International

Ein Flüchtlingskind in einem Zug in Deutschland.
Bild: EPA/DPA

«Deutschland kann doch jetzt nicht zumachen» – das sagen Flüchtlinge, die in Österreich festsitzen

Tausende Syrer stecken in Österreich fest. Sie wollen weiter nach Deutschland. Doch nun führt die Bundesrepublik Grenzkontrollen ein. Die Flüchtlinge lassen sich davon nicht abschrecken.

14.09.15, 06:08 14.09.15, 10:17

Raniah salloum

Ein Artikel von

Evrim aus Aleppo hat sich in eine Wolldecke gewickelt. Ihr roter Sportpulli reicht nicht aus. Die junge Frau mit den blondierten Haaren harrt lieber die Nacht vor dem Wiener Westbahnhof aus, als in einer Notunterkunft zu schlafen. Sie will am Montagmorgen den allerersten Zug nach Deutschland nehmen. Doch es wird keinen geben.

«Wir haben gehört, dass Deutschland die Grenze zugemacht hat», sagt Evrim. Doch so ganz will sie es nicht glauben. Sie hat es von Mohammed gehört, ebenfalls aus Aleppo, der zu ihrer Reisegruppe von 15 syrischen Kurden zählt: Sie haben sich unterwegs zusammengefunden von der Türkei über den Balkan. Mohammed wiederum hat es von einer englischen Journalistin gehört, die am frühen Abend die Gruppe interviewte, als sie gerade aus Ungarn in Österreich ankamen. «Vielleicht hat er sie falsch verstanden», sagt Evrim.

Doch es stimmt: Deutschland hat am Sonntag vorübergehend an der Grenze mit Österreich Kontrollen eingeführt. Bereits am Donnerstag hatten die Innenminister der Länder Alarm geschlagen: Vorerst seien alle Unterkünfte voll, die Aufnahmekapazitäten am Limit. Nun soll der vorübergehende Stopp Deutschland entlasten und den Druck auf die anderen Europäer erhöhen, am Montag auf dem Treffen der EU-Innenminister eine gemeinsame Lösung zu finden.

Für die Flüchtlinge bedeutet dies, dass Österreich für sie plötzlich nicht mehr nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Deutschland ist. Es könnte ihre neue Heimat werden. Die 15 syrischen Kurden vor dem Westbahnhof wollen davon nichts wissen. «Wir werden so lange warten, bis Deutschland die Grenzen wieder aufmacht», sagt Evrim. «Wir sind Kurden. Wir sind stur.»

Fast jeder hat bereits Verwandte in Deutschland

Offenbar scheinen es die meisten Flüchtlinge so zu sehen: Rund 10'000 sind am Sonntag von Ungarn nach Österreich gekommen. Doch nur ein paar Dutzend Asylanträge wurden in Österreich gestellt. Die meisten wollen weiter. Warum unbedingt nach Deutschland?

«Deutschland kann doch jetzt nicht zumachen. Wohin sollen wir dann gehen? (...) Ich will nach Deutschland. In Deutschland sind so viele Syrer. Da sind wir keine Fremden.»

Evrim

«Mein Mann ist dort», sagt eine junge Frau aus der syrisch-kurdischen Enklave Afrin. Sie lebte die vergangenen zwei Jahre in der Türkei, wie alle aus der Gruppe. Ihr Mann floh bereits vor einem Jahr und bekam in Deutschland Asyl. Doch weil er erst für 2016 einen Termin bei der deutschen Botschaft in Ankara bekam, um seine Familie nachzuholen, entschied sich seine Frau zur Einreise mithilfe der Schmugglerboote.

Erschöpft, erleichtert, froh: Wie erneut 1000 Flüchtlinge in Wien ankamen

«Mein Bruder lebt dort», sagt der 16-jährige Mohammed, der mit seiner Schwester unterwegs ist. Der Bruder studiert seit vier Jahren in Deutschland. Er hat seinen Geschwistern geraten nachzukommen. «Wir waren die vergangenen zwei Jahre in Istanbul», erzählt Mohammed. «Aber wir haben dort keine Perspektive. Ich werde in der Türkei nicht studieren können. Es ist für mich schon schwierig, zur Schule zu gehen.»

Mindestens 1,7 Millionen Syrer leben inzwischen in der Türkei, allerdings haben sie nach türkischem Recht keinen Flüchtlingsstatus, sondern sind lediglich «Gäste», die vorübergehenden Schutz geniessen. Mehr als 80 Prozent von ihnen leben zudem ausserhalb der Flüchtlingslager. Das heisst, dass sie nahezu keine Unterstützung bekommen und zudem nicht legal arbeiten dürfen. Ihre Situation wird immer schwieriger. Ähnlich ergeht es den Syrern in Jordanien und im Libanon.

«Was soll ich in Österreich?»

Evrim ist die einzige in der Gruppe, die keine Verwandte in Deutschland hat. Sie sagt: «Deutschland kann doch jetzt nicht zumachen. Wohin sollen wir dann gehen? Was soll ich in Österreich? Ich weiss nichts über Österreich. Wir sind dort Fremde. Ich will nach Deutschland. In Deutschland sind so viele Syrer. Da sind wir keine Fremden.» Dass es in München möglicherweise nicht einmal mehr ein freies Feldbett für sie geben könnte, schreckt sie nicht ab: «Bisher war doch auf dieser Reise nichts einfach oder umsonst.»

«Bisher war doch auf dieser Reise nichts einfach oder umsonst.»

Evrim

Flüchtlinge könnten sich ihr Aufnahmeland nicht aussuchen, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Sonntag. Er hofft, dass es in Zukunft gelingt, die Flüchtlinge in noch zu schaffenden Zentren in Ungarn, Griechenland und Italien zu registrieren und dann nach Länderquoten innerhalb Europas zu verteilen. Allerdings sträuben sich bisher die meisten osteuropäischen Länder gegen verpflichtende Quoten.

«Deutschland soll nur noch uns aufnehmen und dann kann es ja die Grenze wieder zu machen», schlägt Evrim halb scherzend vor.

Vor dem Bahnhof hat Evrim aufgeschnappt, dass die österreichischen Züge noch bis in die Nähe der Grenze fahren würden. Ob sie die Flüchtlinge so weit mitnehmen, ist unklar, aber sie will es versuchen. «Ich bin seit 17 Tagen unterwegs. Ich war allein zehn Tage in Griechenland. Wenn wir irgendwie bis in die Nähe der Grenze kommen, dann marschieren wir einfach zu Fuss nach Deutschland.»

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
18
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
18Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • The Writer Formerly Known as Peter 14.09.2015 13:16
    Highlight In den meisten deutschen Medien sind die Kommentare zu diesem Thema ausgeblendet. So interessiert also die Lesermeinung die Zeitungen! Ein Feigenblatt das nicht mehr genehm ist, wenn die aktuelle Politik kritisiert wird. Zu unserer Politik kann man nur sagen, Sie tut gut daran vorübergehend Grenzkontrollen wieder einzuführen. Das ist ein riesiges Sicherheitsproblem, wenn nicht registrierte Personen ungehindert im Schengenraum reisen. Nicht auszumalen, welche Personen alles einreisen können.
    6 1 Melden
  • Alnothur 14.09.2015 11:40
    Highlight Dann geben sie solche Antworten von sich ("Was soll ich in Österreich? Ich weiss nichts über Österreich. Wir sind dort Fremde. Ich will nach Deutschland. In Deutschland sind so viele Syrer. Da sind wir keine Fremden."), und wundern sich dann, dass sie als Flüchtlinge von vielen nicht mehr ernst genommen werden...
    23 2 Melden
  • Angelo C. 14.09.2015 11:05
    Highlight Betretenes Schweigen bei denjenigen hier, die zuvor nicht lautstark genug den Flüchtlingsstrom und dessen unbehinderte Einreise von Abertausenden in Europa bejubelt haben. So schnell ändern sich Enthusiasmus und der naive Glaube daran, dass alles möglich sei, man müsse es sich nur gutwillig genug wünschend umsetzen. Und nun das : die Grenzschliessungen in Ungarn, Oesterreich und Deutschland, während eine Grosszahl von Flüchtlingen im Münchner Hauptbahnhof genauso am Boden schlafen wie andere seit Langem in Milano. Die alles überfordernden Zahlen an Menschenmassen überfordern alle Kapazitäten.
    22 2 Melden
  • VernünftigeCH 14.09.2015 10:12
    Highlight Längst überfällig... Auch für die Schweiz!
    13 6 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 09:21
    Highlight Die Erwartungshaltung ist zum Kotzen. Genau das umfasst der Flüchtlingsbegriff eben nicht und das ist das "Chaos" in Europas Asylwesen.

    Ein Verteilschlüssel muss her und mehr Unterstützung für die betroffenen Nachbarstaaten. Die Schweiz soll sich am NEUEN Schengen beteiligen, sofern die EU auch über die PFZ zu verhandeln beginnt. Ansonsten leiten wir das Geld halt in den Grenzschutz um und kontrollieren die Grenzen. Das wäre aber ein Armutszeugnis für Europa!
    21 4 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 10:09
      Highlight Zaafee, wenn Sie über Facebook Ihre Freunde zum Essen in Ihre "Vierzimmerwohnung" einladen und es stehen plötzlich 200 Personen vor Ihrer Tür. Lösen Sie das Problem auch mit einem Verteilschlüssel?
      14 6 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 10:56
      Highlight Paul Schwarz, wenn sie nur zum Essen kommen nicht, wenn sie aber kommen weil ihr Haus (grosses Haus) abgebrannt ist und sie nirgends hinkönnen, ja dann macht es wohl Sinn, sie erst mal auf die umliegenden Häuser zu verteilen.
      13 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 11:22
      Highlight Zaafee, schön für Sie, so offene Nachbarn/Häuser zu haben.
      4 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 12:08
      Highlight Paul Schwarz, was schlagen Sie als Alternative vor? Sollen sie halt auf der Strasse schlafen?
      4 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 12:41
      Highlight Zaafee, was wäre, wenn statt der Symptome die Ursache bekämpft würde. Solange die wahren Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, wird sich am Weltgeschehen nichts ändern. Hier ein Denkanstoss: http://www.watson.ch/!182394732
      3 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 12:55
      Highlight Paul Schwarz, Ihr Link führt auf die Startseite von Watson. Die Ursachen bekämpfen ist sicher gut, auch wenn diese wohl vielfältig und nach Region unterschiedlich sein werden, bietet das keine Soforthilfe. Doch bis sich diese Ursachen gelöst haben, warten immer noch 200 obdachlose Personen, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, bis ihr Haus wieder bewohnbar ist. Was schlagen Sie bis dahin vor?

      (Anmerkung der Redaktion: Der Link funktioniert bei uns. Er führt zur Geschichte "Was hat der Westen mit den Flüchtlingen zu tun? Diese 10 Punkte zeigen es")
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 13:32
      Highlight Zaafee, Ihre/unsere Passivität, der Ursache nachzugehen und sie zu bekämpfen, ist deren Waffe. Wenn die Täter nicht gestoppt werden, sind morgen Sie, Ihr Nachbar oder ich der Flüchtling.

      PS: Danke für die "Anmerkung der Redaktion".
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 14:27
      Highlight Paul Schwarz, dagegen spricht, wie gesagt, gar nichts. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet: Was tun wir mit den Menschen die jetzt auf der Flucht sind?

      P.S. Danke auch für die Anmerkung. Wie mir aufgefallen ist, führen auch andere Links in den Kommentaren jeweils nur auf die Startseite bei mir. Scheint wohl ein Problem der iPad App oder meinem Gerät zu sein.
      1 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 14.09.2015 14:58
      Highlight Zaafee, Sie und Ihr Flüchtlinge bewegen sich in einer Endlosschleife. Mit Ihrem Tun unterstützen und verschlimmern Sie das kranke System der Täter. Was tun? Die Ursache bekämpfen. Sie, Ihr linker Nachbar, Ihr rechter Nachbar, die Flüchtlinge und ich.
      1 1 Melden
  • Damien 14.09.2015 08:12
    Highlight "Was soll ich in Österreich? Ich weiss nichts über Österreich."
    Man muss schon sehr hart an Leib und Leben bedroht gewesen sein, um solche Aussagen zu machen, wenn man es nach Österreich geschafft hat. Aber vielleicht ist sie auch einfach vom Dialekt traumatisiert :p
    36 5 Melden
  • Mia_san_mia 14.09.2015 07:35
    Highlight Viel Spass Deutschland...
    17 5 Melden
    • Andi Amo 14.09.2015 22:14
      Highlight Deutschland schafft sich noch schneller ab, als ich gedacht hatte.
      1 2 Melden
  • tonofbasel 14.09.2015 06:58
    Highlight Da hat der Spiegel ja die sympathischen Leute gefunden.. :s
    Dass man nicht einfach in Österreich bleibt verstehe ich wirklich nicht. Ein paar Familiemitglieder mögen in Deutschland sein aber wenn man dort nicht kann lieber dort blieben wo man angenommen werden kann.
    22 1 Melden

Swiss-Passagierin randaliert und zwingt Airbus zur Landung – weil sie kein Cüpli kriegt

Weil eine Passagierin keinen Champagner mehr bekam und aggressiv wurde, ist der Pilot eines Airbus A320 von Swiss ausserplanmässig in Stuttgart gelandet. Dort erwartete die 44-jährige Schweizerin die Polizei. Sie zahlte 5000 Euro und musste am Boden bleiben.

Das Flugzeug war am Samstagabend von Moskau nach Zürich unterwegs, wie eine Swiss-Sprecherin Polizeiangaben von einer aggressiven Passagierin bestätigte. Durch die ungeplante Zwischenlandung entstanden laut der Nachrichtenagentur dpa …

Artikel lesen