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Puppen zeigen Kate del Castillo und «El Chapo».
Bild: DANIEL BECERRIL/REUTERS

Der flirtende Drogenbaron: «Ich schlafe nicht mehr viel, seit ich dich gesehen habe»

Wie kamen die Fahnder «El Chapo» auf die Spur? Dem Drogenboss wurde offenbar nicht nur seine Geltungssucht zum Verhängnis – sondern auch seine Verliebtheit: Das soll der SMS-Kontakt zwischen ihm und Schauspielerin Kate del Castillo zeigen.

14.01.16, 05:47 14.01.16, 08:21

Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt

Ein Artikel von

Was den Häschern über Jahre nicht gelang, schaffte die mexikanische Schauspielerin Kate del Castillo in den vergangenen Monaten offenbar spielend leicht: dass Joaquin «El Chapo» Guzmán alle Sicherheitsvorkehrungen in den Wind schoss. Einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt sandte verliebte SMS und liess seine Anwälte Treffen mit der Schauspielerin organisieren. Mit anderen Worten: Er exponierte sich, wie es ein Grossganove nicht tun sollte, dem 2500 Geheimdienstler, Computer- und Telekommunikationsfahnder, Polizisten und Militärs aus zwei Ländern auf den Fersen sind.

Aber dem 58 Jahre alten Guzmán war das anscheinend egal. Hauptsache er schaffte es, die Frau seiner Träume zu treffen, mit der er seit 2012 sporadisch Kontakt hielt. Die Darstellerin und der Drogenboss hatten, so zumindest zeigt es der jetzt bekannt geworden SMS-Verkehr, eine gegenseitige Schwäche füreinander. Sie wurde dem Chef des «Sinaloa-Kartells» zum Verhängnis. Die Kurznachrichten zeigen einen säuselnden, umsorgenden und flirtenden Drogenbaron. Und eine Schauspielerin, die sich darauf einlässt.

SMS zwischen «Papá Olvidado» und «M»

Die Tageszeitung Milenio veröffentlichte am Mittwoch lange Teile des Nachrichtenaustausches der beiden zwischen dem 25. September und dem 9. November 2015. Er lief zum Teil über Guzmáns Anwalt Andrés Granados, zum Teil war er verschlüsselt und mit Pseudonymen versehen. Nach Angaben eines hochrangigen Behördenmitarbeiters ist der SMS-Wechsel authentisch. Innenminister Miguel Angel Osorio Chong kündigte an, die Staatsanwaltschaft werde sich bald zu dem Zeitungsbericht äussern.

Demnach schrieb Guzmán am 25. September als «Papá Olvidado»:

«Du bist das Beste in dieser Welt. Wir werden sehr gute Freunde sein. [...] Vertraue mir, dass es dir gut gehen wird. Ich werde dich besser schützen als meinen Augapfel.»

Getarnt als «M» antwortete del Castillo in dem gleichen liebevollen Ton: «Ich bin überwältigt davon, dass du mich beschützen willst, mich hat noch nie jemand beschützt. Danke! Ich habe kommendes Wochenende frei.»

Update: Del Castillo dementiert

Nach der Festnahme des mexikanischen Drogenbosses Joaquín «El Chapo» Guzmán hat Schauspielerin Kate del Castillo auf Berichte reagiert, wonach ihm seine «Vernarrtheit» in die schöne Darstellerin zum Verhängnis geworden sei. Für sie sind das «falsche Geschichten». Es sei zu erwarten gewesen, dass Informationen «manipuliert» würden, erklärte die mexikanische Schauspielerin am Mittwoch (Ortszeit) über Twitter. Sie werde aber «bald» ihre Version der Dinge bekannt machen.

sda

Am 10. Oktober hatten die beiden neue Pseudonyme gewählt, die Zeitung zitiert Guzmán als «1», del Castillo als «Ermoza»:

Ermoza: «Ich schlafe nicht mehr viel, seit ich dich gesehen habe, ich bin aufgeregt wegen unserer Geschichte ... Es ist wahr. Es ist das Einzige, woran ich noch denke ...»

1: «Weisst du, ich bin aufgeregter wegen dir als wegen der Geschichte, meine Freundin.»

Ermoza: «Hahaha, gut zu wissen. Ich werde ganz rot, mein Freund ;).»

Gut möglich, dass bei all dem Liebesgesäusel das Treffen mit Sean Penn nur ein Randereignis war. Zwar wollte der kleine Mann mit dem grossen Ego auch gerne ein Filmprojekt über sich in Auftrag geben, aber es ging ihm wohl doch vor allem darum, del Castillo kennenzulernen. Ermittlern zufolge soll er sie die «Sharon Stone Mexikos» genannt haben.

Sean Penn und «El Chapo» – alles nur ein Randereignis?
Bild: reuters

Chapo war offenbar regelrecht besessen von der Schauspielerin, denn selbst in seinem Versteck in Los Mochis, wo er aufgespürt und am Freitag festgenommen wurde, hatte er die DVDs der TV-Serie «La Reina del Sur» («Die Königin des Südens») dabei, in der die Aktrice 2011 die Titelheldin Teresa Mendoza spielte: eine junge Frau aus Sinaloa, die nach dem Tod ihres Freundes zur grossen Führerin eines Drogenkartells aufsteigt.

18 Kinder mit sieben Frauen

Psychologische Gutachten, die aus seinen Gefängnisaufenthalten datieren, charakterisieren Guzmán als beharrlich, erbarmungslos und zwanghaft, wenn er ein Ziel erreichen wolle. Und der andere hervorstechende Charakterzug: seine Schwäche für Frauen. «El Chapo», aktuell mit der wesentlich jüngeren Emma Coronel in dritter Ehe verheiratet, soll insgesamt 18 Kinder mit sieben Frauen haben.

Am Anfang der platonischen Romanze mit del Castillo stand eine kurze Nachricht, mehr ein Appell eigentlich, den die Schauspielerin vor exakt vier Jahren in die virtuelle Welt sandte und der sich irgendwie doch an den Grossganoven richtete: «Ich glaube heute mehr an Chapo Guzmán als an die Regierungen, die nichts tun und Wahrheiten vorenthalten», schrieb del Castillo damals. 127 Zeichen im Kurznachrichtendienst Twitter, die heftige Reaktionen auslösten. Die Regierenden schäumten, die Bevölkerung wunderte sich. Und die durchschnittlich begabte Schauspielerin del Castillo war plötzlich Gesprächsthema Nummer eins.

Guzmán, Anfang 2012 mal wieder auf der Flucht, hörte diese Worte in seinem Versteck, fühlte sich geschmeichelt, sandte Blumen und seine Emissäre zu der Darstellerin.

Wer ist Kate del Castillo?

Del Castillo, 43 Jahre alt, in Mexiko-Stadt geboren, Neu-Bürgerin der USA, Ex-Ehefrau eines mexikanischen Fussballers und Tochter des bekannten Schauspielers Eric del Castillo spielte schon als Kind in Filmen mit. Später machte sie dann Karriere in Telenovelas. Heute ist sie spezialisiert auf Rollen aus dem Kriminellen-Milieu.

November 2015: Kate del Castillo (links) mit Cote de Pablo, Juliette Binoche und Lou Diamond Phillips an der Centerpiece Gala Premiere von «The 33» in Hollywood.
Bild: Getty Images North America

Kritiker behaupten, der Darstellerin seien diese TV-Engagements so zu Kopf gestiegen, dass sie nicht mehr klar zwischen Rolle und Realität trennen könne. Jedenfalls riss ihr Kontakt zu Guzmán auch nicht ab, als dieser im Februar 2014 wieder festgenommen wurde. Er intensivierte sich vielmehr: Guzmán schrieb ihr aus der Haft handschriftliche Botschaften, sandte über das Datenschutz-Handy Blackphone verschlüsselte Nachrichten und trug so auch an del Castillo den Wunsch heran, sein Leben verfilmen zu lassen.

Die Schauspielerin, inzwischen in Los Angeles lebend, stimmte zu und begann in Hollywood nach Produzenten zu suchen. So kam Sean Penn ins Boot, der seinerseits die Gelegenheit nutzen wollte, den legendären Kokainkönig zu interviewen (hier geht's zum gesamten Interview im Rolling Stone). Der Rest der Geschichte ist seit dem vergangenen Wochenende bekannt – und ein wunderbarer Beweis dafür, wie eng Fiktion und Wahrheit in Mexiko schon verschmolzen sind.

Nach Bekanntwerden des SMS-Wechsels bedankte sich del Castillo auf ihrem Twitter-Account für die «Unterstützung in den vergangenen Tagen» – und schrieb von erfundenen Geschichten, die verbreitet worden seien. «Ich freue mich darauf, meine Version der Geschichte mit euch zu teilen.»

Del Castillo und somit auch Guzmán wussten übrigens schon einen Monat vor dessen Ergreifung, dass ihre Kommunikation mitgelesen wurde. Am 9. November schrieb del Castillo per SMS: «Mein Begleiter sagt, dass sie mich abhören und darauf hoffen, dass ich sie zu dir führe. Ich kann dich jetzt nicht in Gefahr bringen, es ist zu gefährlich.» Da wollte Guzmán seine neue Freundin gerade zu einem zweiten Treffen überreden.

Video zu «El Chapos» Festnahme: Die Stürmung des Verstecks

YouTube/ABC News

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