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Kindheit ohne Smartphone – wenn Zeit keine Rolle spielt

In der rumänischen Provinz wachsen viele Kinder noch ohne Smartphones und Tablets auf – so wie Felix. Er fährt Fahrrad, malt gern Bilder und tanzt: Eine Kindheit wie früher. Die Fotografin Felicia Simion hat sie festgehalten.

02.11.15, 19:25

Kristin Haug

Ein Artikel von

Es ist eine Welt aus Feldwegen, Seen und Wäldern. Drei Stunden von Bukarest entfernt wächst Felix auf. Der Sechsjährige fährt gern Fahrrad und er liebt es, zu tanzen und Meerjungfrauen zu malen. In dem kleinen rumänischen Dorf, in dem er mit seiner älteren Schwester, seinen Eltern und Grosseltern lebt, spielen die Kinder mit Sand, Steinen und Stöcken und rennen draussen herum, bis es dunkel wird.

Die Menschen hier haben nicht viel Geld. Auch Felix' Eltern arbeiten von Montag bis Samstag, manchmal sogar sonntags, um die Familie durchzubringen. Felix geht seit September in die Vorschule, wo er schon schreiben und rechnen lernt.

Und er ist der kleine Cousin von Felicia Simion, 21, die in Bukarest Fotografie studiert. Sie wollte eben jene Welt festhalten, in der neue Technologien das Leben der Kinder noch nicht so stark beeinflussen wie in den Grossstädten.

Kindheit ohne Handy

Ihre Fotografien von Felix hat sie «The Playground» genannt. Sie sind in Schwarz-Weiss, weil Simion findet, sie könne den Ausdruck der Menschen so besser festhalten. Der Betrachter konzentriere sich dann mehr auf die Mimik und blende unwichtige Details aus.

Die Bilder zeigen eine Kindheit, wie es sie in den meisten Industrieländern nicht mehr gibt: Felix ist in der Natur, nicht am Handy oder dem Computer. Auch Jahreszeiten spielen in seinem Leben eine viel grössere Rolle. «Die Menschen stehen mit dem Sonnenaufgang auf und hören auf zu arbeiten, wenn die Sonne untergeht», sagt Felicia Simion.

Sie begann vor zwei Jahren damit, ihren Cousin zu fotografieren, weil sie festhalten wollte, wie er aufwächst. Er sei sehr tiefgründig, er könne in einem Moment eine grosse Freude empfinden und im anderen Moment eine Ernsthaftigkeit, wie sie sonst nur Erwachsene ausstrahlten.

Auf einem Foto liegt Felix im Wasser, sein Gesicht zeigt nach oben, die Augen sind geschlossen. Er sieht aus, als habe er die Welt um sich herum komplett vergessen. Auf einem anderen Bild trägt der Junge einen langen Mantel, einen dunklen Fellhut und einen alten Gehstock, der viel zu gross für ihn ist. Im Hintergrund sieht man eine trostlose Landschaft mit kargen Bäumen. Doch Felix hat einen so stolzen Blick, als sei er der König des Landes.

Felix hat grosse Augen, lange Wimpern und dunkles Haar. Er kann trotzig schauen und träumerisch, und er geniesst die Aufmerksamkeit, die er von seiner Cousine bekommt. «Manchmal ist er sehr philosophisch», sagt Simion. Einmal habe er zum Beispiel zum Himmel geschaut und gesagt: «Felicia, die Sonne schläft nie.» Der Junge liebe es, sich zu verkleiden und zu posieren, sagt Simion. Aus diesem Grund zieht er auch die viel zu grossen Jacken an, die sie ihm mitbringt, das Blumenkleidchen, den Fellmantel oder das Panda-Kostüm.

Echtes Spielen ist wichtiger als Gamen auf dem Natel

Wie ihr kleiner Cousin ist Simion auch auf dem Land aufgewachsen. Sie vermisst den Geruch im Haus ihrer Grosseltern. Ihr fehlt der Grossvater, der ihr immer Süssigkeiten kaufte, obwohl die Familie wenig Geld hatte. Sie träumt davon, wie sie damals mit den anderen Kindern kleine Steinchen sammelte und versuchte, sie in der Mitte auseinanderzubrechen um nachzuschauen, ob sich im Inneren etwas verberge.

Auf dem Land spiele Zeit keine Rolle, sie vergehe sehr langsam, die Leute lebten ruhiger, sagt Simion. Kinder, die hier aufwachsen, seien offener anderen gegenüber, weil sie sich nicht mit Computer- oder Handyspielen beschäftigten, sondern den ganzen Tag mit den anderen Kindern spielten und sich dabei auch umeinander kümmerten. «In Bukarest sehe ich viele Kinder, die unentwegt auf ihre Handys schauen», sagt Simion. Sie findet, dass Smartphones und Tablets den Jungen und Mädchen ihre Kindheit rauben.

Felix hat seiner Cousine erzählt, dass einige seiner Klassenkameraden aus der Vorschule auch schon ein Smartphone hätten. Sie sagte zu ihm, er solle damit warten, seine Kindheit sei wichtiger als Handyspiele und Apps. Er solle doch noch ein bisschen weiter Fahrrad fahren und tanzen.

Zur Person

Felicia Simion wurde 1994 in Rumänien geboren. Mit 19 Jahren zog sie nach Bukarest, um dort Fotografie zu studieren. Simion porträtiert gern Menschen, interessiert sich aber auch für Strassen- und Dokumentarfotografie.

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    Alle Leser-Kommentare
  • 's all good, man! 03.11.2015 07:09
    Highlight Schöne Bilder, wenn auch nach meinem Geschmack etwas zu übertrieben dargestellt.

    Aber noch am Rande @Redaktion: ihr habt beim Zwischentitel aus dem Spiegel-Artikel »Echtes Spielen ist wichtiger als Gamen auf dem Natel« ernsthaft zu »Natel« übersetzt? Autsch. 😂
    5 0 Melden
    • Sveitsi 03.11.2015 16:25
      Highlight Ist doch sympa! :-)
      0 0 Melden
  • Calvin WatsOff 02.11.2015 20:33
    Highlight Manchmal stimmt es halt doch, wenn man sagt, es sei besser gewesen (das Leben). Beeindruckend ;-)
    18 1 Melden
  • Tomlate 02.11.2015 19:58
    Highlight Schön. Eine Welt, die wir unseren Kindern nicht vorenthalten sollten.
    20 0 Melden
    • tösstaler 02.11.2015 21:54
      Highlight ja, da kommen immer schöne Erinnerungen von früher auf: auf dem Land aufgewachsen, einfaches Elternhaus etc. pipapo.
      Und: kann es sein, dass die Sommerregen früher wärmer waren wie heute? Wir waren immer in Bade- oder Unterhosen im grössten Sommerschiff draussen unterwegs und Mutter hatte selten geschimpft, uns eher einen leichten Dachschaden attestiert ;-)
      16 0 Melden
    • _kokolorix 03.11.2015 06:59
      Highlight das ist leider schwierig. Kinder spielen in und mit ihrer umwelt. wo krieg und gewalt herschen, spielen sie soldaten, wo hektik und stress vorherschen spielen sie immer nur kurz und wechseln ständig das thema. als eltern hat man nur einen sehr begrenzten einfluss darauf. es sei denn wir ziehen für diese phase des lebens in ein verschlafenes bauerndorf. doch wenn das alle mache, reichen wohl die paar dörfer nicht mehr. die welt, die wir geschaffen haben, ist sehr kinderunfreundlich. der strassenverkehr ist lebensbedrohlich und viele kinder haben einen durchorganisierten tagesablauf.
      5 1 Melden

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