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«Wir haben hier Beknackte im Dorf»: Das denken die Einwohner zur Bürgerwehr, die den Asylbewerber aus dem Supermarkt geworfen hat

Ein Asylbewerber randaliert in einem Supermarkt in Ostdeutschland. Junge Männer verprügeln ihn. In dem Dorf fragen sich manche, wie viel davon politische Inszenierung war.

03.06.16, 10:53 03.06.16, 11:35

Raniah Salloum, Arnsdorf



Ein Artikel von

Ein psychisch kranker Asylbewerber aus dem Irak wird in Sachsen von vier Männern aus einem Supermarkt gezerrt und an einen Baum gefesselt. Was ist da los? Ein Ortsbesuch.
spiegel online

Ein Internet-Video aus dem Netto-Supermarkt von Arnsdorf hat nicht nur in Deutschland für Schlagzeilen gesorgt. Gedreht wurde es bereits am 21. Mai von einer Unbekannten. Es ist knapp zwei Minuten lang und zeigt, wie kräftige Männer einen zuvor mit Flaschen drohenden Asylbewerber aus dem Supermarkt zerren und verprügeln. Am Ende des Videos kommentiert die Filmerin: «Es ist schon schade, dass man ne Bürgerwehr braucht, oder?»

Das Video hat in ganz Deutschland einen Nerv getroffen. Manche bejubelten es als Beleg dafür, dass sich «die Deutschen» endlich von «den Ausländern» nicht mehr «alles bieten» lassen würden; andere sahen darin Anzeichen, dass «Dunkeldeutschland» dabei ist, zur rechten Selbstjustiz zurückzukehren. Was war in Arnsdorf wirklich passiert?

So lief es ab 

Der Tathergang ist ziemlich klar: Ein irakischer Asylbewerber, der wegen einer psychischen Erkrankung im Arnsdorfer Krankenhaus behandelt wurde, kam am vorvergangenen Samstag dreimal in den Supermarkt zwischen 13 und 18 Uhr. Er hatte eine Telefonkarte für sein Handy gekauft und Probleme damit, konnte sich aber mit niemandem verständigen. Er wurde immer wütender.

Augenzeugen erzählen übereinstimmend, dass der 21-jährige Iraker aggressiv wirkte und die Verkäuferinnen sich bedroht fühlten. Zweimal wurde die Polizei gerufen. Sie brachte den jungen Mann jedes Mal zurück zum Krankenhaus, sein Kartenproblem wurde nicht gelöst.

Beim dritten Mal zerrten ihn plötzlich die Männer aus dem Supermarkt, prügelten ihn, als er sich wehrte, und fesselten ihn mit Kabelbindern an einen Baum vor dem Supermarkt. Einer in der Gruppe rief die Polizei an. Diese traf kurz vor 19 Uhr auf «rund 20 Personen» vor dem Baum, befreite den Iraker, brachte ihn zurück zur Klinik und nahm nicht die Personalien der Umstehenden auf. Am Donnerstag bezeichnete die zuständige Polizei Görlitz das Festhalten des Asylbewerbers als teilweise gerechtfertigt.

«Pegida, AfD – alles ist dabei»

In Arnsdorf macht zudem das Gerücht die Runde, der irakische Asylbewerber hätte jedes Mal eine neue Telefonkarte bekommen und diese dann verbraucht. Doch der zuständige Polizeisprecher von Görlitz sagt, ihm sei dazu nichts bekannt. «Er hat mindestens einmal eine Telefonkarte gekauft und es gibt keine Ermittlungen wegen Betrugs.»

Für das Gerücht der «Bürgerwehr» von Arnsdorf hat allein der Kommentar am Ende des Videos gesorgt. Fragt man die Arnsdorfer danach, wird man oft verwundert angeschaut. Ein paar Arnsdorfer verweisen auf «die Jungs von der Imbissbude». Die seien «Pegida, AfD, Rockermilieu, Alkoholisierte – alles ist dabei.»

«Die Jungs von der Imbissbude» – das sind an diesem Donnerstagnachmittag junge, leicht untersetzte Männer, die in der Sonne stehen und Cola trinken, schwarze T-Shirts tragen wie die Männer im Video und nicht sonderlich gesprächig sind. Für sie sind die Journalisten Lügenpresse. Den Reportern drohen sie mit Imbiss-Platzverweis.

Manche von ihnen seien nicht aus Arnsdorf, sagen sie, sondern aus der Umgebung. Der Stand mit Bratwurst und Pommes ist ihr Treffpunkt. Er gehört der Frau des örtlichen CDU-Gemeinderats, der sagt, an dem Vorfall beteiligt gewesen zu sein. Steht man lange genug am Imbiss, kommt auch mal ein Betrunkener vorbei und schreit den jungen Männern – «ihr Faschos!» zu.

Im Laden kam es zu tumultartigen Szenen.
bild: screenshot video

Fragt man herum, was die Arnsdorfer über den Vorfall denken, will kaum einer namentlich genannt werden. Der Ort hat weniger als 5000 Einwohner, jeder kennt jeden, man will nicht auffallen. Im Schutz der Anonymität kritisieren viele das Verhalten des jungen Irakers. Doch keiner hat Verständnis für das Vorgehen der Angreifer: «Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder einfach macht, was er will?», hört man immer wieder. Der vermeintlichen Bürgerwehr fehlt es an Rückhalt bei den Bürgern. Manche bezeichnen den Vorfall sogar als «politische Show» der Rechten von Arnsdorf.

«Was kommt als Nächstes?»

Die Politiker des Dorfes reden dagegen gerne mit der Presse. Auf dem Parktplatz vor dem Netto-Supermarkt geben die Zwillinge Sven und Kay Scheidemantel unermüdlich Interviews. Die beiden 45-Jährigen sitzen als Unabhängige im Gemeinderat. Bis vor wenigen Jahren waren sie bei der Linken.

Ihr politischer Gegenspieler, der Unternehmer Arvid Samtleben, 46, von der AfD, tigert im hellblauen Hemd und braunen Lederschuhen ebenfalls über den Netto-Parkplatz. «Ich kann doch nicht den Scheidemantel-Brüdern das Feld überlassen», sagt er. Er sei darüber informiert worden, dass die beiden auf dem Netto-Parkplatz mit der Presse redeten.

Die Scheidemantel-Brüder betrachten den Vorfall mit grosser Sorge. «Das ist Selbstjustiz. Heute wird jemand an den Baum gefesselt, was kommt als Nächstes?» Samtleben sagt, dass er das Verhalten für Zivilcourage halte, wenn auch «ein bisschen unglücklich»: Besser wäre es gewesen, wenn die Polizei vorher entschieden eingegriffen hätte. Für ihn ist der Fall ein «Versagen der Institutionen».

Unsanft wird der Asylbewerber aus dem Laden geschafft.
bild: screenshot

Samtlebens Frau, früher bei «Die Freiheit», einer rechtspopulistischen Partei, war an dem Tag selbst im Netto-Supermarkt, so gegen 13 Uhr, sagt der AfD-Politiker. Sie kam nach Hause und erzählte ihrem Mann davon. Kurz darauf fanden sich erste Posts darüber auf Facebook.

«Für mich ist das eine eindeutig geplante Aktion gewesen», sagt Sven Scheidemantel. Er meint damit, dass die Unbekannte zur richtigen Zeit am richtigen Ort filmte und das Ganze am Ende ruhig kommentierte – möglicherweise um Werbung zu machen für die Aufstellung einer sogenannten Bürgerwehr in Arnsdorf.

Samtleben, der ursprünglich aus Braunschweig ist und seit über einem Jahrzehnt in Sachsen lebt, macht keinen Hehl daraus, dass er gerne eine Bürgerwehr gründen würde. Er sagt, er kenne die Filmerin des Videos. Er möchte aber nicht verraten, wer sie sei. «Wahrscheinlich hat sie nicht recht darüber nachgedacht, was es bedeutet, das Video ins Internet zu stellen.» Er meint damit, sie hätte die Gesichter der Männer der selbsternannten Bürgerwehr verpixeln sollen. Gegen diese wird weiterhin strafrechtlich ermittelt.

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37
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37Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • solani 03.06.2016 13:56
    Highlight Hat er randaliert? Er steht da mit einer Flasche.... die Leute rundherum wirken nicht sonderlich erschrocken..
    Schwierig zu beurteilen.
    Aber auf ihn einzuschlagen wäre, meiner Beurteilung nach, eindeutig nicht nötig gewesen. Wegführen und warten bis die Polizei kommt vielleicht ja.. aber auf ihn einprügeln? Nein!
    32 12 Melden
    • Pisti 03.06.2016 17:05
      Highlight Wo wird auf Ihn eingeprügelt? Er wird lediglich nicht ganz Sanft aus dem Laden begleitet. Das völlig zurecht.
      14 24 Melden
  • Scott 03.06.2016 13:33
    Highlight Aus dem Laden entfernt und bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. Wo ist das Problem?
    31 55 Melden
    • Dan Ka 03.06.2016 14:17
      Highlight Wo kommen wir hin, wenn jedermann festhalten darf? Das ist Selbstjustiz und schränkt die Grundrechte des Festgehaltenen ein. Für mich klares nogo!
      32 24 Melden
    • Töfflifahrer 03.06.2016 14:41
      Highlight @Scott: Da blendet man dann gerne aus, dass man ihn noch zusammengeschlagen hat und mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt hat.
      Nicht mal das Ladenpersonal hat die Polizei gerufen, da diese keine Gefahr sahen!
      42 16 Melden
    • TJ Müller 03.06.2016 14:57
      Highlight Scott, hast du das Video angeschaut? Ich verprügel dich auch mal und fessel dich an einen Baum, ohne dass du irgendwas illegales gemacht hast...
      Wtf läuft falsch bei dir, dass du so ein Verhalten gutheissen kannst?
      39 15 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • bangawow 03.06.2016 13:31
    Highlight Samtleben im Scheidemantel, hihi.

    Bürgerwehren und Ausländerjäger, so nah, so vereint.
    14 4 Melden
  • Charlie B. 03.06.2016 13:30
    Highlight Was mich mehr interessieren würde wäre ob der Mann nun eine funktionierende Telefonkarte bekommen hat.
    19 4 Melden
    • one0one 03.06.2016 15:47
      Highlight Scheinbar hat die Sim Karte funktioniert war aber bereits aufgebraucht. Hat auf jeden Fall die Presse so kommuniziert...
      12 2 Melden
  • Kstyle 03.06.2016 12:51
    Highlight Ich hätte die jugentlichen wegen freiheitsberaubung verklagt. Aber da es ein Flüchtling ist wird das sehr schwer. Versuch sowas mal in Amerika da wirst du sowas von verklagt. Obwohl du sehrwahrscheonlich nicht mehr zum klagen kommst weil sie dich nicht blos an einen Baum binden würden sonder dich erschiessen.
    5 20 Melden
  • Alnothur 03.06.2016 12:22
    Highlight So so, "Selbstjustiz"... Ich dachte, jemanden bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten sei erlaubt und erwünscht?
    38 74 Melden
    • Kstyle 03.06.2016 12:44
      Highlight Äpfel nicht mit birnen verwechseln. Hat er was getan? Nein. Also war es eigemtlich freiheitsberaubung und körperverletzung der leute die ihn an den Baum gebunden haben und für mich unverständlich wie die Polizei die Personalien nicht aufnehmen konnte
      31 18 Melden
    • TanookiStormtrooper 03.06.2016 12:57
      Highlight Festhalten heisst aber nicht verprügeln oder gar fesseln. Du kannst dich ihm in den Weg stellen und wenn er auf dich losgeht, darfst du dich sicherlich wehren. Hier ist der rechte Mob aber mit Gewalt auf den Flüchtling losgegangen. Das hatte nichts mit BürgerWEHR zu tun, die wollten einfach einen Ausländer verhauen.
      Die Polizei und die Klinik haben da aber auch einen schlechten Job gemacht. Wenn einer 2 mal im selben Laden auftaucht und "Ärger" macht muss man doch irgendwie mal mit dem Mann ins Gespräch kommen und sein Problem klären. Ausserdem nimmt man die Personalien der "Bürgerwehr" auf.
      33 11 Melden
    • ovatta 03.06.2016 13:20
      Highlight Zwischen festhalten und fesseln besteht ein unterschied!
      Was wenn bei dem Gefesselten plötzlich ein medizinisches Problem z.B. Durch die Prügel auftaucht? Zudem ziehen sich Kabelbinder bei befreiungsversuchen zusammen!
      Es besteht also ein erhebliches Risiko weshalb man dies Fachkräften überlassen soll!
      21 10 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Paco69 03.06.2016 11:48
    Highlight In Israel, Japan, Australien oder Argentinien hätte die Meldung geheissen: "Couragierte Mitbürger überwältigen Angreifer, der eine Kassiererin mit einer Flasche bedrohte."
    Danach hätten die Männer wohl eine Belobigung vom örtlichen Bürgermeister für ihre Reaktion, bei der es keine Verletzten gab, bekommen.
    Hier hingegen ermittelt der Staatsschutz!
    52 137 Melden
    • saco97 03.06.2016 12:25
      Highlight Das ist halt der Unterschied, den ein Rechtstaat machen muss. Schliesdlich wird auch ermittelt, wenn es sich um Notwehr handelt, sonst kann das ja gar nicht festgestellt werden. In einem Rechtsstaat muss jede Form der Gewaltanwendung untersucht werden, ansonsten würde der Staat sein Monopol physisch legitimierter Gewaltsamkeit gefährden. Dies würde der Selbstjustiz Tür und Tor öffnen.
      87 6 Melden
    • glüngi 03.06.2016 12:27
      Highlight und das findest du gut oder schlecht weil?
      12 3 Melden
    • Fabio74 03.06.2016 13:54
      Highlight der Unterschied: In einem zivilisierten rechtsstaatlichen Land ist es Polizeiaufgabe jemanden festzunehmen. Zivilisten haben niemandem mit Gewalt zu drohen oder zu fesseln.
      13 12 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • EvilBetty 03.06.2016 11:38
    Highlight Aha... jetzt hat er also schon randaliert. Noch ein/zwei Wochen und er hat im Netto kleine Kinder gefressen...
    134 25 Melden
    • Töfflifahrer 03.06.2016 14:46
      Highlight Nein, Kinder? Ich dachte er ist der Kopf der Scheuser Banden aus Afrika und das geheime Gehirn des IS. Dann wird aus einer Flasche noch eine Kalaschnikow! Das also als Minimum.
      17 6 Melden
    • EvilBetty 03.06.2016 14:56
      Highlight Das eine schliesst das ander ja nicht aus ;)
      13 2 Melden
  • stiberium 03.06.2016 11:24
    Highlight Provinzposse!
    31 15 Melden
    • Töfflifahrer 03.06.2016 11:45
      Highlight Ja, aber mit einem Geschmäckle von SA, nur diesmal schwarz und nicht braun.
      Dass die Polizei die Personalien nicht aufgenommen hat und "von teilweise gerechtfertigt" spricht, spricht ebenfalls Bände!
      Provinz, ja aber nicht ungefährlich.
      79 19 Melden
    • stiberium 03.06.2016 11:54
      Highlight Auf jeden Fall!

      Der Ausdruck ist mir rausgerutscht als ich mir die Schwarzhemden beim Döner mampfen und Cola trinken im Lokalen Imbiss vorgestellt habe und wie sie da diese geniale Idee mit dem Bürgerwehrstunt gehabt haben müssen.
      40 7 Melden
    • shin68 03.06.2016 13:05
      Highlight Hätte er sich nicht gewehrt.....
      Er wurde ja gebeten zu gehen und die Flasche abzugeben......, aber eben.
      8 24 Melden
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