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Junger Mann mit Plakat entschuldigt sich für die Übergriffe an Silvester.
Bild: EPA/DPA

Das sind die neuen Fakten zu den Angriffen in der Silvesternacht in Köln

Mehrere Verdächtige sind bekannt, die Ermittlungsgruppe der Polizei wird vergrössert, die Staatsanwaltschaft ermittelt in Richtung organisierte Kriminalität. Die Entwicklungen zur Kölner Silvesternacht im Überblick.

06.01.16, 22:34 07.01.16, 10:20

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In der Neujahrsnacht sollen auf dem Gelände des Kölner Hauptbahnhofs Dutzende Frauen von Männergruppen sexuell belästigt und beklaut worden sein.

Inzwischen sind in Köln mehr als 150 Anzeigen eingegangen. Laut Polizei geht es in drei Viertel der Fälle um sexuelle Belästigung. Zwei Frauen geben an, vergewaltigt worden zu sein.

Die Silvesternacht vor dem Dom in Köln

YouTube/Baris Olsun

Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschte in der Silvesternacht aggressive Stimmung, laut Polizei hatten sich etwa tausend Männer versammelt, Böller flogen in Menschengruppen. Augenzeugen berichteten Spiegel Online von dramatischen Szenen. «Es war eine explosive Stimmung», sagte unter anderem ein Mitarbeiter einer Diskothek, die nahe dem Eingang des Hauptbahnhofs liegt.

Die Party vor dem Dom in Köln uferte an Silvester völlig aus.
Bild: EPA/DPA

Die Polizei räumte den Vorplatz gegen 23.30 Uhr und beruhigte die Lage im Hinblick auf die Knallerei. Die zahlreichen Diebstähle und Übergriffe auf Frauen konnten die Beamten jedoch nicht verhindern.

Es sei insgesamt viel zu wenig Polizei da gewesen, meinte der Diskotheken-Mitarbeiter. «Man hätte mindestens doppelt so viele Beamte gebraucht, um die Lage in den Griff zu bekommen.»

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Die Informationen sind nicht eindeutig. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) teilte am Nachmittag mit, die Polizei habe drei Verdächtige ermittelt. Festnahmen habe es in diesen Fällen bisher jedoch nicht gegeben.

Am Abend veröffentlicht allerdings die Kölner Polizei eine Pressemitteilung unter der Überschrift «Übergriffe am Bahnhofsvorplatz – vier Tatverdächtige identifiziert». Dabei handelt es sich laut den Ermittlern zum einen um zwei Nordafrikaner, die in der Silvesternacht vorübergehend in Gewahrsam genommen worden waren. Sie sollen in Bahnhofsnähe Taschendiebstähle begangen haben.

Proteste in Köln.
Bild: Hermann J. Knippertz/AP/KEYSTONE

Zum anderen handelt es sich um zwei Männer, die seit drei Tagen in Haft sind. Sie sollen in der Nacht zu Sonntag Frauen bedrängt haben.

Welche konkreten Hinweise dafür vorliegen, dass die vier Männer auch in der Silvesternacht an den Übergriffen auf Frauen beteiligt waren, wollte ein Polizeisprecher auf Anfrage von Spiegel Online nicht sagen. Man wolle die Ermittlungen nicht gefährden.

Auf Nachfrage sagte ein zweiter Polizeisprecher, insgesamt gebe es damit sieben Verdächtige.

Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die mutmasslichen Täter seien dem Aussehen nach grösstenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft.

Bild: EPA/DPA

Die Polizei spricht von einer sehr schwierigen Beweisführung. Das liege vor allem an der Gemengelage in der Silvesternacht. Die Ermittlungsgruppe der Polizei wurde aufgestockt – nach Informationen von Spiegel Online auf 80 Beamte.

Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt derweil auch in Richtung organisierte Kriminalität. «Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist», heisst es in einer Pressemitteilung.

Eine Düsseldorfer Sonderkommission, die im Fall grosser, organisierter Diebesbanden ermittelt, bot den Kölner Kollegen bereits Unterstützung an. Ob Verbindungen zu den mutmasslichen Tätern besteht, ist jedoch noch vollkommen unklar.

Gegen wen richtet sich jetzt die Kritik?

Vor allem das Handeln von Polizei und Kölner Stadtspitze wird hinterfragt. Die Kölner Polizei steht in der Kritik, die Lage falsch eingeschätzt zu haben und überfordert gewesen zu sein.

In der Kritik steht auch die Kanzlerin.
Bild: WOLFGANG RATTAY/REUTERS

Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) sagte, es könne nicht sein, dass erst der Vorplatz des Bahnhofs geräumt werde «und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.»

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sah sich zudem Kritik ausgesetzt, nachdem sie bei einer Pressekonferenz auf die Frage, wie man sich als Frau besser schützen könne, sagte, es gebe «immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft.» Die Politikerin hat ihre vielkritisierte Aussage verteidigt.

Gibt es politische Konsequenzen?

Immer mehr Kommentatoren und Politiker, darunter FDP-Chef Christian Lindner und der Kölner CDU-Chef Bernd Petelkau, fordern den Rücktritt von Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers – was dieser jedoch ablehnt.

Wie ist die Lage in anderen Städten?

Auch in anderen Grossstädten ermittelt die Polizei wegen ähnlicher Vorfälle. In Hamburg etwa gingen bislang 53 Anzeigen ein. Die Polizei prüft nun, ob sie auf dem Kiez die 2011 abgeschaltete Videoüberwachung temporär wieder aktivieren kann – etwa an Wochenenden oder bei Grossereignissen. Auf dem Kiez sind noch zwölf Videokameras installiert, aber nicht in Betrieb.

Bild:

Die Frankfurter Polizei ermittelt gegen eine Gruppe von zehn jungen Männern, die in der Silvesternacht drei Frauen attackiert haben sollen. Die Szene lief offenbar ähnlich ab wie in Köln.

Was sagen die Medien?

Die Ereignisse in der Neujahrsnacht und die Ursachen dafür werden unterschiedlich diskutiert. Zum einen wurde die Berichterstattung über das Geschehene selbst kritisiert. Das ZDF räumte beispielsweise ein, zu spät berichtet zu haben. Zum anderen werden die unterschiedlichsten Motive angeführt. (gam/sms/jdl/dpa)

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • splatter 07.01.2016 03:27
    Highlight Hab das Video durchgeschaut. Krass. Wer hängt da ab? Es ist sooo trostlos. Party kann man das ja wohl kaum nennen. Raketen in die Menge feuern aus Langeweile? Die Leute benehmen sich wie Arschloch-Kinder, die ohne Aufsicht im Sandkasten sind. Soziale Kontrolle scheint es nicht zu geben. Das ist fatal, besonders bei Teenagern, denen es langweilig ist. Abartig schräge Szenerie!
    54 1 Melden
  • koks 06.01.2016 23:57
    Highlight Wie seriös ist eine Presse, die zu jedem Artikel über Köln dieses Propaganda-Bild aufschaltet? Darf man überhaupt noch eine andere Meinung äussern als die gängige links-feministische, ohne gleich zensiert zu werden?
    67 54 Melden
    • NRK 07.01.2016 06:36
      Highlight was ist an diesem Bild Propaganda? Willst du etwa behaupten der Text auf dem Bild stimmt nicht? Und das man Frauen nicht ungefragt anfässt oder vergewaltigt hat nichts mit Feministisch zu tun sondern einfach mit Respekt und Anstand!
      51 28 Melden
    • E7#9 07.01.2016 07:10
      Highlight Auch wenn die Aussage stimmt, das es A********* sind. Das schliesst deswegen Flüchtlinge nicht aus. Hier wird von vornherein beschwichtigt, um unbedingt politisch Korrekt zu bleiben. Nehmen wir an, eine Gruppe von Rechten hätte so etwas gemacht. Würden dann auch alle schreiben: Nicht Rechte sonder Ar*********** machen sexuelle Übergriffe? Ich glaube nicht.
      64 11 Melden
    • Yolo 07.01.2016 07:13
      Highlight Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen ist auch ein Problem unserer Gesellschaft. Obwohl seit 1971 das Frauenstimmrecht gibt, werden Frauen auch heute noch systematisch benachteiligt. Lohn, Berufswelt, Rollenschema, Übergriffe und dgl... Und wir (westliche Welt) fühlen uns so dermassen überlegen und als etwas besseres, sind aber kein Deut besser als die anderen...
      15 45 Melden
    • Anam.Cara 07.01.2016 07:39
      Highlight @nrk: ich frage mich, ob die Blitzer bei Deinem Kommentar der Meinung sind, dass man Frauen ungefragt anfassen sollte.

      Eigentlich dachte ich, dass unsere Gesellschaft nicht mehr darüber diskutieren muss, ob Mann grabschen darf oder nicht.
      Und dass man auf beiden politischen Seiten zwischen pointierter Aussage und Propaganda unterscheiden kann.

      Leider habe ich mich offenbar geirrt.
      21 20 Melden
    • Chlinae_Tigaer 07.01.2016 07:53
      Highlight @Yolo Zitat; Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen ist auch ein Problem unserer Gesellschaft. Zitatende.

      Wenigstens redet man darüber.


      Diskriminierung und Gewalt gegen Männer ist dagegen immer noch ein Tabu.
      26 7 Melden
    • stadtzuercher 07.01.2016 08:15
      Highlight sound, perfekt auf den punkt gebracht. treffender könnte man es nicht beschreiben. könnte auch so heissen:
      "Nicht Männer sonder Ar*********** machen sexuelle Übergriffe?"
      18 5 Melden
    • stadtzuercher 07.01.2016 08:16
      Highlight @yolo "Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen ist auch ein Problem unserer Gesellschaft."
      Du weisst aber, dass in unserer Gesellschaft mehr Gewalttätige Übergriffe auf Männer als auf Frauen passieren? Sind diese Übergriffe Tabu?
      14 5 Melden
    • NRK 07.01.2016 08:21
      Highlight @ sound. ich denke das "rechts sein" kann man sich aussuchen, flüchtling sein nicht. Das ist doch nicht zu vergleichen. Wenn man sagt Flüchtlinge bedrängen und vergewaltigen, dann wirft man alle in den selben Topf. Darum finde ich das sehr ein treffendes Bild. Klar schliesst das Flüchtlinge nicht aus. Das sagt ja auch niemand. Es steckt ja auch niemand z.B. Blond Haarige Menschen in eine Schublade, warum dann Flüchtlinge?
      17 15 Melden
    • NRK 07.01.2016 08:36
      Highlight @ Anam.Cara nein, ich denke die Blitzer haben eher mit unserem Links/Rechts Denken zu tun. Die drücken sofort auf den Blitz wen ein Kommentar ihrer Meinung nach eher links ausfällt. Ich denke nicht dass jehmand geblitzt hat weil er betaschten u.s.w gutheisst
      11 9 Melden
    • fuegy 07.01.2016 09:49
      Highlight @yolo: In der Schweiz vor dem Gesetzt hat der Mann gegenüber der Frau vor allem im Scheidungsrechts so gut wie keine Chance, wenn die Frau es so will. Er wird zur Milchkuh, nur so nebenbei.
      Warum wird immer wieder über rechts/ links diskutiert, wenn im endeffekt beide das gleiche tun, einfach auf eine andere Art und Weise?
      7 1 Melden
    • Friendo-86 07.01.2016 13:38
      Highlight So wahr der Text auf diesem eingefügten Bild auch sein mag; ich bin ebenfalls der Meinung, dass er in diesem Artikel nichts verloren hat. Schliesslich handelt es sich dabei nicht um einen Kommentar und demzufolge eine subjektive Meinung eines Autoren/Journalisten, sondern der Artikel gibt sich den Anstrich einer Zusammenfassung der Fakten. Und in einem derartigen Artikel hat Meinungsmache (was das Bild nun mal ist) nix zu suchen.
      5 1 Melden
  • lialia 06.01.2016 23:14
    Highlight henriette reker wurde dazu befragt was man als frau / mädchen im allgemeinen tun kann. das man sie nun so anprangert ist nicht wirklich gerechtfertigt. aber ist ja klar das die medien den leuten die worte gern im mund umdrehen!
    ich hoffe, jeder einzelne wird geschnappt und ordentlich bestraft! eine schande was da passiert ist!!! :-(
    32 4 Melden

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