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Wie Geheimdienste Facebook zur Desinformation nutzen

Hilfe, bei uns tobt der Informationskrieg! Ein Bericht von Facebook zeigt, wie Geheimdienste auf der Plattform Wahlkämpfe beeinflussen – und macht indirekt ein Land dafür verantwortlich.

28.04.17, 13:03 28.04.17, 17:37

Fabian Reinbold



epa05931981 The Facebook icon is displayed in Taipei, Taiwan, 28 April 2017. According to media reports, Facebook is increasing its security to tackle fake news and abuses.  EPA/RITCHIE B. TONGO

Bild: RITCHIE B. TONGO/EPA/KEYSTONE

Ein Artikel von

Wer sich in diesen Monaten bei Facebook einloggt, betritt ein Schlachtfeld. Er kann Spielball werden in einem neuartigen Informationskrieg, in dem Geheimdienste und andere Gruppen Meinungen, Debatten, Wahlen beeinflussen – mit Mitteln, die immer schwerer zu durchschauen sind.

Zu diesem überraschend deutlich formulierten Befund kommt ein Bericht mit dem Titel «Informationsoperationen und Facebook», den das Netzwerk selbst veröffentlicht hat. Laut dem Sicherheitschef des Konzerns, Alex Stamos, manipulieren Geheimdienste und andere Interessengruppen per Facebook insbesondere Wahlkämpfe mit hohem Aufwand und detaillierter Vorbereitung – mittels Tarnprofilen, dem verschleierten Lancieren von Informationen und strategischem Gepöbel.

Die Warnung der Konzernspitze verweist ausdrücklich auf die Erfahrungen aus den amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlen. Und sie platzt in den anlaufenden Bundestagswahlkampf – in dessen Zug sich die politische Meinungsbildung so stark wie nie in den sozialen Netzwerken, allen voran Facebook, vollziehen wird. Der am Donnerstagabend veröffentlichte Report verdeutlicht, welche Gefahren dabei lauern.

Die besten Facebook-Fails, bei denen man sehnlichst hofft, dass sie nicht echt sind

Bemerkenswert ist das 13-seitige Dokument, das Stamos mit zwei bekannten Sicherheitsexperten verfasst hat, in zweierlei Hinsicht: Zum einen zählt er die Komponenten und Verschleierungstaktiken neuartiger Desinformationskampagnen auf.

Zum anderen zeigt er ein ganz neues Problembewusstsein und -eingeständnis bei Facebook. Dessen Gründer Mark Zuckerberg tat vor einem halben Jahr noch so, als habe sein Portal keinerlei Einfluss auf den US-Wahlkampf gehabt. Nun macht Facebook deutlich, dass die eigene Plattform eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Desinformation spiele. Der zeichnet sich etwa durch den strategischen Einsatz von Leaks aus, wie geschehen mit den E-Mails der Demokratischen Partei und von Hillary Clintons Wahlkampfchef John Podesta. Hier bestätigt der Report, dass insbesondere auf Facebook Fake-Profile eigens dafür gegründet wurden, um zielgerichtet auf diese Leaks hinzuweisen.

«Subtile und heimtückische» Manipulationsversuche

Stamos ist als Sicherheitschef auch Facebooks Verbindungsmann zu Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten. Er glaubt, Facebook müsse die eigene Abwehr umstellen. Habe man sich bislang auf traditionelle Angriffe wie das Hacken von Accounts, Spam und Abzocke konzentriert, muss Facebook jetzt mit «subtileren und heimtückischeren» Manipulationsversuchen fertig werden.

Dabei spielt laut dem Report die Gründung von Seiten von Tarnorganisationen eine grosse Rolle. Effektiv sei etwa, Retortengruppen zu bestimmen Themen zu gründen – da diese sich später verselbständigen können, weil genügend wirkliche Nutzer mitmachen. Auch Tarnprofile seien ein beliebtes Mittel. Sie unterscheiden sich von Social Bots, also als Menschen getarnten Programme, weil sie eben von Menschen betriebene Fake-Profile sind – ein Phänomen, das man auch hierzulande beobachten kann.

Solche Profile und Seiten führen laut dem Bericht zu einer «false amplification» – wörtlich übersetzt einer unechten Vervielfältigung – bestimmter Meinungen. Die Ideologie, die sie transportieren, erscheint anderen Nutzern dank den koordinierten Aktionen verbreiteter und mehrheitsfähiger, als sie tatsächlich ist. So könne die öffentliche Meinung manipuliert, eine Diskussion gezielt verpestet werden.

Bestimmte Inhalte werden auf der Plattform so breit wie möglich gestreut, die Tarnprofile und -seiten erstellen ausserdem aufwiegelnde und rassistische Meme, die sich viral verbreiten – weil andere Nutzer ihnen zustimmen oder vom Inhalt empört sind.

Ziel der Aktionen sei es nicht nur, eine bestimmte Sichtweise zu befördern. Es gehe längerfristig auch darum, in sozialen Netzwerken Misstrauen in politische Institutionen zu säen und Verwirrung durch widersprüchliche Informationen zu stiften.

Facebook habe mehrfach im Rahmen der US-Wahl solche Akteure entdeckt, deren Nachrichten das gesamte politische Spektrum ins Visier nahmen mit dem Ziel, Spannungen zwischen Gruppen zu verschärfen und deren Unterstützerbasis zu erschüttern.

Viele solcher Aktionen sind laut Facebook von Akteuren gesteuert worden, die die entsprechenden Sprachkenntnisse und grundlegenden Kenntnisse über die politische Lage im Zielland hätten. Das setze viel Koordinierung und Planung voraus. Übersetzt: Ressourcen und Kenntnisse, über die in erster Linie Geheimdienste verfügten.

Facebook beschuldigt Russland – indirekt

Der Bericht benennt Russlands Geheimdienste als Urheber solcher Kampagnen, wenn auch indirekt. Formuliert ist es so: «Unsere Daten widersprechen nicht der Zuschreibung, die der US-Geheimdienstdirektor in seinem Bericht von 6. Januar 2017 vorgelegt hat». Dies ist der von Ex-US-Präsident Barack Obama beauftragte Report, der laut der veröffentlichten Kurzversion zum Schluss kommt, dass Wladimir Putin selbst eine Desinformationskampagne zur Beeinflussung der US-Wahl angeordnet habe. Das Ziel: Donald Trump zu begünstigen.

Facebook betont die eigenen Anstrengungen, die es angesichts der neuen Probleme unternehme. Man setze Künstliche Intelligenz ein, um Tarn-Accounts allein am Posting-Verhalten zu erkennen, ohne Inhalte anzuschauen. So habe man im französischen Präsidentschaftswahlkampf allein bis Mitte April 30'000 Fake-Profile dicht gemacht.

Warum Facebook den Bericht veröffentlicht

Der Konzern ist in den vergangenen Monaten für seinen Beitrag zur Verbreitung von Falschinformationen und Lügen extrem in Kritik geraten – die sich eben auch ohne das Zutun von Geheimdiensten, sondern allein durch die Funktionsweise Facebooks millionenfach verbreiten können. In den USA, aber auch in Deutschland, wo ein Gesetz mit heftigen Bussgeldern für Fahrlässigkeit beim Umgang mit illegalen Inhalten und strafbaren Falschnachrichten zur Anwendung kommt. Facebook bemüht sich seit kurzem, Nutzer aufzuklären und dafür auch unabhängige Faktenchecker zu gewinnen.

Mit dem Schlagwort der Informationskampagnen hebt der Konzern das Problem nun auf eine neue Ebene. Es gehe nicht um das skurrile Geschäft einzelner Fake-News-Produzenten, die Facebook leicht abklemmen könnte, es geht um die knallharte Machtpolitik von Staaten. Die Botschaft des Berichts zur geschickten Manipulation staatlicher Propagandaapparate ist deshalb wohl auch: Wir nehmen das Problem ernst, aber es ist grösser, als ihr denkt.

Zusammengefasst: Erstmals hat Facebook einen Bericht erstellt, der belegt, wie die Plattform etwa bei Wahlen in den USA oder Frankreich zum zentralen Schauplatz für Desinformationskampagnen von Geheimdiensten geworden ist. Die setzen Tarnprofile ein oder lancieren verschleiert Informationen. Der Bericht weist Russlands Geheimdiensten, wenn auch indirekt, die Urheberschaft zu. Als Gegenmassnahme nennt Facebook den Einsatz von künstlicher Intelligenz, macht aber auch deutlich: Die Dimension des Problems ist riesig.

Facebook-Kommentare

Wegen dieses Bildes hat Facebook meinen Account gesperrt #JeSuisCharlie

«Hier löschten Fachkräfte» – so reagiert das Internet auf die Facebook-Sperre von Mörgeli

Der Herr gibt, der Herr nimmt: Was kann man gegen die Sperrung seines Facebook-Kontos machen? NICHTS

Du bist im Besitz von männlichen Nippeln? Glück gehabt, dann darfst du dich auf Facebook und Instagram brüsten (haha)

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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12Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • maximquasl 28.04.2017 20:39
    Highlight Die Dimmension des Problems mag riesig sein. Trotzdem sollte man auf dem Boden bleiben ganz nach dem Motto. Was man nicht weiss macht eim nicht heiss
    0 4 Melden
  • Sharkdiver 28.04.2017 16:56
    Highlight Schon süss, kaum kommt Kritik gegenüber Russland gibt es ein paar die strikt Russland verteidigen. Das wirkt so peinlich. Als ob Russland oder Putin heilig wäre.
    8 13 Melden
    • Maett 28.04.2017 17:25
      Highlight @Sharkdiver: würde mich noch interessieren, wer in der Kommentarspalte unterhalb Ihres Kommentars Russland verteidigt.

      Muss wohl selektive Wahrnehmung oder nicht vorhandenes Textverständnis sein.
      8 3 Melden
    • Sharkdiver 29.04.2017 02:52
      Highlight Ich denke den Kommentar gerade vor mir ist ironisch
      0 0 Melden
  • Ueli der Knecht 28.04.2017 13:40
    Highlight Psychologische Kriegsführung ist nichts neues. Desinformation auch nicht. Alle kriegsführenden Parteien (und dazu zählt praktisch die ganze Welt) werden Facebook nutzen, um Propaganda zu verbreiten. Aber nicht nur. Der Spiegel eignet sich genau so. Auch dieser Spiegel-Artikel zählt dazu. Auch AFP, Reuters, BBC uvm. verbreiten sehr viel Propaganda. Wir leben nunmal in kriegerischen Zeiten. 😩
    13 2 Melden
    • Saraina 28.04.2017 20:06
      Highlight Und auch Watson eignet sich zur Meinungsmache durch Kommentatoren.
      4 0 Melden
    • Ueli der Knecht 28.04.2017 20:57
      Highlight Stimmt, Saraina.

      Vorallem eignet es sich zum Schüren von Kollektiv-Hass (vgl. http://bit.ly/2pVU8t7), um damit voll easy Clicks- und Werbeeinnahmen zu generieren, was sich natürlich wunderbar für Propagandazwecke instrumentalisieren lässt. Eine Hand (Propaganda) füttert die andere (Medien/Werbung/watson) und vice-versa.

      In dem Sinne sehe ich die Redaktoren deutlich mehr in der Verantwortung als die Kommentatoren (vgl. http://bit.ly/2q4Zumt).

      Die Kommentatoren spielen doch nur das Spiel mit. Sie unterstützen watson tatkräftig dabei, (beim Pöbel) beliebt und populär zu sein, bzw. zu werden.
      5 0 Melden
  • Vio Valla 28.04.2017 13:35
    Highlight Ja und Facebook ist nicht alleine davon betriffen. Kommentarspalten von grösseren Nachrichtenportale sind genau so betroffen...
    18 1 Melden
    • Vio Valla 28.04.2017 17:24
      Highlight Keine Werbung auf Watson?! Ich rate dir mal genau zu schauen ;) Spitzentools auf Wikileaks finden, aber die gross angeschriebenen Promotionsartikel auf einem kleinen Nachrichtenportal nicht erkennen. Momol du.... 😂
      8 2 Melden
    • Vio Valla 29.04.2017 11:12
      Highlight Entweder mit "präsentiert von..." angeschrieben oder mit einer farbigen Überschrift über dem Titel wo "Promotion" steht...
      0 0 Melden
  • Maett 28.04.2017 13:24
    Highlight Desinformation existiert seit Demokratien existieren (in anderen Regierungsmodellen ist es irrelevant, was die Zivilbevölkerung denkt) - in der digitalisieren Welt mit einer Bevölkerung mit einem hohen Grad an Freiheit (die sie z.T. auf Social Medie verbringt) ist es aber natürlich einfacher, Meinungen zu steuern.

    So gesehen könnten wir alle Meinungen vertreten, die durch desinformative Hintergründe erzeugt wurden, wer weiss das schon?

    Nur wer auf politischer Ebene die eigenen Emotionen zurückstellt, ist dagegen gefeit. Bei unserer schwachen Mitte, machen das aber nicht gerade viele Bürger.
    5 4 Melden
    • Vio Valla 28.04.2017 17:30
      Highlight Genau, die Emotion machts. Ich sage immer es gibt zwei Punkte wie man erkennt, dass man manipuliert wurde oder manipuliert wird. 1. Man glaubt absolut zu wissen, was die Wahrheit ist. 2. Je mehr Emotion eine Nachricht bei einem erweckt wird, desto grösser ist die Wahrscheindlichkeit, dass man gerade mächtig manipuliert wird.

      Gut, das trifft alles nicht immer zu, aber meistens.
      4 3 Melden

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