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Gewitter und Sturmböen ziehen über dem «Rock am Ring» auf: «Das Auto ist der sicherste Platz»

81 Verletzte nach Blitzeinschlag und eine unberechenbare Wetterlage: Das «Rock am Ring»-Festival steht auf der Kippe, Zehntausende harren im Schlamm aus. Die wichtigsten Informationen im Überblick.

04.06.16, 20:26

Andreas Borcholte / spiegel online

Ein Artikel von

«Das Konzert findet bei jeder Witterung statt», so steht es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des «Rock am Ring»-Festivals unter Punkt 16. Klar, wer sich auf eines der grossen Sommer-Open-Airs begibt, zu denen das seit 1985 existierende, dreitägige Event in der Eifel mit über 90'000 Gästen gehört, der rechnet mit Regen und Wind, der wappnet sich für Matsch und Nässe. Das gehört zum Spektakel und zum kleinen Abenteuerurlaub, den ein Festival immer auch darstellt.

Doch was ist, wenn das Wetter zu unberechenbar wird und Menschenleben in Gefahr geraten?

Die Ereignisse vom Freitag und Berichte von Augenzeugen:

Am Freitagabend um kurz nach 20 Uhr brach ein ungewöhnlich heftiges Gewitter über dem Schauplatz des Festivals, einem ehemaligen Flughafen nahe der rheinland-pfälzischen Gemeinde Mendig, los, Blitze schlugen nahe der Hauptbühne ein, Starkregen zerstörte zahlreiche Zelte auf den Campingplätzen, die teilweise unter Wasser standen und verschlammten. Am Samstag gehen die zuständigen Behörden von insgesamt 81 Verletzen aus, die zum Teil in umliegenden Krankenhäusern versorgt werden mussten. Zwei der Besucher mussten reanimiert werden, die meisten seien jedoch auf dem Weg der Besserung.

Das Newsportal Bento hat mit einigen Besuchern gesprochen, die das Unwetter am Freitag miterlebt haben. Lesen Sie ihre Berichte hier.

Nach 90 Minuten Unterbrechung setzte die Band Tenacious D., die zu Beginn des Unwetters gerade ihre Show gestartet hatte, ihren Auftritt fort. Auch der Rest des für den Tag geplanten Festivalprogramms wurde planmässig über die Bühne gebracht.

Die Wetterlage am Samstag und Sonntag:

Am Samstag zeigte sich das Wetter über Mendig zunächst freundlicher, der Deutsche Wetterdienst warnt jedoch, dass es auch im weiteren Verlauf des Wochenendes über ganz Rheinland-Pfalz erneut zu extremen Unwettern mit Hagel und Starkregen von mehr als 40 Litern pro Quadratmeter kommen kann. Am frühen Nachmittag formierten sich bereits dunkle Regen- und Gewitterwolken über dem Festivalgelände. Auch für Sonntag wurden bereits Hagel und Sturmböen bis zu Windstärke zehn angekündigt.

Die vorläufige Absage:

Bei einer Pressekonferenz verkündete «Rock am Ring»-Chef und Konzertveranstalter Marek Lieberberg daher die «vorläufige Suspendierung» des Festivalbetriebs. Die Entscheidung, offenbar gefordert von den örtlichen Behörden und Politikern, dürfte nicht leicht und ohne Diskussion gefallen sein, das lässt sich allein aus der Tatsache ableiten, dass die ursprünglich für 14.30 Uhr anberaumte Presserunde mit rund 45-minütiger Verspätung begann.

Tausende Festivalgäste hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits vor den nun dauerhaft verschlossenen Einlasstoren zum Gelände versammelt. Neben Lieberberg nahmen an der Pressekonferenz auch Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzender des Ticketunternehmens Eventim, sowie der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz und der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Mendig, Jörg Lempertz, teil.

Bild: EPA/DPA

Auf der Homepage verkünden die Veranstalter, man habe die feste Absicht ab 21.00 Uhr wieder alle Bühnen zu bespielen. Ein alternativer Spielplan werde vorbereitet. Gleichzeitig wird auf der Facebook-Seite bereits vor einem neuen Gewitter gewarnt. Das dürfte die verunsicherten Festivalbesucher nicht gerade beruhigen.

Als Headliner stehen für den Abend unter anderem die Red Hot Chili Peppers, Killswitch Engage, Billy Talent sowie The Boss Hoss auf dem Programm.

Innenminister Lewentz sagte jedoch nach der Pressekonferenz zur Nachrichtenagentur dpa, er gehe davon aus, dass auch am Sonntag kein «Rock am Ring» stattfinden werde. Am dritten und letzten Tag des Festivals sollten unter anderem Black Sabbath, Korn und Fettes Brot auftreten.

Die Sicherheit der Festivalgäste stehe im Vordergrund, das betonten auch die Veranstalter. Lieberberg riet den ausharrenden Besuchern dazu, Schutz in Zelten und Fahrzeugen zu suchen: «Der Pkw ist der sichere Platz», sagte er. Gleichzeitig appellierte der Open-Air-Veteran an die örtlichen Medien, keiner «Skandalisierung» anheimzufallen.

Gegen Vorwürfe, das Festival habe am Freitag zu spät vor dem drohenden Unwetter gewarnt, verwehrte sich Lieberberg, der Nachfrage eines Journalisten, ob sich denn der Veranstalter der Anordnung der Behörden fügen müsse, wich er aus und betonte, dass es sich wegen des seit einer Woche anhaltenden Extremwetters in Süddeutschland um eine «Ausnahmesituation» handele: «Es liegt nicht an 'Rock am Ring', das ist höhere Gewalt», so Lieberberg.

Die Situation auf dem Gelände:

Auf dem Festivalgelände war die Stimmung nach der vorläufigen Absage offenbar gemischt. In Frust und Ärger über das zu lange Hingehaltenwerden durch die Veranstalter mischte sich auch Verständnis über die Entscheidung angesichts der drohenden Unwetter.

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Anspruch auf Ticketersatz:

Wer sich fragt, wie es mit dem Ersatz des Ticketpreises aussieht, dem sei ein weiterer Blick in die AGB des Festivals empfohlen, dort heisst es: «Wird die Durchführung der Veranstaltung insgesamt aus Gründen unmöglich, die der Veranstalter nicht zu vertreten hat, so werden dem Besucher gegen Vorlage der erworbenen Eintrittskarte und der Kaufquittung bei der jeweiligen Vorverkaufsstelle der Kartenpreis sowie die Vorverkaufsgebühr zurückerstattet.»

Genaueres zu den Modalitäten im aktuellen Fall wird vom Festival wahrscheinlich erst bekannt gegeben, sobald es zu einer endgültigen Entscheidung über den weiteren Verlauf oder gar die Verlegung auf einen Nachholtermin gekommen ist. Ein grundsätzlicher Anspruch auf Erstattung des Eintrittspreises besteht bei einer wetterbedingten Absage oder einem Abbruch jedoch nicht.

Das Thema «höhere Gewalt» wird auch bei der Frage interessant, ob die bei dem Unwetter Verletzten Ansprüche gegen das Festival stellen können. Grundsätzlich gilt, dass dem Veranstalter ein fahrlässiges Verhalten nachgewiesen werden muss.

Wer sich auf ein Open-Air-Event begibt, egal welcher Grössenordnung, muss wissen, dass es dort auch ungemütlich werden kann. Die nun wahrscheinliche Absage des restlichen «Rock am Ring»-Festivals wäre daher wohl angemessen angesichts der zu erwartenden Wetterlage, um weitere Verletzungsopfer oder Schlimmeres zu verhindern.

Dennoch stellt sich grundsätzlich die Frage, wie in Zukunft mit derartigen Veranstaltungen umgegangen werden muss, wenn sich extreme und unberechenbare Wetterlagen in Deutschland auch in Zukunft als dauerhaft erweisen. Der zuversichtliche, verwegene und nach Rock'n'Roll-Spirit riechende Satz «Das Konzert findet bei jeder Witterung statt» könnte dann bald der Vergangenheit angehören.

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