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Selfie mit dem Shootingstar: Emmanuel Macron (Mitte) an der Unternehmermesse in Paris. Bild: YOAN VALAT/EPA/KEYSTONE

Wahlkampf in Frankreich: Fillon und Le Pen demontieren sich selbst – ein Dritter lacht

François Fillon im Skandalsumpf, Marine Le Pen im Zwielicht, die Linke zersplittert: Für den Reformer Emmanuel Macron könnte es im französischen Präsidentschaftswahlkampf derzeit gar nicht besser laufen.

04.02.17, 10:32 06.02.17, 09:07

Tagelang hatte François Fillon gehofft, er könne die Affäre aussitzen. Ein am Donnerstagabend vom Fernsehsender France 2 ausgestrahltes Video könnte dem Präsidentschaftskandidaten der Partei Les Républicains nun aber den Rest geben. In einem 2007 nach Fillons Ernennung zum Ministerpräsidenten von der Zeitung «Sunday Telegraph» aufgenommenen Interview erklärte seine britische Ehefrau Penelope: «Ich war niemals die Assistentin meines Mannes.»

Der wochenlang als Favorit bei der Präsidentschaftswahl gehandelte François Fillon steht seit gut einer Woche massiv unter Druck: Das Satire- und Enthüllungsblatt «Le Canard Enchaîné» berichtete, Fillon habe seine Frau zum Schein als Mitarbeiterin beschäftigt. Penelope Fillon habe mehr als 930'000 Euro aus Steuermitteln erhalten, ohne dafür wirklich gearbeitet zu haben. Auch zwei Kinder des Paares sollen auf Staatskosten angestellt gewesen sein.

Die brisanten Aussagen von Penelope Fillon. Video: YouTube/daniel ok

Der konservative Politiker wies die Vorwürfe als Schmutzkampagne zurück. Der Anwalt Penelope Fillons erklärte in einer Mitteilung, der Satz aus dem Video sei aus dem Zusammenhang gerissen. Penelope Fillon habe damals deutlich machen wollen, dass sie ein anderes Verständnis von ihrer Rolle habe als die Frau des damaligen britischen Regierungschefs Tony Blair. Seine Mandantin habe den Ermittlern alle Informationen gegeben, um ihre Tätigkeit für den Ehemann nachzuweisen.

70 Prozent für Rückzug

Ob es nützen wird, scheint fraglich. In Umfragen stürzt die Zustimmung für Fillon weiter ab. In einer Befragung des Instituts Harris interactive sprachen sich sieben von zehn Franzosen für einen Rückzug des 62-Jährigen von der Präsidentschaftskandidatur aus. Die Anhänger des bürgerlichen Lagers sind gespalten: Sie sind demnach jeweils zur Hälfte für oder gegen einen Rückzug.

Einer profitiert besonders vom Skandal des bürgerlichen Spitzenkandidaten: Emmanuel Macron, der 39-jährige Shootingstar der französischen Politik. In Umfragen liegt er inzwischen vor Fillon. Bei einem Auftritt an einer Unternehmermesse in Paris am Donnerstag war Macron der umschwärmte Mittelpunkt. Gegenüber Journalisten räumte er ein, es gebe eine «Bewegung» zu seinen Gunsten. Ganz Staatsmann weigerte er sich, Fragen zur Affäre Fillon zu beantworten.

Lange galt es als ausgemacht, dass François Fillon und Front-National-Chefin Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl unter sich ausmachen würden. Der linksliberale Emmanuel Macron, der als unabhängiger Kandidat antritt, galt als sympathischer Aussenseiter, aber auch als zu «grün» für das höchste Amt im Staat. Der frühere Investmentbanker war vor zweieinhalb Jahren von Präsident François Hollande zum Wirtschaftsminister ernannt worden, einer Wahl hat er sich noch nie gestellt.

Der «französische Obama»

Nun profitiert Macron von seinem Image als unverbrauchter Politiker. Die von ihm gegründete Bewegung «En Marche !» (Vorwärts) zählt schon 170'000 Mitglieder. Bei seinen Auftritten füllt er ganze Sporthallen. Bereits wird er als «französischer Obama» bezeichnet. Ihm hilft nicht nur der Skandal um «Miss Moneypenny», wie Penelope Fillon vom «Canard Enchaîné» genannt wird. Sämtliche Rivalen hinterlassen derzeit keinen guten Eindruck.

Die Rechte

Alain Juppé (r.) hat gegen François Fillon verloren. Kommt er jetzt zum Zug? Bild: POOL/REUTERS

In François Fillons Partei wird hinter den Kulissen nach einem neuen Kandidaten gesucht. Am häufigsten wird der Name des früheren Premierministers Alain Juppé genannt, der Fillon bei der Vorwahl überraschend unterlegen war. Der Bürgermeister von Bordeaux bekräftigte, er stehe nicht als «Plan B» zur Verfügung. Das muss aber wenig heissen. Als valable Alternative gilt François Baroin, ein gemässigter Konservativer und ehemaliger Finanzminister von Nicolas Sarkozy.

Die Linke

Der Sozialist Benoît Hamon ist nicht der einzige linke Kandidat. Bild: IAN LANGSDON/EPA/KEYSTONE

Die regierenden Sozialisten haben am letzten Sonntag den früheren Bildungsminister Benoît Hamon zum Präsidentschaftskandidaten gewählt, einen Vertreter des linken Parteiflügels, der unter anderem ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen will. Sein grösstes Problem ist die Zersplitterung im linken Lager. Neben Hamon tritt der Linksaussen Jean-Luc Mélenchon zur Wahl an, ein Klassenkämpfer alter Schule. Auch die Grünen präsentieren eine eigene Kandidatur.

Der Front National

Von der Affäre könnte auch Marine Le Pen profitieren, die Chefin des rechtsextremen Front National. Sie präsentiert sich gerne als antielitäre Sauberfrau und könnte laut Umfragen die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewinnen. Doch auch ihr wird Scheinbeschäftigung vorgeworfen. Als Abgeordnete des EU-Parlaments soll sie zwei Mitarbeiter angestellt haben, die in Wirklichkeit für den Front National tätig waren. Nun soll Le Pen rund 300'000 Euro zurückzahlen, was sie verweigert.

Ein Journalist will Marine Le Pen befragen und wird weggezerrt. Video: YouTube/N24 netzreporterin - Antje Lorenz

Als ein Reporter des Senders TF1 Marine Le Pen am Rande einer Veranstaltung eine Frage zum Thema stellen wollte, wurde er von Sicherheitskräften handgreiflich weggeführt. Belastet wird der Front National auch durch eine dubiose Finanzaffäre um eine konkursite russische Bank, von der die notorisch finanzschwache Partei einen Kredit über neun Millionen Euro erhalten hatte. Auch gilt es als wenig wahrscheinlich, dass Le Pen sich in einem zweiten Wahlgang durchsetzen würde.

Gegen Emmanuel Macron stehen ihre Chancen laut den Umfragen besonders schlecht. Bereits gibt es Versuche, an seinem Image als integrem Quereinsteiger zu rütteln. Zwei Journalisten behaupten, Macron habe während seiner Zeit als Wirtschaftsminister staatliche Gelder für den Aufbau der Bewegung «En Marche !» verwendet. In einem Radiointerview am Mittwoch wies Macron die Vorwürfe zurück: «Kein einziger Euro» sei für solche Zwecke ausgegeben worden.

Mit seiner Bewegung will Macron auch zur Parlamentswahl antreten. Bild: BENOIT TESSIER/REUTERS

Als grösste Schwäche von Emmanuel Macron gilt das Fehlen eines konkreten Programms. Er gibt sich als gemässigt linker Reformer und als überzeugter Europäer. Bis Ende Februar will er seine Ziele präzisieren. Gleichzeitig arbeitet er daran, seine Bewegung zu einer Partei umzubauen. Zur Parlamentswahl will «En Marche !» in allen 577 Wahlkreisen mit eigenen Kandidaten antreten.

Bis zum ersten Wahlgang dauert es noch mehr als zweieinhalb Monate, in denen viel passieren kann. Bei einem Rückzug von François Fillon werden die Karten neu gemischt. Derzeit aber spricht viel für Emmanuel Macron. Am Samstag hat er seinen nächsten grossen Auftritt im Palais des Sports in Lyon, der zweitgrössten Stadt Frankreichs. Die Halle fasst 7000 Personen.

Mit Material von SDA

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Jaing 04.02.2017 13:18
    Highlight Der EU müsste zu denken geben, wie viele Familienmitglieder im Parlament "beschäftigt" sind.
    15 4 Melden
    • Flying Dutchman 05.02.2017 18:36
      Highlight Interessanterweise sind es ja schwinbar genau die EU Skeptiker und rechten Politiker die das tun...
      7 2 Melden
  • Herbert Anneler 04.02.2017 12:56
    Highlight Macron sehe ich weniger als Obama denn als Frankreichs Kennedy: Jugendlich, intelligent, vorwärtsorientiert - nicht einen, den man wählt, um ein Übel - Le Pen - zu vermeiden oder die Malaise zu managen, sondern einen Pragmatiker, welcher den Karren aus dem Sumpf ziehen kann. Diese Wahl in Gallien ist auch für und Helvetier von grosser politischer Tragweite.
    33 9 Melden
  • Ville_16 04.02.2017 11:34
    Highlight Wenn der Trump so peinlich rumgeschrien hätte in seinen Reden wäre er dafür schön zerrissen worden. Ein neuer Obama? Bitte nicht, nicht noch so ein Schaumschläger.
    35 112 Melden
    • Thomas J. aus B. 04.02.2017 12:04
      Highlight Lieber Schaumschläger, egal ob Links, Mitte oder rechts, als Demagogen von Rechts-Aussen à la Le Pen oder Trump.
      Zweiterer war zudem auch alles andere als gemässigt bei seinen Auftritten.
      Und bevor das Gejammer wegen Links-Aussen kommt weil ich oben nur auf Rechts anspiele: momentan ist Links-Aussen derart unbedeutend und chancenlos, dass man's gar nicht erst zu erwähnen braucht.
      24 5 Melden
    • INVKR 04.02.2017 13:07
      Highlight Hast du Trump mal reden hören?
      14 7 Melden
    • Ville_16 04.02.2017 19:25
      Highlight @INVKR jede einzelne Rede und im Vergleich dazu ist Macron einfach nur ein Marktschreier.
      6 17 Melden
    • Ville_16 05.02.2017 11:42
      Highlight @Thomas J. Ihnen sind also Kriegsverbrecher à la Obama lieber? Na dann immer schön weitermachen.
      2 15 Melden
    • Thomas J. aus B. 05.02.2017 12:52
      Highlight Das habe ich so nicht gesagt. Nur sollte man Obama nicht nach seiner Amtszeit mit einem Trump oder sonst einem aus diesem Lager vor seiner Amtszeit vergleichen. Allenfalls beginnt Trump irgendwann zu regieren mit dem Parlament und nicht nur per Dekret. Und wenn wir als Vergleichsgrösse zu Obama einen Orban, Putin, Erdogan u.ä. heranziehen, ja dann habe ich lieber einen Obama am Ruder.
      Bleiben wir bei Frankreich. Da ist jede der Möglichkeiten die bessere Lösung als die Exponentin vom Front National. Für mich müssen's keine Linken sein.
      11 1 Melden
  • Luca Brasi 04.02.2017 11:16
    Highlight Eine Liebeserklärung an alle Politiker, die kein angreifbares Programm vorweisen. Wer braucht das schon? Einfach sich bei jedem Liebkind machen und für alle wählbar sein. Hassen tun die Franzosen ihn sowieso erst, wenn er ihm Amt ist. War bei Sarkozy und Hollande nicht anders.
    64 14 Melden
  • Gelöschter Benutzer 04.02.2017 11:03
    Highlight Da wird noch manches Ungereimtes von den Kandidaten bis zu den Wahlen "ans Licht kommen". Das ist doch in Frankreich an der Tagesordnung, dass man die Wahrheit verschweigt, sich persönlich bereichert, Sachen vertuscht etc.
    27 8 Melden
  • pamayer 04.02.2017 10:43
    Highlight Scheint das mir nur so, oder ist es so, dass rechte PolitikerInnen viel mehr in sex- und finanzskandale verwickelt sind?
    50 29 Melden
    • Pokefan 04.02.2017 11:28
      Highlight Nein. Das sind Alternative Fakten. #lügenpresse
      38 16 Melden
    • Luca Brasi 04.02.2017 11:45
      Highlight Strauss-Kahn? Cahuzac?
      38 6 Melden
    • pamayer 05.02.2017 11:08
      Highlight @brasi
      Stimmt.
      8 0 Melden

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Schamberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für …

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