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Deutschland nahm heute morgen Abschied von Altkanzler Helmut Schmidt.
Bild: POOL/REUTERS

«Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen»: Letzte Ehre für den verstorbenen Altkanzler

Bewegender Abschied von Helmut Schmidt: Im Hamburger Michel haben Hunderte geladene Gäste dem Altkanzler die letzte Ehre erwiesen. Angela Merkel verneigte sich in tiefem Respekt.

23.11.15, 13:39 23.11.15, 15:32

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Hamburg würdigt Helmut Schmidt: Hunderte geladene Gäste kamen in die Kirche Sankt Michaelis, um sich von dem Altbundeskanzler zu verabschieden. Schmidt war vor knapp zwei Wochen im Alter von 96 Jahren gestorben. Der SPD-Politiker regierte zwischen 1974 und 1982 als Bundeskanzler in einer Koalition mit der FDP.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte während der Trauerfeier, der Altkanzler werde allen fehlen. Er sei eine Instanz, ein scharfsinniger Beobachter und Kommentator gewesen. Sein hohes Ansehen habe einen guten Grund gehabt: die Verantwortung, die Schmidt jederzeit bereit und fähig gewesen sei, zu tragen, sagte Merkel.

Mit der Trauergemeinde teilte die Kanzlerin eine persönliche Erinnerung: Bei der Hamburger Flutkatastrophe sei sie sieben Jahre alt gewesen und habe mit ihren Eltern in Templin in der DDR das Drama verfolgt. «Seit diesen Tagen ist er tief in mein Gedächtnis eingegraben», erinnerte sie sich. Ein Teil ihrer Familie lebte damals in ihrer Geburtsstadt Hamburg. «Wir haben ihm vertraut, dass er die Lage in den Griff bekommen würde. Und so war es dann auch.»

Mit Präsident Valéry Giscard d'Estaing habe Schmidt sich auch für die europäische Idee und für die Einführung des europäischen Währungssystems eingesetzt, ein «mutiger Schritt», lobt Merkel. Schmidts strategischer Weitblick habe ihn zum «Gründervater unserer Diplomatie» gemacht.

Ein Grosser wird zu Grabe getragen: Helmut Schmidt wurde heute die letzte Ehre erwiesen.
Bild: FABIAN BIMMER/REUTERS

Von Schmidts Umgang mit dem RAF-Terrorismus und der Entführung von Hans-Martin Schleyer schlug die Kanzlerin den Bogen zur heutigen Bedrohungslage: «Die Bundesregierung mit Helmut Schmidt entschied sich, die Forderung der Terroristen nicht zu erfüllen.» Schmidt sei damals davon überzeugt gewesen, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. «Wir stehen wieder unter dem Eindruck grausamer Attentate», sagte Merkel. Sie verwies auf die Terrorattacken vor mehr als einer Woche in Paris. «Die Motive heute sind andere, die Umstände auch. Aber Terror bleibt Terror.»

Wie so oft würde Merkel gern fragen: Was hätte Helmut Schmidt zu den Anschlägen gesagt? «Diese Frage liegt nahe, dennoch verbietet sie sich.» Schmidt habe immer etwas zu sagen gehabt. «Sein Denken bleibt in Erinnerung», sagte die Kanzlerin. «Die Spuren, die er hinterlässt, sind tief.»

Merkel schloss mit den Worten: «Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesem grossen Staatsmann. Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit. Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen.»

«Wir haben einen Giganten verloren.»

Zuvor hatte Henry Kissinger, der ehemalige Aussenminister der USA und Weggefährte Schmidts, gesprochen: «Die wichtigsten Qualitäten eines Staatsmannes sind Visionen und Mut.» Für Schmidt hätten die Leitlinien «Vernunft, Recht, Frieden und Glauben» gegolten. «Er erklärte uns die Weltläufe und erinnerte uns an unsere Pflicht. Er war eine Art Weltgewissen.»

Henry Kissinger fand lobende Worte für Helmut Schmidt. 
Bild: EPA/DPA

Hamburgs Oberbürgermeister Olaf Scholz nannte Schmidt einen «Staatsmann im eigentlichen Sinn des Wortes». «Wir alle verlieren einen wichtigen Wegbegleiter.» Hamburgs Erster Bürgermeister sagte weiter: «Er hat vorgelebt, wie anständige und vernünftige Politik aussieht. Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht.»

Sozialdemokrat Scholz würdigte auch Schmidts aussenpolitisches Engagement: «Von Helmut Schmidt haben wir gelernt, dass Deutschland seine Rolle in der Welt nur als Teil Europas finden wird», so Scholz. «Die Mahnung zur Zusammenarbeit zwischen den europäischen Völkern und Regierungen hat einen sehr ernsten Kern: Nur so liesse sich verhindern, dass sich – und ich sage es in dieser Härte mit den Worten Helmut Schmidts – die ‹grosse Scheisse des Krieges› wiederhole.»

«Als Politiker und Publizist hat Helmut Schmidt Deutschland, Europa und die Welt geprägt», sagt Scholz. «Zu Hause aber war er hier in der Freien und Hansestadt – kulturell, intellektuell und persönlich.» Die «kluge und unprätentiöse Herzlichkeit», die auch von seiner lebenslangen Gefährtin und Ehefrau Loki ausging, sei berührend gewesen. «Ich hoffe jedenfalls, dass wir seinen Erwartungen weiterhin gerecht werden und Helmut Schmidts Schöne auch in Zukunft aufgeweckt bleiben wird.»

Scholz schloss mit den Worten: «Wir haben einen Giganten verloren. Politisch und auch menschlich werde eine Lücke wird bleiben. Wir werden sie spüren.»

Vorbild an Gradlinigkeit, Redlichkeit und Klugheit

Schmidt hatte sich die Feier im Michel dem Vernehmen nach ausdrücklich gewünscht – dort fanden auch die Trauerfeier für seine 2010 verstorbene Ehefrau Loki und 2014 der öffentliche Abschied vom Schriftsteller Siegfried Lenz statt. Er war ein enger Freund des Altkanzlers.

Die Zeremonie fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Zu den 1800 Gästen gehörten Bundespräsident Joachim Gauck sowie Schmidts Weggefährten wie Frankreichs Ex-Präsident d'Estaing.

An den Staatsakt schloss sich ein Grosses Militärisches Ehrengeleit durch das Wachbataillon der Bundeswehr vor dem «Michel» an. Auch dort versammelten sich Hunderte Menschen. Anschliessend wurde Schmidts Sarg in einer Trauer-Eskorte durch die Hansestadt zum Friedhof Ohlsdorf gefahren. Dort werden die Feierlichkeiten in privatem Kreis enden.

vek

Kanzler, Altkanzler, Ehemann: Helmut Schmidts Leben in Bildern

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • FrancoL 23.11.2015 15:34
    Highlight Für die Schweizer Politik als Denkanstoss; --- über die Grenzen der Partei hinaus geschätzt, --- über die Grenzen der Partei hinaus hat man ihm zugehört, --- über die Grenzen der Partei hinaus hat er Brücken geschlagen, --- über die Landesgrenzen hinaus hat er Zuspruch gefunden. Ein Mann der Worte in Taten umsetzte und nicht Worte in neue Worte kleidete.
    0 0 Melden
  • ferox77 23.11.2015 14:08
    Highlight Politische Jahrhundertfiguren wie W. Brandt oder H. Schmidt werden immer nur durch grösste Krisen geprägt. Bei den genannten zwei Personen waren es die Erfahrungen des 2. Weltkriegs und die Erfahrungen des Totalitarismus, die die Charaktereigenschaften geformt haben. Wenn solche Charaktere heute fehlen, ist dies insofern ein gutes Zeichen, weil es gleichbedeutend ist mit einer langen Friedenszeit. Insofern ist es nicht fair, die heutige Politikergeneration an den genannten Personen zu messen, denn die heutigen Politiker können da nur schlecht aussehen.
    3 0 Melden
    • Caissa15 26.11.2015 11:42
      Highlight H. Schmidt selbst hätte sich als letzte Amtshandlung senkrecht im Sarg aufgebäumt, wüßte er, welch beschämende traurige PR Grabrede die jetzige Kanzlerin für ihre eigenen nur persönlichen Ziele instrumentalisierte. (Mutter der Gläubigen u jetzt auch mit Jesus - Aussagen von den Linken verglichen)
      Flog da nicht eine gerauchte Kippe aus Richtung des Sarges in Frau Merkels Richtung ??????
      0 1 Melden

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