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Maike Kohl-Richter und Angela Merkel. Bild: EPA/EUROPEAN PARLIAMENT

Der letzte Handschlag – die Trauerfeier Helmut Kohls

Bill Clinton wurde persönlich, Emmanuel Macron politisch. Die Trauerfeier für Helmut Kohl hatte eine Würde, die wohl kein deutscher Staatsakt erreicht hätte. Angela Merkel gedachte zum Schluss noch einer weiteren Person.

01.07.17, 20:29 03.07.17, 09:01

Melanie Amann, Strassburg

Ein Artikel von

Bis zuletzt war dieser Staatsakt heikel. «Auf Wunsch von Dr. Kohls Witwe», teilte die Pressestelle des EU-Parlaments mit, sprächen Bill Clinton, Spaniens Ex-Regierungschef Felipe González und Russlands Premier Dmitrij Medwedjew.

Als «Schlussredner» folgten dann Macron und Merkel, hiess es weiter – der französische Präsident und die Kanzlerin sprachen also ganz offensichtlich nicht auf Wunsch von Maike Kohl-Richter. Hinter den Kulissen wurde teils hart um die Rednerliste in Strassburg gerungen – zeitweise war sogar Merkels grösster Antagonist in der Flüchtlingspolitik, Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, als Redner eingeplant.

Angela Merkel beim europäischen Trauerakt in Strassburg. Bild: Michel Euler/AP/KEYSTONE

Doch wie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker betonte, war die Trauerfeier in Strassburg Kohls ausdrücklicher Wunsch gewesen. «Diesem Wunsch musste entsprochen werden. Diese Trauerfeier ist nicht nicht-deutsch.» Auch Angela Merkel bemühte sich, die Zeremonie in ein deutsch-europäisches Gesamtkonzept einzuordnen: «Wir werden nachher Helmut Kohl nach Deutschland zurückbegleiten.» So werde ein Bogen geschlagen, «vom Ehrenbürger Europas zum Kanzler der Einheit».

Letztlich gelang in Strassburg eine würdevolle, versöhnliche Feier, die alle kleinlichen Reibereien seit Kohls Tod in den Schatten stellte. Als Maike Kohl-Richter mit schwarzem Hut, schwarzem Schleier und schwarzen Handschuhen an der Seite von Jean-Claude Juncker das Plenum betrat, zu den Klängen von Händels Trauermarsch «Saul», sassen im Publikum die wichtigsten europäischen Regierungschefs, zahlreiche politische Weggefährten Helmut Kohls aus Deutschland, und, wie Kanzlerin Merkel hervorhob, auch mancher einstige politische Gegner des Altkanzlers.

Durch alle Reden zog sich die Hochachtung für Helmut Kohls Fähigkeit, aus politischen Verhandlungspartnern Vertraute und Freunde zu machen. Oder wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formulierte: «Manchmal entscheidet sich das Schicksal der Welt auf menschlicher Ebene.» Mehrmals kam Kohls Handschlag mit François Mitterand über den Gräbern von Verdun zur Sprache, sein Bemühen um die Aussöhnung mit Israel und sein Verständnis für die Ängste vor einem überstarken wiedervereinigten Deutschland in Nachbarländern wie Polen.

«Lieber Helmut, versprich mir, dass du im Himmel nicht gleich einen neuen CDU-Ortsverein gründest.»

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

Juncker hob auch Kohls zutiefst emotionale Bindung an die europäische Idee hervor: «Minutenlang» habe Kohl geweint, als der Europäische Rat die Osterweiterung der EU beschlossen habe. «Europe at its best», schwärmte Juncker. Er hielt eine höchst emotionale Rede auf seinen «treuen Freund» und Förderer Helmut Kohl, deren Schlusspunkt allerdings etwas missglückt war: «Lieber Helmut, versprich mir, dass du im Himmel nicht gleich einen neuen CDU-Ortsverein gründest.» Ein übereifriger Polit-Vereinsmeier, der überall zuerst seine Partei etablieren will, war der Altkanzler zuletzt gerade nicht gewesen.

Clinton über Kohl: «Er hat mich dazu gebracht, Dinge zu essen, die ich lieber nicht essen wollte.» Bild: EPA/EUROPEAN PARLIAMENT

Besser gelang es US-Präsident Bill Clinton, dem stärksten Redner in Strassburg, rührende und launige Elemente zu verbinden. Clinton scherzte über Kohls unermesslichen Appetit – «Er hat mich dazu gebracht, Dinge zu essen, die ich lieber nicht essen wollte» –, aber erinnerte die Zuhörer auch voller Ernst daran, dass «wir alle irgendwann in so einem Sarg liegen werden». Kohl habe vor schweren Gewissensfragen gestanden, die sich Politikern heute so nicht mehr stellten. Vor allem habe der Altkanzler seine Weggefährten einbezogen in etwas, «das grösser ist als wir selbst und unsere vergänglichen Karrieren», lobte Clinton. «You've done a good job with your life.»

Dank solcher Gesten hatte der europäische Staatsakt für den Staatsmann Kohl eine Grösse, die vielleicht keine deutsche Zeremonie erreicht hätte. Es macht eben einen Unterschied, ob die Redner einer Trauerfeier nur das vereinte Europa beschwören, oder ob diese Trauerfeier im Herzen der Europäischen Union stattfindet, reibungslos organisiert von Saaldienern aus allen Mitgliedstaaten, begleitet von Musikern der Universität Strassburg, mit einem Sarg unter europäischer Flagge, getragen von Soldaten in deutscher und französischer Uniform – und alles in einem Gebäude, in dem die demokratisch gewählten Vertreter aller EU-Mitgliedstaaten um den Kurs der Europäischen Union ringen.

Im Plenarsaal von Strassburg wurde nicht nur Europas Ehrenbürger Kohl gefeiert, sondern auch Kohls Idee der EU als Herzensprojekt für den Frieden, betrieben von idealistischen Freunden. Wie weit die Realität von diesem Ideal entfernt ist, durch Eurokrise, Flüchtlingskrise und Brexit, sprach kaum ein Redner an. Auch Russlands Premier Medwedjew, gegen dessen Land die EU-Parlamentarier immerhin in diesem Strassburger Plenarsaal scharfe Sanktionen verhängt hatten, hielt eine versöhnliche Rede über Kohls «Traum einer gemeinsamen Heimstätte», den es zu verwirklichen gelte.

Bill Clinton, Maike Kohl-Richter und Jean-Claude Juncker. Bild: EPA/GETTY IMAGES POOL

Sichtbar waren Europas Risse aber schon in der Sitzordnung: Die britische Premierministerin Theresa May landete in der protokollarisch bedeutungslosen dritten Reihe. Ein Sitz neben ihr blieb frei, wie als Symbol der selbstgewählten britischen Isolation. Weiter vorne sassen der spanische König, Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu und Maike Kohl-Richters Vertrauter Kai Diekmann, langjähriger Chefredakteur der «Bild»-Zeitung, dessen Blatt in der Eurokrise auch mal wenig idealistisch getitelt hatte: «Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen!»

Nur Emmanuel Macron thematisierte die Sinnkrise der EU in der wohl politischsten Rede des Tages. Die «Aufbauarbeit» Kohls «darf nicht ihren Sinn verlieren», forderte der Franzose. «Der europäische Geist muss erhalten bleiben.» Er werde gemeinsam mit Merkel unermüdlich arbeiten, um Kohls «Werk wieder Sinn zu geben». Denn: «Die Geschichte wird streng richten über diejenigen, die nur nationale Egoismen bedienen.»

Mit der grössten Spannung war die Rede Angela Merkels erwartet worden. Sie begann spröde, mit Phrasen über die «Umbrüche», die Kohl «mitgestaltet» habe, die «wirtschaftliche Prosperität», die Deutschland ihm verdanke, oder das «grosse Ganze», das er stets im Blick gehabt habe. Das erste Drittel der Kanzlerinrede hätte auch ein Politiker halten können, der Kohl nie begegnet war. Doch dann streute Merkel zunehmend persönliche Erinnerungen in die Würdigung von Kohls Lebenswerk: Er habe ihr grosse Unterstützung gezeigt, als sie einen «schweren Beinbruch» erlitt. Und seine Rede bei einem Staatsbesuch von Honecker hätte ihr als DDR-Bürgerin Mut gegeben.

Bild: EPA/GETTY IMAGES POOL

Als Einzige würdigte Merkel Kohls Heimatverbundenheit zur Pfalz, und als Einzige erinnerte sie an Kohls erste Frau Hannelore. Zwar dankte Merkel Maike Kohl-Richter für die «Hingebung und Liebe», die sie ihrem Mann gezeigt habe. Aber ihr Mitgefühl für seinen Tod galt «allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern».

Am Ende von Merkels Rede stand ihr Dank an den Mann, ohne den sie wohl nicht Kanzlerin geworden wäre: «Dass ich hier stehe, daran haben Sie grossen Anteil.» Am Ende verbeugte sich Merkel vor Kohls Sarg. Als zum Abschluss der Trauerfeier die deutsche und europäische Hymne erklangen, stand sogar der Satiriker Martin Sonneborn im Publikum auf.

Video: reuters

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Theodorli 02.07.2017 00:15
    Highlight ABER , ER hat geschworen bei der Vereidigung ,
    "auf die Bibel" diene dem Staat und dem Recht , und doch hat er am Schluss gesagt:
    Ich sag nichts ,mein Ehrenwort ist wichtiger.
    5 21 Melden
  • WilliMu 01.07.2017 23:36
    Highlight Die Rede von Bill Clinton war super, die von Angela Merkel auch. Bei Macron hat mich, neben dem politischen Inhalt, erstaunt, wie gut er Deutsch sprach.
    Ich fürchte, ich habe Helmut Kohl immer etwas unterschätzt, "Aussitzen, Schweinebauch" etc.
    Das hat sich jetzt gründlich geändert.

    Zum Glück war der eingebildete Schwätzer Donad Trump nicht dabei. Der hätte gar nicht so recht gewusst, wer denn dieser Kohl war, und hätte ev. Kohls Wittwe Maike Kohl-Richter anzügliche Avancen gemacht:
    "Sie hat ihre Blutungen aus dem gelifteten Gesicht versucht, mit einem schwarzen Schleier zu verbergen".
    9 25 Melden
  • sambesi 01.07.2017 23:06
    Highlight Der Handschlag von Mitterrand (bitte mit zwei r) und Kohl war nicht in Vichy, sondern in Verdun. Aber wenn man das Durchschnittsalter der Watson-Redaktion bedenkt - viele haben wohl 1984 (als der Handschlag stattfand) noch gar nicht gelebt - darf man da auch nachsichtig sein. Good guess, würde ich sagen; Worte mit V verwechselt man halt gerne. Und Vichy hatte doch auch etwas mit dem Krieg zu tun. Aber was schon wieder?
    48 0 Melden
    • franz ermel 03.07.2017 09:04
      Highlight Absolut richtig, danke für die Aufmerksamkeit! Der historische Handschlag zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand fand natürlich in Verdun statt. Ist korrigiert.
      0 0 Melden
  • rundumeli 01.07.2017 22:58
    Highlight kriegt der clinton sechstelliges für seine launige bemerkungen meist ... kam der gratis eigentlich ?
    3 27 Melden
  • Spooky 01.07.2017 21:15
    Highlight Grosses Theater für das naive Volk.
    38 136 Melden
    • Ich mein ja nur 01.07.2017 22:00
      Highlight Pietätsloser Schwätzer
      137 22 Melden
    • Spooky 01.07.2017 22:15
      Highlight @ SapereAude
      Pietätlos ist der Zirkus, den diese Macht-Elite wegen einem von ihnen macht.
      44 74 Melden
    • Angelo C. 01.07.2017 23:03
      Highlight Immerhin war er nicht nur ein grosser Europäer, sondern auch ein langjährig erfolgreicher deutscher Bundeskanzler, dem die Wiedervereinigung Deutschlands gelungen ist, ergo auch für den Grossteil der Bevölkerung ein nationales Monument....

      Ein erstklassiger politischer Leistungsausweis - auch wenn die privaten Familienverhältnisse leider reichlich desolat erscheinen.

      Aber er wurde heute ja nicht für das Letztere geehrt, sondern für seine grossen Verdienste um Europa und sein eigenes Land.
      63 17 Melden
    • Spooky 02.07.2017 01:47
      Highlight @Angelo C.

      "....für den Grossteil der Bevölkerung ein nationales Monument...."

      Unsinn. Ich weiss nicht, wovon du redest (du selber auch nicht).

      Ausser von ein paar elitären, superschlauen Superreichen haben die meisten Deutschen mit Kohl nichts, aber auch gar nichts gemeinsam. Bei der Wiedervereinigung hat Kohl ein par skrupellosen Spekulanten auf beiden Seiten zu unermesslichem Reichtum verholfen. Aber die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger sehnt sich zurück zu früher.
      8 29 Melden
    • Fabio74 03.07.2017 17:08
      Highlight Was für ein Blödsinn. Eine kleine Minderheit trauert dem Unrechtsstaat DDR nach. Die grosse Mehrheit was sie an Freiheit und Rechtsstaat hat.
      Dann gibts Nostalgiker die 28 Jahre nach dem Fall der Mauer "nicht alles schlecht fanden", weil man die schönen Dinge verklärt und die Unschönen verdrängt.
      Fakt ist: Kohl hat nach dem 9.11.89 vieles richtig gemacht, damit am 3.10.90 die Teilung überwunden werden konnte
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