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Köln und die Flüchtlingsdebatte: US-Medien sehen Deutschland auf der Kippe

Was ist los in good old Germany? Die Ereignisse in Köln elektrisieren Amerika. In US-Medien gibt es sogar erste Rücktrittsforderungen an Angela Merkel.

Veit Medick, Washington



Ein Artikel von

Spiegel Online

In Donald Trumps Reden hat Deutschland inzwischen einen festen Platz. Aus Sicht des US-Milliardärs ist die Bundesrepublik ein abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu viele fremde Menschen ins eigene Land lässt. «Schaut euch an, was in Köln geschah», rief er am Wochenende bei einem Wahlkampfauftritt in Iowa: «Die erschütternden Verbrechen, die Silvesternacht, die Vergewaltigungen und das gesamte Gemetzel.» Wir sollten die Grenzen dicht halten, so seine Botschaft.

Das ist die zynische Trumpsche Weltsicht, klar. Aber selbst wenn man vom Republikaner mal absieht: Die Geschehnisse in Deutschland und insbesondere die in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof spielen in den USA dieser Tage eine bemerkenswert grosse Rolle. Auch etliche von Trumps Rivalen zeigen auf Deutschland, im Fernsehen gibt es Bilder von Pegida-Demonstrationen, und die Zeitungen sind voll von Berichten der Berliner Korrespondenten.

U.S. Republican Presidential candidate Donald Trump speaks at a rally in Reno, Nevada January 10, 2016. REUTERS/James Glover II

Köln als Wahlkampfthema: Donald Trump.
Bild: JAMES GLOVER/REUTERS

Mit wachsender Sorge beobachten die Amerikaner die Stimmung jenseits des Atlantiks. Dass die Behörden wegen der sexuellen Übergriffe in Köln auch gegen Flüchtlinge ermitteln und gleichzeitig der rechte Protest anschwillt, elektrisiert viele Amerikaner. «Das Pendel schlägt um», schreibt die «Los Angeles Times» über die Lage in Deutschland.

Von einem «Test» für die Kanzlerin schreibt der «New Yorker», aus Sicht der «Huffington Post» droht das Vertrauen der Deutschen in den Kurs Angela Merkels «zu erodieren». Und der TV-Sender CNN hält seine Zuschauer seit Tagen darüber auf dem Laufenden, wie viele Flüchtlinge inzwischen wegen der Kölner Vorfälle ins Visier der Behörden geraten sind.

«Das bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss»

Schneller als in Deutschland selbst, so scheint es, werden in den USA die Kölner Ereignisse mit der Flüchtlingspolitik verknüpft. Besonders dramatisch las sich am Wochenende ein Meinungsstück, das die «New York Times» zwar nicht auf der eigenen Kommentarseite, aber unter den Gastbeiträgen veröffentlichte.

Unter der Überschrift «Deutschland auf der Kippe» rechnete der Autor Ross Douthat mit der Kanzlerin und der deutschen Flüchtlingspolitik ab. Die Kölner Vorfälle seien von den Behörden zunächst bewusst heruntergespielt worden, da sie mit Blick auf «Merkels Politik eines Massenasyls ungelegen» gekommen seien, mutmasst Douthat, der seit einigen Jahren für die «New York Times» eine der konservativen Stimmen ist.

Supporters of anti-immigration right-wing movement PEGIDA (Patriotic Europeans Against the Islamisation of the West) demand the resignation of German Chancellor Angela Merkel on a placard during a demonstration rally in Cologne, Germany. Placard at L reads 'Thank you Merkel and Co. Constitutional state K.O.'  Picture taken January 9. 2016.  REUTERS/Wolfgang Rattay

Pegida-Demo in Köln am 9. Januar: «Merkel, Resign Now».
Bild: WOLFGANG RATTAY/REUTERS

Mit der hunderttausendfachen Aufnahme von überwiegend muslimischen Flüchtlingen bewege man sich auf völlig unbekanntem Terrain, so der Kolumnist. «Wenn Sie glauben, dass eine alternde, säkulare und weitgehend homogene Gesellschaft eine Zuwanderung solcher Grösse und solcher kultureller Unterschiede friedlich auffängt, dann haben Sie eine grosse Zukunft als Sprecher der derzeitigen deutschen Regierung», schreibt Douthat: «Aber Sie sind auch ein Idiot.» Eine solche Transformation bringe automatisch eine Polarisierung und eine höhere terroristische Gefahr mit sich.

Dazu müsse es nicht kommen. Aber um eine politische Gewalt wie in den 30er-Jahren zu verhindern, müsse Deutschland umgehend umsteuern, schreibt Douthat: «Das bedeutet, dass Angela Merkel gehen muss – damit ihr Land und der Kontinent, der es trägt, vermeiden kann, einen zu hohen Preis zu zahlen für ihren wohlmeinenden Wahnsinn.»

Debatte in den USA verschiebt sich nach rechts

Dass solche Töne auch jenseits von Fox News und einzelnen Tea-Party-Publikationen im Internet zu hören und zu lesen sind, zeigt auch, wie sehr der von rechten Tönen dominierte Vorwahlkampf die Debatte in den USA verschoben hat. Des Themas Einwanderung nehmen sich plötzlich so ziemlich alle Medien an, und Deutschland ist für sie ein interessantes Fallbeispiel.

epa05089832 Police officers patrolling just outside of Cologne Main Station in Cologne, Germany, 06 January 2016. After the events of New Year's Eve when dozens of women were attacked in the area, the police have bolstered their presence at Cologne Main Station.  EPA/OLIVER BERG

Polizei am 6. Januar vor dem Kölner Hauptbahnhof.
Bild: EPA/DPA

Was dort passiert, könnte bald auch bei uns geschehen – so ist jedenfalls die Lesart vieler konservativer Amerikaner. Es ist angesichts der mickrigen Zahl der von den USA aufgenommen Flüchtlinge eine hysterische Sichtweise, aber eine, die im Jahr der Präsidentschaftswahl leicht verfängt.

Natürlich steuern wichtige Teile der Medien noch immer bewusst dagegen. Die «Washington Post» veröffentlichte am Wochenende einen Meinungsbeitrag, der den Amerikanern veranschaulichte, welch enormer Aufgabe sich Deutschland verschrieben hat. Rund 2000 Flüchtlinge hätten allein den Kreis Dachau in Bayern erreicht, wohingegen die USA in den vergangenen beiden Jahren lediglich 2000 Asylsuchende aufgenommen hätten, rechnete der Autor Michael Gerson seinen Lesern vor. Für Merkel fand Gerson anerkennende Worte, bezeichnete sie als «wichtigste Anführerin in Europa».

Auch die NYT stellte dem Stück von Ross Douthat eine eigene Sichtweise gegenüber. Ebenfalls am Wochenende veröffentlichte das Blatt einen Leitartikel, der sich der europäischen Flüchtlingspolitik widmete. Erwähnt wurde auch die Kanzlerin. Die Zeitung zitierte aus ihrer Neujahrsansprache, in der sie die Flüchtlingskrise auch als Chance für die Zukunft beschrieb.

«Das», so die NYT, «ist eine Neujahrsansprache, die alle in Europa beachten sollten.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • SomeoneElse 11.01.2016 11:08
    Highlight Highlight im land der lebensmittelmarken und des institutionellen rassismus sollten die politiker etwas mehr vor der eigenen tür wischen, statt augenwischerei zu betreiben. go trump yourself!
  • ferox77 11.01.2016 09:49
    Highlight Highlight Ganz egal, ob das Ganze in Köln nun organisiert war oder nicht. Es handelt sich hier um eine klare Machtdemonstration. Man hat hier deutlich gemacht, dass man kein traumatisierter "Flüchtling" ist, sondern mittlerweile eine starke Gruppe, welche Deutschland nachhaltig den Stempel aufdrücken wird.
    Man muss sich die Symbolkraft mal vorstellen: Man besetzt den Raum an einem der wichtigsten Wahrzeichen Deutschlands, dem Kölner Dom, und feuert dann noch Raketen auf dieses Symbol ab.
    Und dann das Highlight: Man demütigt und vergewaltigt die Frauen des noch nicht ganz eroberten Landes.
    • ferox77 11.01.2016 09:58
      Highlight Highlight 2)
      Ganz so wie es die Sieger immer noch in eroberten Ländern machen. Nicht nur zum Spass, sondern vor allem zur maximalen Demütigung der Besiegten.
      Eine Ironie dabei, dass unter den Opfern vielleicht auch Frauen waren, die zuvor den einfallenden "Flüchtlingen" an den Bahnhöfen noch Teddy-Bären geschenkt haben, mal in einem Projekt Kuchen für Asylanten gebacken haben oder vielleicht als Studenten bei einem coolen Refugees-welcome Projekt mitgemacht haben.

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