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A friend of Amanda Alvear holds up her photo at a memorial service the day after a mass shooting at the Pulse gay nightclub in Orlando, Florida, U.S. June 13, 2016. REUTERS/Carlo Allegri

Eines von 53 Opfern des Anschlags auf den Schwulenclub in Orlando.
Bild: CARLO ALLEGRI/REUTERS

Terror in Orlando und Paris: Regie führen die Mörder – wenn wir es denn zulassen

Seit 9/11 werden Terroranschläge von den Tätern als Live-Events inszeniert. Nun, mit den Morden von Orlando und Paris, bricht eine neue Ära des medial vermittelten Grauens an. Das nutzt den Tätern.

16.06.16, 20:37 17.06.16, 08:27

Christian Stöcker / spiegel online



Ein Artikel von

Zusammenfassung: Seit dem 11. September wird Terror immer wieder als Medienereignis inszeniert. Die sozialen Medien verändern die Dynamik dieses Prozesses: Opfer, Zeugen und nun auch Täter produzieren Livebilder von Anschlägen. Das spielt den Tätern in die Hände – wenn wir es zulassen.

Als am 11. September 2001 zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers des World Trade Center rasten, markierte das auch die Geburt einer neuen Strategie des Terrors.

Die Anschläge waren so geplant, dass sie zu einem über Stunden andauernden Live-Event des Schreckens wurden. Es ging darum, das Entsetzen der Menschen möglichst lange auszudehnen, sie medial an den sich entfaltenden Terror zu fesseln, dazu zu zwingen, hinzustarren, während unschuldige Menschen starben.

Der «Islamische Staat» («IS») und andere islamistische Terrorgruppen haben diese Strategie von al-Qaida übernommen – sie war, mit jeweils zunehmender Präzision, zu beobachten bei den Terroranschlägen von London im Jahr 2005, bei der Attacke auf zwölf Ziele in der indischen Stadt Mumbai im November 2008, bei den Anschlägen von Paris und Brüssel. In Paris sollten die ersten Bomben eigentlich im Stade de France explodieren, während des Länderspiels Frankreich-Deutschland. Die Täter wollten von Anfang ein ein möglichst grosses Fernsehpublikum erreichen.

Smoke, flames and debris erupts from one of the World Trade Center towers as a plane strikes it Tuesday, September 11, 2001. The first tower was already burning following a terror attack minutes earlier. Terrorists crashed  planes into the two buildings and collapsed both towers. (KEYSTONE/AP Photo/Chao Soi Cheong) === MANDATORY CREDIT ===

Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001.
Bild: AP

Doch etwas hat sich geändert seit 2001. Studien (PDF-Link) zufolge erfuhr etwa die Hälfte aller US-Bürger von den Anschlägen des 11. Septembers aus dem Fernsehen, ein weiteres Viertel von Freunden und Bekannten. Nur ein Prozent der Menschen bekam die Information über die Taten aus dem Internet. Mobiltelefone waren während der Katastrophe wichtig, das mobile Web dagegen war so gut wie nicht existent.

Zwar spielten Amateuraufnahmen der Ereignisse eine grosse Rolle in der medialen Berichterstattung – verbreitet wurden sie aber vor allem über traditionelle Medienkanäle.

Als vier Jahre später vier Bombenanschläge auf U-Bahnen und einen Bus die britische Hauptstadt London erschütterten und 53 Unschuldige getötet wurden, war schon alles anders. Informationen aus dem chaotischen Stadtzentrum drangen auch über Blogs hinaus in die Welt, und erstmals spielte ein Social-Media-Dienst – auch wenn man das damals noch nicht so nannte – eine zentrale Rolle bei der Dokumentation des Geschehens: Die ersten Fotos von Menschen, die aus einer im Tunnel festsitzenden U-Bahn durch einen rauchgefüllten Tunnel ins Freie flohen, erschienen damals bei der Fotoplattform Flickr. Sie gingen um die Welt.

FILE- In this file photo dated July 7, 2005, the wreckage of a double-decker London bus with its top blown off and damaged cars scattered on the road at Tavistock Square in central London.  A gun assault on the Paris offices of satirical magazine Charlie Hebdo on Wednesday Jan. 7, 2014, was the deadliest terrorist attack in France’s recent history, and joins the roll of various terror attacks in western Europe, including in 2005, when 52 commuters were killed when four al Qaida-inspired suicide bombers blow themselves up on three London subway trains and a bus in Tavistock Square. (AP Photo/Sang Tan, FILE)

Zerstörter Bus nach den Attentaten von London (2005).
Bild: SANG TAN/AP/KEYSTONE

Allein die BBC erreichten am Tag der Terroranschläge in London eigenen Angaben zufolge «300 Fotos – 50 innerhalb der ersten Stunde nach der ersten Explosion – und mehrere Videosequenzen». Dieser Tag sei «ein Wendepunkt für die Medien», schrieb der BBC-Medienkorrespondent Torin Douglas. Der Tag des Terrors habe «die Medien ‹demokratisiert›».

Eine Symbiose, die den Tätern in die Hände spielt

Binnen weniger Jahre veränderte der Siegeszug des mobilen Internets und die Tatsache, dass jedes Smartphone über eine Kamera verfügt, die Wahrnehmung aller Ereignisse, die für globales Interesse sorgen, ob Terror, Naturkatastrophen oder Aufstände.

Bei den Anschlägen von Mumbai im Jahr 2008 hatten die alten Medien schon gelernt, sich die neuen effektiv zunutze zu machen: CNN etwa interviewte Blogger und Flickr-Fotografen in der Stadt, Social-Media-Kanäle von Twitter bis YouTube wurden umgekehrt mit kopierten oder verlinkten Medieninhalten aus klassischer Produktion überschwemmt. Nutzer sozialer Medien zitierten die traditionellen, und die wiederum die sozialen Medien. Die global-mediale Echtzeit-Echokammer war fertig.

FILE- In this Nov. 29, 2008, file photo, an Indian soldier takes cover as the Taj Mahal hotel burns during gun battle between Indian military and militants inside the hotel in Mumbai, India. A Pakistani militant leader with a $10 million bounty on his head over his alleged involvement in the 2008 Mumbai terror attacks now has a new target: A Bollywood film that imagines him being assassinated. (AP Photo/David Guttenfelder, File)

Terroranschläge von Mumbai (2008): Brennendes Taj-Mahal-Hotel. Bild: David Guttenfelder/AP/KEYSTONE

Dann kam der «IS» – und fing sehr schnell an, dieses neue, kompliziertere, kaum kontrollierbare mediale Ökosystem zu einem integralen Bestandteil seiner Strategie zu machen. Nicht nur Terrorakte, die gesamte Propaganda und die Rekrutierungsstrategie des «IS» setzen darauf.

Der «IS» lässt das Hochglanzmagazin «Dabiq» produzieren, das sich vor allem in PDF-Form verbreitet, nutzt also formal klassische Mediengattungen – doch «IS»-Sympathisanten und –Kämpfer betrieben auch Zehntausende Twitteraccounts, sie posten teils professionell produzierte Propagandaclips auf Videoplattformen und zeigen, zumindest in Syrien, nicht nur Videos, sondern sogar Livestreams von Hinrichtungen.

Der Terror der digitalen Gegenwart beschränkt sich nicht mehr darauf, Ereignisse zu inszenieren, die traditionelle Medien zur Berichterstattung zwingen und soziale in Aufruhr versetzen – er schafft sich seine eigene mediale Realität. Wer will, muss die Filterblase des Wahnsinns gar nicht mehr verlassen, in deren Inneren man gemeinsam mit Gleichgesinnten auf den Endkampf, die Apokalypse warten kann, wie es zur «IS»-Ideologie gehört.

Solidarität mit den Opfern von Orlando

Jede Tat wird medialisiert, von Opfern und Tätern gleichermassen

Die Einzeltäter von Orlando und Paris sind zweifellos über das Internet mit der Ideologie des «IS» in Verbindung gekommen. Ob sie je tatsächlich mit aktiven «IS»-Kämpfern in Berührung kamen, ist dabei zweitrangig. Ihre Mordtaten wiederum wurden zwangsläufig und sofort medialisiert, wie die Medienforschung das nennt – im Fall des Polizistenmörders von Paris sogar durch ihn selbst, in Form eines Facebook-Video-Livestreams.

In Orlando schickten Opfer des Massenmörders mit dem Sturmgewehr noch kurz vor ihrer Ermordung Text- oder Chatnachrichten an Freunde und Bekannte ab. In den Snapchat-Videos der 25-Jährigen Amanda A. sind zunächst noch feiernde, tanzende Menschen zu sehen, später sieht man ihr gequältes Gesicht, im Hintergrund sind laute Schüsse zu hören. Wenige Minuten später war sie selbst tot.

Letzte Nachricht eines Opfers von Orlando an seine Mutter: «Er kommt. Ich werde sterben». bild: tamara lush/ap/keystone

Dass Terroristen und Massenmörder, wie der rassistische Killer von Charleston oder Anders Breivik, sich und ihre Gesinnung in online abgelegten Manifesten zelebrieren, ist nichts Neues. Neu ist aber, dass nun der Terror selbst zum Live-Ereignis wird. Nicht nur, weil traditionelle Medien berichten, sondern weil fast jeder eine Kamera bei sich trägt, die bei Bedarf in Echtzeit ins Internet senden kann.

Beim Anschlag auf «Charlie Hebdo», bei den Attentaten von Paris im November 2015, den Morden von Brüssel diesen März spielten diese allgegenwärtigen Kameras längst zentrale Rollen. Die wirklich schlimmen Bilder, die von blutenden Menschen, von Explosionen, von Tätern mit der Waffe im Anschlag, gab es früher oft einfach nicht zu sehen: Weil Kamerateams erst anreisen mussten und sich dann in der Regel nicht in Lebensgefahr begaben. Heute filmt immer irgendjemand, spätestens, wenn die ersten Schüsse fallen.

Die Dokumentation des Schreckens ist das letzte bisschen Autonomie, das Opfern und Zeugen in einer solchen Situation noch bleibt, ein verzweifelter Akt der Kommunikation mit der Welt da draussen, Hilferuf und Anklage zugleich.

This is a still taken from video released Tuesday June 14, 2015 by Islamic State's Amaq news agency that it says is a video showing Larossi Abballa the suspect  in the knifing of a French police couple confessing to the killings. The video, released after the death of Larossi Abballa, appears to be filmed inside the home of the couple in Paris  as security forces closed in.(Islamic State's Amaq News Agency via AP)

Livestream des Polizistenmörders von Paris.
Bild: AP/Islamic State's Amaq news agency

Der Livestream aus dem Handy des Täters ist nun der logische Endpunkt dieser Entwicklung: Wie könnte man die Inszenierung eines Terroranschlages als Medienereignis besser kontrollieren, als wenn man die Bilder gleich selbst liefert?

Ob und inwieweit die klassischen Medien dieses perfide Spiel mitspielen, ist dabei mittlerweile schon zweitrangig. Denn das Internet hat die Journalisten als Gatekeeper eben tatsächlich entmachtet – nicht in Form von Blogs, wie das auf entsprechenden Veranstaltungen jahrelang düster prophezeit wurde, sondern in Gestalt der sozialen Medien. Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer beziehen heutzutage Nachrichten bei Facebook und Co., 28 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nennen einer aktuellen Reuters-Studie zufolge Social Media als ihre primäre Nachrichtenquelle, noch vor dem Fernsehen.

Den mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Täter-Livestream einer weiteren Inszenierung des Terrors werden viele schon zu Gesicht bekommen haben, bevor die Maschinerie der traditionellen Medien überhaupt angelaufen ist.

Facebook oder Twitter mit dem Livestreaming-Dienst Periscope werden sich dann Fragen gefallen lassen müssen, warum es so lang gedauert hat, bis die mörderische Livepropaganda endlich ausgeknipst wurde – auch wenn die Plattformbetreiber die heraufziehenden Risiken offenbar erkannt haben.

Für die Terroristen, die sich maximale mediale Wucht für ihre Gräueltaten wünschen, ist diese Entwicklung ein Geschenk. Das Grauen rückt noch näher an uns alle heran, Regie führen die Mörder – wenn wir es denn zulassen. In der global-medialen Echokammer sind wir Mediennutzer, ob Facebook nun rechtzeitig filtert oder nicht, unsere eigenen Gatekeeper: Wir werden nur dann zu Augenzeugen des Terrors, wenn wir klicken, teilen, hinsehen.

Die stärkste Abwehr, die wir dem inszenierten Schrecken entgegensetzen könnten, wäre, so paradox das klingen mag, die Selbstinszenierung der Täter so weit als möglich zu ignorieren.

Video: Dokumentarfilm zeigt Orlando-Attentäter als Wachmann

Video: spiegel online

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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8
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    Alle Leser-Kommentare
  • Anaalvik 17.06.2016 07:43
    Highlight Man kann Terroristen nicht totschweigen, totschiessen schon eher.
    3 0 Melden
  • bangawow 16.06.2016 23:21
    Highlight Gut gemeint, aber klar verfehlt. Ich mag den Ansatz, wirklich, aber habt ihr auch Spiegel? Ihr schaltet doch auch Live-Ticker oder Update folgt von der ersten Minute weg. Trotz alledem: löblicher Artikel, der nach Taten wimmert.
    9 0 Melden
  • kEINKOmmEnTAR 16.06.2016 22:21
    Highlight Dann hört doch ENDLICH damit auf darüber zu berichten (gilt sowohl für spon als auch für watson!).

    Beim nächsten Attentat in den USA oder in Europa nicht mehr als eine Kurzmeldung dass XX Menschen getötet wurden und fertig. Keine Nachbericht, keine Analyse, keine "Experten". Einfach nichts.

    Solange ihr das nicht macht, hat diese Anklage gegen Social Media keinen Wert!
    Seid Vorbilder, keine Nachläufer!
    30 2 Melden
    • kiawase 16.06.2016 22:33
      Highlight bravo, immer wieder dieselben sattsam bekannten infos. liebe journis wir wollen mal etwas neues. spinner und extreme gibt es überall jederzeit; woran sie sich aufgeilen ist eigentlich egal. bringt doch mal eine totale opferzahl übersicht aller länder in bezug auf opfer durch kriegerische handlungen und terrorismus , da wird es dann nämlich wirklich interessant. sehr sehr enttäuscht von watson ... watswas
      9 0 Melden
    • Oliver Wietlisbach 16.06.2016 23:19
      7 0 Melden
    • http://bit.ly/2mQDTjX 17.06.2016 00:41
      Highlight Gut gekontert, Oliver. ;)

      Seit 1980 geht die Tendenz offenbar deutlich nach unten.

      Die Präsenz/Revelanz in den Medien nimmt aber dauernd zu. Hinzu kommt dann noch das ständige Thematisieren der Medienpräsenz, um das Thema ständig wiederzukauen.

      Übrig bleibt dann ein mulmiges Gefühl bei den Menschen.

      Wenn du fragen würdest, "wurden im Europa der 80er-Jahren mehr Leute Opfer des Terrors als im Europa heute?", dann wett ich drauf, dass sie dir mehrheitlich falsch antworten.

      Die Medien haben ihren Informationsauftrag daher insgesamt schlecht erfüllt und eher desinformiert als informiert.
      3 0 Melden
  • http://bit.ly/2mQDTjX 16.06.2016 21:29
    Highlight "Das Grauen rückt noch näher an uns alle heran, Regie führen die Mörder – wenn wir es denn zulassen."

    Tönt so, als ob wir es nicht zulassen würden. Wir lassen es aber zu. Und richtig: die Medien tragen ihren Teil dazu bei, sind aber nur Mittel zum Zweck. Der Artikel ist eine Art Selbstzweck. Er schaut auf die Medien anstatt auf deren Auswirkungen.

    Es hat Wirkung auf den Schutz der Privatsphäre und auf die Meinungsfreiheit.

    Gebannt von den Bildern in den Medien vernachlässigen wir beides. Ganz im Sinne der Terroristen und Extremisten im eigenen Land opfern wir unsere Freiheiten.
    7 0 Melden
  • MisterM 16.06.2016 20:56
    Highlight Sehr interessanter Artikel!

    Aber wir werden ja sehen, wie ihr den Terror beim nächsten Mal so weit als möglich ignorieren werdet. Also keine Terror-Live-Ticker mehr?

    Es ist sicherlich ein spannender Wendepunkt, an dem wir uns hier befinden. Immer heisst es, wir müssen lernen, mit den sich häufenden Anschlägen umzugehen. Also auch mit Tickern.

    Statt diese grauenhaften Ereignisse "so weit als möglich zu ignorieren", sollten wir (weiterhin) das Leben und die Liebe zelebrieren. Die Täter sollen wissen, dass wir auch weiterhin gerne in Bars, Clubs, Fussballstadien usw. gehen, oder anders: Leben.
    16 3 Melden

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