritäten setze?
    • Toerpe Zwerg 20.11.2015 08:59
      Highlight Highlight Wenn Sie es als "Prioritäten diktieren" deuten, wenn jemand seine (von Ihrer abweichenden) Meinung äussert, sollten sie Ihren Empfindlichkeitskompass neu kalibrieren.

      Ich zitiere bloss den Tweet von Tim Ramadan, in welchem ein direkt Betroffener zum Ausdruck bringt, dass er es milde gesagt begrüssen würde, wenn "der Westen" direkt eingreifen würde. Und ich denke, dass diesen Menschen (vermutlich eine grosse Mehrheit, sofern sie noch da sind) kaum geholfen ist, wenn wir uns auf eine Diskussion über Chancengleichheit beschränken.
    Weitere Antworten anzeigen
  • droelfmalbumst 19.11.2015 18:24
    Highlight Highlight Und solche infos schreibt man auf twitter anstatt direkt bei den zuständigen anzuklopfen?! Läuft...
    • Knut Atteslander 20.11.2015 08:37
      Highlight Highlight z.B. bei den örtlichen Behörden in Rakka :D
    • Louie König 20.11.2015 09:08
      Highlight Highlight Nein nicht in Rakka... aber es wird sicher Wege geben, um die französische Regierung oder Öffentlichkeit zu erreichen. Direkt an die Medien zum Beispiel. Denn bei Twitter werden wohl wirklich viele solche Tweets zu finden sein, die ähnlich tönen und untergehen.
    • Darkglow 20.11.2015 10:34
      Highlight Highlight Und wie sollte er das den bitte bewerkstelligen? Dies ist nur eine ausrede unserer Unfähigkeit die Lage ernsthaft einzuschätzen. Klar gibt es Tausende solcher Meldungen pro Tag und jeder einzelnen sollte nachgegangen werden. Aber nein, wahrscheinlich kostet dies die Regierung zu viel, auf der anderen Seite hat es Arbeitslose. Geht nicht ganz auf. Twitter ist wahrscheinlich der einzige kanal den sie haben und wenns gut evtl. jemand irgendwo auf einem wichtigen Stuhl nur ansatzweise versucht der sache nach zu gehen. Trifft den Nagel auf den Kopf http://goo.gl/m1lcYN
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  • gupa 19.11.2015 16:07
    Highlight Highlight Und wie genau hätte nun dieser Tweet vom Februar (!!!) die Attacken verhindern können?
    • sapperlord 19.11.2015 16:29
      Highlight Highlight Der Tweet alleine hätte höchst wahrscheinlich nichts verhindert. Wie auch, es ist ja Geschreibsel im Internet!
      Aber evt hätten es Menschen verhindern können, die den Tweet ernst nehmen oder genommen hätten?
    • Lezzelentius 19.11.2015 16:54
      Highlight Highlight Es geht darum, dass im Februar ein Angriff für die nächsten Wochen angesagt wurde auf ein Regierungsgebäude Frankreichs: Wie viel kann man gegen ein Attentat unternehmen, von dem man nicht weiß wann es stattfindet und wo?
    • Asmodeus 20.11.2015 08:45
      Highlight Highlight Um es mit den Worten von American Dad zu sagen.

      "Wir haben Alarmstufe Orange. Das heisst dass irgendwo, irgendwas, irgendwann passieren kann."
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