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Bild: watson/rafaela roth

Humans of Athens: So erleben eine Prostituierte, ein Rentner, eine Tänzerin und ein Rentner die Schicksalstage

Wie ist die Stimmung in Athen, drei Tage vor der Abstimmung über ein neues Hilfspaket? Sieben Einzelschicksale aus der griechischen Hauptstadt.

02.07.15, 14:20 03.08.15, 14:38


Georgios (23)

«Ich will Europäer sein. Ich wollte immer Europäer sein.»

Bild: watson/rafaela roth

«Ich sollte eigentlich gerade für meine Semesterabschluss-Prüfungen lernen. Am Freitag habe ich die letzte. Doch ich habe die Motivation für mein Jura-Studium verloren. Ich sehe zu, wie mein Land auseinanderfällt. Seit Jahren gibt es nur noch schlechte News. Vielleicht fällt bald eine Bombe auf Griechenland und zerstört alles. Warum sollte ich studieren, wenn ich danach doch keinen Job finde? Warum sollte ich Anwalt werden, wenn ich danach noch 300 Euro im Monat verdiene? Ich will Europäer sein. Ich wollte immer Europäer sein. Wie muss ich abstimmen, damit ich Europäer bleiben kann?»

HINTERGRUND

Die landesweite Arbeitslosigkeit in Griechenland liegt bei fast 30 Prozent.

60 Prozent der Menschen unter 34 Jahren finden keine Stelle.

Eleni (30)

«Ich treffe gleich ein Tinder-Date.»

bild: watson/rafaela roth

«Als ich 30 wurde, habe ich meinen Job, meinen Freund und meine Wohnung verloren. Bald werde ich 31. Jetzt wohne ich wieder bei meinen Eltern, arbeite für 800 Euro im Monat als Gymnasial-Lehrerin und treffe gleich ein Tinder-Date – einen Tourist aus Spanien. Das wird lustig. Ich kann mir zwar kaum mehr etwas leisten – als ich vor acht Jahren zu arbeiten begonnen habe, bin ich mit einem Lohn von 1200 Euro eingestiegen – doch ich habe mein Leben, ich kann vor meinen Schülern meine Comedy-Show abziehen, ich kann mir Schaufenster angucken und zur Not kann ich mit meinen Tinder-Dates ja zu ihnen nach Hause.»

HINTERGRUND 

Seit 2010 sind die Löhne in Griechenland um knapp die Hälfte gesunken

Die nominalen Bruttoeinkommen der griechischen Privathaushalte sind von 2008 bis 2012 im Schnitt um ein knappes Viertel gesunken.

Helen (36)

«10 bis 15 Euro erhalte ich für Sex. Ein Schuss Sisa kostet 2 Euro.»

Bild: watson/rafaela roth

«Ich kann niemandem die Schuld geben an meiner Misere, weder Tsipras noch den Europäern. Ich bin den Drogen verfallen. Seit fünf Jahren lebe ich auf der Strasse. Mein Schlafplatz ist überall. Um an Geld zu kommen, arbeite ich mit Männern. 10 bis 15 Euro erhalte ich für Sex. Ein Schuss Sisa kostet 2 Euro. Meine Tochter lebt bei meiner Mutter. Seit ich auf der Strasse lebe, will sie nicht mehr, dass ich sie sehe.»

HINTERGRUND 

Die Zahl der Obdachlosen nimmt in Griechenland seit der Schuldenkrise rapide zu. Gemäss Schätzungen, ist sie in den letzten fünf Jahren um rund 25 Prozent gestiegen.

Seit 2013 ist Sisa fester Bestandteil der Athener Drogenszene – eine synthetische Variante von Crystal Meth. Sie wird, um die Kosten tief zu halten, mit Batterieflüssigkeit oder Shampoo gemischt. Sisa wird direkt in die Venen gespritzt. ​

Yannis (78)

«Früher war ich ein Spieler. Ich habe viel gewonnen und viel verloren. Heute habe ich nichts mehr zu verlieren.»

Bild: watson/rafaela roth

«Mein Leben ist umrahmt von den Deutschen. Als Vierjähriger hatte ich während des Zweiten Weltkriegs kaum etwas zu essen, heute hungere ich wegen Schäuble. Gestern bin ich für 120 Euro zwei Stunden vor der Bank angestanden. Wann ich das nächste Mal Geld erhalte, weiss ich nicht. Meine Rente reicht für ein paar Kaffees und ein Essen pro Tag. Das ist heute mein Spass. Früher war ich ein Spieler – vor allem auf Pferde habe ich gewettet. Ich habe viel gewonnen und viel verloren. Heute habe ich nichts mehr zu verlieren.»

HINTERGRUND 

Laut Regierungsangaben sind die Renten in Griechenland zwischen 2010 und 2014 um bis zu 50 Prozent gekürzt worden. 

Eine weitere Rentenkürzung ist einer der zentralen Streitpunkte des neuen Hilfspakets.

Marilena (33)

«Wir sind selbst schuld an dieser Krise.»

Bild: watson/rafaela roth

«Ich bin zeitgenössische Tänzerin und lebe seit Jahren nicht mehr in Griechenland. Die Zustände hier erinnern mich inzwischen stark an Argentinien, wo ich jetzt lebe. Doch wir Griechen sind selbst schuld an dieser Krise. Nur mit der Hilfe der EU können wir aus ihr herausfinden. Ich glaube an die Demokratie und ich glaube an die EU. Tsipras und sein Pokerspiel kann ich in keiner Weise gutheissen.»

HINTERGRUND 

Für ein Ja zum Referendum stimmt am Sonntag vor allem die Mittelschicht. Die Angst vor sozialem Abstieg hat auch hier zugenommen. 

Eleni (20)

«Letzten Sommer habe ich meinen Kiefer gebrochen. Jetzt ist er etwas schief.»

bild: zvg

«Letzten Sommer habe ich meinen Kiefer gebrochen. Ich musste zwei Wochen auf die Operation warten, da ich keine Versicherung hatte. Jetzt ist er etwas schief und tut immer noch weh. Meine Eltern sind nach Amerika ausgewandert, nachdem meine Mutter ihren Job verloren hat. Sie können mir und meinen beiden Brüdern das Studium bezahlen. Für mein Informatik-Studium fehlt leider oft das technische Equipment. Letztes Jahr war ich kaum an der Uni, weil die Professoren streikten. Ich bin froh, dass meine Brüder auch hier sind. Wir teilen uns eine Zweizimmerwohnung im Zentrum Athens.» 

HINTERGRUND 

Drei Millionen Griechen sind nicht krankenversichert. Eine Krankenversicherung ist nicht obligatorisch. Einige Spitäler lehnen Patienten ab, die die Medikamente nicht bezahlen können.

Leonidas (25)

«Ich bin die Kim Kardashian von Griechenland.»

Bild: watson/rafaela roth

«Ich fühle mich wie in ‹V for Vendetta› in diesen Tagen. In diesem Film brechen in London apokalyptische Zustände aus. ‹God is in the Rain›, sagt der Protagonist einmal. Gestern, als die Referendums-Befürworter demonstriert haben, kam er, der Regen.

Ich muss manchmal weinen, so fest liebe ich mein Land. Die Griechen sind so offen und gutherzig. Unsere Köpfe sind in den Wolken, da, wo die Ufos sind. Wir denken nicht über das Geld nach, wir lieben das Leben, wir leben frei. Ich verdiene 25 Euro pro Tag als Kellner. Dafür bin ich die Kim Kardashian von Griechenland. Ich bin ein Weblebrity. 12'865 Menschen folgen mir auf Twitter, fast 2000 auf Instagram. Ich liebe mein Leben.»​

HINTERGRUND 

Im World Happines Report 2015 belegt Griechenland Rang 102 von 158 Ländern, nach Swasiland und vor dem Libanon. Angeführt wird das Ranking von der Schweiz.

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Wilhelm Dingo 02.07.2015 16:53
    Highlight Danke Watson, eine realer, direkter Blick auf einzelne Menschen. Erst so wird einem die Misere in Griechenland erst richtig klar. Die Hintergrund Facts sind erschütternd, da ist mächtig Sprengstoff drin.
    33 2 Melden
  • mastermind 02.07.2015 16:34
    Highlight Zu Helen: Sisa wird nur höchst selten intravenös konsumiert, meist wird es in kleinen Glaspfeifen mit dem Feuerzeug erhitzt und dann durch den Mund inhaliert. Nicht zum Nachmachen geeignet, die Lebenserwartung (und auch -qualität!) eines Sisa-Süchtigen ist um ein Vielfaches kleiner als jene von Heroin-Junkies...
    15 3 Melden
    • Blutgruppe 02.07.2015 19:38
      Highlight Was ich mich hierzu gefragt habe: Wieso wird bei Sisa von synthethischem Crytal gesprochen? Ist Crystal nicht immer synthetisch?
      10 0 Melden
    • remim 02.07.2015 23:58
      Highlight @ Blutgruppe: wenn Metamphetamine aus Ephedrin hergestellt werden geltqen sie nur als halbsynthetisch. siehe https://de.m.wikipedia.org/wiki/Methamphetamin#Herstellung
      4 0 Melden

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