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Der Zug-Angreifer galt als gut integriert – und radikalisierte sich womöglich selbst

Der Jugendliche, der in einem Zug mehrere Menschen schwer verletzte, hat sich ersten Ermittlungen zufolge möglicherweise selbst radikalisiert. Dafür gibt es laut Bayerns Innenminister Herrmann Indizien.

19.07.16, 14:35 19.07.16, 15:21

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Der 17-jährige Afghane, der bei Würzburg mehrere Menschen in einem Zug attackierte, hat sich möglicherweise in den vergangenen Wochen selbst radikalisiert. Darauf deuteten erste Ermittlungen hin, sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann.

Der unbegleitete minderjährige Flüchtling hatte mit Axt und Messer auf Passagiere eingeschlagen und fünf Menschen schwer verletzt, einer schwebt nach Angaben von Herrmann noch in Lebensgefahr. Unter den Opfern sind vier Mitglieder einer Touristenfamilie aus Hongkong. Es habe sich um Zufallsopfer gehandelt. Der Täter wurde von Spezialkräften der Polizei erschossen.

Axt-Attacke in Würzburg – Die Bilder

Im Zimmer des Täters sei neben einer handgemalten Flagge der Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») ein Text auf Paschtu gefunden worden, der den Verdacht der Radikalisierung untermauere, sagte Herrmann. Aus dem Text soll hervorgehen, dass Muslime sich zur Wehr setzen müssten. Ausserdem könnten Passagen als «Abschiedstext an den Vater» interpretiert werden. Die Analyse sei aber noch nicht beendet.

Hermann sagte, es gebe bisher keine Indizien dafür, dass sich der 17-Jährige mit anderen Islamisten vernetzt habe. Die «IS»-nahe Agentur Amak hatte wenige Stunden nach dem Angriff gemeldet, der 17-Jährige sei ein Kämpfer der Miliz.

Video: Ermittler finden «IS»-Flagge bei Angreifer

Video: watson.ch

Täter soll «Gott ist gross» gerufen haben

Der Teenager griff die Passagiere in einem Regionalzug zwischen Ochsenfurt und Heidingsfeld an. «Er ist in den Zug gestiegen, kurz auf die Toilette gegangen und dann sehr schnell aggressiv geworden,» sagte Herrmann. Ein Zeuge, der den ersten Notruf aus dem Zug abgesetzt habe, habe berichtet, der Täter habe «Allahu akbar» (Gott ist gross) gerufen.

Der Zug sei im Würzburger Vorort Heidingsfeld gestoppt worden. «Der Täter hat dort den Zug verlassen und ist dann durch den Ort unterwegs gewesen», sagte Herrmann. Bei seiner Flucht aus dem Zug habe er noch eine Passantin verletzt.

Der Zug nach dem Attentat.
Bild: EPA/DPA

Sie sei zwar nicht schwer verletzt worden, dennoch habe der Vorfall zu der Annahme der Polizei geführt, der Täter habe seine Tat nicht beendet und stelle weiterhin ein erhebliches Risiko dar. Eine «klare Auftragslage, alles zu tun, um den Täter zu stoppen», sagte Herrmann. Die Beamten hätten den Täter erschossen, als er auf sie losgegangen sei.

Der schreckliche Angriff kam überraschend. Der Täter soll sich vorbildlich an Integrationsmassnahmen beteiligt haben, schreibt Welt.de. Nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums machte er ein Praktikum mit der Aussicht auf eine Lehrstelle. Wie die Nachrichtenagentur DPA berichtete, soll er in einer Bäckerei gearbeitet haben.

Herrmann sagte, der Teenager sei vor zwei Jahren ohne Eltern nach Deutschland gekommen und habe seit zwei Wochen in einer Pflegefamilie in Ochsenfurt gelebt. Er sei nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten. Zeugen hätten ihn als ruhig und ausgeglichen beschrieben. «Er schien keinesfalls radikal oder fanatisch zu sein.»

Gewerkschaft verteidigt tödliche Schüsse

Die Gewerkschaft der Polizei verteidigte die tödlichen Schüsse. Wenn ein mit Axt und Messer bewaffneter Täter Polizisten angreife, dann bleibe nur der Schusswaffengebrauch, sagte der bayerische GdP-Vorsitzende Peter Schall. Zudem sei die Erstinformation noch gewesen, dass der 17-Jährige zuvor 15 Menschen in dem Zug teils lebensgefährlich verletzt habe. «Wenn ein Beamter in der Situation nicht schiessen darf, dann kann er die Waffe gleich abgeben», sagte Schall.

Flüchtlingshelfer zeigen sich betroffen

Der Flüchtlings-Helferkreis in Ochsenfurt zeigte sich tief betroffen. Unter den mehr als 250 dort betreuten Flüchtlingen seien etwa 60 unbegleitete Minderjährige. «Es gab bei uns noch niemals in irgendeiner Form einen Vorfall. Es ist ein sehr friedlicher und guter Umgang miteinander, deshalb sind wir alle entsetzt und traurig», sagte eine Sprecherin des Helferkreises.

Polizei am Tatort in Würzburg.
Bild: AP/News5

Bahnchef Rüdiger Grube sagte, man sei «über die brutale Attacke» entsetzt. «Unsere Gedanken sind jetzt bei den Verletzten und ihren Angehörigen.»

Tief bestürzt hat der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann auf die Axt- und Messerattacke reagiert. «Man ist in einem solchen Moment sprachlos. Diese Tat ist nicht zu verstehen», sagte er am Dienstag. Da man die Hintergründe zu der Tat des jungen Mannes noch nicht genau kenne, sei es falsch, nun alle Asylsuchenden unter Generalverdacht zu stellen.

«Vielleicht müssen wir die unbegleiteten Minderjährigen noch mehr begleiten und ihnen dabei helfen, die eigenen Traumata zu überwinden», sagte Hofmann.

sms/Reuters

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    Alle Leser-Kommentare
  • lilie 19.07.2016 16:29
    Highlight "Er radikalisierte sich selbst": Wie um Himmels willen muss ich mir das vorstellen? Sass er eines Tages in seinem Zimmer, guckte in den Himmel und sagte zu sich selbst: Ich glaube, ich hol mal die Axt aus dem Keller und schlachte ein paar Leute ab, das würde dem lieben Gott sicher gefallen???
    28 3 Melden
    • lilie 19.07.2016 17:59
      Highlight He, wofür werde ich eigentlich geblitzt? Das war eine ernst gemeinte Frage - ich weiss wirklich nicht, was damit gemeint sein soll. 😕
      10 0 Melden
  • Angelo C. 19.07.2016 16:24
    Highlight Nach dem glaubwürdig-beeindruckenden Video und seiner liebevoll selbstgefertigten IS-Fahne wird nun der "gut integrierte" junge Asylantragsteller mit jedwelcher Sicherheit der Hardcore-Islamistenszene zugerechnet.

    Könnte mutmasslich Einfluss auf die gutwillige Aufnahmefamilie, sowie allfällige Nachahmer haben, sich lieber nicht mehr auf solche unüberschaubaren Abenteuer einzulassen.

    Superantwort übrigens von Rainer Wendt (Polizeigewerkschaft) an die linksgrüne Renate Künast, die sich ihren Shitstorm absolut redlich verdient hat!


    Das Herunterspielen hat in diesen Kreisen Tradition ☹️!



    46 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.07.2016 18:50
      Highlight Zum Thema Renate Künast kann ich nur sagen: Linksgrüne Sicherheit war schon immer ein Oxymoron.
      12 1 Melden
  • john waynee 19.07.2016 15:44
    Highlight Können Menschen wirklich so pietätlos sein?
    34 12 Melden
  • El Schnee 19.07.2016 15:39
    Highlight Er habe sich vorbildlich an den Integrationsmassnahmen beteiligt. Wenn diese u.a. darin bestand, dass er Psychopharmaka schlucken musste, um ein Trauma zu bewältigen, wundert mich gar nichts mehr.
    9 21 Melden
  • Gelöschter Benutzer 19.07.2016 15:33
    Highlight Der Zug Angreifer galt als gut integriert - dies zum Thema, dass möglichst Integration solche Probleme vermeiden liessen. Es ist die Kultur, die Religion, die Vergangenheit welche solche Dramen auslösen.
    33 8 Melden
    • Pisti 19.07.2016 17:31
      Highlight Nur weil einer an Integrationsmassnahmen teilnimmt ist er noch lannge nicht integriert. Vor allem bei den illegalen Migranten die erst frisch nach Europa gekommen sind, sollte es doch klar sein dass sich diese möglichst unaufällig verhalten. Und bitte hört auf solche kriminellen, Flüchtlinge zu nennen. Das sind Terroristen aber bestimmt keine Flüchtlinge.
      21 2 Melden
  • Wilhelm Dingo 19.07.2016 15:20
    Highlight "Er galt als gut integriert und radikalisierte sich womöglich selbst": das sind ja gute Aussichten!
    38 4 Melden
    • demokrit 19.07.2016 15:49
      Highlight Die Disziplinierung durch religiösen Fanatismus fällt dem Umfeld meist erst einmal positiv auf: Keine Raucherei, kein Alkoholkonsum, kein Ausgang, regelmässige Tagesabläufe. Das ist wenig überraschend.
      22 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 19.07.2016 18:45
      Highlight Suehst du das "womöglich"? Es also einfach eine Behauptung mangels tatsächlichem Wissen darüber wie diese Radikalisierung von statten ging...
      1 3 Melden

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