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Ist Maggie Cheung etwa die einzige Schauspielerin im Hongkong-Kino? Sie wird uns im folgenden Artikel noch oft begegnen. Hier küsst sie in «As Tears Go by» von Wong Kar Wai (Reim!) aus dem Jahr 1988. Bild: Copyright © Media Asia

Hiebe, Liebe, Peking-Ente: So funktioniert das Filmwunder von Hongkong 

Bald wird China Hollywood als Filmmacht abgelöst haben. Zentral dafür ist Hongkong. Dank seiner Stars und seiner Vergangenheit. Jetzt sind sie in einer grossen Retrospektive in der Schweiz zu sehen.

01.07.17, 17:18 02.07.17, 11:06

Wie viel die Essen! Es scheint, als schlüge das Herz des Hongkong-Kinos in einem riesigen Garküchentopf. Liebende flirten mit der behänden Geheimsprache der Stäbchen, je besser ein Gericht schmeckt, desto schneller bricht ein Herz, und von den unzähligen Fights, die das Hongkong-Kino so energetisch machen, beginnen enorm viele in Restaurants und deren Küchen. Gerade hat Condé Nast Hongkong zur Welthauptstadt aller Foodies gekürt. Das passt.

Je weiter weg von zuhause so ein Hongkong-Film spielt, desto wichtiger ist das Essen: In der Action-Komödie «Wheels on Meals» (1984) betreibt Jackie Chan mit allen akrobatischen Mitteln einen Imbisswagen in Barcelona. Der Film, der sowohl in der Gastronomie als auch in der Psychiatrie herumspinnt, durfte übrigens nicht «Meals on Wheels» heissen, was Sinn gemacht hätte, denn zuvor hatten ein paar Hongkong-Filme, die mit «M» begannen, gefloppt.

So virtuos wie Jackie Chan in «Wheels on Meals» hat noch keiner Essen geliefert, jedenfalls sicher nicht in Zürich. Bild: Copyright © FORTUNE STAR MEDIA LTD.

In «An Autumn's Tale» (1987) von Mabel Cheung heisst es: «Ein Land ist so gut wie seine Leute und die Leute so gut wie ihr Essen.» Der Film spielt in Chinatown in New York, eigentlich möchte eine junge Frau dort die Schauspielschule besuchen, doch schnell verlagert sich die Liebesgeschichte unter Exilchinesen aufs Kochen, Essen, Grillieren, Kellnern und Eröffnen eines Traumrestaurants. Essen stiftet Identität. Und Gemeinschaft.

Und was tun die (zum Teil) enorm gut aussehenden Bodyguards eines Multimillionärs in «The Mission» (1999) von Johnnie To, wenn sie nicht gerade elegant und brutal angreifen oder einander tot machen? Sie beugen sich in der Millionärsvilla über Reisschälchen, egal zu welcher Tageszeit. Wenn sie essen, sind sie friedlich. Und in «Autumn Moon» von Clara Law clashen die Sehnsucht einer 15-Jährigen nach MacDonald's mit den Kochkünsten ihrer 80-jährigen Grossmutter.

Chow Yun-Fat will in «An Autumn's Tale» eine Frau mit Kochen erobern. Ob ihm das gelingt??? Bild: Copyright © FORTUNE STAR MEDIA LTD.

Als 2001 «In the Mood for Love» von Wong Kar Wai mit der verrückt schönen Maggie Cheung in unsere Kinos kam, da beschrieb der Regisseur die Triebfeder seiner melancholischen Liebesgeschichte im Hongkong der 60er-Jahre so: «Der Reiskocher hat unsere Frauen befreit. Instant-Nudeln änderten unser Leben. Vorher mussten wir gemeinsam essen. Jetzt können wir allein essen.» Die Instant-Nudel als Grund der Vereinsamung also. Wahrscheinlich gibt es in Hongkong für jede Stimmungslage eine Essmetapher. Für jeden Mood einen Food.

Hongkong-Kino in Zürich, Bern, St.Gallen

Vom 1. Juli bis 22. September zeigen das Zürcher Filmpodium, das Berner Kino Rex und das Kinok in St.Gallen Filme aus den «Goldenen Jahren» des Hongkong-Kinos zwischen ca. 1980 und 1997. Zürich zeigt 23 Filme in der Retrospektive, Bern und St.Gallen etwas weniger.

Alle in diesem Artikel erwähnten Filme ausser «In the Mood for Love» sind am einen oder andern Ort zu sehen. Für die Auswahl der Filme in diesem Text hat sich die Autorin allerdings an keinerlei Ratschläge der Veranstalter oder Rankings gehalten, sondern bloss geschaut, worauf sie Lust hatte.

«In the Mood for Love» mit Maggie Cheung und Tony Leung gibt's leider nicht in der Retrospektive zu sehen. Egal. Von Wong Kar Wai werden dafür «As Tears Go by» und «Days of Being Wild» (beide mit Maggie Cheung!) gezeigt. Bild: block 2 pictures

Aber was ist denn nun eigentlich das Hongkong-Kino? Etwas Grosses. Etwas Riesengrosses. China besitzt aktuell die zweitgrösste Filmindustrie nach Hollywood, und Prognosen besagen, dass es bis 2019 die grösste sein könnte. Und diejenigen, die das chinesische Kino für ein universales Publikum attraktiv machen, kommen alle aus Hongkong.

Die grossen Namen des Hongkong-Kinos sind Diven wie Maggie Cheung und Michelle Yeoh (das toughe Bondgirl in «Tomorrow Never Dies»), Action-Stars wie Bruce Lee und Jackie Chan, der lustige Chow Yun-Fat, der schöne Tony Leung, Regisseure wie Wong Kar Wai, Johnnie To oder John Woo («Mission: Impossible 2»). Quentin Tarantino und Martin Scorsese sind nur zwei, die massgeblich von ihnen beeinflusst wurden, «The Departed» von Scorsese ist ein Remake des Hongkong-Klassikers «Infernal Affairs».

Anita Mui (links) ist leider schon gestorben, Maggie Cheung und Michelle Yeoh sind übrigens beide zwei ehemalige Schönheitsköniginnen. Hier sind alle in «The Heroic Trio» (1993) von Johnnie To vereint. Im Hongkong-Kino herrscht kein Mangel an Heldinnen. Bild: Copyright © Media Asia

Dass es existiert und viel Geld mit vielen Filmen macht, das nahm die Welt zum ersten Mal Anfang der 70er-Jahre mit den Martial-Arts-Filmen von Bruce Lee so richtig wahr. Dass es neben Kämpfen und Komödie auch noch anders kann, wurde ab den 80er-Jahren bis zur Rückgabe der letzten britischen Kronkolonie an China am 1. Juli 1997 so richtig klar. Seither stehen auch Hongkongs Filmschaffende wieder unter der Fuchtel von China. 

Auseinandersetzungen mit den chinesischen Behörden führten etwa dazu, dass Wong Kar-Wai «In the Mood for Love» 1999 nicht wie geplant in Peking drehte, sondern in dem damals noch für kurze Zeit von den Portugiesen verwalteten Macau. Und in Bangkok. Das alte Hongkong, das im Film so verzaubert scheint, ist eine fiktive Collage.

Doch in den kostbaren Jahren der Hochblüte, da war in Hongkong alles möglich. Neben hochgradig überdrehtem Kultquatsch wie «Heroic Trio» – Maggie Cheung, Michelle Yeoh und Anita Mui befreien als Superheldinnen eine Stadt von einer Monsterhexe, die unter der Erde entführte Kinder zu Killermaschinen macht – waren auch krasse Sozialdramen möglich.

Teenies in Nöten, die töten. So oder ähnlich geht «Made in Hongkong». Bild: Copyright © Far East Film Festival, Udine

«Made in Hongkong» ist eins davon, Fruit Chan drehte es 1997, in den letzten Monaten von Hongkong als westlicher Enklave. Aus dem Radio ertönt eine Mao-Rede an die blühende Jugend, auf der alle Hoffnung ruht. Die Realität dagegen ist rau: Teenager sind drogensüchtig, kriminell oder todkrank, Geldeintreiberbanden machen alleinerziehende Mütter fertig, alle rechnen mit allen ab, ein unbekanntes Mädchen stürzt sich vom Wolkenkratzer. Trotzdem entwickelt sich eine rührende Liebesgeschichte, doch dann wird alles entsetzlich traurig, und zurück bleibt ein verwitterter Friedhof am Rande Hongkongs. Als wären all die Hochhäuser der Stadt in sich zusammengesunken.

Bei allen Ambitionen in Richtung Arthouse war das Hongkong-Kino immer schon ein Unterhaltungskino. Eines für die Massen und die Kassen. Eines, das bei allen exquisiten Schwertkampf-Choreografien, fallenden Blütenblättern und sehnsüchtigen Blicken schöner Frauen auch zur Sache geht. Gewalt ist Gewalt und wird gezeigt. Sehr genau. Sex eher nicht. Es wird viel getötet, gelacht, geflucht und gegessen. Ein handfestes Kino. Und auch für feinere Filme wie «Made in Hongkong» und «An Autumn's Tale» gilt: Du darfst nicht langweilen! 

Einfach ein tolles Kitschbild. Aus dem Schwertkampfdrama «Duel to the Death» von Ching Siu-Tung.  Bild: Copyright © fortune star media ltd.

Ach ja, zwei grosse Krisen gab es im Hongkong-Kino: Die eine hiess «Jurassic Park» und schlug eine schlimme Kerbe ins Selbstbewusstsein der Kinostadt, denn zum ersten Mal überhaupt stand 1993 wegen Stephen Spielbergs Saurierspektakel kein Hongkong-Film an der Spitze der lokalen Charts. Die andere hiess SARS, die Angst vor der Infektionskrankheit leerte 2003 sämtliche Kinosäle und brachte die gesamte Filmproduktion für vier Monate zum Erliegen.

Und sonst? Jackie Chan sagt heute, dass jede Kritik am Heimatland eine Beschmutzung Chinas sei. Egal, ob sie zuhause oder im Ausland geäussert werde. Ältere Regisseure wenden sich gegen die Aktivisten der Umbrella-Bewegung von 2014. Die Auflösung der einstigen Kinowundertüte in ein totalitäres System ist schmerzhaft. All die verfolgten Kulturschaffenden Chinas sind Abschreckung genug. Wie gut, dass man so einer feinen Peking-Ente im Film ihre politische Orientierung nicht ansehen kann.

Die schamlosesten Fälschungen aus der ganzen Welt (also ja, hauptsächlich China ...)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Luca Brasi 01.07.2017 18:39
    Highlight Ach ja, die Kronkolonie-Zeiten als noch weisse britische Gouverneure die Geschicke Hongkongs lenkten...
    Michelle Yeoh spielte ein "böses" Bondgirl? Wieso kämpfte sie dann im Bondfilm zusammen mit 007 gegen Fake-News-Verbreiter Carver, der einen Krieg zwischen der VR China und UK provozieren wollte? Chow Yun-Fat fand ich in "Hard Boiled" nicht sooo lustig, war ja auch keine Komödie.
    Und in welchem Hongkongfilm isst man Peking-Ente?
    Fragen über Fragen...
    15 3 Melden
    • Simone M. 02.07.2017 11:09
      Highlight Stimmt, la belle Michelle war ja eine Gute, ich hatte sie bloss als enorm streng in Erinnerung. Und Peking-Ente gibts in Hongkong tatsächlich an jeder Ecke, auch wenn die politische Implikation nicht ganz stimmt.
      4 2 Melden
    • Luca Brasi 02.07.2017 12:32
      Highlight Normalerweise gibt es häufig Kanton-Ente.
      https://www.lebensmittellexikon.de/k0000480.php

      Aber heutzutage gibt es ja für Touris alles, damit sich auch Pekinger in Hongkong wohlfühlen. ;)

      In Hongkong-Filmen habe ich es aber nie gesehen.
      2 0 Melden

Und dann war das Model zu dick ... Der Zürcher Walter Pfeiffer lebt im Glamour-Himmel

Er fotografiert Cara Delevingne oder Clown Pennywise aus «It». Er jettet um die Welt und jobbt für Dior und die «Vogue». Mit 71. Zeit für eine kleine Liebeserklärung. Und einen Dokfilm!

Walti, was ist dein Trick? «Wenn die Leute schön sind, dann gibt’s auch schöne Fotos.» – «Das ist alles?» – «Ja.» Zu den schönen Leuten, mit denen Walter Pfeiffer an einem ganz normalen Tag arbeitet, gehören zum Beispiel Cara Delevingne oder Bill Skarsgard, der Mann unter der Maske von Pennywise in der neuen «It»-Verfilmung. Den hat er grad in London für «Dazed» geshootet. Mit vielen bunten Ballonen. Denn Walters Welt ist bunt, schön und leicht. Entspannte Bilder von happy people.

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