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Gedenken an Terroropfer: «Sie haben den Kult des Todes, wir haben die Liebe zum Leben»

Es ist ein Tag der Tränen: In einer kurzen, bewegenden Zeremonie hat Paris der Opfer des 13. November gedacht. Präsident Hollande beschwor die französische Lebensart - und schickte eine klare Drohung an die Feinde der Freiheit.

27.11.15, 14:51 27.11.15, 15:23

Stefan Simons

Ein Artikel von

Es ist ein Tag voller Symbolik. In ganz Frankreich, vor allem aber in der Hauptstadt. Die Titelseiten der Zeitungen in Landesfarben, ein Aufruf zum Beflaggen der Häuser, die Trikolore vor Ministerien und Hotels, Schweigeminuten, immer wieder die Nationalhymne. Zwei Wochen nach den Anschlägen von Paris verneigt sich Frankreich vor den Opfern des Terrors.

Die Symbolik beginnt schon beim Ort der nationalen Gedenkfeier. Im Invalidendoms ehrt das Land traditionell seine gefallenen Soldaten. Mit der Zeremonie an solch historischer Stelle werden die ermordeten Zivilisten als Gefallene gewürdigt, neben den Helden der Republik.

Hollande spricht bei der Trauerfeier

YouTube/Stranezze

An diesem eisigen Morgen im Herzen von Paris haben sich, rund um das gepflasterte Quarreé, etwa 1300 Menschen versammelt, um der 130 Toten der Terrorserie zu gedenken. Es sind Angehörige der Opfer, Feuerwehrmänner, Sanitäter, Polizisten, die an jenem Abend in Einsatz waren. Dazu Soldaten aller Waffengattungen, Republikanische Garde, Gendarmerie. Und viele der Verletzten, manche in Rollstühlen.

Vor Militärs, Parlamentariern und Diplomaten sitzt Präsident François Hollande einsam auf einem Stuhl. Die Menge erhebt sich während die Namen der Ermordeten verlesen werden, auf einem grossen TV-Schirm erscheinen ihre Portraits: Der Schrecken der Anschläge wird persönlich und greifbar. Es ist das Defilee einer ganzen Generation, und, auch das machen die Namen klar, von Franzosen wie Ausländern - die Opfer stammen aus 17 Nationen.

Drohungen an die Feinde - «Horde von Mördern»

Hollande spricht vor der Fassade des Armeemuseums - ebenfalls ein Symbol. Denn während seiner Rede verbindet er Worte des Trosts mit einer Botschaft der Entschlossenheit an die Feinde der Republik. Seine Botschaft: Frankreich wird die Gegner zerstören, aber ohne die eigenen Werte zu verraten: «Die Freiheit verlangt nicht danach, dass man sie rächt, sondern dass man ihr dient.»

Paris gedenkt der Terror-Opfer

Hollande wird deutlich, wenn er über den Feind redet. Er spricht von einem «feigen Akt des Krieges» gegen die Frauen und Männer, die das Leben verkörperten. Getötet von einer «Horde von Mördern.» Der Präsident wiederholt: «Wir werden diesen Feind vernichten.»

Die kriegerische Botschaft gegen die Mörder und ihre Drahtzieher verbindet der Staatschef mit dem Versprechen, dass die Nation nicht in Hass und Rache abgleiten wird. «Frankreich wir so bleiben wie es ist», sagt Hollande und spricht von den Toten als «Märtyrern des 13. November.»

«Sie haben den Kult des Todes, wir haben die Liebe zu Leben»

Hollandes Rede ist - bei aller Kampfansage - auch eine Hommage an Frankreichs Grundsätze und Lebensart. «Wir werden nicht nachgeben, wir werden weiter in die Stadien gehen, Musik hören und Chansons. Wir sind eine Nation, getragen von denselben Werten.» Hollande über die Terroristen: «Sie haben den Kult des Todes, wir haben die Liebe zum Leben.»

Zeichen für den Zusammenhalt sieht er überall. Der Präsident erinnert an die spontane Solidarität aller Franzosen, die mit «anonymen Gesten - Kerzen, Blumen, Zeichnung, Gedichten», auf die Attentate reagierten. «Es gibt dafür ein Wort: Brüderlichkeit.» Und der Sozialist scheut sich nicht vom Patriotismus zu reden, dem Patriotismus als Symbol der Republik.

Trotz solcher Verweise auf die Wertegemeinschaft, trotz des Bekenntnisses zur Geschichte der Nation, trotz des Absingens der Marseillaise vom Militärchor und den Musikern der Pariser Oper - trotz der Aufreihung republikanischen Wahrzeichen: Die Trauerfeier ist eine minimalistische, beinahe intime Zusammenkunft. Zurück bleiben lange Momente der Stille, Beethovens Siebte, Chansons von Brel und Barbara.

Hollande schliesst mit einem Aufruf an die junge Generation, der «Zukunft der Nation». Diese werde leben im Namen der Toten, die nun beweint würden. «Trotz der Tränen bleibt diese Generation das Gesicht der Nation», sagt er am Ende seiner nur 16-minütigen Ansprache: «Lang lebe Frankreich.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 27.11.2015 15:10
    Highlight Da führt Frankreich seit Jahren einen endlosen Krieg gegen Terroristen, welche weder eine Anzahl noch ein Territorium haben. Ein Krieg mit "chirurgischer Präzision", bei welchem 90% der Toten Zivilisten sind. Unbeteiligt. Auch das ist ein «feiger Akt des Krieges» gegen die Frauen und Männer, die das Leben verkörperten. Getötet von einer «Horde von Mördern.». Im Namen der Demokratie. Die Antwort der unschuldig Hinterbliebenen: «Wir werden diesen Feind vernichten.».

    Wer die Ironie des Schicksals nicht versteht, hat auch das Schicksal nicht verstanden.
    3 6 Melden

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