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Wer Mao einen «alten Hurensohn» flucht, fliegt: Chinesischer Star-Moderator gefeuert und gedemütigt 

Bi Fujian war im chinesischen Fernsehen ein Star-Moderator. Dann tauchte ein Video auf, in dem er sich über Mao Zedong lustig macht. Der TV-Mann wurde nicht nur gefeuert – an ihm soll ein Exempel statuiert werden.

18.08.15, 12:05 18.08.15, 12:21

Maximilian Kalkhof

Nannte Mao einen «alten Hurensohn». Bild: AP/CHINATOPIX

Ein Artikel von

Ein runder Tisch im Nebenraum eines chinesischen Restaurants, die Schalen und Teller sind leer, das Essen scheint noch nicht serviert zu sein. Der Fernsehmoderator Bi Fujian singt eine chinesische Oper, am Tisch sitzen mehrere Chinesen, auch ein Westler ist unter ihnen. Bi singt «Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobern», eine sogenannte Modelloper – eine von acht Pekingopern, die während der Kulturrevolution entstanden und die politischen Erfolge Mao Zedongs und der Kommunistischen Partei (KP) preisen.

Aber Bi hält sich nicht an den Originaltext. Immer wieder fügt er spöttische Kommentare hinzu. Seine Zuhörer sind amüsiert. Dann besingt Bi den «Vorsitzenden Mao» mit den Worten: «Ach, erwähn doch nicht diesen alten Hurensohn, er hat uns so viel Elend gebracht.» Die Chinesen lachen. So ist es in einem Video zu sehen, das im April an die chinesische Öffentlichkeit gelangte – und die Fernsehkarriere von Bi beendete. Er muss gewusst haben, dass er während des Singens gefilmt und fotografiert wird, denn mehrmals zucken Blitzlichter durch den Raum. Wie und warum das Video publik wurde, ist nicht bekannt.

Bi Fujian ist in China nicht irgendein Moderator – er ist eine Institution. Seit 1989 moderierte der heute 56-Jährige beim Staatssender CCTV, zuletzt die Talentshow «Star Boulevard», die chinesische Version von «Das Supertalent».

Bi ist seit dem Vorfall von der Oberfläche verschwunden, aus chinesischen Medien war bis jetzt nichts über sein Schicksal zu erfahren. Die Zensurbehörde löschte das Video seiner Opern-Parodie (auf YouTube, das in China gesperrt ist, ist es aber nach wie vor zu sehen), auch hatte sie der Presse die Anweisung erteilt, nicht weiter über den Fall zu berichten. Doch nun ist ein Zeitungsbericht aufgetaucht, der nicht nur über den Verbleib von Bi Aufschluss gibt – sondern auch den Umgang der Führung in Peking mit Kritik an Mao verdeutlicht.

Die China Discipline Inspection Daily, eine staatliche Tageszeitung, die der Anti-Korruptions-Kommission der KP nahesteht, verkündete jetzt, dass Bi das Image der KP und des ehemaligen Staatsführers beschädigt habe. Wie die Zensurbehörde entschieden habe, handele es sich um einen Vorfall, «der die politische Disziplin schwer verletzt» habe. Weiter heisst es im Originalton: «Die Behörden fordern die Disziplinarkommission von CCTV auf, den Fall ernst zu behandeln und allgemein vor solchem Verhalten zu warnen.» Zwei Dinge sind an diesem Satz bemerkenswert: Zum einen, dass es innerhalb des Staatssenders CCTV eine Kommission zu geben scheint, die politisch unliebsames Verhalten ahndet. Zum anderen, dass an Bi offenbar ein Exempel statuiert werden soll. «Das Huhn töten, um den Affen zu erschrecken», sagt man auf Chinesisch dazu. Was genau das für den Moderator bedeutet, bleibt unklar.

Bild: Ng Han Guan/AP/KEYSTONE

Chinas Zensurbehörde intervenierte zuletzt immer wieder, wenn sie befürchtete, Presse und Fernsehen könnten vom Sozialismus abfallen. Im Juli monierte sie, dass chinesische Reality-Shows dem Materialismus huldigten und verpflichtete sie deswegen, sich zu den «zentralen sozialistischen Werten» zu bekennen. Einen Monat zuvor hatte sie Radio- und Fernsehsender dazu aufgefordert, ihre Moderatoren genauer zu überprüfen und angekündigt, die Qualifikationen der Moderatoren regelmässig zu kontrollieren. Derzeit müssen alle Moderatoren zwei staatliche Zertifikate vorweisen: einen Sprachtest und einen Test, der die beruflichen Fertigkeiten bescheinigt. Beide Bescheinigungen müssen regelmässig erneuert werden.

Moderator entschuldigte sich

Die «zentralen sozialistischen Werte» sind ein Propagandaslogan der KP, der in China allgegenwärtig ist. Er prangt in U-Bahnschächten und an Häuserfassaden, in jeder Stadt und auch auf dem Land. Nach Staatspräsident Xi Jinping sind die Werte «alles durchdringend, wie Luft». Zu den «zentralen sozialistischen Werten» gehören unter anderem Begriffe wie Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit. Dass damit etwas anderes gemeint ist als im Westen, zeigen Fälle wie der von Bi Fujian.

Bi hat sich mittlerweile für sein Verhalten entschuldigt. Auf seinem offiziellem Weibo-Account, der chinesischen Version von Twitter, schrieb er, er sei bedrückt und mache sich Selbstvorwürfe. «Als Person des öffentlichen Lebens habe ich eine Lektion gelernt und werde jetzt streng und diszipliniert sein», kündigte er an.

Die Reaktionen auf seinen Post fielen sehr unterschiedlich aus. Viele Weibo-User vermuten hinter dem Video-Leak Rache und spekulieren, dass Bi Opfer eines Komplotts geworden sei. Manche verteidigen Mao Zedong. «Der Vorsitzende Mao darf nicht beleidigt werden, von niemandem!», schimpft einer. Viele nehmen Bi aber auch in Schutz: «Ich dachte, wir hätten jetzt Redefreiheit», schreibt etwa ein anderer.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Hayek1902 18.08.2015 22:58
    Highlight da hat er absolut recht. empfehle jedem chinesen, mal endlich eine unabhängige mao biographie zu lesen. leider glauben die die märchen immer noch
    1 1 Melden
  • MaskedGaijin 18.08.2015 17:58
    Highlight schade. der mann hat recht.
    5 1 Melden
  • swissda 18.08.2015 16:53
    Highlight Auf dem Titelbild sieht der aus wie Raimondo Ponte :-D
    2 1 Melden

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