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In Frankreich gibt es jedes Jahr einen Medienrummel um die Abschlussprüfungen. shutterstock

Abitur-Kult in Frankreich: Schwitzende Schüler live im Fernsehen

Abitur in Frankreich, das bedeutet Titelgeschichten und Live-Übertragungen im Fernsehen. Die Kulturnation nimmt die Abschlussprüfung sehr ernst – Schummler werden hart bestraft.

19.06.15, 08:48 19.06.15, 09:00

Stefan Simons, Paris



Ein Artikel von

Ü-Wagen der TV-Nachrichtensender stehen vor Gymnasien, daneben Reporter mit atemloser Live-Berichterstattung. Es gibt Radio-Interviews mit Lehrern, Schülern und Experten, Titelgeschichten in Zeitungen, Tweets, sogar eigene Internetseiten.

Seit Mittwoch ist es wieder soweit: Der Nachwuchs der Nation tritt an zum einwöchigen zentralen Prüfungsmarathon am Ende der Schulkarriere – dem «Baccalauréat» («Bac»), dem französischen Abitur.

684'734 Prüflinge beugen sich in diesem Jahr in 4200 Zentren über die schriftlichen Arbeiten. Täglich muss bei den vierstündigen Examen ein Thema abgehakt werden. Den Auftakt macht die «Königsklasse» – die gefürchteten Besinnungsaufsätze der Philosophie.

«Ist der Respekt vor jedem Lebewesen eine moralische Pflicht?» lautet eines der diesjährigen Aufsatzthemen. Etwas dichter an der Aktualität ist die Frage: «Bin ich das Produkt meiner Vergangenheit?» Oder: «Ist das Gewissen des Individuums einzig das Spiegelbild seiner Gesellschaft?» Wer lieber mit einem schon fertigen Text arbeiten will, darf sich in der Interpretation versuchen, die Autoren reichen von Cicero über Tocqueville bis Spinoza.

Bruno, 17, hat sich vier Stunden lang mit der These befasst: «Ist die Politik von der Pflicht zur Wahrheit ausgenommen?» Na klar, meint er überzeugt und ist ganz zufrieden mit seiner Arbeit. «Das passte vom Thema her zu dem Stoff, mit dem wir uns in den vergangenen Monaten befasst haben», sagt der Junge aus dem 15. Arrondissement von Paris. «Aber bei den anderen Fächern kann es noch üble Überraschungen geben.»

Der einwöchige Kraftakt wird von Onkeln, Eltern und Freunden mit Spannung verfolgt. Das Diplom beendet die Schulzeit der gymnasialen Oberstufe. Das Ziel der Prüfung ist «die Kontrolle des kulturellen Niveaus» und gilt in der Regel als Voraussetzung für ein Universitätsstudium.

Der Begriff des «Baccalauréat» geht auf das 13. Jahrhundert zurück, als damit an der Universität von Paris die Abschlüsse in Kunst, Medizin, Recht und Theologie beschrieben wurden. Nach der Französischen Revolution übernahm Napoleon den Namen. Im 19. Jahrhundert spezialisierten sich die Prüfungen, heute existieren drei Typen des «Bac»: Die allgemeine Ausrichtung – vergleichbar mit dem deutschen Abitur – sowie die technische Linie und der professionelle Zweig, die beide stark berufsbezogen sind.

«Die Sanktionen sind fürchterlich»

Frankreich betreibt die nationale Auslese des Akademikernachwuchses mit erheblichem Aufwand: Rund 170'000 Prüfer und Korrektoren werden landesweit mobilisiert, Tausende Papiere bearbeitet – Kostenpunkt: mindestens 50 Millionen Euro.

Um Schummeln zu vermeiden, sind Handys, Tablets und Smartwatches verboten. Sogar elektronisches Spürgerät ist im Einsatz, um heimliche Verbindungen ins Internet aufzuspüren.

«Denen, die versucht sein könnten zu schummeln, kann ich nur sagen: Vergesst es!», mahnt Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belkacem gegenüber dem Nachrichtensender BFMTV. «Die Sanktionen sind fürchterlich.» Tatsächlich wird digitales Mogeln strafrechtlich streng verfolgt.

Indes hat sich der Abschluss demokratisiert: Die Erfolgsrate beim «Bac» lag im vorletzten Jahr, alle verschiedenen Ausrichtungen und geographischen Unterschiede zusammengefasst, bei 88 Prozent. Knapp ein Drittel der Kandidaten erhielten dabei die Auszeichnung «gut» (14-16 von 20 Punkten) oder gar «sehr gut» (mehr als 16 Punkte).

Selbst Prädikatsexamen bedeuten freilich keine Garantie für ein erfolgreiches Studium. Viele Neuakademiker überstehen nicht einmal das erste Jahr an der Uni. Nach einer Untersuchung der «Direktion für Evaluierung, Zukunft und Leistung» brechen 46 Prozent der Uni-Anfänger das Studium innerhalb der ersten zwei Semester wieder ab.

Für den Aufstieg zur Führungsspitze von Frankreichs Meritokratie bedarf es aber ohnehin nicht allein des Besuchs einer angesehenen Hochschule. Selbst der Abschluss einer der elitären Kaderschmieden hilft nicht immer weiter. «Neben dem persönlichen Erfolg», sagt Prüfling Bruno, «zählen dann immer auch die guten Beziehungen.»

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