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Blick auf das Schlosshotel Elmau, wo am 7. und 8. Juni das G7-Treffen stattfinden wird. Bild: MICHAEL DALDER/REUTERS

Weil er Wiese an G7-Gegner vermietet: Bauer in Bayern muss unter Polizeischutz gestellt werden

Ein Gastronom in Bayern hat eine Wiese an G7-Demonstranten verpachtet. Im Ort hat er sich damit wenig Freunde gemacht. Jetzt steht der Mann sogar unter Polizeischutz.

22.05.15, 16:47

Björn Hengst, Garmisch-Partenkirchen

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Der Blick von hier oben bietet schönstes Alpenpanorama: Zugspitze und Alpspitze sind zu sehen, im Sommer ist die Berghütte auf rund 1000 Metern über Garmisch-Partenkirchen bei Wanderern ein beliebtes Ausflugsziel. Holzbänke mit weiss-blauen Tischdecken, Geweihe an den Wänden, oberbayerische Bergidylle.

Seit ein paar Tagen ist sie für Herrn R. getrübt, ein Polizeiwagen fährt regelmässig vor. Der Gastronom steht unter Polizeischutz. Es lägen Drohungen vor, hätten sie ihm gesagt. Und das alles wegen seiner Wiese unten im Tal? R. hätte sich nicht träumen lassen, dass sie ihm jemals so viel Ärger bescheren würde.

Ordentlich abschotten: Schon Wochen vor dem geplanten Gipfel werden rund um den Veranstaltungsort Zäune hochgezogen. Bild: Getty Images Europe

Der 48-Jährige hat das rund 7000 Quadratmeter grosse Gelände verpachtet. Alles normal - eigentlich. Nur als durchsickerte, wem R. im Sommer für ein paar Tage die Wiese zur Verfügung stellen will, war die Aufregung in Garmisch-Partenkirchen gross: R. hat einen Vertrag mit Vertretern des Aktionsbündnisses «Stop G7 Elmau» geschlossen. Wenn am 7. und 8. Juni Angela Merkel, Barack Obama und weitere Staats- und Regierungschefs beim G7-Gipfel in Schloss Elmau tagen, wollen rund tausend Gipfelgegner auf dem Grundstück von R. campen.

Angeprangt, weil R. seine Wiese vermietete

R. stand mit vollem Namen in einer Lokalzeitung, die über die Pläne berichtete. Er fand das unangenehm, es hatte ihn auch niemand danach gefragt: «Selbst Angeklagte geniessen das Recht auf Anonymität, und plötzlich war da mein Name zu lesen - weil ich eine Wiese verpachtet habe», sagt R.

Im Ort weiss jetzt jeder, dass er auf seiner Wiese Demonstranten campieren lassen will, viele haben damit ein Problem: Im Bayerischen Rundfunk waren Landwirte zu sehen, die um ihre Mahd bangen und fürchten, dass ihre Wiesen niedergetrampelt werden, die an das Areal von R. angrenzen. Die Bauern der Weidegenossenschaft würden ihn jetzt auffällig meiden, sagt R., einer habe ihm die geballte Faust gezeigt, als er im Auto an ihm vorbeigefahren sei: «Ich spüre eine klare Abneigung.»

Gipfelgegner mobilisieren zu einer zentralen Grosskundgebung in Garmisch-Partenkirchen am 6. Juni – erwartet werden 10'000 Demonstranten. Bild: FABRIZIO BENSCH/REUTERS

Mahnende Worte der Bürgermeisterin

Er macht sich nicht viel daraus, er sei «ohnehin ein Einzelgänger»: Stammtisch, Freiwillige Feuerwehr - die Orte, an denen sich die Leute im Ort begegnen, waren nie etwas für ihn. Es ist nur so, dass es inzwischen sogar in seiner Verwandtschaft Ärger wegen der Sache gibt. Ein Onkel habe zuletzt angerufen und gefragt, ob R. spinne. «Zur Kommunion meines Sohnes ist er nicht mehr gekommen.» Auch Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer hat R. zuletzt ins Gewissen geredet. Die SPD-Politikerin bat ihn, sich seine Verpachtungspläne gut zu überlegen.

Der G7-Gipfel stellt die Region vor eine grosse Herausforderung, die Polizei fürchtet eine Gewalteskalation rund um das Tagungsgelände. Dass die Sorgen nicht unbegründet sein dürften, zeigten zuletzt die Krawalle in Frankfurt am Main, als dort Mitte März der Neubau der Europäischen Zentralbank eröffnet wurde. Auch die Erfahrungen von Heiligendamm lassen nicht nur Gutes ahnen: Beim G8-Gipfel 2007 hatten die mehrheitlich friedlichen Demonstranten Probleme, Gewalttäter in den eigenen Reihen in den Griff zu bekommen, in den Camps war der Schwarze Block damals stark vertreten.

Bereits im April protestierten 2000 Menschen in Lübeck gegen das Treffen der Aussenminister der G7. Bild: EPA/DPA

Gülle zur Abschreckung?

Aber reichen Gefahrenprognosen und Bedenken, um Demonstranten von vornherein das Leben schwer zu machen? Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) gibt seit Wochen klar zu erkennen, dass er Protestcamps für problematisch hält.

Das Auftreten der Behörden sorgt selbst bei politischen Verantwortlichen für Kritik: «Sie treten das Demonstrationsrecht mit Füssen», sagt Helmut Dinter, Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde Wessobrunn. Dem parteilosen Politiker zufolge wurde bereits vor Monaten bei einer Bürgermeister-Dienstbesprechung im Landratsamt Weilheim-Schongau ein «gestufter Plan» vorgestellt, wie man mit Anfragen für Protestcamps umgehen solle. Demnach sollten die Bürgermeister Landwirten klare Absagen nahelegen. Auf Wiesen könne man zudem Gülle kippen, um sie so als Zeltplatz unattraktiv zu machen, soll damals gesagt worden sein. Auch kursierte später ein Mustervertrag, mit dem man Demonstranten von dem Grundstück abschrecken sollte, etwa durch eine enorm hohe Kaution. Dem Landratsamt zufolge hat Dinter den Inhalt der Dienstbesprechung lediglich falsch aufgefasst.

Als R. von den angeblichen Schikanen für die Demonstranten las, war er sprachlos: «Denen soll keine Chance gegeben werden? Das Demonstrationsrecht gehört zur Demokratie.» Er wandte sich an Globalisierungskritiker, irgendwann standen Vertreter des Aktionsbündnisses «Stop G7 Elmau» vor der Tür. «Die haben einen guten Eindruck gemacht», sagt er, viele ihrer Anliegen teile er, etwa die Kritik am transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP.

Ob der Pachtvertrag genehmigt wird, ist noch offen. Derzeit prüfen ihn die Behörden. Für R. ist klar: Hätte er eine weitere Wiese, würde er sie ebenfalls den Gipfelgegnern anbieten.

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