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Abriss des «Dschungels» von Calais: Eine Schlacht, die nur Verlierer kennt

Aktivisten und Flüchtlinge wehren sich gegen die Räumung des Lagers in Calais. Sie stecken in einem bitteren Dilemma. Niemand will hier dauerhaft leben – aber freiwillig wird auch niemand gehen.

03.03.16, 20:10 04.03.16, 09:47

Christoph Gunkel aus calais

Ein Artikel von

Isabelle kann nicht mehr. Vor ein paar Minuten hatte sie noch kämpferisch gesagt, dass sie längst noch nicht vor den Behörden und der Polizei resigniert habe. Dass Widerstand für sie auch bedeute, einfach trotzig zu bleiben und weiter dabei zu helfen, für die Flüchtlinge im Lager jeden Abend an die 800 Gratismahlzeiten zu kochen.

Jetzt aber umklammert sie den Holzpfosten einer der unzähligen Bretterbuden im Flüchtlingslager von Calais, den alle nur den «Dschungel» nennen, und schluchzt unkontrolliert los. Ihre Fellmütze rutscht ihr in die Stirn, die Wangen röten sich, ein paar Migranten nehmen sie tröstend in den Arm und fragen die Französin auf Englisch, was denn los sei. «Das ist einfach zu viel, das ist zu viel, das ist zu viel», sagt Isabelle immer wieder weinend, «so viel Unmenschlichkeit, das ist wie im Krieg».

Direkt neben ihr wummert monoton ein Stromgenerator. Hinter ihr rauscht die Autobahn, die das Flüchtlingslager so eng umschliesst wie die Hundertschaften der Polizisten, die es rund um die Uhr bewachen. Nicht weit entfernt steigt plötzlich eine dunkle Rauchwolke in die Höhe. Wieder einmal brennt eine Baracke im Flüchtlingslager ab, wieder einmal hat jemand sein sowieso schon äussert bescheidenes Heim verloren.

Genau das bringt Isabelle so aus der Fassung. Sie arbeitet schon seit Monaten im Camp in der «Belgischen Küche». Das ist eine der zahlreichen nicht-staatlichen Organisationen, die den etwa 7000 Flüchtlingen helfen, die in Calais auf dem Weg nach Grossbritannien gestrandet sind.

Polizei und Flüchtlinge liefern sich heftige Schlachten im «Dschungel». 
Bild: YVES HERMAN/REUTERS

Seit Montag aber stirbt der Dschungel. Nachdem das Verwaltungsgericht in Lille die Räumung des Südteils des Flüchtlingslagers gebilligt hat, reissen Bulldozer gegen den Protest der Flüchtlinge und Aktivisten Dutzende der provisorischen Unterkünfte ab. Welche Folgen das für die Betroffenen hat, erlebte Isabelle kurz vor ihrem Nervenzusammenbruch hautnah.

Sie ist gerade im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, als ein Sudanese in den Holzverschlag taumelt und nach Luft ringt. Er hat die Nacht in der «Belgischen Küche» verbracht, verzweifelt, weil seine eigene Hütte abgerissen wurde. Ein Landsmann und Freund, der ebenfalls seine Behausung verlor, war in der Nacht zuvor wohl an den Folgen der Unterkühlung gestorben. Er ist damit der erste Tote, seit die umstrittenen Abrissarbeiten begonnen haben, die Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve stets als «humanitären Akt» verteidigte.

Isabelle und andere Helfer eilen herbei und hieven den Sudanesen in einen Stuhl. Jemand legt seine Beine hoch, ein anderer zieht ihm seinen warmen blauen Fleece-Pullover aus. Doch woran leidet der Mann? Ein psychischer Schock? Asthma? Mobiltelefone werden gezückt und auf der Suche nach einem Arzt hektisch andere Organisationen angerufen. Aber auf die Schnelle ist zunächst niemand erreichbar.

Die Verzweiflung steigt

Auch Ibrahim, der Leiter der Küche, wirkt überfordert. Und wütend. «Ich verstehe das nicht, wir brauchen auch Psychologen hier. Die Menschen kommen einfach nicht mehr klar. Wäre das hier Afrika und nicht Frankreich, gäbe es Dutzende Teams.» Er ahnt Schlimmes für die nächsten Tage. «Ich habe jede Menge Decken und hier kann jeder schlafen, der seine Hütte verloren hat. Aber was soll ich machen, wenn plötzlich Hunderte kommen, die nicht wissen wohin?»

Nach aussen ist die Lage zwar nicht so explosiv wie noch am Montag, als es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der französischen Bereitschaftspolizei und den Flüchtlingen kam. Doch wer sich im Lager umhört, spürt, dass die Verzweiflung steigt – sowohl bei den Aktivisten als auch bei den Migranten.

Denn auch an diesem Morgen beginnen pünktlich um halb neun die Abrissarbeiten. Ein Grossaufgebot von Polizisten mit Schlagstöcken und Schutzschildern klopft an die Türen der Gebäude, die geräumt werden sollen. Auf vielen Zeltplanen der Behausungen steht trotzig: «Lieu de vie» – ein Ort zum Leben.

«Ihr seid eine Schande!»

Systematisch riegelt die Polizei Teile des Geländes ab und kesselt zeitweise auch einige Aktivisten ein, die wütend rufen: «Ihr seid eine Schande!» Einige Migranten halten selbstgebastelte Pappschilder hoch, auf denen steht: «Wir sind Menschen!» Ein richtig hartes Vorgehen wagen die Einsatzkräfte in Anwesenheit von Dutzenden Kamerateams nach den Ausschreitungen am Montag aber nicht. So lassen sie sich meist fotografieren, während im Hintergrund das Räumkommando mit Brecheisen Verschläge zerlegt.

Die Fronten sind verhärtet. Der «Dschungel», der so heisst, weil das vor gut einem Jahr entstandene Lager so wild wuchs und es an jeglicher Infrastruktur fehlte, die ein menschenwürdiges Leben ermöglicht hätte, ist zu einem Dauerprovisorium geworden. Doch jetzt, da der «Dschungel» ein wenig gebändigt und zivilisiert ist, es Dutzende kleine Läden, eine Schule und Moscheen gibt und das Leben ein wenig einfacher geworden ist, rollen die Bulldozer an, um ihn zu roden. Das versteht hier keiner.

Um zu zeigen, wie ernst es ihnen ist, nähten sich Flüchtlinge die Lippen zusammen.
Bild: YVES HERMAN/REUTERS

Richtig leer fühle er sich, sagt im kalten Nieselregen Tom Radcliffe, der seit Monaten in dem Camp lebt und massgeblich geholfen hat, dessen Infrastruktur zu verbessern. «Sie haben alle Behausungen rings um meinen Wohnwagen abgerissen. Ich fühle mich beschämt.» Nur weil er ein Ausländer sei und viel mit den Medien arbeite, sei er verschont worden. «Ich wünschte, sie hätten meinen Wohnwagen auch zerstört.» Natürlich will er das Lager mit all seinen hygienischen Problemen und immer noch unwürdigen Bedingungen nicht künstlich am Leben halten. Aber es fehle eben von Seiten der französischen Politik eine bessere Alternative. «Die reissen ab und geben den Migranten ein paar Minuten Zeit, ihre Sachen zu packen, ohne einen Plan für sie zu haben.»

So denken viele. Aktivisten aus ganz Frankreich sind in den Tagen nach der Eskalation nach Calais gekommen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Sie bringen Essen mit oder einfach Blumen, die sie den Polizisten trotzig vor die Füsse werfen.

Die Migranten selbst setzten auf weit drastischere Symbole. Sie klettern auf die Dächer ihrer Hütten, die eingerissen werden und müssen mit Gewalt heruntergezerrt werden. Oder sie zünden ihre ärmlichen Zelt- und Bretterbuden aus Protest lieber selber an.

Reza und Mohammed haben einen noch verzweifelteren Weg gewählt. Sie sitzen in einer der Gemeinschaftsküchen um einen kleinen Ofen, draussen wüten im regennassen Schlamm die Bagger. Dann berichten sie von ihrem Hunger. Denn seit zwei Tagen essen sie nichts mehr. Damit sind sie nicht allein. Hilfsorganisationen haben bestätigt, dass bisher mindestens zwölf Menschen im Hungerstreik sind. Fünf von ihnen haben sich sogar den Mund zugenäht.

Die Bagger werden morgen wiederkommen

Wer Reza und Mohammed fragt, wie es weitergehen soll, der spürt, wie festgefahren die Situation ist. Ihr Traum ist immer noch, wie von fast allen hier, über den Ärmelkanal nach Grossbritannien zu fliehen. Doch der Eurotunnel und der Hafen von Calais sind von meterhohen Zäunen umgeben. Und von denen, die sich nachts in einen Lkw oder Zug schmuggeln, um so illegal über die Grenze zu kommen, erreicht kaum einer das vermeintlich gelobte Land. Also doch in Frankreich Asyl beantragen? Nein, dazu waren die Erfahrungen mit Polizei und Behörden zu schlimm. Bleibt also nur das Lager. «Der Dschungel darf nicht sterben», lässt Reza einen Dolmetscher übersetzen. «Wir werden weiterhungern, solange wir können.»

Wie zynisch: Der «Dschungel», dieses Elendsviertel mitten in Europa, wird zur letzten Hoffnung der Flüchtlinge. Und die Bagger werden morgen wiederkommen.

So weiss derzeit niemand, wie es in den nächsten Wochen weitergeht – auch weil der Kampf um das Lager im Kern auch ein Streit um Zahlen ist: 800 bis 1000 Flüchtlinge, zumeist Männer, halten sich nach Angaben der zuständigen Präfaktur des Département Pas-de-Calais im Südteil des Lagers auf. Sie sollen überwiegend in die modernen Wohncontainer, die vor zwei Monaten am Rand des Lagers errichtet wurden, umgesiedelt werden. Dort ist für etwa 1500 Menschen Platz.

Hilfsorganisationen aber haben im Südteil des Lagers genau nachgezählt und kamen auf mehr als 3400 Menschen, darunter auch 180 Frauen und Dutzende unbegleitete Minderjährige. Zudem seien die Container jetzt schon voll.

Wenn sie Recht haben, gibt es für Hunderte bald keinen Platz mehr – und die Aktivistin Isabelle wird nicht die Einzige sein, die daran verzweifelt.

Lesen Sie hier eine Reportage von Christoph Seidler aus dem «Dschungel von Calais».

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Gelöschter Benutzer 04.03.2016 10:57
    Highlight Aus rechtsstaatlicher Sicht kann so ein Lager nicht einfach stehen gelassen werden.
    12 4 Melden
  • Gelöschter Benutzer 04.03.2016 08:59
    Highlight ein Beweis, dass eine Verteilung der Flüchtlinge nach einem "Verteilschlüssel" nicht funktionieren kann - Frau Sommaruga und die anderen Theoretiker! die Menschen gehen dorthin, wo sie wollen.
    12 1 Melden
  • Bijouxly 03.03.2016 21:11
    Highlight "mehr als 3400 Menschen, darunter auch 180 Frauen und Dutzende unbegleitete Minderjährige."
    Wow, das heisst, wenn es vllt 100 unbegleitete Minderjährige sind, dass es noch immer mindestens 3120 Männer sind. Das ist ja echt Wahnsinn. Der Zustand ist wirklich schlimm, aber ich verstehe diese NGOs nicht wirklich: Diese Menschen sind vor Krieg geflohen, ja. Aber im Frankreich kann man leben. In Frankreich herrscht Frieden. Warum diese Solidarität für Menschen, die dort wohnen, einfach weil sie in ein "noch besseres" Land wollen. Ich finde das sehr undankbar und arrogant.
    60 8 Melden
    • Angelo C. 03.03.2016 23:49
      Highlight Deine letzten Sätze würde ich unterschreiben. Alle wollen nur nach Deutschland, Schweden, Oesterreich - und in diesem Fall auch nach England. Dabei besteht keinerlei Rechtsanspruch, auch nicht aus Sicht der Menschenrechte, sich in einem frei gewählten Land anzusiedeln, das auf der persönlichen Prioritätenliste figuriert. Da braucht man noch nicht mal zusätzlich die Usanzen von Schengen gedanklich mit einzubeziehen.


      Primär geht es angeblich um Schutz von Leib und Leben, so wie es allenthalben heisst...aber es läuft eben anders!


      32 3 Melden

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