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21 Menschen starben an der Love Parade: 6 Dinge, die du zur Akte Duisburg wissen musst

21 Tote, mehr als 650 Verletzte – das Love-Parade-Unglück in Duisburg erschüttert Menschen bis heute. Nun wird die Katastrophe vor Gericht aufgearbeitet. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

08.12.17, 06:58 08.12.17, 08:09

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Es hat mehr als sieben Jahre gedauert – nun soll die Love-Parade-Katastrophe vor Gericht aufgearbeitet werden. An diesem Freitag beginnt der Prozess. 21 Menschen kamen bei dem Techno-Event im Sommer 2010 im deutschen Duisburg ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

In dem Verfahren soll geklärt werden, wie es dazu kommen konnte – und wer im strafrechtlichen Sinne Schuld trägt. Dabei sitzen nicht diejenigen auf der Anklagebank, die kurz nach dem Unglück in der öffentlichen Meinung als Schuldige ausgemacht wurden: Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und der Chef des Veranstalters Lopavent, Rainer Schaller.

Wer ist angeklagt? Und warum beginnt der Prozess erst jetzt? Die wichtigsten Antworten:

Worum geht es in dem Fall?

Am 24. Juli 2010 waren viele zehntausend Menschen nach Duisburg zur Love Parade gekommen. Was eine riesige Party werden sollte, endete tödlich: Als zu viele Besucher gleichzeitig an dem einzigen Ein- und Ausgang des Veranstaltungsgeländes waren, wurden 21 Besucher zwischen 17 und 38 Jahren an einer engen Rampe erdrückt. Mindestens 652 Menschen wurden verletzt. Viele von ihnen leiden bis heute körperlich und seelisch unter den Folgen.

Dramatische Szenen an der Love Parade in 2010 Bild: EPA/DPA

Wer sitzt auf der Anklagebank?

Nach dem Unglück erhoben Opfer, Angehörige und viele andere schwere Vorwürfe gegen Sauerland und Schaller. Die beiden sind in dem Verfahren aber nicht angeklagt. Sie treten als Zeugen auf. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die beiden selbst Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der Genehmigung genommen hätten, hiess es von der Staatsanwaltschaft.

Angeklagt sind stattdessen vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg, darunter der ehemalige Stadtentwicklungsdezernent sowie die damals zuständige Leiterin des Amtes 62 für Baurecht und Bauberatung der Stadt Duisburg.

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Die insgesamt zehn Angeklagten müssen sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier leitenden Lopavent-Mitarbeitern vor, schwerwiegende Fehler bei der Planung gemacht zu haben. Vor allem die Rampe soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können.

Den Mitarbeitern der Stadt wirft die Anklage vor, die notwendigen Pläne genehmigt und so ermöglicht zu haben, dass die Love Parade stattfand. Das System habe zu einem frühen Zeitpunkt versagt, lange bevor die Veranstaltung stattfand. Schon da seien die Gefahren absehbar gewesen.

21 Menschen starben am 24. Juli 2010.  Bild: EPA/DPA

Warum findet der Prozess nicht in Duisburg statt?

Die zehn Angeklagten werden von rund 30 Verteidigern vertreten. Der Anklage haben sich rund 60 Nebenkläger angeschlossen. Für sie setzen sich weitere 35 Anwälte ein. Zudem werden zahlreiche Pressevertreter erwartet.

Weil kein Saal des Landgerichts Duisburg gross genug für so viele Menschen ist, findet die Hauptverhandlung in einem Saal des Kongresszentrums statt. Er bietet rund 500 Personen Platz. Mehr als 300 Plätze stehen für Zuhörer und Pressevertreter zur Verfügung.

Der Prozess werde für Hinterbliebene, Überlebende und andere Betroffene eine «enorme seelische Belastung sein», sagt Jürgen Widera, Vorstand der Stiftung «Duisburg 24.7.2010». Die Stiftung organisiert daher für jeden Verhandlungstag Notfallseelsorger und Psychologen, die sich um Betroffene kümmern.

Wieso kommt es erst nach mehr als sieben Jahren zum Prozess?

Zunächst zogen sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg über dreieinhalb Jahre hin. 96 Polizisten vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial mit den Aufnahmen von Überwachungskameras und Handys in einer Gesamtlänge von rund tausend Stunden. Fünf Staatsanwälte und ein Abteilungsleiter waren mit dem Fall befasst.

Mehr als zwei Jahre nach Anklageerhebung im April 2016 liess die 5. Grosse Strafkammer des Landgerichts Duisburg die Anklage nicht zur Hauptverhandlung zu: Das für die Anklage zentrale Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still leide an gravierenden Mängeln und sei nicht verwertbar.

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger legten mit Erfolg Beschwerde ein: Gut ein Jahr später entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf, dass das Landgericht doch verhandeln muss – allerdings die 6. Grosse Strafkammer. Ihr liegt inzwischen ein neues Gutachten des Sachverständigen Jürgen Gerlach vor, das dem SPIEGEL teilweise vorliegt. Der Professor für Strassenverkehrsplanung und -technik kommt darin zu dem Ergebnis: Wenn das Konzept der Love Parade im Vorfeld mit Fachverstand überprüft worden wäre, hätte man den Gefahren ganz anders begegnen oder die Veranstaltung absagen müssen.

Mehr noch: Wären zu dem Event tatsächlich so viele Menschen gekommen, wie vorab genehmigt worden war, hätte die Katastrophe noch weit schlimmer ausfallen können, wie aus Gerlachs Gutachten hervorgeht. Tatsächlich seien es etwas mehr als 100'000 Besucher gewesen, die Veranstaltung sei jedoch für mehr als doppelt so viele genehmigt gewesen.

Wann endet die Verjährungsfrist?

Das Duisburger Landgericht muss unter einem gewissen Zeitdruck arbeiten, weil sonst eine Verjährung eintritt. Die Verjährungsfrist orientiert sich am möglichen Strafmass für die Angeklagten. In dem Verfahren droht ihnen im Falle einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Nach fünf Jahren sind solche Taten verjährt – wenn die Verjährung nicht unterbrochen wird, etwa durch Vernehmung eines Beschuldigten.

Das deutsche Strafgesetzbuch setzt eine Obergrenze: Die Verfolgung einer Straftat verjährt spätestens, wenn ein Zeitraum verstrichen ist, der dem Doppelten der gesetzlich festgelegten Verjährungsfrist entspricht. Die sogenannte absolute Verjährung tritt also im Fall der Love Parade nach zehn Jahren ein – sollte es bis Ende Juli 2020 kein erstes Urteil geben. Bis Ende 2018 hat das Gericht 111 Verhandlungstage angesetzt. (fok/dpa)

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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • JJ17 08.12.2017 07:15
    Highlight Ich verstehe einfach nicht wie gewisse Taten verjähren können. Jetzt nicht unbedingt nur auf diesen Fall bezogen, aber wenn jemand doch eine schwerwiegende Straftat begangen hat und man ihm diese ohne Zweifel nachweisen kann, dann sollte der doch auch nach x-Jahren noch verurteilt werden können!?
    35 10 Melden
    • Judge Dredd 08.12.2017 10:53
      Highlight 1/2
      Zitat aus einem Text von Rechtsanwalt Duri Bonin:

      "Ziel der Verjährung
      Der Gedanke dahinter ist, dass der Berechtigte seine Ansprüche in nützlicher Frist anmeldet und geltend
      macht. Dies macht für alle Beteiligten Sinn, da die Beweisbarkeit mit fortschreitender Zeit immer schwieriger oder sogar unmöglich wird.
      Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Qualität von Zeugenaussagen nimmt im Laufe der Zeit naturgemäss stark ab und selbst die Genauigkeit der Erinnerungen von Kläger und Beklagtem lässt nach und zwar umso stärker, je länger die Sache zurückliegt.
      ...
      3 0 Melden
    • Judge Dredd 08.12.2017 10:57
      Highlight ...Im Strafrecht kommt hinzu, dass der Wunsch nach Bestrafung eines Täters im Lauf der Zeit abnimmt. Da dieser Grund aber von der Schwere der vorgeworfenen Straftat abhängt, bestehen je nach Delikt unterschiedliche Verjährungsfristen."

      Auch meiner Meinung nach stösst das Prinzip der Verjährbarkeit bei solch aufwendigen und langwierigen Prozessen an seine Grenzen. Es wirkt stossend, dass man das Gefühl erhalten kann, man könne sich durch Verzögerung einer Strafe entziehen.
      5 0 Melden

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