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Mehrere Vorfälle rund um die Nizza-Berichterstattung werfen ein Schlaglicht auf Praktiken von Medienschaffenden. Im Bild: Frankreichs Innenminister Cazeneuve wird von Journalisten belagert.
Bild: OLIVIER ANRIGO/EPA/KEYSTONE

Französischer TV-Sender interviewt Mann neben toter Ehefrau – jetzt gibt's mächtig Medien-Schelte

15.07.16, 21:01 16.07.16, 14:59

Die Berichterstattung mehrerer französischer Medien über den Anschlag in Nizza ist auf Kritik gestossen. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender France Télevisions entschuldigte sich am Freitag dafür, in der Nacht ein Interview mit einem Mann neben seiner toten Ehefrau gesendet zu haben.

Der Ausschnitt sei «aus Versehen» gesendet worden und der «klassischen Validierungskette» entgangen, sagte Redaktionsleiter Alexandre Kara der Nachrichtenagentur AFP.

Der Privatsender TF1 verbreitete seinerseits ein Gerücht über eine Geiselnahme in einem Restaurant in Nizza, das später vom Innenministerium dementiert wurde. Auch watson wies im Live-Ticker unter Berufung auf den TV-Sender auf die Gerüchte rund um eine Geiselnahme hin. Zahlreiche Zuschauer beschwerten sich über die Berichterstattung. Der Medienaufsichtsrat CSA rief alle audiovisuellen Medien auf «zur Vorsicht und zur Zurückhaltung, zum Schutz der Menschenwürde und des Schmerzes» der Betroffenen.

Nizza am Tag nach dem Anschlag

Im Internet wurden unterdessen zahlreiche Fotos und Videos der Opfer veröffentlicht. Insbesondere wurde ein Video der tödlichen Fahrt des Lastwagens auf Facebook gepostet, das anschliessend von diversen ausländischen Medien aufgegriffen wurde.

Die Polizei von Nizza rief auf Twitter dazu auf, «aus Respekt für die Opfer und ihre Familien» keine Fotos und Videos vom Tatort zu verbreiten.

Medien waren im Januar verwarnt worden

Auch nach den islamistischen Anschlägen vom 13. November in Paris, bei denen 130 Menschen getötet wurden, hatte die Polizei aufgerufen, keine Bilder der Opfer zu veröffentlichen. Nach den islamistischen Anschlägen vom Januar in Paris waren 16 Medien vom CSA verwarnt worden, insbesondere weil sie durch ihre Berichterstattung das Leben von Geiseln in Gefahr gebracht hatten.

«Nacht des Terrors» – das schreiben die Zeitungen über den Anschlag in Nizza

Am Donnerstagabend war ein 31-jähriger Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast, die auf dem Strandboulevard Promenade des Anglais versammelt war, um das Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag anzuschauen. Bei dem Attentat wurden mindestens 84 Menschen getötet, der aus Tunesien stammende Attentäter wurde bei einem Schusswechsel mit der Polizei erschossen. (tat/sda/afp)

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    Alle Leser-Kommentare
  • Reto Disk 15.07.2016 21:55
    Highlight Nicht nur die Medienschaffenden, auch die Politiker (Trump, Hollande, etc.), welche sich Terrorgeil vor die Kameras und auf Twitter produzieren und bei jeder Gelegenheit Kriegserklärungen abgeben, sind für mich mittlerweile moralischer Abschaum.

    Was in Nizza passiert ist, ist sehr sehr schlimm und eine Tragödie. Und die unschuldigen Opfer und deren Angehörigen tun mir leid.

    Dass dieser Amoklauf nun von Politikern und Journalisten - quasi als Wishful Thinking einer Terrorattacke - missbraucht wird, ist wirklich ätzend.
    80 22 Melden
    • E7#9 15.07.2016 22:12
      Highlight Die Hintergründe zum Attentat scheinen noch nicht geklärt zu sein. Du regst dich auf, dass Politiker und Journalisten von einer Terrorattacke sprechen (vieles spricht dafür) und begründest es mit Wunschdenken. Selber befriedigst du aber im gleichen Satz dein eigenes Wunschdenken, indem du von einem Amoklauf sprichst, als sei dies eine gesicherte Tatsache.
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    • Radiochopf 15.07.2016 23:04
      Highlight @Reto Disk kann dir 100% zustimmen..
      15 11 Melden

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